Meine kleine Vortragsreise nach Shifnal bei Birmingham war dann doch recht angenehm. Zum einen, weil ich dafür bei Kalina übernachtete, um am nächsten Morgen von Southampton etwas später loszufahren. So häufig nacheinander habe ich sie seit Jahren nicht gesehen. Der Zug war dann eine sehr besinnliche Sache. Ich konnte wunderbar schlafen und lesen und vor allem an einer Übersetzung arbeiten, bei der ich Kasia helfe. Alles Sachen, für die ich sonst nie Zeit habe. Das Gedicht übrigens hat mich wiederholt zum Lachen gebracht. Es stammt von Julian Tuwim, wie alle polnischen Lyriker von Bedeutung geboren in Lodz, und beschreibt, wie wohl im Deutschen Kaiserreich eine Revolution aussehen würde (wissenschaftlich als nötig erwiesen, von oben verordnet, perfekt organisiert und mit HurraDemKaiser im Gleichschritt durchgeführt). Das basierte auf den Beobachtungen Tuwims, als 1915 das deutsche Heer Lodz von den Russen eroberte und besetzte. Stil von Wort und Illustrationen erinnerten mich sehr an Wilhelm Busch, mit dem ich mich ja zu Weihnachten näher beschäftigt hatte. Und überhaupt war es schön, mal wieder mit Kasia an einer Übersetzung zu arbeiten.
Auch der Vortrag kam gut an und ich war eigentlich ganz froh, etwas aufs Land zu kommen und nach Veranstaltungsende noch ein wenig die Aussicht auf die Felder zu genießen sowie durch die windgepeitschten Kleingärten der Leute zu wandern. Denn das Wetter ist ja tatsächlich seit Mitte Dezember nur Regen und Sturm. Von den Überflutungen habe ich erst aus deutschen Briefen und Nachrichten erfahren, das betrifft Portsmouth nur wenig, aber auf dem Rückweg schien der Bahndamm zeitweise allein aus der Seelandschaft links und rechts zu ragen. Meine Verspätung hielt sich in Grenzen, aber ich bin in den Folgetagen ein paar Mal runter ans Meer gegangen und tatsächlich peitscht dort scheinbar jede Nacht die See die Steine vom Strand über die Promenade, die Straße dahinter liegt voller Kiesel und seit Wochen gesperrt, und der kleine See in meiner Nähe größer als gewöhnlich. Auch war ich gegen Mitternacht gar nicht alleine am Strand, auch andere Leute kamen zum Sturmtourismus. Ich konnte mich wie im Film schräg in den Wind legen und aus dem Dunkeln peitschte das Meer über den gesamten Strand auf uns zu. Das war eine angenehme Erfahrung in dieser von den Elementen eher entkultivierten Region. Meine Mitfahrgelegenheit zur Arbeit ist dagegen in letzter Zeit nie sicher, weil mein Fahrer oft gar nicht von der Isle of Wight aufs Festland kommt. Wenn er ies schafft, steht manchmal der gesamte Parkplatz unter Wasser, wo das Auto wartet. Bisher konnte ich auch meinen fortgegangenen Primärfahrer nicht ersetzen. Der zweite hört eventuell auch bald auf, dann wäre ich auf Züge angewiesen, was teuer und bei Sturm auch nicht immer verlässlich ist.
Ein wichtiger Teil meiner Arbeit (grob gesagt Blaupausen zum Berechnen von Variablen) ist abgeschlossen und ich schwebe etwas gemächlich in die nächste Phase (Prüfung, ob die Blaupausen auch funktionieren). In der Zeit habe ich etwas mehr mit Menschen gearbeitet und eine neue Kollegin in die Arbeit eingewiesen und mich für einen weiteren internen Vortrag freiwillig gemeldet.
Nach der Arbeit habe ich im Moment ordentlich mit Tango zu tun. Die Auftritte Ende April nähern sich und bevor unser brasilianische Lehrer auf Urlaub nach Hause fährt, haben wir einige sehr intensive Übungen eingeplant. Teilweise war ich da an beiden Wochenendtagen drei Stunden im Saal. Im Moment klappt das auch nur teilweise. Der Chor ist ebenfalls weniger freudvoll als gewöhnlich, weil diese moderne Musik ständig das Tempo wechselt. So sorgen meine Hobbies momentan gerne für Frustration gut. Dafür gab es zum Valentinstag einen schönen Tangoabend, an dem ich allen Frauen eine Rose gegeben habe. Im Chor besucht uns dagegen Anfang März die Komponistin, vermutlich um sich zu rechtfertigen.
Mathieu ist zurück vom Urlaub in Asien und gleich wieder auf Dienstreise nach Frankreich entflogen. Vorher konnten wir aber noch eine neue isländische Bar ausprobieren. Isländisches Bier wird getreu Deutschem Reinheitsgebot gebraut! Ebenso gut ist griechischer Kaffee, zu dem Ellie und ich eines Sonntagsmorgen eingeladen waren. Eine Woche vorher waren wir zum Geburtstag einer griechischen Tangofreundin eingeladen gewesen, deren Mutter uns sehr ins Herz schloss. Leider hatten wir diesen Geburtstag relativ früh verlassen müssen, als gerade erst die Volkstänze angefangen wurden, wie in den besten Tagen meines Studiums.
Neues aus dem Bereich englische Unzulänglichkeiten: Käsekuchen wird mit richtigem Käse gemacht, dafür nicht gebacken. Quark ist völlig unbekannt. Die armen Leute.
Sonntag, 23. Februar 2014
Sonntag, 9. Februar 2014
Nach
fast einem Jahr in meinem derzeitigen Projekt haben wir am 23. Januar
den ersten Teil unserer Datenbank veröffentlicht. Er ist hier zu
finden:
http://www.ons.gov.uk/ons/guide-method/census/2011/census-data/census-microdata/microdata-teaching-file/index.html
Jetzt kann ich also etwas über meine Arbeit sprechen. Als 2012 alle Leute ihr Volkszählungsformular ausgefülllt haben, haben wir deren Antworten in einer großen Datenbank gespeichert. Darin hat jeder einen Zeile Daten mit seinen Antworten zu den einzelnen Fragen (Alter, Wohnort, Geschlecht...). Sowas nennt man Mikrodaten - mikro weil es die kleinste Datenebene einer Datensammlung ist. Daraus haben wir bisher klassische Tabellen veröffentlicht, die für verschiedene Orte die Gesamtzahl der Menschen mit einem bestimmten Merkmal summiert ("In London sind 34,000 Menschen 35 Jahre alt"). Das ist gut für öffentliche Ämter und interessant für den Durchschnittsbürger, richtige Wissenschaftler und Analysten brauchen aber mehr Details. Unsere Datenbank besteht aus einem Auschnitt aus der Zentralbank, mit den Datenzeilen für einzelne Personen. Man weiß also nicht nur, wieviele Menschen 35 alt sind, sondern auch, wer. Natürlich haben wir die Zeilen anonymisiert, private Informationen dürfen wir nicht einfach publizieren (das klingt immer schlimm, wenn wir sagen, wir geben individuelle Datensätze raus, aber ich gehe jetzt nicht ins Detail, wie wir das sicher machen). Mit der Datenbank kann man also selbst entscheiden, nach welchen Merkmalen man die Bevölkerung untersuchen will. Bisher war man davon abhängig, welche Themen wir zur Veröffentlichung auswählten. Zum Beispiel kann man sehen, wieviele Männer in Portsmouth 35 sind, zwei Autos haben, verheiratet sind, sich gesund fühlen und halbtags arbeiten. Das ist also ganz toll, weil man solches Wissen auf so lokaler Ebene nicht bekommt und schon gar nicht gratis, was neben armen Wissenschaftlern insbesondere öffentlichen Ämtern und aktivistisch gesinnten Bürgern hilft.
Diese Art Datensatz wurde schon aus den letzten zwei Volkszählungen erstellt und ist traditionell für Spezialisten bestimmt (dementsprechend heißt meine Abteilung "Spezielprodukte"). Dieses Mal machen wir mal etwas anders: wir geben drei verschiedene "Geschmacksrichtungen" raus. Jede gewichtet die Balance zwischen Datenfülle und Datensicherheit anders. Grundsätzlich kommt man umso schwieriger an Daten ran, desto mehr Details sie bieten. Je mehr man über eine Person weiß, desto eher kann sie nämlich im Datensatz identifizieren (auch wenn keine Namen drin stehen, so kann man doch z.B. den einzigen Arzt im Dorf erkennen und).
Der jetzt veröffentlichte Datensatz kann einfach aus dem Internet geladen werden und hat nur grundlegende Informationen. Er ist das erste Mikrodatenprodukt, dass gezielt an Laien gerichtet ist und in der Hinsicht mal etwas wirklich innovatives, auf das man fast stolz ist. Daher soll es möglichst einfach und einladend sein und muss sich nicht unbedingt zur ernsthaften Forschung eignen. Es heißt offiziell "Unterrichtsdatei", was meiner Meinung nach einen falschen Eindruck vermittelt, da es nicht nur eine gratis Resource für den Unterricht in Statistik (heute in fast allen Fächern nötig), sondern einfach dem normalen Bürger als Spielzeug dienen und die Angst vor Statistik nehmen soll. Dementsprechend wenig ansprechend finde ich die Umgebung, in welche die Datei ins Internet gestellt wurde. Endloser dröger Text, wo der Nutzer direkt an die Hand genommen werden sollte. Wir hatten ein ganzer Hilfspaket an Dokumenten für genau diese Zielgruppe zusammengestellt, aber die findet man nur, wenn man ohnehin schon Experte ist.
Eine meiner liebsten Aufgaben der vergangenen Wochen war auch ein Plakat über diese erste Mikrodatenbank. Das hing neben meinem Stand auf einer internen Konferenz Ende Januar. Dummerweise hat man die Stände in eine Ecke des Raums gestellt, wo sie garantiert niemand wahrnahm. Und so war die ganze Arbeit ein wenig umsonst, weil Besucherzahlen im einstelligen Bereich blieben - obwohl mein Plakat mit Abstand das beste im Raum war, wo sonst die üblichen textlastigen Detaillangweiler von Leuten des Öffentlichen Diensts hingen. Ziemlich enttäuschend, nachdem ich mich in der Gestaltung richtig wiedergefunden hatte. Dafür waren die Vorträge sehr interessant, da man in der internen Umgebung mal kein Blatt vor den Mund nahm. Was im Land der konfliktscheuen Höflichkeit immer erfrischend ist.
Eine weiteres Stück Präsentationsarbeit bleibt mir noch: am 12. Februar muss ich im kleinen Ort Shifnal nordwestlich von Birmingham einen Vortrag über "kulturelle Diversität" für unsere Interviewer halten, damit die nicht unversehens in Fettnäpfchen treten und möglichst viele Leute unsere Umfragen beantworten. Begeistert bin ich nicht, weil ich 9 Stunden im Zug sitze, die Chorprobe verpasse und nicht viel vom Thema halte.
Ab Februar arbeitet mein bisheriger Fahrer woanders und mein bisheriger Sekundärfahrer fährt nicht immer zu angenehmen Zeiten. Das machst es erstens schwierig, meine Sollstunden zu füllen und zweitens bin ich mehr auf Züge angewiesen. Und die fallen bei jedem im Fernsehen als Sturm vermarkteten Wind aus. Der Winter fällt dagegen dieses Jahr aus. Dafür fahre ich momentan täglich eine Stunde später los und der Extraschlaf bewirkt mit mir Wunder.
Kulturell passiert einiges. Nach dem spontanen Theater mit Mathieu habe ich mir allein den "Nussknacker" des Moskauer Stadtballetts angesehen. Vielleicht liegt es am vielen Tanzen, jedenfalls hat mir Ballett noch nie so gefallen. Nur das Publikum war eine Schande, Getuschel, Plastiktüten und einmal wurde direkt vor dem Orchester eine Bierdose aufgemacht. Kurz vorher bin ich mit Ellie zufällig in die chinesische Neujahrgala im Theater gestolpert, wo neben vielen wohlmeinenden Studentin eine Zitherspielerin auftritt, die mich schon auf einem früheren Konzert begeistert hatte. Als sie ein Duett mit einem Flügel spielte, kam fast ein Hauch HMT auf. In einem Monat sehe ich noch ein Musical, in dem Theresa auftritt, und dann Carmen, inszeniert von Moskauer Staatsballett und -oper.
Ähnlich war es auf der Geburtstagsfeier einer griechischen Freundin vom Tango, wo neben ebenjenem später auch etwas Volkstanz aufkam (über die Uni besteht wohl ein dichtes griechisches Netzwerk vor Ort) und mich an Studententage mit der Balkanfraktion erinnerte. Zudem war ihre Mutter zu Besuch und hatte (ich hatte etwas darauf gebaut) einen massiven Buffettisch aufgebaut.
Jene Griechin war auch auf dem ersten von mir und Mathieu einberufenen Spieleabend gewesen. Eine Idee, die ich mir in Weymouth abgeguckt hatte; selbst wäre auf sowas nicht gekommen. Mathieu und mich wollen das in Zukunft ausbauen, weil wir uns beide über unser weiterhin dünnes lokales Sozialnetzwerk Sorgen machen.
Dazu passt auch mein seit November erster Besuch bei Kalina in Southampton. Wir gingen einmal richtig ordentlich tanzen, in einem umfunktionierten Restaurant und fragwürdiger Musik und den langweiligeren Typen des Nachtlebens, und trotzdem hat mir das einen riesigen Spaß gemacht. Während mir Bilder auf Rostock Schnee zeigen, konnten wir Sonntag im Garten des Tudorhauses Tee trinken. Auch der große Park bei der Uni hat auf mich Eindruck gemacht mit seinem weitläufigen Grün (ich: "ich würde ja gerne mal wieder Magdeburg sehen!"). Ein ganz ausgezeichnetes karibisches Restaurant gibt es inzwischen auch. Vielleicht lag es an meiner Übermüdung, aber ich war stellenweise ganz aufgewühlt, mit einer inzwischen "alten" Freundin zu sprechen, die viele durchaus prägende Jahr mitgemacht hat.
Zuletzt: es gibt auf dieser komischen Insel auch keine Saunakultur! Nur eine Sauna in Portsmouth – und dahin geht man angeblich im Schwimmanzug. Hätten diese Leute tatsächlich irgendwelche Schamgefühle, würden sie stattdessen an ihrem Samstagnachtverhalten arbeiten.
Jetzt kann ich also etwas über meine Arbeit sprechen. Als 2012 alle Leute ihr Volkszählungsformular ausgefülllt haben, haben wir deren Antworten in einer großen Datenbank gespeichert. Darin hat jeder einen Zeile Daten mit seinen Antworten zu den einzelnen Fragen (Alter, Wohnort, Geschlecht...). Sowas nennt man Mikrodaten - mikro weil es die kleinste Datenebene einer Datensammlung ist. Daraus haben wir bisher klassische Tabellen veröffentlicht, die für verschiedene Orte die Gesamtzahl der Menschen mit einem bestimmten Merkmal summiert ("In London sind 34,000 Menschen 35 Jahre alt"). Das ist gut für öffentliche Ämter und interessant für den Durchschnittsbürger, richtige Wissenschaftler und Analysten brauchen aber mehr Details. Unsere Datenbank besteht aus einem Auschnitt aus der Zentralbank, mit den Datenzeilen für einzelne Personen. Man weiß also nicht nur, wieviele Menschen 35 alt sind, sondern auch, wer. Natürlich haben wir die Zeilen anonymisiert, private Informationen dürfen wir nicht einfach publizieren (das klingt immer schlimm, wenn wir sagen, wir geben individuelle Datensätze raus, aber ich gehe jetzt nicht ins Detail, wie wir das sicher machen). Mit der Datenbank kann man also selbst entscheiden, nach welchen Merkmalen man die Bevölkerung untersuchen will. Bisher war man davon abhängig, welche Themen wir zur Veröffentlichung auswählten. Zum Beispiel kann man sehen, wieviele Männer in Portsmouth 35 sind, zwei Autos haben, verheiratet sind, sich gesund fühlen und halbtags arbeiten. Das ist also ganz toll, weil man solches Wissen auf so lokaler Ebene nicht bekommt und schon gar nicht gratis, was neben armen Wissenschaftlern insbesondere öffentlichen Ämtern und aktivistisch gesinnten Bürgern hilft.
Diese Art Datensatz wurde schon aus den letzten zwei Volkszählungen erstellt und ist traditionell für Spezialisten bestimmt (dementsprechend heißt meine Abteilung "Spezielprodukte"). Dieses Mal machen wir mal etwas anders: wir geben drei verschiedene "Geschmacksrichtungen" raus. Jede gewichtet die Balance zwischen Datenfülle und Datensicherheit anders. Grundsätzlich kommt man umso schwieriger an Daten ran, desto mehr Details sie bieten. Je mehr man über eine Person weiß, desto eher kann sie nämlich im Datensatz identifizieren (auch wenn keine Namen drin stehen, so kann man doch z.B. den einzigen Arzt im Dorf erkennen und).
Der jetzt veröffentlichte Datensatz kann einfach aus dem Internet geladen werden und hat nur grundlegende Informationen. Er ist das erste Mikrodatenprodukt, dass gezielt an Laien gerichtet ist und in der Hinsicht mal etwas wirklich innovatives, auf das man fast stolz ist. Daher soll es möglichst einfach und einladend sein und muss sich nicht unbedingt zur ernsthaften Forschung eignen. Es heißt offiziell "Unterrichtsdatei", was meiner Meinung nach einen falschen Eindruck vermittelt, da es nicht nur eine gratis Resource für den Unterricht in Statistik (heute in fast allen Fächern nötig), sondern einfach dem normalen Bürger als Spielzeug dienen und die Angst vor Statistik nehmen soll. Dementsprechend wenig ansprechend finde ich die Umgebung, in welche die Datei ins Internet gestellt wurde. Endloser dröger Text, wo der Nutzer direkt an die Hand genommen werden sollte. Wir hatten ein ganzer Hilfspaket an Dokumenten für genau diese Zielgruppe zusammengestellt, aber die findet man nur, wenn man ohnehin schon Experte ist.
Eine meiner liebsten Aufgaben der vergangenen Wochen war auch ein Plakat über diese erste Mikrodatenbank. Das hing neben meinem Stand auf einer internen Konferenz Ende Januar. Dummerweise hat man die Stände in eine Ecke des Raums gestellt, wo sie garantiert niemand wahrnahm. Und so war die ganze Arbeit ein wenig umsonst, weil Besucherzahlen im einstelligen Bereich blieben - obwohl mein Plakat mit Abstand das beste im Raum war, wo sonst die üblichen textlastigen Detaillangweiler von Leuten des Öffentlichen Diensts hingen. Ziemlich enttäuschend, nachdem ich mich in der Gestaltung richtig wiedergefunden hatte. Dafür waren die Vorträge sehr interessant, da man in der internen Umgebung mal kein Blatt vor den Mund nahm. Was im Land der konfliktscheuen Höflichkeit immer erfrischend ist.
Eine weiteres Stück Präsentationsarbeit bleibt mir noch: am 12. Februar muss ich im kleinen Ort Shifnal nordwestlich von Birmingham einen Vortrag über "kulturelle Diversität" für unsere Interviewer halten, damit die nicht unversehens in Fettnäpfchen treten und möglichst viele Leute unsere Umfragen beantworten. Begeistert bin ich nicht, weil ich 9 Stunden im Zug sitze, die Chorprobe verpasse und nicht viel vom Thema halte.
Ab Februar arbeitet mein bisheriger Fahrer woanders und mein bisheriger Sekundärfahrer fährt nicht immer zu angenehmen Zeiten. Das machst es erstens schwierig, meine Sollstunden zu füllen und zweitens bin ich mehr auf Züge angewiesen. Und die fallen bei jedem im Fernsehen als Sturm vermarkteten Wind aus. Der Winter fällt dagegen dieses Jahr aus. Dafür fahre ich momentan täglich eine Stunde später los und der Extraschlaf bewirkt mit mir Wunder.
Kulturell passiert einiges. Nach dem spontanen Theater mit Mathieu habe ich mir allein den "Nussknacker" des Moskauer Stadtballetts angesehen. Vielleicht liegt es am vielen Tanzen, jedenfalls hat mir Ballett noch nie so gefallen. Nur das Publikum war eine Schande, Getuschel, Plastiktüten und einmal wurde direkt vor dem Orchester eine Bierdose aufgemacht. Kurz vorher bin ich mit Ellie zufällig in die chinesische Neujahrgala im Theater gestolpert, wo neben vielen wohlmeinenden Studentin eine Zitherspielerin auftritt, die mich schon auf einem früheren Konzert begeistert hatte. Als sie ein Duett mit einem Flügel spielte, kam fast ein Hauch HMT auf. In einem Monat sehe ich noch ein Musical, in dem Theresa auftritt, und dann Carmen, inszeniert von Moskauer Staatsballett und -oper.
Ähnlich war es auf der Geburtstagsfeier einer griechischen Freundin vom Tango, wo neben ebenjenem später auch etwas Volkstanz aufkam (über die Uni besteht wohl ein dichtes griechisches Netzwerk vor Ort) und mich an Studententage mit der Balkanfraktion erinnerte. Zudem war ihre Mutter zu Besuch und hatte (ich hatte etwas darauf gebaut) einen massiven Buffettisch aufgebaut.
Jene Griechin war auch auf dem ersten von mir und Mathieu einberufenen Spieleabend gewesen. Eine Idee, die ich mir in Weymouth abgeguckt hatte; selbst wäre auf sowas nicht gekommen. Mathieu und mich wollen das in Zukunft ausbauen, weil wir uns beide über unser weiterhin dünnes lokales Sozialnetzwerk Sorgen machen.
Dazu passt auch mein seit November erster Besuch bei Kalina in Southampton. Wir gingen einmal richtig ordentlich tanzen, in einem umfunktionierten Restaurant und fragwürdiger Musik und den langweiligeren Typen des Nachtlebens, und trotzdem hat mir das einen riesigen Spaß gemacht. Während mir Bilder auf Rostock Schnee zeigen, konnten wir Sonntag im Garten des Tudorhauses Tee trinken. Auch der große Park bei der Uni hat auf mich Eindruck gemacht mit seinem weitläufigen Grün (ich: "ich würde ja gerne mal wieder Magdeburg sehen!"). Ein ganz ausgezeichnetes karibisches Restaurant gibt es inzwischen auch. Vielleicht lag es an meiner Übermüdung, aber ich war stellenweise ganz aufgewühlt, mit einer inzwischen "alten" Freundin zu sprechen, die viele durchaus prägende Jahr mitgemacht hat.
Zuletzt: es gibt auf dieser komischen Insel auch keine Saunakultur! Nur eine Sauna in Portsmouth – und dahin geht man angeblich im Schwimmanzug. Hätten diese Leute tatsächlich irgendwelche Schamgefühle, würden sie stattdessen an ihrem Samstagnachtverhalten arbeiten.
Dienstag, 21. Januar 2014
19. Januar - Weymouth
Am Wochenende des 18./19. Januar fuhren Mathieu und ich in das Küstenstädtchen Weymouth zwischen Portsmouth und Cornwall. Dort trafen wir uns mit der Gruppe Freunde aus Frankreich, Spanien und Portugal, mit denen wir bereits an den Kreidefelsen der Sieben Schwestern und später in Stonehenge gewesen waren. Man trifft sich alle paar Monate, um den Kontakt zu halten. Das ist eine sehr angenehme Gruppe, die Organisation verlief ohne Zickereien wohin und wieviel. Als Bonus leben sie zu meiner Beruhigung alle so unfestgelegt wie ich. Sie wohnen in und um Bristol, daher die Wahl des kleinen Fischerortes Weymouth vor der Insel Portland, der unter Georg III zum Kurort avancierte und bis heute dank Strand und Hafen mit Fischern und Yachten Touristenwert hat.
Mit Musik aus Mathieus Heimatort kamen wir nach nicht einmal zwei Stunden Fahrt an diesem regnerischen Samstag auf einem Hügel über Weymouth an und ich sah gleich wieder, dass das offene Meer ein anderer Eindruck ist, als unsere Meerenge. Als es trocken wurde, fuhren wir hinunter und spielten bis zum Eintreffen der anderen an der Strandpromenade Golf. Mathieu hatte die Ausrüstung eingepackt und ich machte mir einen Notiz, dass große Sandstrände ideale Spielorte sind.
Nachdem die Gesamtgruppe ihre Sachen in die Pension über einem Pub direkt am Hafenfahrwasser, neben der zweistündlich geöffneten Hebebrücke gebracht hatten, verbrachten wir den restlichen Abend im Großteil der örtlichen Kneipen, zum Teil mit Tanz, und zum Schluss mit Spielkarten auf unseren Zimmern. Ich machte mir eine Notiz, Spiele einzuplanen, wenn ich so etwas mal selbst auf die Beine stelle. Mein neuer Schal von Ellie hat sich in der Nacht auch gleich wieder in Luft aufgelöst.
Am Sonntagmorgen zog mich das sonnige Fahrwasser gleich vor die Tür, wo auch die Glocken läuteten und Fischer ihren Fang verarbeiteten. Der Sonntag blieb durchweg sonnig und nach einem Abstecher an den lokalen Strand fuhren wir über die Hafenbrücke Richtung den Chessil Strand. Das ist eine kilometerlange Landzunge, die mit ca. 400m Breite das Meer von einem angeblichen Süßwassersee trennt und eine der Hauptattraktionen der Region ist. Dazu sind wir ins Dorf Abbotsbury weiter westlich gefahren. Auf Chessil Beach blieben wir eine ganze Weile einfach liegen, als die Sonne uns direkt beschien. Als wir durch das großteils geschlossene Dorf liefen, fielen mir zwei Dinge auf, weil sie für mich inzwischen so selten geworden sind. Eins war die Stille. Kein Motorenlärm im Hintergrund. Die sehr bergige Küste isoliert die einzelnen Siedlungen voneinander und man sah keine anderen Dörfer, hörte auch nicht viel außer dem Wind und den Schafen auf den Hügelkuppen über Abbotsbury. Darum gibt es auch nicht viele Lichtquellen; nach Sonnenuntergang war es richtig dunkel. Zu dem Zeitpunkt standen wir auf einem Einzelhügel, auf dessen Spitze auf einer sonst leeren Kuhweide eine dramatisch gelegene Kapelle über dem Meer und auch dem Dorf stand. Von dort sah man auch die Umrisse der heute fast verschwundenen Abtei, und mit der Dunkelheit und der Stille hatte ich sofort einen Eindruck, wie das gewesen sein muss, als sie im Ort noch die dominante Institution war.
Weitere Nachrichten: Mit Mathieu bin ich spontan ins Theater gegangen, das erste Mal hier seit Januar 2013. Ein junges Mädchen spielte solo ein Stück eigener Produktion, bei dem sie eine kleine Gruppe durch die Räume hinter Bühne führt und ab und zu singt. Dafür hat sie wohl einen Preis bekommen und tourt durchs Land. In Portsmouth war es die erste Aufführung, nicht einmal das Theaterpersonal wusste, was kommt. Am Ende lässt sie die Leute auf der Bühne in voller Raumsausleuchtung stehen. Prädikat besonders wertvoll in dieser Stadt ohne brauchbare Theater.
Zweitens habe ich mir für Abende ohne Theater ein Puzzle gekauft.
Mehr Bilder auf
| Der Strand von Weymouth. |
| Der Strand Chessil. Weymouth liegt bereits ganz am Horizont, links von der sichtbaren Insel Portland. |
| Die Sonne ist rausgekommen. |
| Die Hügel über Abbotsbury sind voller Schafe. |
| Die Kapelle auf dem Hügel. |
Sonntag, 12. Januar 2014
Vorsätze
In Deutschland von Sonne und einem wunderschönen Abendrot verabschiedet bekam ich in England als erstes eine Handvoll Regen ins Gesicht. Sturm und Überflutungen waren noch aktuell. Portsmouth ist wieder vergleichsweise glimpflich davon gekommen, aber der Parkplatz am Tragflächenboot ist halb unter Wasser, das Boot selbst mit meinen Fahrern immer wieder abgesagt und die Straßen am Meer teilweise gesperrt, weil die Wellen mächtig gegen die Mauern schlagen. Als Hintergrund zum abendlichen Joggen am Strand ist es aber sehr gut.
In anderer Hinsicht bin ich gut angekommen. Nachdem ich im Urlaub soviel Lektüre geschafft habe, habe ich ja wider besseren Wissens eine ganze Reihe Bücher mitgenomen. Tucholsky's Sammelband ist fast fertig, jetzt lese ich eine kleine Einführung in die Philosophie der Logik und daneben Kasias Weihnachtsgeschenk, "Unschuld" von Pierre Magnan. Ellie hat Deutschlehrbücher bekommen, aber bisher sehen sie noch unbenutzt aus. Sie schnappt dafür sehr schnell gehörte Worte auf. Sie hat ein erstaunliches Gedächtnis für Klänge und Wörter, ist aber keine systematische Lernerin. Auch im Chor singt sie nach akustischem Gedächtnis, ich muss Noten lesen.
Selbiger Chor hat mit dem neuen Semester begonnen. Wie im letzten Frühlingssemster ist er ein gutes Stück kleiner, denn wir singen modern. Diesmal gefällt es mir aber gleich von Anfang an. Es sind drei Stücke der britischen Komponistin Cecilia McDowell. Die lebt sogar noch und hat die Ehrendoktorwürde der Uni Portsmouth bekommen. Daher soll sie auf dem Konzert am 22. März höchtselbst sprechen und soll im Februar wohl einmal eine Probe besuchen.
Es gab eine große Veranstaltung in den historischen Docks (wo auch mein Weihnachtsmarkt war). Das BBC Programm 'Stargazing' (Sternegucken), eine Art Wanderzirkus, inspiriert von den populären Wissenschaftssendungen des Prof. Brian Cox, machte Halt. Ellie und ich haben unabhängig voneinander zufällig Karten gekriegt. Leider haben wir es dann nicht auf die Reihe gekriegt, uns da auch zu finden. Das Programm war mehr an Kinder gerichtet, als man aus den Sendungen vermutet hätte. Aber allgemein unterstütz ich den Trend leidenschaftlich, Wissenschaft cooler zu machen. Schließlich habe ich selbst soviel zu lernen. Und neben den Spielchen für Kinder hatte ich immer noch eine gute Zeit mit den Teleskopen, die auf dem Deck des alten Panzerseglers Warrior aufgestellt waren. Da kommt man sonst auch nur für viel Geld rauf.
Weitere Fortschritte: ich habe nach einem Rezeptvergleich mit Friedemann über Weihnachten die Mehleffizienz beim Brotbacken fast verdoppelt! Und mit Mathieu bin ich in die lokale Schwimmhalle gegangen. Zwar wurden alle Hoffnungen untergraben, dass ich durch den Sommer ein besserer Schwimmer geworden wäre, aber als kurze Erholung vom Büroalltag ist es für den Preis sehr gut und soll wenn möglich wöchentlich geschehen.
Auf der Arbeit beschäftigt mich die anstehende erste Veröffentlichung des Projektes, an dem ich ja seit letztem Februar arbeite. Das ist einmal die Datenbank selber, an der jetzt neben den reinen Daten viele Benutzerdokumente vorbereitet werden, die auch Laien den Zugang vereinfachen sollen. Außerdem bereite ich einen Stand mit Plakat und Broschüren für eine interne Konferenz Ende Januar vor. Das macht mir großen Spaß, weil ich da einmal mit Formen und Farben rumspielen kann. Unabhängig davon gibt es Nachfragen nach Wiederholungen eines Vortrags über Minderheitenkulturen, den ich mit einem Kollegen vor einiger Zeit für unsere Umfrageklinkenputzer gehalten hatte. Dort bahnen sich vielleicht einige Dienstreisen in anderen Standorte an.
Am kommenden Wochenende soll nun eine Reise mit Mathieu's portugiesischen Freunden aus Swindon stattfinden. Mit denen waren wir schon in Portsmouth und Stonehenge unterwegs. Jetzt geht es in die Region knapp östlich von Cornwall. Selbstverständlich habe ich viel mehr Pläne, als das Jahr Wochenenden hat. Außerdem wollte ich dieses Jahr Prioritäten setzen und ruhiger leben.
In anderer Hinsicht bin ich gut angekommen. Nachdem ich im Urlaub soviel Lektüre geschafft habe, habe ich ja wider besseren Wissens eine ganze Reihe Bücher mitgenomen. Tucholsky's Sammelband ist fast fertig, jetzt lese ich eine kleine Einführung in die Philosophie der Logik und daneben Kasias Weihnachtsgeschenk, "Unschuld" von Pierre Magnan. Ellie hat Deutschlehrbücher bekommen, aber bisher sehen sie noch unbenutzt aus. Sie schnappt dafür sehr schnell gehörte Worte auf. Sie hat ein erstaunliches Gedächtnis für Klänge und Wörter, ist aber keine systematische Lernerin. Auch im Chor singt sie nach akustischem Gedächtnis, ich muss Noten lesen.
Selbiger Chor hat mit dem neuen Semester begonnen. Wie im letzten Frühlingssemster ist er ein gutes Stück kleiner, denn wir singen modern. Diesmal gefällt es mir aber gleich von Anfang an. Es sind drei Stücke der britischen Komponistin Cecilia McDowell. Die lebt sogar noch und hat die Ehrendoktorwürde der Uni Portsmouth bekommen. Daher soll sie auf dem Konzert am 22. März höchtselbst sprechen und soll im Februar wohl einmal eine Probe besuchen.
Es gab eine große Veranstaltung in den historischen Docks (wo auch mein Weihnachtsmarkt war). Das BBC Programm 'Stargazing' (Sternegucken), eine Art Wanderzirkus, inspiriert von den populären Wissenschaftssendungen des Prof. Brian Cox, machte Halt. Ellie und ich haben unabhängig voneinander zufällig Karten gekriegt. Leider haben wir es dann nicht auf die Reihe gekriegt, uns da auch zu finden. Das Programm war mehr an Kinder gerichtet, als man aus den Sendungen vermutet hätte. Aber allgemein unterstütz ich den Trend leidenschaftlich, Wissenschaft cooler zu machen. Schließlich habe ich selbst soviel zu lernen. Und neben den Spielchen für Kinder hatte ich immer noch eine gute Zeit mit den Teleskopen, die auf dem Deck des alten Panzerseglers Warrior aufgestellt waren. Da kommt man sonst auch nur für viel Geld rauf.
Weitere Fortschritte: ich habe nach einem Rezeptvergleich mit Friedemann über Weihnachten die Mehleffizienz beim Brotbacken fast verdoppelt! Und mit Mathieu bin ich in die lokale Schwimmhalle gegangen. Zwar wurden alle Hoffnungen untergraben, dass ich durch den Sommer ein besserer Schwimmer geworden wäre, aber als kurze Erholung vom Büroalltag ist es für den Preis sehr gut und soll wenn möglich wöchentlich geschehen.
Auf der Arbeit beschäftigt mich die anstehende erste Veröffentlichung des Projektes, an dem ich ja seit letztem Februar arbeite. Das ist einmal die Datenbank selber, an der jetzt neben den reinen Daten viele Benutzerdokumente vorbereitet werden, die auch Laien den Zugang vereinfachen sollen. Außerdem bereite ich einen Stand mit Plakat und Broschüren für eine interne Konferenz Ende Januar vor. Das macht mir großen Spaß, weil ich da einmal mit Formen und Farben rumspielen kann. Unabhängig davon gibt es Nachfragen nach Wiederholungen eines Vortrags über Minderheitenkulturen, den ich mit einem Kollegen vor einiger Zeit für unsere Umfrageklinkenputzer gehalten hatte. Dort bahnen sich vielleicht einige Dienstreisen in anderen Standorte an.
Am kommenden Wochenende soll nun eine Reise mit Mathieu's portugiesischen Freunden aus Swindon stattfinden. Mit denen waren wir schon in Portsmouth und Stonehenge unterwegs. Jetzt geht es in die Region knapp östlich von Cornwall. Selbstverständlich habe ich viel mehr Pläne, als das Jahr Wochenenden hat. Außerdem wollte ich dieses Jahr Prioritäten setzen und ruhiger leben.
Samstag, 14. Dezember 2013
Advent muss sein
Am
30. November haben wir Mozart & Salieri in der katholischen
Kathedrale gesungen. Unerwartet waren dazu sogar junge Kollegen
erschienen. Ich hatte noch nie ein Stück so gut vorbereitet und habe
dementsprechend in der Generalprobe durch einen Lesefehler voll
Selbstvertrauen in eine Pause reingeschmettert. Im Konzert passierte
das zum Glück nicht, aber ich war so nervös, dass ich mich nie mehr
ganz lösen konnte. Dazu hatte ich mir in der Probe die Stimme
angeknackst und konnte die hohen Töne nicht mehr erreichen, auf die
ich so stolz gewesen war. Außerdem stand ich zwischen zwei Profis
und ganz in der letzten Reihe der Bässe, sodass es für meine Ohren
schien, als würden nur wir singen und alle Details hörbar sein.
Schade, dass diese Stücke jetzt vorbei sind, die letzten Wochen
waren wunderbar, als ich durch Übung richtige Beherrschung fand. In
einem wunderbaren Moment habe ich auf einer Probe so einmal die Augen
geschlossen und zum ersten Mal bewusst den Chor als Ganzes gehört,
nicht nur die Bässe, und wie meine eigene Stimme zu dem ganzen
Wunderschönen beiträgt.
Beim
ersten Weihnachtssingen haben ich im Vergleich zu Vorjahr zum ersten
Mal festgestellt, dass meine Stimme ohne Zweifel Fortschritte macht.
Jetzt habe ich erfahren, dass ich als Mitglied der Musikgesellschaft
die Proberäume der Musikfakultät nutzen kann. Endlich habe ich
damit die nötige Umgebung und sitze seitdem mehrmals
die Woche eine Stunde oder mehr in einem kleinen Raum und hole
richtig was raus aus dem Geld für die Gesangsstunden. Natürlich
habe ich es gleich übertrieben und meine Stimme in hohen Lagen wohl
etwas überdehnt. Dafür klimpere ich dazu wie von selbst auf
dem Klavier rum, als wäre ich früher nie zu faul zum Üben gewesen.
Diese
Umstände bringen mich jetzt zum ersten Mal dazu, meine Privatzeit
auf weniger Aktivitäten zu konzentrieren. Ich bin aus dem Tanzkurs
am Donnerstag praktisch ausgestiegen und fahre wann immer möglich
nach der Arbeit singen und dann in die Bibliothek nebenan. Da
versuche ich dann, etwas über Logik zu lernen. Denn die Arbeit hat
mir gezeigt, dass mein Denken nicht sehr logisch ist.
Erwähntes
Weihnachtssingen fand am Tag nach dem Konzert auf dem Weihnachtsmarkt
auf der historischen Werft statt, zu dem ich mich wieder gemeldet
hatte. Im Gegensatz zum Vorjahr wäre ich diesmal aber lieber
ausgestiegen, weil es mir physisch und zeitlich zuviel wurde.
Außerdem musste ich in meiner Rolle als Apotheker diesmal Menschen
ansprechen und ohne die geringste Vorbereitung hatte ich davor etwas
Angst. Natürlich war ich zu gut um ein paar Tage vorher einfach
abzusagen. Am Ende habe ich mich ganz gut eingewöhnt und mit meiner
Stimme gerne meine Reklame vom ersten Stock meines Apothekenkulisse
gerufen. Aber so ganz wohl war mir nie, auch waren nicht alle
Besucher dankbar und mir taten die Waden nach diesem Wochenende noch
drei Tage später weh, sodass dieses Mal war wohl das letzte war.
Weihnachten
ist mir wichtig. Daher zwinge ich es meiner Umgebung auf wo nur
möglich. Anfang Dezember wurde im Büro überfallartig die
Weihnachtsdekoration rausgeholt, billiger Plasteglitzer wie sonst
alles in England. Dazu die Weihnachtsfeiern. Mit den Kollegen,
nach der Arbeit, von der Stange organisiert in Pubs, dementsprechend
teuer. Ellie bestätigt, dass die praktisch Pflicht sind. Kollegen
erzählen stolz, wie stockbetrunken sie auf diversen Dienstreisen und
auch Weihnachtsfeiern waren. Ich verweigere mich strikt. Nur um ein
kurzes Weihnachtsessen mit dem Team auf der Arbeit bin ich nicht
herumgekommen. Ich mache keinen Hehl aus meinem Urteil über
englische Weihnachten. Nur das Ritual in meinem Team, dass jeden
Morgen ein anderer das Türchen am Adventskalender öffnet und ein
Stück der Weihnachtsgeschichte liest, gefällt mir. Auf meinem
Schreibtisch steht mein wunderschöner deutscher Bilderkalender, ohne
Schokolade. Sowas ist hier drüben wohl nicht so einfach zu kriegen.
Meiner ist so schön, dass ich die Türchen gar nicht öffne. Jedes
Jahr bereue ich das, weil das heile Bild viel schöner ist.
Weihnachten
sollte private sein. Hier höre ich immer nur, wie stressig das sei,
mit der Familie eingesperrt zu sein. In der Tat macht man sich einen
wahnsinnigen Druck, als auch Kosten, unglaubliche Mengen Geschenke zu
kaufen (Ellies Mutter fragte bereits an, ob sie eins für mich kaufen
muss). Kein Wunder also, dass sie sich dann alle betrinken und
Fernsehen gucken ('Stirb langsam' gilt als traditioneller
Festtagsstreifen). Advent gibt es übrigens nicht, nur den
Weihnachtstag selbst (am 25.12.). Keine Vorfreude, keine
Spannung. Ich dagegen schaffe es endlich, bewusst
langsamer zu leben, den Advent mitzubekommen, anstatt wieder erst
kurz vor Weihnachten aufzuwachen.
Richtig wird Weihnachten also nur in Deutschland gemacht. Und diese kulturelle Überlegenheit gilt es natürlich auch ungefragt kundzutun. Darum hatten Theresa und ich schon im November einen Adventsabend vereinbart. Denn das kann ich sagen, Weihnachten ist allen Auslandsdeutschen wichtig. Mit Backen, echter Musik, ohne Plastik. Ellie hat dazu ihre Wohnung gesponsert. Fast fürchtete ich, zu hohe Erwartungen zu schüren. Aber dann wurde es schöner als erwartet - nachdem Theresa und ich jeweils zwei unserer Lieblingsrezepte gemacht hatten, saßen wir im Wohnzimmer bei Glühwein, Heinrich Schütz und Kerze. Ich war besonders stolz, richtige Tannenzweige bekommen zu haben, umsonst. Denn sonst ist hier alles Grüne unglaublich teuer, weil fast niemand in die Natur kommt. Und man nichts traut, was außerhalb einer Plastikverpackung kommt. Anschließend bin ich mit Theresa auf die Tangoweihnachtsfeier gefahren, die mir mehr Spaß denn je machte (leider ließ sich Ellie nicht überzeugen, mitzukommen). Sogar Cristina habe ich da wiedergesehen und ihr die übrigen Kekse für ihre Tochter mitgegeben. Denn die meisten Ausländer finden deutschen Advent auch gut. Am nächsten Tag bin ich mit Theresa noch in die Sonntagsmesse in der katholischen Kathedrale gegangen. Denn Weihnachten muss richtig gemacht werden.
Am
nächsten Tag war ich da zum dritten Mal in einer Woche, denn der
Chor kam seiner ungeliebten Aufgabe nach, den
Uniweihnachtsgottesdienst zu unterstützen. Mir und Ellie machen
Weihnachtslieder aber Spaß, und da deutschen natürlich die besten
sind, habe ich eine Strophe von Stille Nacht für mich auf Deutsch
gesungen. Denn ich werde echt sentimental mit Weihnachten.
Bevor
alles nach Hause fährt und fliegt, habe ich Mathieu noch ein paarmal
sehen wollen. Dazu habe ich noch einmal Ellie und ihn zum Kochen
geladen, diesmal bei mir. Auch auf diesem angenehm erwachsenen Abend
(meine Mitbewohner sind entweder auf Weihnachtsurlaub oder bis spät
mit Theaterproben beschäftigt) habe ich darauf bestanden, den Advent
zu würdigen.
Am
letzten Wochenende vor dem Heimflug bin ich nochmal aufs Land
gekommen. Mit Ellie habe ich den 'Königin Elisabeth Landschaftspark'
nördlich von Portsmouth besucht. Die Anfahrt war teurer als
erwartet, aber ich hatte einmal richtigen Buchenwald, Laub auf den
langen Wegen über Hügel und Felder, Bäume um mich herum und Ruhe.
Ellie wurde überraschend nervös, allein durch einen Wald zu stapfen
und auch die Landbewohner schienen das nach Dunkelheit für viel zu
gefährlich zu halten. Aber das beweist nur einmal mehr, dass man in
England keine wirkliche Natur mehr kennt.
Am
Sonntag habe ich Ellie zum Geburtstag in das beste, französische
Restaurant eingeladen, das ich vor einem Jahr mit Kalina dokumentiert
hatte. Ebenfalls mit Ellie war ich früher im Monat auf einem Konzert
gewesen, wo drei Uniabsolventinnen und die Uni Big Band Musik aus der
Zeit des Kriegs zum Besten gaben. Mit Begrüßung von Churchill und
Luftangriff. Da mussten alle in einen Nebenraum gehen und lustige
Lieder singen, mit denen man sich wohl die Zeit vertrieben hat. Ich
fand das geschmacklos und ließ das auch soweit anklingen, dass mir
Ellie vorher riet, vielleicht besser doch nicht mit ihr und Freunden
mitzukommen. Nun war ich da und alle in zeitgenössischen Kostümen
und die Musik machte Spaß. Leider tanzten wir nicht soviel, wie ich
es gerne gehabt hätte.
Auf
der Arbeit habe ich zum ersten Mal die Datenbank zu Gesicht bekommen,
an der wir seit Monaten arbeiten. Ich durchleuchte sie kreuz und
quer, damit sie auch repräsentativ für die große
Volkszählungsdatenbank ist, derenproportionaler Eindruck sie
sein soll. Und das macht mir riesengroßen Spaß - mit Informationen
rumzuspielen, querzuschließen, mir immere kleinere Gruppen
anzusehen, wie als Student. Ende Januar stelle ich das Projekt,
seinen Zweck und Arbeitsweise auf einer internen Konferenz vor. Ich
habe auch etwas Zeit, mir Gedanken um Vorstellungsweise zu machen,
und dementsprechend macht es mir Spaß, mein Präsentationstalent
auszuleben. Daneben habe ich eine ringvorlesungsartige
Fortbildungsreihe abgeschlossen und sollte bald ein schönes kleines
Zertifikat bekommen.
Abschließend
sind einige Informationen zu Ellie wohl von Interesse. Sie ist fast
29 und lebt seit einigen Jahren in Portsmouth. Hier hat sie "sowas
wie Aufnahmetechnik" studiert und ist dann in der Univerwaltung
hängen geblieben. Da bearbeitet sie Visumsanträge nichteuropäischer
Studenten. Ursprünglich kommt sie vom Land, in der Grafschaft Kent.
Das ist östlich von London, nahe des berühmten Canterburys. Sie
singt, tanzt und kocht gern. Ist besonders aktiv im Bauchtanz. Wir
haben uns im Mai auf einem Tanzkurs kennen gelernt, als uns auffiel,
dass wir seit über einem halben Jahr im gleichen Chor sind.
![]() |
| Auf der Tangoweihnachtsfeier. |
![]() |
| Unser Lehrer auf Knien. Mein langes Haar zwischen der hübschen Italienerin und der hübschen Griechin. Alle Tanzkurse haben außergewöhnlich hohen Ausländeranteil. |
| Die katholische Kirche vor dem Konzert. |
| Nach der Aufwärmung. |
| Nach dem Konzert. |
| Advent in Ellies Küche: Das Deutsche Plätzchen für Fremde. |
| Ich bin besonders stolz auf die Tannenzweige. Rechts unten Theresa's Muttiadventskeksdose - fast jeder Deutsche im Ausland kriegt sowas. |
| Ellie und Mathieu kochen für mich... |
| ...ich überwache die präzise Einhaltung Echter Deutscher Weihnachten. |
| Satt und sehr müde nach dem Geburtstagsessen. |
![]() |
| Nachtrag aus dem Sommer: im frühen September in Rostock, beim "umsonst und draußen Klappstuhltreffen", den eine Freundin organisiert hatte. |
Donnerstag, 21. November 2013
Die
wichtigste Neuigkeit aus den vergangenen Wochen ist ohne Zweifel, dass
ich seit einiger Zeit eine Freundin habe. Das hat mich gezwungen,
einen ohnehin stattfindenen Denkprozess verstärkt zu führen, bei
dem es grob gesagt darum geht, was ich denn jetzt mit meinem Leben
machen will. Zuvorderst sollte und soll England ja eine
vorübergehende Geschichte sein. Langsam soll einen langfristiger
Wohnort her und keine Kompromisse. Aber wo das sein soll, und was
genau ich mir da aufbauen will, darauf habe ich noch keine klare
Antwort. Das hat mir im Oktober einige schwierige Nächte beschert,
als klar wurde, dass Ellie eine feste Sache wird, ohne das ich mir
eine Zukunft in England wünsche.
Natürlich
haben diese Umstände auch ihr Gutes. Zum Beispiel tanzt und trällert
Ellie auch gern; in der Tat kennen wir uns vom Chor und Tanzkurs.
Nun ist so eine Beziehung der endgültige Todesstoß für meine Zeitplanung, aber zu
meinem eigenen Gefallen war ich nichtdestotrotz ziemlich aktiv und habe einige Pläne
umgesetzt. Einmal habe ich endlich Kalina wieder besucht. Diesmal
hatten wir auch Zeit, tanzen zu gehen und am nächsten Tag ein neues
Stück von Southampton anzusehen.
Am
Samstag darauf habe ich dann den Herbstspaziergang gemacht, auf den
ich so lange Lust gehabt hatte, seitdem die Bäume vor dem Büro gelb
geworden waren und mir Heimweh bereiten hatten. Zu meiner Freude
(besonders im Vergleich zum Vorjahr) schloss sich eine ganze
Autoladung an, Mathieu mit Auto, Ellie, Theresa und Mitbewohnerin.
Gelaufen sind wir von Stanstead Hause (was Mathieu und ich im Mai mit
dem Rad besucht hatten) durch den Gutswald zum Dorf Rowlands Castle
nordöstlich von Portsmouth. Das war aufgrund der Laufgewohnheiten
der Nichtdeutschen kürzer, der Wald war noch nicht so gefärbt wie
gedacht und es nieselt am Ende auch – aber wir sind rausgekommen,
und zwar auf meine Initiative, das war ein gutes Gefühl. Als Bonus
haben wir Maronen gefunden und abends geröstet.
Am
nächsten Tag schloss ich mich einem Ausflug Mathieus nach Salisbury
an, um den Kontakt mit ihm nach einigen Wochen wieder aufzufrischen.
Er nahm seine Freundin und besuchende Freundinnen aus Southampton
mit, wobei ich auch Kalina nochmal sehen konnte.
Zum
anderen habe ich Ellie und Mathieu einen Kochabend vorgeschlagen, um
auch in der Küche wieder etwas neues auszuprobieren. Dabei habe ich
zum Beispiel zum ersten Mal erfolgreich Rotkohl gemacht, was mir seit
dem ersten Studienjahr nie geglückt war.
Anfang
November habe ich Ellie dann noch in die Römische Villa im Dorf
Fishbourne nordöstlich von hier mitgenommen. Dort ich das erste Mal
ganz am Anfang noch mit Monika gewesen.
Einige
Einzelinformationen, nach denen ich regelmäßig gefragt werde.
Mathieu ist vermutlich Mitte 30, aber ich habe ihn nie gefragt. Er
kommt aus Annecy südlich von Genf, wohnt in Portsmouth seit November
2012 und hat vorher in Singapur gelebt. Er arbeitet als Ingenieur in
einer ehemals staatlichen Firma, die Hubschrauberteile fürs Militär
herstellt.
Ich
habe zwei Mitfahrgelegenheiten zur Arbeit. Beide wohnen auf der Isle
of Wight und kommen jede Morgen mit dem Tragflächenboot aufs
Festland. Am Landepunkt ist ein Parkplatz mit ihren Autos, dort
steige ich zu. Die Fahrt dauert ohne Stau 20 Minuten.
Guy
Fawks Nacht verlief ohne besondere Vorkommnisse und Halloween konnte
ich komplett ignorieren. Dafür wird in England am 11. November der
Waffenstillstand des 1. Weltkriegs begangen. Auf der Arbeit wurden
dafür die landesweiten zwei Schweigeminuten eingelegt (aber einfach
still am Computer weitergearbeitet).
Halloween
dagegen bin ich entkommen. Nur einer unserer unregelmäßigen
Tangoabende war thematisch daran angelehnt, wo mich ein schönes Foto
zeigt mich. Man hatte sich so große Mühe mit der
Halloweendekoration gegeben, dass sogar ich es richtig gemütlich
fand. Genau gesagt hat es mich an den Tanzabend in Lodz 2009
erinnert, an dem ich zum ersten mal Tango live sah und entschied,
dass ich das irgendwann auch lernen muss. Der nächste Tangoabend ist
Anfang Dezember mit Weihnachtsthematik. Und seitdem es bei
Arbeitsschluss schummrig wird und ich den gewünschten
Adventskalender dort stehen habe, komme ich langsam in
Weihnachtsstimmung. Mit Theresa werde ich einen deutschen
Adventsabend veranstalten, denn Weihnachten ist wichtig. Schließlich
waren wir wie alle Auslandsdeutschen einer Meinung, dass eigentlich
nur wir das richtig können. (Was ich wieder über englische
Traditionen in der Praxis erfahren habe, ist ein Sakrileg). Nicht
zuletzt singt der Chor bald beim jährlichen Adventsgottesdienst der
Uni, und ich spiele auf dem Weihnachtsmarkt mit.
Dann
fand die halbjährliche große Salsaparty im und auf dem Spinnaker
Turm am Hafen statt. Für mich war es nach anderthalb Jahren hier
trotzdem das erste Mal, dass ich oben gewesen bin. Bisher hatte ich
stets gedacht, dass Portsmouth nicht interessant genug wäre, um für
einen Blick von oben Geld zu bezahlen. Aber das Panaroma bei
Dunkelheit hat mich sehr überrascht. Besonders die Schiffe im Hafen
von oben ziehen zu sehen hat mir gefallen. Vor allem aber ist im
ersten Stock auf 100m Höhe Glasplatte im Boden eingelassen. Die
Werbung fragt„traust Du Dich auf Luft zu gehen?“ – beim zweiten
Versuch habe ich den Mut zum Raufgehen gefunden.
Nebenbei
gesagt gibt es für jenen Hafen aber schlechte Nachrichten: der
Werftbetreiber macht den Schiffneubau zu, nur Reparaturen werden noch
angeboten. Das wird die Stadt neben Steuern eine Menge der
wertvollsten Einwohner kosten.
![]() |
| Nachtrag: mein Willkommen für Daria & Marta |
| Haus Stansted |
| Hallo Ellie |
| v.l.n.r. Mathieu, Ellie, ich, Theresa, Laia |
| Mathieu ist zu Recht schockiert - zwei Deutsche wie aus dem Bilderbuch. |
| Etwas später am Meer. Ebbe bringt keinem was. |
Montag, 28. Oktober 2013
Rennen durch den Herbst
Die gesamte Zeit seit meiner Rückkehr aus Deutschland stand im Zeichen eines endlosen Rennens, alle Freunde regelmäßig zu sehen oder zumindest zu hören. Zunehmend zog das auch mein Schlafkonto in Mitleidenschaft, sodass ich zuletzt rigoros auf meinen Zustand achten musste. Irgendwo kürzer treten fällt mir weiter zu schwer. Und dann war der Herbst schon fast wieder vorbei und Weihnachten fast vor der Tür.
Kulturell war die Zeit produktiv. Ich habe Das Erbe Roms zum zweiten Mal ausgelesen und könnte es gleich nochmal anfangen. Aber erstmal war etwas Prosa dran: Ellie hat mir wieder ein Buch von Margarete Atwood in die Hand gedrückt, Oryx und Crake. Im englischsprachigen Raum ist sie scheinbar allgemein bekannt, und mich hat das Buch genauso mitgerissen wie Der Report der Magd - ich konnte es kaum weglegen. Zu glaubwürdig auch in seiner Athmosphäre, es hat mir zeitweise richtige Depressionen beschert.
Daneben kamen Max und Moritz und einige weitere Details zu Wilhelm Busch sowie der Struwwelpeter auf den Teller. Deutsche Kindergeschichten bieten verlässlichen Gesprächsstoff, wie auch Raumpatrioulle - neben ihr habe ich Unsere Mütter, unsere Väter und etwas Weissensee gesehen. Gelesen habe ich auf Kasias Anstoß auch zum Massaker vom Celle.
Mit Theresa, einer deutschen Austauschstudentin aus dem Chor, habe ich endlich jemanden gefunden, mit der ich einige langgehegte Pläne umsetzen kann. Wir treffen uns einmal die Woche und üben die jeweils aktuell gelernten Tanzschritte - Walzer für mich, Rumba und Cha Cha für sie. Im Tango bereiten wir uns auf einen Auftritt im nächsten Frühjahr vor. Das bringt eine zeitliche Extrabelastung mit, denn neben den normalen Lektionen Freitag Abend habe ich Mittwoch Abend zwei Stunden Probe - zusammen mit Arbeit und Chor ist das mit Abstand der anstrengendste Tag.
Auch einen anderen Punkt auf der List habe ich noch geschafft und ein lokales Restaurant
ausprobiert. Das Ergebnis war mittelmäßig, aber das wichtigste war, dass wir zu viert waren, mit einer bauchtanzenden, chorsingenden Freundin, Mathieu und einer weiteren Bekannten von ihm. Zwar war keiner begeistert, aber gelacht haben wir genug.
Natürlich geht der Chor weiter und auch voran, ich finde wie immer zu wenig Zeit zum Üben, aber die immer mehr zusammenpassende Musik kitzelt auch wie üblich mehr und mehr diese überschwengliche Begeisterung fürs Singen in mir wach. Mi der Zeit konnte mich unser Dirigent auch wieder von seiner Meinung überzeugen, Salieris Messe ist langfristig schöner als Mozarts. Auch für den Weihnachtsmarkt habe mich wieder angemeldet, am 1. Dezember, dem Tag nach dem Konzert. Diesmal wurde mir die Rolle eines halbseidenen Straßenapothekers gegeben.
Der auch in deutschen Nachrichten genannte Sturm war größtenteils nachts und der Morgen schön und sonnig. Manchmal kann ich nach der Arbeit aber noch etwas am Wasser liegen, mit warmer Kleidung ist das noch möglich, und den Schiffen zusehen, wie sie aus dem Dunst auftauchen und langsam vor den Linien der Isle of Wight vorbeiziehen oder weiter draußen auf Reede liegen. Zum Schiwmmen ist es endgültig zu kalt, aber so eine halbe Stunde hat immer noch einen guten Effekt. Trotzdem fehlt mir Sport und kann manchmal schlecht einschlafen. Zum Teil bin ich sogar bereit, zu joggen. Durch das Wetter komme ich auch mehr in die Bibliothek, auch wenn die Nutzung des Winters als Zeit für Lesen und Papierarbeit nicht wirklich intensiv klappt.
Auf der Arbeit werde ich mehr zwischen Aufgaben verteilt als ich mag. Ich hatte viel mit Fortbildungen zu tun, dann Prüfung von Variablenableitung, und jetzt komme ich zurück in mein Lieblingsgebiet, den Mikrodaten.
Zum Ende des Oktobers habe ich im Rahmen des Kontaktrennens Kalina für eine Nacht besucht - dass ich sie trotz der Nähe nicht häufiger sehe, tut mir wirklich leid. Wir waren natürlich tanzen und am Folgetag habe ich sie mitgenommen, ein neues Stück von Southampton zu sehen.
Ein Stück alltagskulturelle Trivia: England wird beherrscht vom Staubsauger
Henry, einer runden Minitonne mit Gesicht. In unserem Haus, in Läden, auf der Arbeit - eine Kollegin hat sogar eine Miniausführung auf dem Schreibtisch. Mehr noch, Henry hat eine weibliche Kollegin, Hetty. Passt zum Land.
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| Quelle: http://www.kitchengadgets.org.uk/?attachment_id=201 |
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| Quelle: http://www.bluechipcleaners.co.uk/henrietta-hetty-hoover-het-200a |
| Ein Schnappschuss aus meinem Zimmer: so sieht es aus, wenn ich mal zu Hause arbeite. Zu niedriger Stuhl, das Fenster in den Hof offen. Die Blumen waren für Daria und Marta. |
| Kostümauswahl für den Weihnachtsmarkt am 1. Dezember. Ich spiele einen windigen Straßenapotheker. |
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