Sonntag, 7. August 2016

Großer Nachtrag 4: Gute Ideen

Im Labyrinth
Einmal kam ich sehr müde von der Arbeit. Ich lag auf dem Sofa und tat mir leid. Dann rief Ellie mich an, dass sie von einer Bekannten gratis Theaterkarten bekommen hat, wenn ich schnell in die Stadt komme. So habe ich in Portsmouth einmal richtig gutes Theater gesehen: Shakespeares Zwei Herren aus Verona. Sie selbst hatte wegen ihres wöchentlichen Tanzkurses leider keine Zeit. Natürlich habe ich auch einige Sachen zusammen mit Ellie gemacht. Schließlich hat sie eine Menge gute Ideen. Zum Beispiel waren wir beim Freiluftkino im Garten des Naturhistorischen Museums und haben "Labyrinth" geguckt. Das ist ein bizarrer Film aus den 80ern. Mit David Bowie als dem König der Kobolde, letztere Puppen von Jim Henson. Alles etwas komisch - aber eben David Bowie. Von dem kriege ich irgendwie erst jetzt mehr mit.

Im Lavendel
An einem der heißesten Tage sind wir auf einen Lavendelhof auf dem Land in der Region der Hubertuskapelle gefahren. Die macht nur eine Woche im Jahr für wohltätige Zwecke auf und zieht dann tausende Menschen an. Da machen dann alle Fotos ihrer schönsten Sommerkleider im Lavendel. Die Hitze stand zwischen den Saatreihen - zugegebenermaßen fast wie Italien. Nur der Kuchen war gerade alle. Aber man fährt mit dem Gefühl nach Hause, etwas mit den spärlichen Sommertagen gemacht zu haben. Ellie weiß, dass ist für mich wichtig.

Im Hafen
Einmal hatte auch ich eine gute Sommeridee und wir haben eine Hafenrundfahrt gemacht. Endlich, denn die Möglichkeit hatte ich ja schon seit vier Jahren, und Karten seit knapp einem - sie sind in der Jahreskarte zur Historischen Werft inbegriffen. Allerdings hatte ich nie viel erwartet, schließlich sind Portsmouths große Marinetage vorbei. Aber an diesem Tag hat uns das beiden großen Spaß gemacht, denn die Sonne schien, der Kapitän war gut informiert, es fühlte sich wie Urlaub an. Man sieht ja von den öffentlich zugänglichen Orten gar nicht, wie groß der Hafen wirklich ist. Weiter hinten liegen da noch diverse Kriegsschiffe, sogar ein ausgemusterter Flugzeugträger - ich dachte, der wäre schon verschrottet worden. Im nächsten Jahr kommt übrigens der erste von zwei neugebauten Trägern an, die Queen Elizabeth. Portsmouth wird ihr neuer Heimathafen. Aber auch der Passagierkai liegt dort gut versteckt, also die Fähren nach Frankreich und Spanien. Dort hat Ellie als Studentin gejobbt. Außerdem das Bananenschiff, dass (und ich habe das ungläubig mehrmals überprüft) den gesamten Bananenimport der Landes anbringt.

In der Historischen Werft ist vor einigen Wochen auch eine neue Ausstellung über die Schlacht am Skagerrak eröffnet worden. Dabei starben 3.300 Mann aus Portsmouth und Umgebung. Zum kürzlichen Jahrestag war auch in den Medien eine Menge davon zu hören. In Großbritannien ist der Erste Weltkrieg ("Der große Krieg") allgemein sehr viel präsenter als in Deutschland. Zum Beispiel wurde im Büro eine Schweigeminute am Jahrestag der Schlacht an der Somme eingelegt, an dem besonders viele britische Soldaten fielen. (Allerdings sind auch Schweigeminuten allgemein viel prominenter als in Deutschland).

Ich habe nach einigen Versuchen ein neues Buch zum Vorlesen für Ellie gefunden: Jules Vernes In 80 Tagen um die Welt. Da haben sich die Jahre in der Kinderbibliothek ausgezahlt.



Dienstag, 2. August 2016

Großer Nachtrag 3: Sommer

Am 15. Juli gaben wir die letzte Tangoshow unserer diesjährigen Tour. Nicht unsere beste Leistung, aber meine persönliche war gut und vor allem wurde nach der letzten Verbeugung groß gefeiert, dass alles vorbei war. Wie schon vor zwei Jahren schenkte ich an der Kulissenbar zum letzten Auftritt echten Wein aus. Wir hatten in Epsom getanzt, fast in London, und waren erst gegen 23 Uhr aus dem Theater gekommen. Zum Glück fand ich im Anschluss eine schnelle Rückfahrgelegenheit. Ich habe mich in meinem Haus ausgeschlafen und konnte so morgens schwimmen gehen, bevor ich zur Arbeit fuhr. Es war gerade Flut und sonnig und Schiffe kreuzten vor der Küste.

Die folgenden zwei Wochen brachten uns endlich ein paar perfekte Tage an denen ich von der Arbeit direkt an den Strand gefahren und schweissgebadet ins Wasser gesprungen bin. Das ist  seiner wärmsten Phase (nicht dass mir die Bulgaren das glauben wollen). Einmal war es ganz windstill, sodass ich mich  einfach vom Wasser treiben lassen und bis Mitternacht am  Meer bleiben konnte. Das ich einmal bis abends am Meer sitzen würde, wie coole Menschen. Früher hatte ich mal Angst vor Stränden! Die halbe Stadt ist dann am Meer, und am Himmel stand schon der blasse Vollmond, während die Sonne noch schien. Später wird die Sonne schwächer und der Mond kräftiger. Knapp über dem Horizont entsteht ein Streifen lila, darunter dann ein Streifen Blau, der sich immer weiter nach oben verbreitert.  Freunde, Pärchen und Familien sitzen am Wasser bis es dunkel wird. Dann erscheint nach und nach der  silberne Streifen des Mondes auf dem Wasser.

Am Tag darauf war es noch heißer. Absolut brütend. Und der ganze Strand voller Menschen. Aber es war auch windiger und nach einer Stunde wird einem dadurch trotz allem kalt. Und dann gibt es graue unspektakuläre Abende wenn der Strand leer ist, aber der Wind schwach. Dann kann ich mich einfach hinlegen solang ich will und die Augen zumachen. Die Wellen und die Möwen hören. Das macht den Feierabend schön.

Schon wieder Tango? 
Tango vorbei!




Großer Nachtrag 2: Leute Leute

Mitte Juli habe ich unerwartet Mathieu wiedergesehen. Einen Tag hat sich unsere ganze Truppe mit ihm in Oxford getroffen und wir sind ein wenig um die Fakultäten und den Fluss gezogen. Und zwei Wochen darauf kam er zwei Nächte nach Portsmouth. Anlass war die Abschiedsfeier unserer Freundin Ana, die inzwischen endlich zurück nach Lissabon gezogen ist. Die meiste Zeit war er aber in Southsea. Zum Glück hatten wir gerade einige der besten Sommertage des Jahres und Freitag konnten wir bis 22 Uhr am Meer etwas trinken. Am nächsten Tag haben wir auf dem Weg zur Feier in der Abtei von Romsey Halt gemacht, die etwas außerhalb von Southampton liegt. Abends haben wir dann in Southampton gefeiert (leider war Kalina nicht in der Stadt); ich habe mit Ana zum letzten Mal getanzt - sie war in ihrer Zeit hier immer mal wieder zu meinem Tangokurs gekommen.

Kalina habe ich dann doch noch zweimal gesehen. Langsam habe ich wieder mehr Zeit für sie, nachdem das erste Halbjahr mit Tango und Mathieu ausgelastet war. Einen Tag habe ich sie in Southampton besucht, um ihren Auftritt bei einem großen jährlichen indischen Tanzfestival zu sehen. Nicht auszudenken, dass wir uns vor zehn Jahren kennengelernt haben, sie damals gerade mal 19 war - aber schon damals hat sie ganz toll getanzt.
Ende Juli kam sie dann für eine Nacht zu uns, wo wir zusammen tanzen waren, auf einer Salsaparty (meiner ersten seit...langer Zeit). Am Tag darauf haben wir dann auch sie mit dem Auto zur Hubertuskapelle genommen. Ursprünglich hatte ich etwas laufen wollen, aber Ellie war krank, sodass wir uns stattdessen wie fast jedes Mal ins Gras in die Sonne gelegt haben. 

Ich habe auch neue Mitbewohner, auch wenn das eine viel weniger wichtige Neuigkeit ist, seitdem ich kaum noch bei mir übernachte. Es sind die üblichen Sommerbulgaren von der Uni Sofia. Mir fiel sofort wieder der Unterschied zu englischen Mitbewohnern auf: sie sind sauber, ordentlich und allgemein irgendwie erwachsener. Nach dem Kochen wird die Küche saubergemacht, Eine spricht fließend Deutsch, war ein Jahr in D
ortmund.


Mit Mathieu in Oxford.

Mit Mathieu in Portsmouth.


Montag, 1. August 2016

Großer Nachtrag 1: Mein Geburtstag

Einer der Höhepunkte des Julis war sicherlich mein Geburtstag (der 29. wie mir nach etwas Nachdenken wieder einfiel), nicht zuletzt, weil Papa mich besuchte. Zu der Gelegenheit habe ich mir zwei Tage freigenommen und wir haben (zusammen mit Ellie) das erste Mal die Möglichkeiten des Autos voll genutzt. Einen Tag ist Ellie gefahren, einen Tag durfte ich. Erst haben wir den Zoo in Marwell besichtigt; für mich der erste Tierpark seit...vielen Jahren (ich wollte schon längere Zeit mal wieder in den Rostocker Zoo...ganz nebenbei). Papa hatte gutes Wetter mitgebracht, wir sind gute drei Stunden rumgelaufen, Ellie mochte am liebsten die Kaiseräffchen, ich vermutlich den Webervogel.
Auf dem Weg hielten wir ungeplant an der Ruine eines Palastes der Bischöfe von Winchester. Daran war ich einige Wochen vorher während meiner Tour auf dem Pilgerpfad langgekommen, aber es war zu gewesen. Zum Abschluss fuhren wir abends nach Winchester, wo zu meiner Überraschung selbst Ellie noch nicht wirklich gewesen war. Wir haben vor der Kathedrale Fish und Chips gegessen und hatten im Anschluss das Glück, nicht nur gratis hineinzukommen, sondern dazu noch während einer Chorprobe. Sowas freut mich immer, wenn ich Gäste habe.
Am Tag darauf wollten wir eigentlich auf die Isle of Wight, aber da war gerade Festival und alle Fähren ausgebucht, also sind wir spontan in den New Forest. Dorthin war ich mit Papa und Ellie schon einmal, ohne Auto und ohne Wetterglück gefahren. Nun war das Wetter gut und ich hatte gerade zwei Wochen vorher auf meiner Schlammradtour ein paar zeigenswerte Orte gefunden. Zum einen ein Wildgehege mit Rehen, denn für Ellie sind Rehe in freier Natur etwas ganz Ungewöhnliches. Das zweite war ein Cafe mit dem schönsten Garten und der unflexibelsten Kuchenpflicht. Ellie war nicht amüsiert.
Mit dem Auto kann ich jetzt auch allen Gästen meine Lieblingsorte zeigen. Zuvorderst ist das die Hubertuskapelle, zu der wir an einem Abend nach der Arbeit gefahren sind. Durch Papa bin ich auch erst dazu gekommen, mir einige EM Spiele anzusehen.

Geschenke
Ein Schachspiel, ein anderes Brettspiel, 600 Seiten Geschichte der Seidenstraße, und 120 Seiten Der letzte Eskimovogel, ein ungewöhnliches Buch über eine im Aussterben begriffene Art von 1954. Recherche ergab, dass ab und zu immer noch hier und da Exemplare gesehen werden. Das Schachspiel kam von Ellie, die überraschenderweisse gesagt hatte, dass sie das als Kind gerne gespielt hat. Dabei mag sie generell keine langen, komplizierten oder regelreichen Spiele. Nun stellte sich heraus, dass sie damals mit ihrer Schwester Schach nach ihren eigenen Regeln gespielt hatte. Nach 10 Minuten waren alle Figuren geschlagen. Buddha wurde eine Paketschachtel als neue Bleibe überlassen.



Stolzer Hausbesitzer.

Donnerstag, 30. Juni 2016

Als Ellie mal wieder auf einer Hochzeit war, bin ich in den New Forest radeln gefahren. Da war ich seit dem Winter nicht mehr. Bisher war ich fast immer mit Mathieu und seinem Auto dagewesen. Diesmal allein war ich etwas schneller und flexibler und bin einfach der Nase lang gefahren. Einmal hat mich das in eine Schlammkuhle befördert, denn es war sehr nass, aber wider Erwarten hat mich das nicht gebremst. Und die Ponies und Esel. Bald danach habe ich aber die festen Wege gefunden und habe den Wald und die Ruhe genossen. Ich habe auch einige schöne neue Orte zum Besuch mit Ellie gesehen, wie ein Rehgehege und ein Gartencafe. Ellie ist bisher nämlich nur zweimal durch den Wald gefahren und niemals wirklich dort rumgelaufen.
Zusammen mit Ellie bin ich eines Montagsabends zum Picknick zu St. Hubertus gefahren. Ich durfte sogar Auto fahren! Eigentlich wollte ich ihr die Blumen zeigen, aber scheinbar wachsen die dieses Jahr doch nicht. Aber jeder Besuch dort auf den Feldern, mit dem weiten Blick, dem Wald und den Vögeln öffnet meine Seele. Danach habe ich es sogar noch zum Schwimmen im Meer und zum Rosengarten geschafft. Die Rosen sind schon wieder am Verblühen, aber ich genieße jedes Mal, auch nur für fünf Minuten abends dort zu sitzen. Denn ruhig ist es dort auch.

Leider hat der Sommer nach einigen halbherzigen Versuchen wieder aufgegeben; das Wetter ist katastrophal kühl und langweilig. Der Garten macht zwar trotzdem Spaß, aber ich kann oft nicht Lesen, weil es irgendwann wieder zu regnen anfängt. Drei Männer auf Bummelfahrt habe ich ausgelesen und widme mich jetzt wieder der Geschichte und Chemie. Im Radio höre ich mir nach und nach Kurzproträts wichtiger Angelsachsen an. Wiederum eine Folge des Erbe Roms. Vor Kurzem habe ich auch mal ein Comicbuch zur Hand genommen, dass mir Mathieu zum Abschied vererbt hat. Das hat mich daran erinnert, wie wir in der Schule gelernt hatten, dass Comics in Frankreich eine populäre und ernsthafte Gattung sind. Wie Science Fiction in der Sowjetunion vielleicht. Nun, ich lese zum ersten Mal ein richtiges Comicbuch, und es macht mir Spaß.

Nun komme ich doch nicht um das Referendum rum. Politisch ist das ganze inzwischen nur noch eine Tragifarce. Besser also ein persönlicher Bericht. Am Morgen nach der Volksabstimmung musste ich erstmal Ellie trösten. Interessanterweise war auch auf der Arbeit eine miese, surreale Stimmung. Und die meisten Kollegen betrifft es ja nicht direkt. Sogar ich, der ich seit Monaten predige, dass es für uns persönlich erstmal keine Auswirkungen hat, hatte so ein komisches Gefühl von 19. Jahrhundert. Wirklich nerven tut mich aber nur eins: In der Presse, sowohl hier als auch im Ausland, analysieren Journalisten nun seit Monaten verzweifelt die Seiten voll mit Scheindebatten. Bei dem Referendum ging es natürlich nicht um die EU (wer kennt die schon), sondern um Rassismus. Ganz normalen Rassismus bei den einfachen Menschen (man zündet ja auch keine Asylheime an, weil man "besorgt" ist) und bei den reicheren Konservativen kommt dazu dieses merkwürdige Gefühl, es schon immer besser als andere Länder gemacht zu haben. Darum sind damals 2011 soviele Konservative der UKIP hinterhergerannt, und nur darum wurde das Referendum ja angesetzt. Ich persönlich werde also in der Tat keine Probleme haben, denn ich habe die richtige Hautfarbe und komme aus einem reichen Land.
Man muss den Leuten zu Gute halten, dass man sich außerhalb der Politik sofort öffentlich vor die Ausländer gestellt hat. Abgeordnete bauen dafür öffentlich Druck für die Leute ihres Wahlkreises auf. Vermutlich da es hier nur Direktmandate gibt. Auf der Arbeit kamen sehr schnell Statements von Gewerkschaft, Management. Das ist dann doch beruhigend. Überraschend sind die plötzlichen öffentlichen Angriffe auf Ausländer zwar nicht, aber wenn sogar persönliche Freunde davon berichten, trifft es einen doch mehr als gedacht. Und natürlich werden nicht nur EU Ausländer angemacht. Ausländer ist Ausländer.

Donnerstag, 23. Juni 2016

Einen Gang runter

Tango
Mitte Juni haben wir den vierten (von fünf) Tangoauftritten in Guildford absolviert. Bis zum fünften und letzten haben wir jetzt erstmal einen Monat Pause - was sehr willkommen ist. Trotzdem ist es schade, dass es schon wieder fast vorbei ist. Der letzte Auftritt lief nämlich noch einmal etwas besser als der davor (der war nur vier Tage vorher gewesen und der Übungseffekt steckte uns sicherlich noch in den Knochen. Jetzt wo wir unsere Routinen genug beherrschen um an Details zum Denken und den Tanz als ganzen zu  steuern macht das Ganze gerade erst richtig Spaß. Überhaupt scheint die Aktion diesmal schneller vorbei als 2014. Nicht zuletzt wohl, weil ich viel mehr Choroegraphien habe als damals - bevor ich das erste Mal durchatmen kann und nicht schnell zum Umkleiden rennen muss, ist die erste Halbzeit schon wieder vorbei.

Canterbury
Dieser Auftritt fand leider an einem Wochentag statt, und da wir erst spät zurückkamen, war ich am nächsten Tag ordentlich fertig. Sehr viel ausschlafen konnte ich auch nicht, denn zwei Nächte später bin ich mit Ellie zum Geburtstag ihrer Schwester nach Canterbury gefahren. Kaum zu glauben, dass der letzte Besuch bei ihr dort vor zwei  Jahren war - Ihr erinnert Euch vielleicht, das mit dem Haus auf dem Feld. Das letzte Mal in Canterbury selbst war ich aber erst Anfang des Jahres gewesen, mit Mathieu. Auf dem Weg haben wir im Ort Tenterden Halt gemacht, in dem Ellie bis zum Alter von 21 aufgewachsen ist. Natürlich für mich interessant, um ihre Geschichte zu verstehen. Aber auch sie war zum ersten Mal seit ihrem Wegzug vor 10 Jahren wieder da. Ich beobachtete, wie sie ihren alten Ort neu sah, so wie ich oft meine alten Orten wiedergesehen habe. Leider konnte ich nicht so lange bleiben wie Ellie (mir fehlen die Urlaubstage), am nächsten Tag musste ich schon wieder allein zurückfahren, aber es war ein schöner Ausflug. Die Sonne schien, die ausgebüxten Katzen mussten im Feld zwischen Mohnblumen gesucht werden, und am Ende spielten wir im Park Karten.

Portsmouth
Zu Hause ist es auch gar nicht schlecht, das Wetter zwar trübe, aber die Abende oft schön. Der Rosengarten insbesondere erlebt seine besten Wochen des Jahren - abends ist es dort still, man hört eintausend Vogelstimmen und die Blumen scheinen in allen Farben. Und durch das Tor sieht man das Meer. Ich nähere mich schnell dem Ende der Drei Männer auf Bummelfahrt und lese wieder einige Kapitel im Erbe Roms, dass ich schon zweimal durchgelesen hatte. Jedes Mal verstehe ich wieder etwas mehr, dank anderer Dinge, die ich in der Zwischenzeit gelernt habe. Die Zeit vergeht etwas entspannter seit Tango vorbei ist und ich auch endlich meinen Sommerbesuch gebucht habe. Ich komme den 6.-20. August und fliege mit Mutti zurück.

Sonntag, 12. Juni 2016

Am Strand und auf der Bühne

Anfang Juni kam Mathieu zurück von seiner Reise. Er verbrachten zwei Nächte in Portsmouth, bevor er nach Nottinghamg zog. Wir trafen uns einen Abend und einen Morgen am Meer, letzterer mit Frühstück, eine der zivilisiertesten Sachen, die ich in den vier Jahren hier gemacht habe. Zum Glück war der erneute Abschied kurz.
Nicht, dass mein Leben weniger hektisch wäre. Die Abende mit Mathieu gingen eigentlich nahtlos in die Brettspielabende mit dem tschechischen Paar über. Aber ich habe abends häufiger Zeit für einen Tee am Meer. An sich endlich mehr Zeit für Bücher, aber gerade wenn das Wetter mal wieder Herbst ist, fehlt mir doch ein Freund vor Ort. Auch Ellie war bis vor Kurzem weniger verfügbar - sie musste oft lang arbeiten, da die Prüfung ihrer Abteilung durch das Innenministerium nun doch stattfand. Nach vielem Bangen (zumindest von Ellies Seite) ging das (wie üblich mag man sagen) viel besser aus als erwartet.

Ein Mann auf Bummelfahrt

Andererseits hatte ich zwei lange Wochenenden, und jeweils einen Tag hatte Ellie zu tun. Was macht mann da - genau, eine Radtour. Sowas macht Ellie ja nicht mit. Einen Tag habe ich einen alten Pilgerpfad von Winchester nach Portsmouth abgefahren. Auf dem sind früher Pilger von Winchester nach Portsmouth gelaufen und dort nach Frankreich übergesetzt, um zum Kloster auf der Insel Mont St. Michel zu kommen. Noch im Sommer 2012 hatte ich mir einen sehr schönen Wanderführer dazu gekauft und wollte, unter dem Eindruck einer erzkatholischen Rostocker Freundin, den Weg ein Wochenende lang ablaufen. Morgens früh mit der Sonne aufstehen. Dazu kam es natürlich nie, denn wann hat man schonmal ein ganzes Wochenende, wenn man nicht mehr Single ist. Dann eben nur einen Teil, und schneller mit Fahrrad. Immerhin gibt es mir Hoffnung: alte Versäumnisse sind nicht ganz verloren. Nun, bereits Winchester selbst war sehr schön und ich ging gleich im Stadtmuseum verloren. Schließlich hat die Stadt eine lange Geschichte, nicht zuletzt als römisches Provinzzentrum, und die Domglocken läuteten die ganze Zeit. Vom Pilgerpfad habe ich dann immer noch die Hälfte geschafft. Dann waren mir die Pfade zu beschwerlich zum Radeln und ich bin wieder auf die Straßen umgestiegen. Zumindest waren die beschwerlichen Wege per definitionem in der Natur. Wogende Felder wachsenden Weizens. Nur kalt war es.

Am folgenden Wochenende ging es zu St. Hubertus. Mal wieder. Wie im Mai wollte ich vor allem gucken, ob denn dieses Jahr wieder die Wildblumenwiese um die Kapelle wächst. Auf meinem letzten Besuch war noch nichts zu sehen gewesen und ich dachte, dass der Naturpark sie nicht jedes Jahr wachsen lässt (so wie wir auf der Farm das Wachstum der Wiesen gesteuert haben). Jetzt sah ich, dass die Margarithen gerade erst wachsen! In einem perfekten Rechteck um die Kapelle. Weiße Margarithen, roter Mohn, gelber Senf, und alles grün. Ruhe, keine Motoren, nur Zwitschern und Summen und es war warm! Ganz unerwartet war Sommer! Ich erkundete einige neue Wege, fand ein schönes Dorf, dass ich nächstes Mal Ellie zeigen kann. Die selbst schrieb mir zwischendurch, dass die Prüfung bestanden wurde.


Vorlesungen

Natürlich habe ich auch etwas mit Ellie gemacht. Ende Mai war große Bildung angesagt. Zum einen ein ganz tolles Wissenschaftsfestival, an dem über drei Tage in Pubs Vorlesungen gehalten wurden. Mit Ellie habe ich etwas über Pterosaurier gelernt, und wenn sie keine Zeit hatte, ging ich zu den Astrophysikern (schließlich bin ich richtiger Wissenschaftler, mit Zahlen und so). Am Ende der gleichen Woche besuchten Ellie und ich die Vorlesung eines bekannten Historikers im örtlichen Theater, zu Tod und Nachfolge in der Tudordynastie. Als wir 21 Uhr aus dem Theater kamen, war es noch hell draußen und wir haben bis halb elf am Strand gesessen und Geschichte diskutiert.

Bücher

Statt mich auf vernünftige Sachen wie Statistik oder Chemie zu konzentrieren, lese ich Jerome's Drei Männer auf Bummelfahrt. Das beschreibt eine Fahrradtour durch das Deutschland Ende des 19 Jh. Einige Beobachtungen (Ordnung und Fahrradfahren) sind bemerkenswert modern. Ich hoffe, dass auch Ellie das Buch liest, wo doch auch Berlin und Potsdam beschrieben werden. Den bekannteren Vorgänger, Drei Männer in einem Boot, hatte ich übrigens 2009 in Lodz gelesen, in Vorbereitung auf eine englische Sprachprüfung, um mich an der Uni York zu bewerben. Die gleichzeitige Prüfung in Polnisch habe ich damals leider nicht bestanden.
Inzwischen habe ich Ellie Pippi Langstrumpf komplett durchgelesen und sie liest mir weiter Mathilda vor.

Tango

An zwei folgenden Wochenenden hat meine Tangotruppe Auftritt zwei und drei absolviert. Mit jedem Mal wurde es etwas besser. Besonders der dritter Auftritt in Winchester ist sehr gut geraten. Die meistens Details in jedem Tanz sitzen inzwischen, und trotzdem habe ich ganz am Anfang immer noch ungewöhnlich viel Lampenfieber. Als wir aus dem Theater kamen, gab es ein großes Feuerwerk über der Stadt. Vermutlich eher aufgrund des ersten EM Spiels Englands (leider traten wir zur gleichen Zeit auf, dürfte uns einige Zuschauer gekostet haben). Zum ersten Mal auch konnte ich nachts mit nur einem Tshirt rumlaufen. An einem Sommerabend kommt Winchesters historisches Flair richtig zur Geltung.

26. Mai war Anbaden! 11,7 Grad!


St Hubertus, Juni. Seit dem letzten Besuch ist der Raps verschwunden, dafür sieht man die Margarithen langsam um die Kapelle wachsen.
Komisch Gucken vor der Show.

Schminke ab nach der Show (bereits im Pub)
Komisch gucken nach der Show.