Eine
Woche nach meiner Rückkehr aus Polen stand als erstes das zweite
Konzert mit dem Universitätschor an. Das fand in einer der größten
Kirchen Portsmouths statt und bereits die Generalprobe am Nachmittag
zeigte, dass allein die Akustik unseren Gesang auf eine höhere Ebene
hob. Hatte ich Zweifel an unserer Bereitschaft gehabt, so klang die
durchaus anspruchsvolle modernere Musik allgemein besser im
Übungssaal. Zum ersten Mal habe ich Lust auf kleineren Chor
bekommen, in dem ich die Stimmgewalt der Masse gegen eigenen Einsatz
tauschen könnte. Da passt es, dass der Chor noch mehr Leute verloren
hat, jetzt sind wir bei vielleicht einem Drittel der Zahl vom Anfang.
Wie
hoffentlich auf dem Foto zu sehen sang ich mit einem breiten Lächeln.
Ich habe das moderne Gloria von Francis Poulenc wie von unserer
Leitung versprochen richtig lieb gewonnen; die klassischen Stücke
wirkten neben den Experimenten am Ende fast simplistisch. Aus dem
gleichen Grund jedoch war ich überrascht, dass wir fast alle Plätze
füllten. Eine Freundin vom Tango war auch dabei, sie lud ich im
Anschluss ins Café und schloss mich danach dem Chor im Pub an. Mit
einer kleinen Gruppe um die Leitung war ich zum ersten Mal mit
Engländern vernünftig trinken, also lang und gut, aber nicht das
Gesaufe, dass mich so anwidert, sondern am Ende Portwein beim Manager
zu Hause. Tags darauf saß ich selbst im Publikum bei der ersten
interessanten Theatervorstellung seit Juni, der Oper Carmen mit dem
Nationalchor von Chisinau (Moldawien). Dabei lernte ich, warum Karten
an der Seite billiger sind als in der Mitte: man hört nur die eine
Hälfte des Orchesters. Dazwischen eine Hustenepidemie im Publikum,
eventuell verursacht durch die scheinbar traditionelle
Pauseneiscreme.
Noch
einen Tag später kam Papa zu Besuch. An Arbeitstagen musste er tags
allein reisen. Aber abends haben wir zusammen gekocht und auch ein
tolles Tapas-Restaurant gleich bei mir um die Ecke gefunden, mit
echten Spaniern und Riesenpaellas, und das auf der
Hauptkneipenstraße, wo sonst nur Fastfood für die Betrunkenen am
Wochenende geboten wird.
Mir
ist es ja ein Bedürfnis geworden, Freunden und Familie meine
Passionen zu zeigen, weshalb Papa mich zweimal zu Chorproben
begleitet hat. Wir singen jetzt ein neues Programm voller Ave Marias
u.a. von Liszt und das berühmte von Mozart, für ein Konzert am 22.
Mai ein. Besonders freut mich eins von Rachmaninoff auf Russisch,
aber wir singen auch Schumann auf deutsch, was mir zuerst auch
simplistisch schien, aber bald ergab ich mich der Harmonie. Simpel
wäre auch ganz gut, weil ich schockiert festgestellt habe, das wir
jetzt einen ganzen Monat Osterpause haben, dann nur drei Wochen bis
zum Konzert und dann den ganzen langen Sommer bis Oktober gar keinen
Chor.
In
einer glücklichen Fügung überschnitt sich Papas Anwesenheit auch
mit einem der regelmäßigen Musikabende der Musikgesellschaft der
Uni. Dort ist freie Bühne für alle Interessierten, vor allem
natürlich die Musik- und Schauspielstudenten. Aber diesmal stand
auch ich auf dem Programm: unser Pianist hatte mich gebeten,
Schuberts einziges Melodram „Abschied von der Erde“ (nach Gedicht
von A. von Pratobevera) zu seinem Spiel zu deklamieren. Auch dieser
Auftritt weckte in mir eine unkomplizierte, direkte Freude, darüber,
etwas selbst zu machen, und vor einem interessierten Publikum zu
stehen, und dabei noch andere sehen zu können, die ebenfalls
Begeisterung zeigen und dazu noch etwas können; dass sich junge
Leute hier doch für mehr als „Fun“ mit Alkohol interessieren.
Am
Wochenende wollten wir nach Cornwall fahren, sind dann aber ins
erreichbarere historische Bath und das eher postindustrielle Bristol
an der Westküste gefahren. Natur gab es auf dem Weg trotzdem genug
zu sehen, die schönste Seite Englands, mit weiten grünen Feldern
und wenig Menschen. Bath hat seinen Namen von den großen römischen
Bädern, deren Becken immer noch von einer heißen Quelle gefüllt
werden. Bristol dagegen verdankt seine ungeahnte Popularität dem
Nachtleben seines revitalisierten Zentrums. Wir haben praktisch das
letzte Hotelzimmer der Stadt bekommen, alle anderen sind wohl jede
Woche von Leuten gebucht, die von nah und fern kommen um sich in den
Kneipen richtig abzuschießen. Wir dagegen sahen uns in der Ruhe des
Sonntagmorgens die Hängebrücke von Clifton an, die hoch über dem
tief in den Fels gegrabenen Fluss gespannt ist. Riesenspaß hat mir
auch die moderne Kunstgalerie gemacht, wo mir zum Glück nur noch
Kasia fehlte. Wobei mir auch schmerzhaft klar wurde, dass Portsmouth
dafür einfach zu klein ist und so etwas nie haben wird.
In
dem mit Papas Besuch fast ununterbrochene Monat in der Gesellschaft
von Menschen bin ich richtig aufgeblüht. Abgesehen vom Chor habe ich
alles andere wie Tanzen nicht gemacht und auch nicht vermisst. Den
Monat machte ich mit einem langen Osterwochenende mit den drei
Bulgarinnen in York voll. Zum lange geplanten Ausflug mit Kalina
schlossen sich noch ihre Schwester an, und ich traf außerdem eine
Bekannte aus jenen Zeiten wieder, Natalia aus Rumänien, bei der ich
auch übernachtete. Die Schwestern mussten leider eine Pension
buchen. Dafür hatten wir ausgesprochenes Glück, denn entgegen der
Vorhersage kam die in York so wichtige Sonne genau zu unserer Ankunft
heraus und blieb das ganze Wochenende.
Es
schien kaum Zeit vergangen zu sein, seitdem ich mit Kasia ein
wundervolles, sonniges Ostern in York verbracht hatte. Zum Frühstück
im Garten reichte es diesmal nicht, aber ich wandelte auf jenen
Spuren wo nur möglich. Den Münster zeigte ich natürlich, selbst
wohl wieder am meisten berührt von seinem Raum und Licht, und zum
Ostergottesdienst vom traditionellen Psalm 150 des Chors. Und apropos Chor: in der Touristeninformation griff ich zum Konzertprogramm der Uni und was sehe ich? Mich! Auf dem Titelbild ist unser Konzert im Münster 2011, und in der obersten Reihe der Bühne stehe ich!
Ich lernte
selbst noch dazu, nämlich, dass der in York gekrönte Konstantin der
Große derselbe war, der Konstantinopel gründete. Auch Ausflüge
nach Knaresborough und Harrogate haben wir wieder geschafft. Nur der
geplante Salsaabend gelang nicht. Zwar machten wir auf einem meiner alten Kurse mit, aber als ich danach in einem richtigen Club tanzen wollten, hörte ich vom einen Türsteher erst, ich
sei betrunken, und dem nächsten waren meine Schuhe nicht schick
genug. Ich war tief beleidigt, wo mich ohnehin soviel in England
stört. Mir sowas von diesem Alkoholikervolk anzuhören, wo ich am
Samstag vermutlich der einzige in der ganzen Stadt war, der nicht mal
ein Glas angefasst hatte. Stockbesoffene Pöbeleien sind kein
Problem, aber falsche Schuhe. Mit Natalia und Kalina hatte ich über
die Einbürgerungsprüfung hier gesprochen – von uns war ich der
einzige, der sie sofort schaffen würde, aber auch der einzige, der
nicht hier bleiben will.
Nach
einem Monat mit der Gesellschaft, die mir hier immer gefehlt hat, bin
ich jetzt erstmal wieder allein. Im Mai kommt, wie ich sehr hoffe,
Kasia zu mir, und wie ich noch mehr hoffe, für eine längere Zeit.
Parallel dazu hat Kalina wohl Arbeit bei Winchester gefunden und
zieht eventuell in die Region. In jedem Fall soll der April erst
einmal ruhig bleiben, denn so schön die letzten Wochen waren, so
will ich auch erstmal ein wenig sparen.
Auf
der Arbeit beginnen wir ein neues Projekt. Diesmal bereiten wir aus
den Daten der Volkszählung sog. Herkunft-Ziel Statistiken. Das sind
grob gesagt Migrationsstatistiken, wieviele Leute zwischen 2010 und
2011 aus Kreis A nach Kreis B gezogen sind, oder aus dem Ausland
gekommen sind, oder als Studenten zwischen Semester- und Heimadresse
pendeln, oder täglich zur Arbeit. Ein sehr spannendes Thema, wieder
für kleine Spezialistengruppen. Außerdem bereitet meine Gruppe auch
Daten für das europäische Statistikamt Eurostat vor, aber damit
habe ich noch nichts zu tun. Auf einer praktischeren Ebene wurde ich
am Gründonnerstag auf einen Feuerschutzkurs geschickt, wo mir als
Bürobrandschützer der Umgang mit Feuerlöschern gezeigt wurde. Der
Nachmittag war dem öffentlichen Dienst frei gegebenen, weshalb ich
direkt im Anschluss nach Birmingham fahren konnte, und nicht zuletzt
deshalb sang ich auf der Straße Poulencs Gloria.
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| Vor dem Konzert. |
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| Auftritt mit unserem Pianisten beim Musikabend, leider verwaschen. |
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| Meine Gastgeberin Natalia und ihre Blumen. |
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York: am Fluss.
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| Ostersonntagmorgen: auf dem Weg zum Gottesdienst. |
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| Nach dem Gottesdienst. |
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| Im Kapitelhaus des Münsters. |
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| Chorkonzert des Unichors York, 2011 im Münster. Wer findet mich? © 2013 University of York |
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| Die einzigen Überreste der normannischen Burg sind ein guter Aussichtspunkt. |
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| England im Frühling - Osterglocken überall. |
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| Ein ruhiger Fleck im am Wochenende immer vollen Zentrum. |
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| In Harrogate. |
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| Lokale Architektur in Knaresborough. |
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| Zu vergleichen mit einem Bild mit Kasia von 2011. |
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| Wenigstens einmal sind Kalina und ich doch zum Tanzen gekommen. |
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