Sonntag, 2. Juni 2013

02.06.2013

Im Mai habe ich das Aktivsein übertrieben und war am Ende ganz schön erschöpft. Davon ist am Ende viel weggefallen, dafür mache ich mir jetzt Stress, unbedingt alles zu schaffen, was ich für den Sommer geplant habe. Denn der ist da: Am Monatsende begann Baden, Grillen und Konzerte am Meer. Das überbordende Farbenmeer des blühenden Frühlings weicht zwar einem allgemeinen Gruen, aber die Stadt kommt aus dem Haus und geht ans Meer. Und mir bringt der Sommer die ersten deja-vus – mein erstes Jahr in Portsmouth ist bald voll.

Körperkultur

Die ersten Wochen hat mir das Kaltwasserexperiment den letzten freien Abend der Woche belegt. Nach der beschämenden ersten Sitzung wurde es mit jedem Mal besser. Zweimal musste ich einfach nur eine Stunde im Wasser sitzen und mich über Tanzen und Wissenschaft unterhalten. Einmal musste ich noch schwimmen, aber diesmal hielt ich ohne Kleidung eine halbe Stunde gegen den Strom durch. Jetzt ist das Experiment vorbei und auf eine bestimmte Weise vermisse ich die physische Erfahrung. Außerdem habe ich gelernt, warum mir beim Singen oft schwindelig wird: das kommt von zuviel Luftholen. Kontrolliert man die Atmung, hört auch das Zittern auf.

Geistkultur

Dafür habe ich einen Abend mehr frei. Ein zweiter kommt hinzu, seitdem der Chor in die Sommerpause gegangen ist. Unser letztes Konzert fand am 22. Mai in einer Kirche statt, unter abschließender Leitung des dirigierenden Studenten, der damit sein Studium beendet. Durch die Lanzettfenster leuchtete abends gerade die Sonne das weißgestrichene Schiff aus. Unser normaler Dirigent half den wenigen verbliebenen Bässen und Tenören aus; mir gefiel es ganz gut, als einer von nur drei zweiten Bässen zu hören, welchen Beitrag meine Stimme leistet und tapfer Breschen zu füllen. Wider Erwarten hatten wir trotz des hässlichsten Plakats aller Zeiten auch Gäste, einen habe ich persönlich beigesteuert. Jetzt ist bis Mitte September kein Chor mehr, dann beginnen wir Salieris „Hofkapellmeistermesse“ in D-Dur und Mozarts Missa Brevis KV 167. Ich suche einen Sommerchor, aber bis dahin habe ich mir schonmal die Noten für den Herbst zum Üben besorgt.

Ebenfalls musikalisch war ein großer Salsaabend im Spinnaker Turm am Hafen. Ich kam zwar zu spät, um noch auf die Aussichtsplattform zu kommen, hatte aber auch unten viel Spaß mit einigen der bisher besten Partnerinnen hier. Mein Interesse liegt aber weiterhin mehr beim Tango, bei dem ich jeden Fortschritt mit Schweiß und Nerven bezahle.

Im Filmverein habe ich einen chilenischen Film über die Volksabstimmung 1988 sowie den deutschen Film „Lore“ gesehen. Im normalen Kino habe ich außerdem mit einer Bekannten aus dem Gemeinschaftsgarten Den Großen Gatsby angeschaut. Auf dem Weg nach Hause merkte ich anschließend zum ersten Mal, dass es schon warm genug ist, um elf Uhr abends im Pullover am Meer entlang zu fahren. Neben mir lief die Nachtfähre nach Frankreich aus, und auch tagsüber sind jetzt wieder die Kreuzfahrtschiffe und zahllose weißen Segel zu sehen.
Mehr Schauspiel gab es an der Uni, wo zum Semesterschluss ein einwoechiges, kostenloses Festival der Schauspielfakultaet stattfand. Ich habe zwei sehr gute Stuecke gesehen, ein Musical und ein modernes von Tadeusz Kantor, zu dem auch Mathieu mitgekommen ist.

Auf Anraten einer Kollegin habe ich ganz schnell Huxleys Schöne neue Welt durchgelesen. Nach vielen Monaten im langen populärwissenschaftlichen Buch davor flogen die Novellenseiten dahin.

Soziokultur

Es wurde klar, das Wetter bleibt durchwachsen, aber im Durchschnitt steigt die Temperatur genug, um langsam Abende vor der Tür ermöglichen. Portsmouth und die Seepromenade schalten langsam wieder in den Sommermodus, den ich bei meiner Ankunft vorfand, aber diesmal kann ich mit viel mehr Kontakten arbeiten. Wird der generelle Bewegungsmangel zu akut, kann ich nebenan im Gemeinschaftsgarten arbeiten. Mitte Mai habe ich den Fußweg rollstuhlfreundlich geebnet, bekam dafür frisches Gemüse und den Abend konnten wir am Teich aussitzen. Anschließend habe ich mit einer ganzen Gruppe Italiener, die zu zwei neuen Sängern im Chor gehören, die Füße ins Meer gesteckt. Ein fröhliches Volk, dass ohne Hemmungen auf der Straße singt. Mit Mathieu habe ich später das Gemüse verkocht und meine Sommerpläne besprochen. Mit seinem Auto haben wir den ersten schon umgesetzt, die Radtour im New Forest. Und am allerersten Junitag haben wir offiziell den Sommer eingezählt, mit Golf am Meer, dem ersten richtigen Baden im Andenken an kälteres Wasser und abschließend einem Picknick beim ersten öffentlichen Konzert am Meer der Saison. Wenn ich allerdings nicht von Menschen umgeben bin, nichts zu tun und kein Gefuehl von Ziel habe, bricht mit dem weniger an Verpflichtungen jetzt auch wieder stärker meine Einsamkeit durch.

Reinkultur

Zu Hause sind wie erwartet zwei meiner drei Mitbewohner für den Sommer ausgezogen. Die Bulgarin und der Künstler sind weg, und mit letzterem die Unordnung. Das ist nicht nur Einbildung: am Tag darauf putzte mein verbliebener Mitbewohner die Küche, und im Gegensatz zu früher ist sie auch drei Tage später noch sauber. Bezeichnenderweise fällt mir das auch immer noch auf, wenn ich abends nach Hause komme.

Arbeit

Wie ich in den Nachrichten erfahren habe, wurden auch Deutschland Ergebnisse einer Volkszählung veröffentlicht. Sie war scheinbar nur zwei Monate nach der in England durchgeführt, aber fast ein ganzes Jahr später veröffentlicht worden. Im Gegensatz zu Großbritannien wird in Deutschland nicht regelmäßig gezählt und die letzte Zählung war die erste seit über 20 Jahren. Während hier die Bevölkerung größer war, als erwartet, ist sie in Deutschland um anderthalb Millionen niedriger.
Meine Arbeit ist etwas anstrengend und die vielen privaten Beschäftigungen kosteten mir im Mai den nötigen Schlaf. Nach den angenehm konzentrierten Aufgaben der ersten Monate verliere ich mich in zuvielen kleineren Strängen und habe zuviele offene Enden. Wir bereiten den öffentliche Zugang zu den Daten vor, die wir bisher aufbereitet haben. Nebenher testen wir sie aber auch und finden natürlich Probleme. Wie wir sie testen, müssen wir selbst planen, d.h. auch ich, und ich stehe manchmal ziemlich ahnungslos vor der Aufgabe. Dafür wurde mir meine erste Konferenzpräsentation übertragen, für den September in Wales. Und bald ist mein erstes Jahr hier voll.


Konzert (gestellt)
Allseits gesegnet.

Im Meer mit Italienern.

Im Gemeinschaftsgarten. Richtige Arbeit nach Büroschluss.
Extraargentinischer Tangoabend.

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