Mittwoch, 3. April 2013

Ein Monat Menschen

Eine Woche nach meiner Rückkehr aus Polen stand als erstes das zweite Konzert mit dem Universitätschor an. Das fand in einer der größten Kirchen Portsmouths statt und bereits die Generalprobe am Nachmittag zeigte, dass allein die Akustik unseren Gesang auf eine höhere Ebene hob. Hatte ich Zweifel an unserer Bereitschaft gehabt, so klang die durchaus anspruchsvolle modernere Musik allgemein besser im Übungssaal. Zum ersten Mal habe ich Lust auf kleineren Chor bekommen, in dem ich die Stimmgewalt der Masse gegen eigenen Einsatz tauschen könnte. Da passt es, dass der Chor noch mehr Leute verloren hat, jetzt sind wir bei vielleicht einem Drittel der Zahl vom Anfang.
Wie hoffentlich auf dem Foto zu sehen sang ich mit einem breiten Lächeln. Ich habe das moderne Gloria von Francis Poulenc wie von unserer Leitung versprochen richtig lieb gewonnen; die klassischen Stücke wirkten neben den Experimenten am Ende fast simplistisch. Aus dem gleichen Grund jedoch war ich überrascht, dass wir fast alle Plätze füllten. Eine Freundin vom Tango war auch dabei, sie lud ich im Anschluss ins Café und schloss mich danach dem Chor im Pub an. Mit einer kleinen Gruppe um die Leitung war ich zum ersten Mal mit Engländern vernünftig trinken, also lang und gut, aber nicht das Gesaufe, dass mich so anwidert, sondern am Ende Portwein beim Manager zu Hause. Tags darauf saß ich selbst im Publikum bei der ersten interessanten Theatervorstellung seit Juni, der Oper Carmen mit dem Nationalchor von Chisinau (Moldawien). Dabei lernte ich, warum Karten an der Seite billiger sind als in der Mitte: man hört nur die eine Hälfte des Orchesters. Dazwischen eine Hustenepidemie im Publikum, eventuell verursacht durch die scheinbar traditionelle Pauseneiscreme.

Noch einen Tag später kam Papa zu Besuch. An Arbeitstagen musste er tags allein reisen. Aber abends haben wir zusammen gekocht und auch ein tolles Tapas-Restaurant gleich bei mir um die Ecke gefunden, mit echten Spaniern und Riesenpaellas, und das auf der Hauptkneipenstraße, wo sonst nur Fastfood für die Betrunkenen am Wochenende geboten wird.
Mir ist es ja ein Bedürfnis geworden, Freunden und Familie meine Passionen zu zeigen, weshalb Papa mich zweimal zu Chorproben begleitet hat. Wir singen jetzt ein neues Programm voller Ave Marias u.a. von Liszt und das berühmte von Mozart, für ein Konzert am 22. Mai ein. Besonders freut mich eins von Rachmaninoff auf Russisch, aber wir singen auch Schumann auf deutsch, was mir zuerst auch simplistisch schien, aber bald ergab ich mich der Harmonie. Simpel wäre auch ganz gut, weil ich schockiert festgestellt habe, das wir jetzt einen ganzen Monat Osterpause haben, dann nur drei Wochen bis zum Konzert und dann den ganzen langen Sommer bis Oktober gar keinen Chor.

In einer glücklichen Fügung überschnitt sich Papas Anwesenheit auch mit einem der regelmäßigen Musikabende der Musikgesellschaft der Uni. Dort ist freie Bühne für alle Interessierten, vor allem natürlich die Musik- und Schauspielstudenten. Aber diesmal stand auch ich auf dem Programm: unser Pianist hatte mich gebeten, Schuberts einziges Melodram „Abschied von der Erde“ (nach Gedicht von A. von Pratobevera) zu seinem Spiel zu deklamieren. Auch dieser Auftritt weckte in mir eine unkomplizierte, direkte Freude, darüber, etwas selbst zu machen, und vor einem interessierten Publikum zu stehen, und dabei noch andere sehen zu können, die ebenfalls Begeisterung zeigen und dazu noch etwas können; dass sich junge Leute hier doch für mehr als „Fun“ mit Alkohol interessieren.
Am Wochenende wollten wir nach Cornwall fahren, sind dann aber ins erreichbarere historische Bath und das eher postindustrielle Bristol an der Westküste gefahren. Natur gab es auf dem Weg trotzdem genug zu sehen, die schönste Seite Englands, mit weiten grünen Feldern und wenig Menschen. Bath hat seinen Namen von den großen römischen Bädern, deren Becken immer noch von einer heißen Quelle gefüllt werden. Bristol dagegen verdankt seine ungeahnte Popularität dem Nachtleben seines revitalisierten Zentrums. Wir haben praktisch das letzte Hotelzimmer der Stadt bekommen, alle anderen sind wohl jede Woche von Leuten gebucht, die von nah und fern kommen um sich in den Kneipen richtig abzuschießen. Wir dagegen sahen uns in der Ruhe des Sonntagmorgens die Hängebrücke von Clifton an, die hoch über dem tief in den Fels gegrabenen Fluss gespannt ist. Riesenspaß hat mir auch die moderne Kunstgalerie gemacht, wo mir zum Glück nur noch Kasia fehlte. Wobei mir auch schmerzhaft klar wurde, dass Portsmouth dafür einfach zu klein ist und so etwas nie haben wird.

In dem mit Papas Besuch fast ununterbrochene Monat in der Gesellschaft von Menschen bin ich richtig aufgeblüht. Abgesehen vom Chor habe ich alles andere wie Tanzen nicht gemacht und auch nicht vermisst. Den Monat machte ich mit einem langen Osterwochenende mit den drei Bulgarinnen in York voll. Zum lange geplanten Ausflug mit Kalina schlossen sich noch ihre Schwester an, und ich traf außerdem eine Bekannte aus jenen Zeiten wieder, Natalia aus Rumänien, bei der ich auch übernachtete. Die Schwestern mussten leider eine Pension buchen. Dafür hatten wir ausgesprochenes Glück, denn entgegen der Vorhersage kam die in York so wichtige Sonne genau zu unserer Ankunft heraus und blieb das ganze Wochenende.
Es schien kaum Zeit vergangen zu sein, seitdem ich mit Kasia ein wundervolles, sonniges Ostern in York verbracht hatte. Zum Frühstück im Garten reichte es diesmal nicht, aber ich wandelte auf jenen Spuren wo nur möglich. Den Münster zeigte ich natürlich, selbst wohl wieder am meisten berührt von seinem Raum und Licht, und zum Ostergottesdienst vom traditionellen Psalm 150 des Chors. Und apropos Chor: in der Touristeninformation griff ich zum Konzertprogramm der Uni und was sehe ich? Mich! Auf dem Titelbild ist unser Konzert im Münster 2011, und in der obersten Reihe der Bühne stehe ich!
Ich lernte selbst noch dazu, nämlich, dass der in York gekrönte Konstantin der Große derselbe war, der Konstantinopel gründete. Auch Ausflüge nach Knaresborough und Harrogate haben wir wieder geschafft. Nur der geplante Salsaabend gelang nicht. Zwar machten wir auf einem meiner alten Kurse mit, aber als ich danach in einem richtigen Club tanzen wollten, hörte ich vom einen Türsteher erst, ich sei betrunken, und dem nächsten waren meine Schuhe nicht schick genug. Ich war tief beleidigt, wo mich ohnehin soviel in England stört. Mir sowas von diesem Alkoholikervolk anzuhören, wo ich am Samstag vermutlich der einzige in der ganzen Stadt war, der nicht mal ein Glas angefasst hatte. Stockbesoffene Pöbeleien sind kein Problem, aber falsche Schuhe. Mit Natalia und Kalina hatte ich über die Einbürgerungsprüfung hier gesprochen – von uns war ich der einzige, der sie sofort schaffen würde, aber auch der einzige, der nicht hier bleiben will.

Nach einem Monat mit der Gesellschaft, die mir hier immer gefehlt hat, bin ich jetzt erstmal wieder allein. Im Mai kommt, wie ich sehr hoffe, Kasia zu mir, und wie ich noch mehr hoffe, für eine längere Zeit. Parallel dazu hat Kalina wohl Arbeit bei Winchester gefunden und zieht eventuell in die Region. In jedem Fall soll der April erst einmal ruhig bleiben, denn so schön die letzten Wochen waren, so will ich auch erstmal ein wenig sparen.
Auf der Arbeit beginnen wir ein neues Projekt. Diesmal bereiten wir aus den Daten der Volkszählung sog. Herkunft-Ziel Statistiken. Das sind grob gesagt Migrationsstatistiken, wieviele Leute zwischen 2010 und 2011 aus Kreis A nach Kreis B gezogen sind, oder aus dem Ausland gekommen sind, oder als Studenten zwischen Semester- und Heimadresse pendeln, oder täglich zur Arbeit. Ein sehr spannendes Thema, wieder für kleine Spezialistengruppen. Außerdem bereitet meine Gruppe auch Daten für das europäische Statistikamt Eurostat vor, aber damit habe ich noch nichts zu tun. Auf einer praktischeren Ebene wurde ich am Gründonnerstag auf einen Feuerschutzkurs geschickt, wo mir als Bürobrandschützer der Umgang mit Feuerlöschern gezeigt wurde. Der Nachmittag war dem öffentlichen Dienst frei gegebenen, weshalb ich direkt im Anschluss nach Birmingham fahren konnte, und nicht zuletzt deshalb sang ich auf der Straße Poulencs Gloria.

Vor dem Konzert.


Auftritt mit unserem Pianisten beim Musikabend, leider verwaschen.


Meine Gastgeberin Natalia und ihre Blumen.

York: am Fluss.
Ostersonntagmorgen: auf dem Weg zum Gottesdienst.

Nach dem Gottesdienst.
Im Kapitelhaus des Münsters. 
Chorkonzert des Unichors York, 2011 im Münster. Wer findet mich? © 2013 University of York 


Die einzigen Überreste der normannischen Burg sind ein guter Aussichtspunkt.

England im Frühling - Osterglocken überall.

Ein ruhiger Fleck im am Wochenende immer vollen Zentrum.
In Harrogate.

Lokale Architektur in Knaresborough.

Zu vergleichen mit einem Bild mit Kasia von 2011.
Wenigstens einmal sind Kalina und ich doch zum Tanzen gekommen.



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