Nicht, dass mein Leben weniger hektisch wäre. Die Abende mit Mathieu gingen eigentlich nahtlos in die Brettspielabende mit dem tschechischen Paar über. Aber ich habe abends häufiger Zeit für einen Tee am Meer. An sich endlich mehr Zeit für Bücher, aber gerade wenn das Wetter mal wieder Herbst ist, fehlt mir doch ein Freund vor Ort. Auch Ellie war bis vor Kurzem weniger verfügbar - sie musste oft lang arbeiten, da die Prüfung ihrer Abteilung durch das Innenministerium nun doch stattfand. Nach vielem Bangen (zumindest von Ellies Seite) ging das (wie üblich mag man sagen) viel besser aus als erwartet.
Ein Mann auf Bummelfahrt
Andererseits hatte ich zwei lange Wochenenden, und jeweils einen Tag hatte Ellie zu tun. Was macht mann da - genau, eine Radtour. Sowas macht Ellie ja nicht mit. Einen Tag habe ich einen alten Pilgerpfad von Winchester nach Portsmouth abgefahren. Auf dem sind früher Pilger von Winchester nach Portsmouth gelaufen und dort nach Frankreich übergesetzt, um zum Kloster auf der Insel Mont St. Michel zu kommen. Noch im Sommer 2012 hatte ich mir einen sehr schönen Wanderführer dazu gekauft und wollte, unter dem Eindruck einer erzkatholischen Rostocker Freundin, den Weg ein Wochenende lang ablaufen. Morgens früh mit der Sonne aufstehen. Dazu kam es natürlich nie, denn wann hat man schonmal ein ganzes Wochenende, wenn man nicht mehr Single ist. Dann eben nur einen Teil, und schneller mit Fahrrad. Immerhin gibt es mir Hoffnung: alte Versäumnisse sind nicht ganz verloren. Nun, bereits Winchester selbst war sehr schön und ich ging gleich im Stadtmuseum verloren. Schließlich hat die Stadt eine lange Geschichte, nicht zuletzt als römisches Provinzzentrum, und die Domglocken läuteten die ganze Zeit. Vom Pilgerpfad habe ich dann immer noch die Hälfte geschafft. Dann waren mir die Pfade zu beschwerlich zum Radeln und ich bin wieder auf die Straßen umgestiegen. Zumindest waren die beschwerlichen Wege per definitionem in der Natur. Wogende Felder wachsenden Weizens. Nur kalt war es.
Am folgenden Wochenende ging es zu St. Hubertus. Mal wieder. Wie im Mai wollte ich vor allem gucken, ob denn dieses Jahr wieder die Wildblumenwiese um die Kapelle wächst. Auf meinem letzten Besuch war noch nichts zu sehen gewesen und ich dachte, dass der Naturpark sie nicht jedes Jahr wachsen lässt (so wie wir auf der Farm das Wachstum der Wiesen gesteuert haben). Jetzt sah ich, dass die Margarithen gerade erst wachsen! In einem perfekten Rechteck um die Kapelle. Weiße Margarithen, roter Mohn, gelber Senf, und alles grün. Ruhe, keine Motoren, nur Zwitschern und Summen und es war warm! Ganz unerwartet war Sommer! Ich erkundete einige neue Wege, fand ein schönes Dorf, dass ich nächstes Mal Ellie zeigen kann. Die selbst schrieb mir zwischendurch, dass die Prüfung bestanden wurde.
Vorlesungen
Natürlich habe ich auch etwas mit Ellie gemacht. Ende Mai war große Bildung angesagt. Zum einen ein ganz tolles Wissenschaftsfestival, an dem über drei Tage in Pubs Vorlesungen gehalten wurden. Mit Ellie habe ich etwas über Pterosaurier gelernt, und wenn sie keine Zeit hatte, ging ich zu den Astrophysikern (schließlich bin ich richtiger Wissenschaftler, mit Zahlen und so). Am Ende der gleichen Woche besuchten Ellie und ich die Vorlesung eines bekannten Historikers im örtlichen Theater, zu Tod und Nachfolge in der Tudordynastie. Als wir 21 Uhr aus dem Theater kamen, war es noch hell draußen und wir haben bis halb elf am Strand gesessen und Geschichte diskutiert.
Bücher
Statt mich auf vernünftige Sachen wie Statistik oder Chemie zu konzentrieren, lese ich Jerome's Drei Männer auf Bummelfahrt. Das beschreibt eine Fahrradtour durch das Deutschland Ende des 19 Jh. Einige Beobachtungen (Ordnung und Fahrradfahren) sind bemerkenswert modern. Ich hoffe, dass auch Ellie das Buch liest, wo doch auch Berlin und Potsdam beschrieben werden. Den bekannteren Vorgänger, Drei Männer in einem Boot, hatte ich übrigens 2009 in Lodz gelesen, in Vorbereitung auf eine englische Sprachprüfung, um mich an der Uni York zu bewerben. Die gleichzeitige Prüfung in Polnisch habe ich damals leider nicht bestanden.
Inzwischen habe ich Ellie Pippi Langstrumpf komplett durchgelesen und sie liest mir weiter Mathilda vor.
Tango
An zwei folgenden Wochenenden hat meine Tangotruppe Auftritt zwei und drei absolviert. Mit jedem Mal wurde es etwas besser. Besonders der dritter Auftritt in Winchester ist sehr gut geraten. Die meistens Details in jedem Tanz sitzen inzwischen, und trotzdem habe ich ganz am Anfang immer noch ungewöhnlich viel Lampenfieber. Als wir aus dem Theater kamen, gab es ein großes Feuerwerk über der Stadt. Vermutlich eher aufgrund des ersten EM Spiels Englands (leider traten wir zur gleichen Zeit auf, dürfte uns einige Zuschauer gekostet haben). Zum ersten Mal auch konnte ich nachts mit nur einem Tshirt rumlaufen. An einem Sommerabend kommt Winchesters historisches Flair richtig zur Geltung.
26. Mai war Anbaden! 11,7 Grad!
| St Hubertus, Juni. Seit dem letzten Besuch ist der Raps verschwunden, dafür sieht man die Margarithen langsam um die Kapelle wachsen. |
![]() | ||
Komisch Gucken vor der Show.
|
![]() |
| Komisch gucken nach der Show. |



Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen