Dienstag, 25. Juni 2013

Sommer nach Plan

Im Juni wurde bald klar, dass der Sommer zwar da ist, aber verhaltener als das letzte Maiwochenende zu Hoffen gab. Die langen Grillabend am Strand waren also spärlich, aber gelingen mir nach und nach einige der wichtigeren Pläne des großen Selbstverwirklichungsprogramms. Des weiteren macht sich im Vergleich zum Vorjahr der Vorteil eines sozialen Netzwerks bemerkbar. Alles zusammen führt dazu, dass es mir ausgesprochen gut geht, solange ich nicht zu lange allein bin.

Am Meer
Zum einen gibt es durchaus die sonnigen Abende nach heißen Tagen im Büro, an denen ich mich abends mit einem Buch an den Strand lege. Dann sind mit dem Juni die gratis Konzerte am Meer wieder losgegangen. Mit Mathieu und auch meiner italienischen Tangopartnerin Cristina samt fünfjähriger Tochter saß ich auf der Wiese voller Menschen und Grillgeruch, in praller Sonne, und wie im letzten Jahr wird auch richtig getanzt.
Der eigene Grill ist zwar noch nicht organisiert, dafür habe ich das erste richtiges Essen in unserem 'Garten' hinter dem Haus ausgerichtet, für Mathieu und zwei weitere Bekannte. Das habe ich ganz allein zubereitet und war nach drei Stunden hektischem Kochen durchaus stolz darauf. Später abends kamen zwei Mädchen aus Frankreich für zwei Nächte, die Portsmouth besuchten. Leider stellten sie sich als absolut nutzlos und interaktionsunwillig heraus, und wie ich später erfuhr, hatte eine Bekannte die gleichen Erfahrungen mit ihnen gemacht.

Unterwegs
Am nächsten sonnigen Wochenende sind Mathieu wieder auf Tour gegangen und haben den Gutspark Stansted nordöstlich von Portsmouth besucht. Ich war noch nie mit dem Rad in dieser Richtung unterwegs gewesen und wurde sehr überrascht, wie nah an zu Hause wir selbst eine Landschaft von Eichenwäldern und Rapsfeldern ähnlich wie im New Forest wartet, nur eine knappe Stunde Radweg entfernt. Bereits direkt nördlich von Portsmouth laufen sehr schöne Wege mit Blick auf die Buchten, die von den verschiedenen Halbinseln entlang der Küste gebildet werden. Auf Stansted haben wir Käse und Wein in der Prallen Sonne verzehrt und anschließend bin ich bereits oben ohne und dafür sangesfreudig die Landstraße zur alten römischen Stadt Chichester gefahren, deren Kathedrale ich zum ersten und letzten Mal fast ein Jahr vorher mit Monika besichtigt habe.
Mitte des Monats war Mathieu weg und ich war einmal allein unterwegs, um andere Kontakte zu pflegen. Seit langem bin ich wieder über den Hafen gesetzt und habe das Geschichtsdorf in Gosport besucht. Die Leute dort hatte ich seit dem Tudor-Fest im Oktober nicht mehr gesehen und ich habe mich über kommende Kostümierungsgelegenheiten erkundigt. Abgesehen habe ich mich wieder von der Ruhe ihres im Wind sanft wiegenden Waldstücks einfangen lassen. Weiterhin bin ich von jedem Anblick eines leeren Felds und flächendeckenden Grüns bezaubert.
Abends bin ich mit Cristina vom Tango tanzen gegangen, aber nicht Tango, sondern einen momentan wohl sehr beliebte Stil mit Ähnlichkeiten zu 1950er Rock'n'Roll. Am Folgetag besuchte ich sie in ihrem Dorf Hamble, und zu meiner Freude schloss sich mit Kalina endlich mal jemand einem Ausflug an. Wie seit vielen Wochen geplant besuchten wir einen Traditionsbauernhof. Das war vor allem für ihre fünfjährige Tochter gedacht, aber auch mich berührte ein Ausflug aufs Land, und insbesondere auf eine Farm. Wir hatten auch ein Picknick vorbereitet und spazierten in einem richtigen Wald entlang eines Flusses, der fast wie einer der gestreckten Uckermärcker Seen aussah. Es wirkte unverkennbar auf mich, einen Tag in der Natur zu sein und das auch noch mit Freunden nicht nur teilen zu können, sondern ihnen selbst einen schönen Tag zu bereiten, zumal Kalina, die ja gerade erst hergezogen ist und zum ersten Mal alleine wohnt.

Kultur
Die Filmgesellschaft hat einige Kurzfilme Charlie Chaplins gezeigt, zu denen mir zu meiner Freude außerdem gleich vier Bekannte gefolgt sind. Zuletzt hatte ich Filme aus der Zeit als Kind gesehen und sie als ein bisschen staubig in Erinnerung. Chaplin aber überraschte mich, wie frisch viele seiner Ideen noch wirken. Ein zweites Mal war ich im Kino zu einer Live-Sendung aus dem Britischen Museum, wo man von Experten durch die neue Ausstellung zu Pompeji und Herculaneum geführt wird.
Dann lese ich tatsächlich wieder ein Stück feministische Literatur, Den Report der Magd, ebenfalls auf Empfehlung.
Im Zuge meiner Suche nach einem Sommerchor hab ich einmal im Barockchor mitgesungen. Der Dirigent war aber nicht gestimmt, jemanden drei Wochen vor dem Konzert aufzunehmen, und dann machen sie selbst Sommerpause. Also kein Singen bis September. Schade, denn sie singen Heinrich Schütz, den ich schon immer mal singen wollte. Dafür nutze ich den Sommer für zwei Pläne, die beide noch aus Rostock stammen. Zum einen nehme ich jetzt Donnerstag nach der Arbeit Gesangsunterricht bei einer Amerikanerin aus dem Uniorchester. Und auf der Arbeit selbst gibt mir eine Kollegin ein paar Lektionen Walzer. Den wollte ich festigen, seitdem ich mit Kasia am Warnemünder Kai getanzt habe – das war 2010 vor der Abreise nach York.

Allein zu Haus
Zu Hause bin ich eine Woche alleine, nachdem Mitte des Monats auch meiner letzter und bester Mitbewohner ausgezogen ist, der Architekt. Im Gegensatz zu den anderen kommt er auch nicht mehr wieder, weil er sein Studium abgeschlossen hat. Jetzt habe ich das Haus erstmal für mich, aber Ende Juni kommen wie im letzten Jahr junge Bulgaren, gleich drei Stück, bis September.

Auf dem Gartenfest in Stansted.
Nach einer Pause im Bischofsgarten in Chichester

Der Sommer ist zurueck im Hafen.

Immer wieder erfuellt mich das umfassende Gruen des Geschichtsdorfes mit Freude. Der Hohlweg zur Fischerhuette am Ende ist genau wie ich ihn mir um 1642 vorstelle.

Im letzten Sommer hatte ich einen speziellen Ort fuer diese Blumen gefunden und mir jetzt wieder neue geholt. Kasias Gemaelde inspiriert mich weiterhin.

Mit Kalina und Jasmin am Fluss Hamble.

Wir machen Musik am Spielplatzxylophon.

Auf dem Bauernhof.

Unbedachterweise hat man mich in die Speisekammer des Bauernhofs gelassen.


Cristina und Kalina
Der Rosengarten in Southsea. Durch das Tor hinten fahre ich zum Schwimmen ans Meer.

Sonntag, 2. Juni 2013

27.05.2013 - Der New Forest

Der New Forest (Neuer Wald) ist ein ausgedehntes Wald- und Heidegebiet direkt westlich von Southampton und ein sehr beliebtes Naherholungsziel für die Städter der Region. Besonders eignet es sich zum Zelten und Radfahren, weshalb ich schon immer einmal hinwollte. Das viertägige Wochenende von nachgeholten Pfingsten und Königlichem Geburtstag bot dazu endlich Gelegenheit. Wie gewöhnlich interessierte sich nur Mathieu für den Ausflug. Er hatte sich gerade ein neues Rad gekauft und ich ein gebrauchtes Zelt. Mit seinem Auto konnten wir außerdem Räder und mehr Gepäck mitnehmen, als mir normalerweise möglich ist.

Der Weg in Wald führt durch Southampton und dort hielten wir zum Mittagessen mit Kalina. Die richtet sich immer noch in ihrer neuen Stadt ein, hat aber langsam Zeit für Freizeitaktivitäten. Dann ging es weiter nach Westen, bei der immer deutlicher hervortretenden Sonne an den großen Kreuzfahrtschiffen in den Docks vorbei.

Zum langen Wochenende verstopften Unmengen Städter die bald beginnenden Landstraßen, und auch einen freien Zeltplatz fanden wir erst in der südwestlichen Ecke, beim Ort Holmsley. Wie sich rausstellte, hatte Mathieu Erfahrung mit Camping, das Zelt stand in zwanzig Minuten und mit den Nachbarn klappte es auch. Ich hatte nicht gewusst, wie schnell und einfach Zelten ist und wie selbststaendig man mit wenigen Mitteln sein kann und begann natuerlich sofort zu bereuen, nicht schon viel frueher so auf Reisen gegangen zu sein. Eine abendliche Tour durch Wald und Heide in die nächsten Pubs haben wir noch geschafft. Mich interessierte aber vor allem Bewegung und Raum. Mathieu ist kein so starker Radler, macht aber zum Glück gute Kompromisse und wir fuhren auf den folgenden Touren die ersten Kilometer gemeinsam, bevor ich jeweils allein losgeprescht bin.

Den zweiten Tag habe ich mich genau in der Mitte des Waldes richtig ausgetobt. Dort ist richtiger Wald und genug Platz, um trotz der Scharen von Radlern allein zu sein, und die Wege sowie Ausschilderung sind so gut, dass man schnell und ohne Karte überall hinkommt.

Als wir uns zum Mittag wiedertrafen, hatte ich laut Mathieu schon gut Farbe angenommen. In der Tat war das Wetter weit besser als vorhergesagt. Strahlende Sonne stand über den Wäldern voller Eichen und den Feldern, die zwischen üppigem Grün, bunten Blumen und sogar weiten gelben Rapsflächen wechselnden. Vor allem wird der ganze Wald beherrscht von halbwilden Pferden, die weiden wo sie vollen, von allen Autos respektiert werden und sich ihrerseits um niemanden sonst kümmern. Sie gehören eigentlich jemandem, können aber in der Praxis machen, was sie wollen.

In unserem Mittagspub in East Boldre war weit mehr los, als man dem winzigen Dorf zutrauen würde. Eine Wohltätigkeitsveranstaltung füllte den gesamten, nicht kleinen Biergarten mit Musik, Ständen und Menschen. Mir wurde Sonnenbrandgefahr herzlich egal, als wir mit einem Bier auf dem Rasen lagen, und am Ende gewannen wir auch noch billigen Tombolasekt. Einige Kilometer östlich besuchten wir den historischen Ort Bucklers Hard am Fluss Beaulieu, dessen verdienter Name in englischer Aussprache in eine Farce verwandelt wird. Der Ort war einst eine Marinewerft und ist heute ein Freilichtmuseum, dass wir uns aber nicht weiter ansahen. Stattdessen fuhren wir noch einmal in eine andere Ecke des Waldes, in einen kleinen Ort ganz im Nordwesten. Dort radelte ich noch einmal die hier hügeligere Gegend ab und wanderte durch einige schöne Felder in der Abendsonne, während Mathieu in einem Biergarten saß.

Anstatt wie geplant eine zweite Nacht zu bleiben, fuhren wir dann wir dann nach Hause, da Mathieu leider nicht an eine Luftmatratze gedacht hatte und eine weitere Nacht auf der Erde nicht ausgehalten hätte. Ich hätte mich bei meinem Büroleben gerne noch einen halben Tag ausgetobt, aber dafür ließ ich mich für eine Nacht in Southampton bei Kalina absetzen. Mit ihr ging ich abends auf eine Salsaparty, für uns beide die erste in Southampton.


Mein erstes Zelt! In meiner Hand mein improvisierter Hammer.

Richtiger Wald!



Mittagspause in East Boldre.





Mathieu auf der Landstraße. 
Mit guter Farbe kurz vor der Heimfahrt.

02.06.2013

Im Mai habe ich das Aktivsein übertrieben und war am Ende ganz schön erschöpft. Davon ist am Ende viel weggefallen, dafür mache ich mir jetzt Stress, unbedingt alles zu schaffen, was ich für den Sommer geplant habe. Denn der ist da: Am Monatsende begann Baden, Grillen und Konzerte am Meer. Das überbordende Farbenmeer des blühenden Frühlings weicht zwar einem allgemeinen Gruen, aber die Stadt kommt aus dem Haus und geht ans Meer. Und mir bringt der Sommer die ersten deja-vus – mein erstes Jahr in Portsmouth ist bald voll.

Körperkultur

Die ersten Wochen hat mir das Kaltwasserexperiment den letzten freien Abend der Woche belegt. Nach der beschämenden ersten Sitzung wurde es mit jedem Mal besser. Zweimal musste ich einfach nur eine Stunde im Wasser sitzen und mich über Tanzen und Wissenschaft unterhalten. Einmal musste ich noch schwimmen, aber diesmal hielt ich ohne Kleidung eine halbe Stunde gegen den Strom durch. Jetzt ist das Experiment vorbei und auf eine bestimmte Weise vermisse ich die physische Erfahrung. Außerdem habe ich gelernt, warum mir beim Singen oft schwindelig wird: das kommt von zuviel Luftholen. Kontrolliert man die Atmung, hört auch das Zittern auf.

Geistkultur

Dafür habe ich einen Abend mehr frei. Ein zweiter kommt hinzu, seitdem der Chor in die Sommerpause gegangen ist. Unser letztes Konzert fand am 22. Mai in einer Kirche statt, unter abschließender Leitung des dirigierenden Studenten, der damit sein Studium beendet. Durch die Lanzettfenster leuchtete abends gerade die Sonne das weißgestrichene Schiff aus. Unser normaler Dirigent half den wenigen verbliebenen Bässen und Tenören aus; mir gefiel es ganz gut, als einer von nur drei zweiten Bässen zu hören, welchen Beitrag meine Stimme leistet und tapfer Breschen zu füllen. Wider Erwarten hatten wir trotz des hässlichsten Plakats aller Zeiten auch Gäste, einen habe ich persönlich beigesteuert. Jetzt ist bis Mitte September kein Chor mehr, dann beginnen wir Salieris „Hofkapellmeistermesse“ in D-Dur und Mozarts Missa Brevis KV 167. Ich suche einen Sommerchor, aber bis dahin habe ich mir schonmal die Noten für den Herbst zum Üben besorgt.

Ebenfalls musikalisch war ein großer Salsaabend im Spinnaker Turm am Hafen. Ich kam zwar zu spät, um noch auf die Aussichtsplattform zu kommen, hatte aber auch unten viel Spaß mit einigen der bisher besten Partnerinnen hier. Mein Interesse liegt aber weiterhin mehr beim Tango, bei dem ich jeden Fortschritt mit Schweiß und Nerven bezahle.

Im Filmverein habe ich einen chilenischen Film über die Volksabstimmung 1988 sowie den deutschen Film „Lore“ gesehen. Im normalen Kino habe ich außerdem mit einer Bekannten aus dem Gemeinschaftsgarten Den Großen Gatsby angeschaut. Auf dem Weg nach Hause merkte ich anschließend zum ersten Mal, dass es schon warm genug ist, um elf Uhr abends im Pullover am Meer entlang zu fahren. Neben mir lief die Nachtfähre nach Frankreich aus, und auch tagsüber sind jetzt wieder die Kreuzfahrtschiffe und zahllose weißen Segel zu sehen.
Mehr Schauspiel gab es an der Uni, wo zum Semesterschluss ein einwoechiges, kostenloses Festival der Schauspielfakultaet stattfand. Ich habe zwei sehr gute Stuecke gesehen, ein Musical und ein modernes von Tadeusz Kantor, zu dem auch Mathieu mitgekommen ist.

Auf Anraten einer Kollegin habe ich ganz schnell Huxleys Schöne neue Welt durchgelesen. Nach vielen Monaten im langen populärwissenschaftlichen Buch davor flogen die Novellenseiten dahin.

Soziokultur

Es wurde klar, das Wetter bleibt durchwachsen, aber im Durchschnitt steigt die Temperatur genug, um langsam Abende vor der Tür ermöglichen. Portsmouth und die Seepromenade schalten langsam wieder in den Sommermodus, den ich bei meiner Ankunft vorfand, aber diesmal kann ich mit viel mehr Kontakten arbeiten. Wird der generelle Bewegungsmangel zu akut, kann ich nebenan im Gemeinschaftsgarten arbeiten. Mitte Mai habe ich den Fußweg rollstuhlfreundlich geebnet, bekam dafür frisches Gemüse und den Abend konnten wir am Teich aussitzen. Anschließend habe ich mit einer ganzen Gruppe Italiener, die zu zwei neuen Sängern im Chor gehören, die Füße ins Meer gesteckt. Ein fröhliches Volk, dass ohne Hemmungen auf der Straße singt. Mit Mathieu habe ich später das Gemüse verkocht und meine Sommerpläne besprochen. Mit seinem Auto haben wir den ersten schon umgesetzt, die Radtour im New Forest. Und am allerersten Junitag haben wir offiziell den Sommer eingezählt, mit Golf am Meer, dem ersten richtigen Baden im Andenken an kälteres Wasser und abschließend einem Picknick beim ersten öffentlichen Konzert am Meer der Saison. Wenn ich allerdings nicht von Menschen umgeben bin, nichts zu tun und kein Gefuehl von Ziel habe, bricht mit dem weniger an Verpflichtungen jetzt auch wieder stärker meine Einsamkeit durch.

Reinkultur

Zu Hause sind wie erwartet zwei meiner drei Mitbewohner für den Sommer ausgezogen. Die Bulgarin und der Künstler sind weg, und mit letzterem die Unordnung. Das ist nicht nur Einbildung: am Tag darauf putzte mein verbliebener Mitbewohner die Küche, und im Gegensatz zu früher ist sie auch drei Tage später noch sauber. Bezeichnenderweise fällt mir das auch immer noch auf, wenn ich abends nach Hause komme.

Arbeit

Wie ich in den Nachrichten erfahren habe, wurden auch Deutschland Ergebnisse einer Volkszählung veröffentlicht. Sie war scheinbar nur zwei Monate nach der in England durchgeführt, aber fast ein ganzes Jahr später veröffentlicht worden. Im Gegensatz zu Großbritannien wird in Deutschland nicht regelmäßig gezählt und die letzte Zählung war die erste seit über 20 Jahren. Während hier die Bevölkerung größer war, als erwartet, ist sie in Deutschland um anderthalb Millionen niedriger.
Meine Arbeit ist etwas anstrengend und die vielen privaten Beschäftigungen kosteten mir im Mai den nötigen Schlaf. Nach den angenehm konzentrierten Aufgaben der ersten Monate verliere ich mich in zuvielen kleineren Strängen und habe zuviele offene Enden. Wir bereiten den öffentliche Zugang zu den Daten vor, die wir bisher aufbereitet haben. Nebenher testen wir sie aber auch und finden natürlich Probleme. Wie wir sie testen, müssen wir selbst planen, d.h. auch ich, und ich stehe manchmal ziemlich ahnungslos vor der Aufgabe. Dafür wurde mir meine erste Konferenzpräsentation übertragen, für den September in Wales. Und bald ist mein erstes Jahr hier voll.


Konzert (gestellt)
Allseits gesegnet.

Im Meer mit Italienern.

Im Gemeinschaftsgarten. Richtige Arbeit nach Büroschluss.
Extraargentinischer Tangoabend.

Dienstag, 7. Mai 2013

07.05.2013 Grün ja grün

Ostern
Nach einem Samstag in der Bibliothek bin ich abends nach langer Zeit wieder zur orthodoxen Gemeinde gefahren. Die dort kennen gelernte Bulgarin Jordanka hatte mich erinnert, dass nach dem julianischen Kalender ja Ostern war. Die Gemeinde war etwas größer als beim normalen Gottesdienst und wir sind sind mit Kerzen in den Händen einmal um die Kirche gezogen. Der Chor würde mich gerne als Verstärkung haben werden und ich gerne russisch singen, aber sie proben leider in einem anderen Ort.

Wiltshire
Am folgenden Sonntag ging es endlich nach Stonehenge und die Kathedralenstadt Salisbury. Beide sind nordwestlich von Southampton in der Grafschaft Wiltshire. Kalina konnte wegen Abwesenheit nicht mitgenommen werden, aber wir waren trotzdem eine größere Gruppe um Mathieu, seine Freunde aus Southampton und einige andere trafen uns vor Ort. Das war auch gut so, schließlich habe ich Ewigkeiten organisiert und gewartet, damit zur Abwechslung auch andere mal mitkommen können. Ich hatte allzu großen Erwartungen an Stonehenge vermieden, in der Tat ist es ja im Endeffekt ein Kreis von Steinen von denen man bis heute nicht wirklich weiß, was sie sind. Aber in Echt ist die Größe dann doch beeindruckend, vor allem, wenn man die Mittel der Zeit berücksichtigt. Wirklich begeistert hat mich aber die Region als solche, die reich an anderen Steinzeitdenkmalen als auch einer wunderschönen Landschaft ist.
Schon auf dem Weg sind wir am Neuwald westlich von Southampton vorbeigekommen, dessen Ruf mich seit langem lockt und in diesem Jahr sicherlich angegangen wird, im Idealfall mit Mathieu und seinem neuen Fahrrad. Richtiger Wald und weite Heidelandschaften ohne Menschen, Straßen oder Zäune erinnerten mich nicht zum letzten Mal an diesem Tag an Brandenburg. Und noch unerwarteter, Rapsfelder mit Allen an Mecklenburg.
Als erstes hielten wir in Salisbury, wo auch die anderen eintrafen. Die Kathedrale ist laut Reiseführer das beste Beispiel englischer Frühgothik und ist auf ihrem weiten grünen Platz sehr schön, aber da mir als architektonischem Laien das besondere der englischen Frühgothik nicht ganz klar ist, reicht sie mir nicht ganz an York heran. Ohne Zweifel aber ist sie das Kronjuwel einer auch sonst zauberhafte kleinen alten Stadt mit fünf Flüssen und vielen Blüten am Wasser. Wir machten es uns zum ersten Mal an diesem Tag in diesem Grün vor einer Kneipe beim Mittag gemütlich.
Anschließend kam Stonehenge und direkt danach besuchten wir ein anderes, weit größeres aber international weniger bekanntes Steinzeitheiligtum, Avebury. Das Dorf lässt seine Schafen in einem hohen Erdwall zwischen Kreisen hoher Findlinge grasen. Warum, weiß man nicht, aber Begleiter meinten, Stonehenge und Avebury gehörten zusammen zu einem großen regionalen Heiligtum. Wie man die Arbeitskraft von der Nahrungsproduktion damals absparen konnte, ist mir ein Rätsel. Aber die Steine ragen übermannshoch in den Himmel.
Vom Wall hat man einen wunderschönen Blick in die sonnige Landschaft, in der die Farben vor lauter Frühling geradezu überquellen. Rollende grüne Hügel in alle Richtungen, einer ist der höchste künstliche im Land und auf einem anderen eins der bekannten weißen Pferdezeichnungen. An den Straßen wenig Städte und viele kleine Dörfer, denen die feudale Struktur des 19. Jahrhunderts noch anhaftet; die Region hat sich seitdem eindeutig wenig verändert bis der Tourismus neues Leben gebracht haben muss. In den Dorfkneipen haben wir einige Pausen gemacht und während der Fahrt habe ich beim Blick von den Hügeln wiederum an den Raum und das Licht und die Ruhe meiner Heimat gedacht, die mir hier zusammen mit der Gesellschaft anderer Leute sehr gut taten.

London
In England wird vernünftigerweise statt dem 1. Mai der nächste Montag zu einem langen Wochenende freigemacht. An diesem Tag schloss ich mich einer großteils indischen Gruppe um Jordanka an. Die fuhren zu einer Lebensmittelmarkt in London mit Ständen aus der ganzen Welt. Allein hätte ich das nicht gemacht, mir ging es vor allem um die Gesellschaft und Kontaktpflege. Wie sich herausstellte, war es eine große Auflage desselben Marktes an gleicher Stelle, den ich im November mit Kalina zufällig gefunden hatte. Natürlich war es teuer, wie das ganze Wochenende, aber das Wetter war ausgesprochen sommerlich und trotz der Menschenmassen in den engen Gassen zwischen den Ständen machte das von mir sonst vehement abgelehnte London mehr Spaß als auf den bisherigen, hektischen Durchreisen zum Flughafen. Insbesondere bekam ich sogar hier Heimatgefühle, als ich mir bei der öffentlichen Schafschur ein Stück Wolle einsteckte, dessen Geruch mich an die Ökohöfe für Großstädter in der Uckermark erinnerte. Auch auf der Rückfahrt musste ich gestehen: einiges an grünem Wald zwischen hier und London.

Vor kurzem habe ich mich aus lauter Idealismus für die Versuchsreihe einer Bachelor-Arbeit gemeldet. Eine Sportwissenschaftlerin untersucht, wie der Körper bei Schiffsunglücken beim Schwimmen überlebt. Dazu werde ich bekleidet in 12 Grad kaltes Wasser gekippt und schwimme gegen einen Strom, mit Sensoren am Körper und wen es interessiert darf raten, wo meine Innentemperatur gemessen wird. Dienstag habe ich mich auf der ersten von fünf Sitzungen nach Strich und Faden erniedrigt; 15 Minuten habe ich durchgehalten und dabei geprustet und gestrampelt wie ein Baby. Und das gelang mit nur unter kontrollierten Bedingungen, bei einem echten Untergang würde ich nach zwei Minuten absaufen. Wahnsinn, was Kleidung ausmacht, zieht einen abwärts wie ein Stein um den Hals. Zum Glück stecken sie mich im Anschluss aus lauter Mitleid in ein Warmbad.

Freitag nach der Arbeit in Portsmouth. Die Möwen begleiten den Fischer nach Hause.


Geh aus mein Herz und suche Freud.


Ein Teil von Avebury.

Vom Wall in die andere Richtung fotografiert.

Der höchste künstliche Hügel. Funktion unbekannt.

Dienstag, 30. April 2013

April sollte der ruhige Monat vor dem möglichen Besuch Kasias sein. Kasia ist am Ende nicht gekommen, und der April war nicht ruhig. Mit jedem Tag Sonne ergibt sich mir mehr mehr das Dilemma, zuviele Pläne in zuwenig Zeit zu stecken. Der Sommer hat noch nicht richtig begonnen und ist schon ausgeplant.
Das letzte Mal hatte ich von der Reise nach Birmingham geschrieben, der letzten dorthin wie sich im Laufe des Monats erwies. Eine Woche lang habe ich danach erstmal liegengliebenes machen müssen. Aber am ersten Wochenende habe ich mit Mathieu und seiner zugereisten Schwester an einem der ersten schönen Tage zum ersten Mal in meinem Leben Golf gespielt. Das geschah am ersten wirklich schönen Wochenende. Seitdem geht es zwar bergauf bergab mit dem Wetter und der Wärme, aber das Frühlingsgefühl ist hier. Wie spielten auf einem kleinen Golfplatz ganz nah bei mir und damit direkt am Meer, und bei dem Wetter eine Erfahrung, die ich gerne wiederholen wollte, aber bisher nicht geschafft habe, denn es gibt viel zu viel zu tun. Gleich am Folgetag traf ich mich an gleichem Ort zum zweiten Frühstück mit den Mitglieder einer meiner Tanzgruppen. Die zeigten mir auf einem Spaziergang, das ebenso nah bei mir, gleich neben dem Ententeich, ein mir völlig unbekannter Rosengarten ist, der gerade mit dem Blühen beginnen sollte. Ebenso ist dort seit kurzem ein Gemeinschaftsgarten, und dort kann ich ohne Anmeldung jederzeit mal hinfahren und eine Stunde umgraben; ein guter Start in ein sonniges Wochenende. Auch ins Zimmer habe ich den Frühling geholt und mir zum ersten Mal im Leben Blumen gekauft; zwei Wochen dufteten Hyazinthen, bevor sie leider schon wieder verblühten. Blühen tut auch der lokale Rhabarber, den ich gerne zu Kuchen verarbeite.
Auch mein Büro ist von Blüten und Grün umgeben und ich gehe mittags gerne joggen und spazieren. Und wenn ich abends am Tragflächenboot abgesetzt werde, ich die ganze Stadt ist an der Promenade, grillt und spielt Fußball auf der großen Gemeindewiese, das Meer ist plötzlich wieder voll mit Segelbooten und den weißen Streifen hinter Motorbooten und das Wasser sagt zur Sonne glitzer glitzer. Man wacht morgens ohne Probleme früh auf und ist voller Tatendrang und Plänen für einen Sommer zwei Minuten Fußweg vom Strand. Dementsprechend bin ich an einem sonnigen blühenden Abend im Rahmen der Daueraktion „Echter Kerl“ anbaden gegangen...circa zehn Sekunden lang. Ganz so warm ist es dann doch noch nicht.
Kurz gesagt, mir ging es hier noch nie so gut. In der ganzen Euphorie erinnere ich mich häufig an ähnlichen Tatendrang im April vor einem Jahr in Rostock, die Anemonen bei Papendorf, den blühenden botanischen Garten, den Flieder auf dem Feldweg durch Sildemow, das Fish Filmfestival im Stadthafen. Auch sozial bekomme ich etwas Boden unter die Füße, und dazu kam Mitte April eine große Neuigkeit: Kalina hat Arbeit ganz in der Nähe von Southampton gefunden und ist Ende des Monats dorthin gezogen, eine halbe Stunde von meiner Arbeit entfernt.

Auch kulturell gibt es ganz furchtbar viel zu tun. Nach langem Warten habe ich endlich den Hanekes Film Liebe sehen können, der mich sehr hat nachdenken lassen. Auch habe ich endlich eine der Opernübertragungen im Kino gesehen, Nabucco aus dem Königlichen Opernhaus London. In einem meiner Tanzkurs haben wir eine Choreographie auf Video aufgezeichnet und ist mit einem Klick auf diese Adresse zu sehen:

Voran geht es aber vor allem im Tango. Ich bin jetzt zu gratis Extrastunden eingeladen, und die zusätzliche Übung zwischen den Lektionen hat einen echten Unterschied gemacht. Ich habe ein Grundrepertoir verschiedener Figuren, und wenn die funktionieren und die Partnerin macht was ich führe, schaffen wir genau den Zauber, den ich mir erhofft habe.
Trotz des Wetters bin ich weiter gerne in der Bibliothek und habe dort nach fast einem halben Jahr das Buch über Europa nach dem römischen Reich bis zum Jahr 1000 ausgelesen, fast sechshundert Seiten lang und so gut geschrieben, dass ich gleich noch einmal mit den ersten Kapiteln begonnen habe. Die Bibliothek wird im Sommer leider wieder ihre Öffnungszeiten kürzen. Ab Juni gehen die langen Semesterferien wieder los und ich freue mich bereits jetzt, wie im letzten Jahr das Haus für mich und damit sauber zu haben.

Je länger die Aufbruchsstimmung dauert, desto mehr verzweifle ich aber, dass wohl der ganze Sommer nicht für alle Ideen reichen wird, die mir konstant erscheinen. Als nächstes fahre ich nach Salisbury und Stonehenge, sogar mit Freunden, aber wann sollen diverse Gärten, der Neuwald bei Southampton, der Pilgerweg von Winchester (geplant seit Juli), die Woche in Frankreich, der Ausflug mit Friedemann nach Finnland, die Einladung Beatas nach Rodos und dann möglichst noch zwei Wochen in Deutschland geschehen? Was ist mit dem Walzerkurs, dem Gesangsunterricht, Russisch- und Mathelernen, mit allen Lehr- und Prosabüchern, wo ich ohnehin schon mehr für Tango und den Chor tun sollte? Sowohl im Kinoverein als auch im Geschichtsdorf sowie dem Garten sollte ich mich blicken lassen. Ab Juni gehen wieder die sonntäglichen gratis Konzerte am Meer los, und dreimal werden gratis Opern auf Großleinwänden übertragen. Was ist mit den Theatern in Titchfield und Chichester? Einen Grill will ich mir kaufen und ganze Tage am Meer verbringen, schwimmen, essen, trinken, tanzen.

Die Euphorie und ihre Dilemmata sind gut am letzten Aprilwochenende festgemacht. Freitagabend habe ich mich beim Tango verausgabt, als beim freien Tanz zum ersten Mal alles so klappte wie es sollte. Samstag habe ich volle acht Stunden in der Bibliothek gesessen und trotzdem nur die Hälfte davon gelesen, was ich eigentlich wollte. Sonntag war dann richtig erfüllt, als ich Kalina in Southampton besucht habe. Auf dem Weg habe ich erst eine Freundin vom Tango besucht, die im hübschen Dorf Hamble lebt, das ich im Herbst auf dem Weg zur Abtei Netley durchquert habe – man erinnere sich an das Foto der kleinen rosa Fähre. Hamble liegt auch an der Mündung des Flusses, an dem Southamptons Hafen liegt und auf einem schönen Spaziergang zog an uns ein großer Containerfrachter mit der Aufschrift Hamburg Süd vorbei. Ich hatte zum Mittag frische Forelle mitgebracht und getanzt wurde natürlich auch. Abends habe ich dann in Southampton Kalina und ihre Mutter getroffen, die sie die ersten drei Wochen begleitet. Sie richten gerade Kalinas nagelneue Einzimmerwohnung bei Ikea ein. So unangenehm es ihr ist kann ich natürlich kaum verbergen, wie sehr ich mich freue, eine richtige, echte, persönliche Freundin ganz in der Nähe zu haben. So nah haben wir seit 2008 in Magdeburg nicht mehr gewohnt.

Als die Hyazinthen noch lebten.


Mein Martinica am Kirchbaum vor dem Büro.

Ich warten morgens auf die Ankunft meines Fahrers mit dem Luftkissenboot.

Abends an gleicher Stelle.

Kalina und ihre Mutter bei unserem ersten Treffen in Southampton.

Mittwoch, 3. April 2013

Ein Monat Menschen

Eine Woche nach meiner Rückkehr aus Polen stand als erstes das zweite Konzert mit dem Universitätschor an. Das fand in einer der größten Kirchen Portsmouths statt und bereits die Generalprobe am Nachmittag zeigte, dass allein die Akustik unseren Gesang auf eine höhere Ebene hob. Hatte ich Zweifel an unserer Bereitschaft gehabt, so klang die durchaus anspruchsvolle modernere Musik allgemein besser im Übungssaal. Zum ersten Mal habe ich Lust auf kleineren Chor bekommen, in dem ich die Stimmgewalt der Masse gegen eigenen Einsatz tauschen könnte. Da passt es, dass der Chor noch mehr Leute verloren hat, jetzt sind wir bei vielleicht einem Drittel der Zahl vom Anfang.
Wie hoffentlich auf dem Foto zu sehen sang ich mit einem breiten Lächeln. Ich habe das moderne Gloria von Francis Poulenc wie von unserer Leitung versprochen richtig lieb gewonnen; die klassischen Stücke wirkten neben den Experimenten am Ende fast simplistisch. Aus dem gleichen Grund jedoch war ich überrascht, dass wir fast alle Plätze füllten. Eine Freundin vom Tango war auch dabei, sie lud ich im Anschluss ins Café und schloss mich danach dem Chor im Pub an. Mit einer kleinen Gruppe um die Leitung war ich zum ersten Mal mit Engländern vernünftig trinken, also lang und gut, aber nicht das Gesaufe, dass mich so anwidert, sondern am Ende Portwein beim Manager zu Hause. Tags darauf saß ich selbst im Publikum bei der ersten interessanten Theatervorstellung seit Juni, der Oper Carmen mit dem Nationalchor von Chisinau (Moldawien). Dabei lernte ich, warum Karten an der Seite billiger sind als in der Mitte: man hört nur die eine Hälfte des Orchesters. Dazwischen eine Hustenepidemie im Publikum, eventuell verursacht durch die scheinbar traditionelle Pauseneiscreme.

Noch einen Tag später kam Papa zu Besuch. An Arbeitstagen musste er tags allein reisen. Aber abends haben wir zusammen gekocht und auch ein tolles Tapas-Restaurant gleich bei mir um die Ecke gefunden, mit echten Spaniern und Riesenpaellas, und das auf der Hauptkneipenstraße, wo sonst nur Fastfood für die Betrunkenen am Wochenende geboten wird.
Mir ist es ja ein Bedürfnis geworden, Freunden und Familie meine Passionen zu zeigen, weshalb Papa mich zweimal zu Chorproben begleitet hat. Wir singen jetzt ein neues Programm voller Ave Marias u.a. von Liszt und das berühmte von Mozart, für ein Konzert am 22. Mai ein. Besonders freut mich eins von Rachmaninoff auf Russisch, aber wir singen auch Schumann auf deutsch, was mir zuerst auch simplistisch schien, aber bald ergab ich mich der Harmonie. Simpel wäre auch ganz gut, weil ich schockiert festgestellt habe, das wir jetzt einen ganzen Monat Osterpause haben, dann nur drei Wochen bis zum Konzert und dann den ganzen langen Sommer bis Oktober gar keinen Chor.

In einer glücklichen Fügung überschnitt sich Papas Anwesenheit auch mit einem der regelmäßigen Musikabende der Musikgesellschaft der Uni. Dort ist freie Bühne für alle Interessierten, vor allem natürlich die Musik- und Schauspielstudenten. Aber diesmal stand auch ich auf dem Programm: unser Pianist hatte mich gebeten, Schuberts einziges Melodram „Abschied von der Erde“ (nach Gedicht von A. von Pratobevera) zu seinem Spiel zu deklamieren. Auch dieser Auftritt weckte in mir eine unkomplizierte, direkte Freude, darüber, etwas selbst zu machen, und vor einem interessierten Publikum zu stehen, und dabei noch andere sehen zu können, die ebenfalls Begeisterung zeigen und dazu noch etwas können; dass sich junge Leute hier doch für mehr als „Fun“ mit Alkohol interessieren.
Am Wochenende wollten wir nach Cornwall fahren, sind dann aber ins erreichbarere historische Bath und das eher postindustrielle Bristol an der Westküste gefahren. Natur gab es auf dem Weg trotzdem genug zu sehen, die schönste Seite Englands, mit weiten grünen Feldern und wenig Menschen. Bath hat seinen Namen von den großen römischen Bädern, deren Becken immer noch von einer heißen Quelle gefüllt werden. Bristol dagegen verdankt seine ungeahnte Popularität dem Nachtleben seines revitalisierten Zentrums. Wir haben praktisch das letzte Hotelzimmer der Stadt bekommen, alle anderen sind wohl jede Woche von Leuten gebucht, die von nah und fern kommen um sich in den Kneipen richtig abzuschießen. Wir dagegen sahen uns in der Ruhe des Sonntagmorgens die Hängebrücke von Clifton an, die hoch über dem tief in den Fels gegrabenen Fluss gespannt ist. Riesenspaß hat mir auch die moderne Kunstgalerie gemacht, wo mir zum Glück nur noch Kasia fehlte. Wobei mir auch schmerzhaft klar wurde, dass Portsmouth dafür einfach zu klein ist und so etwas nie haben wird.

In dem mit Papas Besuch fast ununterbrochene Monat in der Gesellschaft von Menschen bin ich richtig aufgeblüht. Abgesehen vom Chor habe ich alles andere wie Tanzen nicht gemacht und auch nicht vermisst. Den Monat machte ich mit einem langen Osterwochenende mit den drei Bulgarinnen in York voll. Zum lange geplanten Ausflug mit Kalina schlossen sich noch ihre Schwester an, und ich traf außerdem eine Bekannte aus jenen Zeiten wieder, Natalia aus Rumänien, bei der ich auch übernachtete. Die Schwestern mussten leider eine Pension buchen. Dafür hatten wir ausgesprochenes Glück, denn entgegen der Vorhersage kam die in York so wichtige Sonne genau zu unserer Ankunft heraus und blieb das ganze Wochenende.
Es schien kaum Zeit vergangen zu sein, seitdem ich mit Kasia ein wundervolles, sonniges Ostern in York verbracht hatte. Zum Frühstück im Garten reichte es diesmal nicht, aber ich wandelte auf jenen Spuren wo nur möglich. Den Münster zeigte ich natürlich, selbst wohl wieder am meisten berührt von seinem Raum und Licht, und zum Ostergottesdienst vom traditionellen Psalm 150 des Chors. Und apropos Chor: in der Touristeninformation griff ich zum Konzertprogramm der Uni und was sehe ich? Mich! Auf dem Titelbild ist unser Konzert im Münster 2011, und in der obersten Reihe der Bühne stehe ich!
Ich lernte selbst noch dazu, nämlich, dass der in York gekrönte Konstantin der Große derselbe war, der Konstantinopel gründete. Auch Ausflüge nach Knaresborough und Harrogate haben wir wieder geschafft. Nur der geplante Salsaabend gelang nicht. Zwar machten wir auf einem meiner alten Kurse mit, aber als ich danach in einem richtigen Club tanzen wollten, hörte ich vom einen Türsteher erst, ich sei betrunken, und dem nächsten waren meine Schuhe nicht schick genug. Ich war tief beleidigt, wo mich ohnehin soviel in England stört. Mir sowas von diesem Alkoholikervolk anzuhören, wo ich am Samstag vermutlich der einzige in der ganzen Stadt war, der nicht mal ein Glas angefasst hatte. Stockbesoffene Pöbeleien sind kein Problem, aber falsche Schuhe. Mit Natalia und Kalina hatte ich über die Einbürgerungsprüfung hier gesprochen – von uns war ich der einzige, der sie sofort schaffen würde, aber auch der einzige, der nicht hier bleiben will.

Nach einem Monat mit der Gesellschaft, die mir hier immer gefehlt hat, bin ich jetzt erstmal wieder allein. Im Mai kommt, wie ich sehr hoffe, Kasia zu mir, und wie ich noch mehr hoffe, für eine längere Zeit. Parallel dazu hat Kalina wohl Arbeit bei Winchester gefunden und zieht eventuell in die Region. In jedem Fall soll der April erst einmal ruhig bleiben, denn so schön die letzten Wochen waren, so will ich auch erstmal ein wenig sparen.
Auf der Arbeit beginnen wir ein neues Projekt. Diesmal bereiten wir aus den Daten der Volkszählung sog. Herkunft-Ziel Statistiken. Das sind grob gesagt Migrationsstatistiken, wieviele Leute zwischen 2010 und 2011 aus Kreis A nach Kreis B gezogen sind, oder aus dem Ausland gekommen sind, oder als Studenten zwischen Semester- und Heimadresse pendeln, oder täglich zur Arbeit. Ein sehr spannendes Thema, wieder für kleine Spezialistengruppen. Außerdem bereitet meine Gruppe auch Daten für das europäische Statistikamt Eurostat vor, aber damit habe ich noch nichts zu tun. Auf einer praktischeren Ebene wurde ich am Gründonnerstag auf einen Feuerschutzkurs geschickt, wo mir als Bürobrandschützer der Umgang mit Feuerlöschern gezeigt wurde. Der Nachmittag war dem öffentlichen Dienst frei gegebenen, weshalb ich direkt im Anschluss nach Birmingham fahren konnte, und nicht zuletzt deshalb sang ich auf der Straße Poulencs Gloria.

Vor dem Konzert.


Auftritt mit unserem Pianisten beim Musikabend, leider verwaschen.


Meine Gastgeberin Natalia und ihre Blumen.

York: am Fluss.
Ostersonntagmorgen: auf dem Weg zum Gottesdienst.

Nach dem Gottesdienst.
Im Kapitelhaus des Münsters. 
Chorkonzert des Unichors York, 2011 im Münster. Wer findet mich? © 2013 University of York 


Die einzigen Überreste der normannischen Burg sind ein guter Aussichtspunkt.

England im Frühling - Osterglocken überall.

Ein ruhiger Fleck im am Wochenende immer vollen Zentrum.
In Harrogate.

Lokale Architektur in Knaresborough.

Zu vergleichen mit einem Bild mit Kasia von 2011.
Wenigstens einmal sind Kalina und ich doch zum Tanzen gekommen.