Mathieu bleibt noch bis Ende Mai im Land und ist schwer dabei, möglichst viel vom Süden Englands zu sehen, bevor er nach Norden nach Nottingham zieht. Ich habe mich einem Wochenendsausflug nach Canterbury angeschlossen. Richtig verreisen kann man schließlich nur mit Männern. Denn wir sind Samstag morgen 8 Uhr los, mit Fahrrädern auf dem Auto.
Natürlich lag es nahe, Ellie mitzunehmen und bei ihrer Schwester abzusetzen. Sie war ja eine Woche vorher noch traurig gewesen, als ihr Familienbesuch wieder abfuhr. Aber nun hatte sie sich schon mit einer Freundin verabredet.
Wie sich rausstellte, war Mathieu mehr an der Landschaft Kents als an Canterbury selbst interessiert.
Samstag haben wir zwei Radtouren gemacht. Zuerst sind wir dem 'Crab and Winkle Walk' gefolgt, also dem Krabben und Strandschnecken Weg von Canterbury zur Küste. Der folgt der ältesten regulären Eisenbahnlinie Englands, die Austern von der Küste brachte. Ellie hatte schon oft davon gesprochen. So wie sie allgemein viel von Canterbury spricht. Wir wollten das immer mal ablaufen. Nun, ich bin froh, den Weg gefahren zu sein, denn mich hat er nicht beeindruckt. Die Strecke über die Felder wäre ohne Eisregen vielleicht schöner gewesen, aber lange Abschnitte führen auch einfach durch die Langeweile englischer Wohngebiete. Alle hocken in den Häusern, wegen derer sie sich keine Hobbys leisten können. Oder erbrechen sich auf der Straße.
Am Ende des Wegs liegt der Ort Whistable, am Südufer der weiten Themsemündung. Ehemals Bootsbauzentrum; hier wurde der Tauchanzug erfunden; und vor allem lebt man vom Andenken an den Austernfang. Eine Wir hielten kurz am Hafen, wo im ehemaligen Bahnhof ein Fischmarkt ist, der natürlich auch die immer noch im kleinen Umfang gefangenen Austern anbietet. Nette Leute, aber eine Sensation ist der Ort nicht. Und ja ich habe meine erste Auster probiert. Nicht so schlimm wie befürchtet (der Mann meiner Gesangslehrerin hatte nach einem Besuch hier wohl eine schlechte Nacht). Aber immer noch ziemlich schlimm.
Nach dem Rückweg ins Zentrum Canterburys haben wir Ellies erste Pflichtempfehlung erfüllt und in einem hervorragenden mexikanischen Restaurant gegessen, und uns aufgewärmt, getrocknet und die schlammigsten Klamotten abgenommen. In diesem tatsächlich sehr netten Ort verstand ich zum ersten Mal Ellies Verbindung zu Canterbury. Dort ist sie nämlich zwar zur Schule gegangen, aber nicht direkt aufgewachsen. Es hat aber den Charme einer historischen Stadt mit vielen versteckten Orten, die bei Sonne und Nacht sicherlich Jugenderinnerungen formen, wie ich sie z.B. mit Torun verbinde.
Danach sind wir noch auf eine zweite Radtour gefahren. Kürzer, wie wir dachten, auf dem Land, beim Dorf Selling. Das Land, was mich im übrigen oft an Mecklenburg erinnert, war dann so hügelig und die Wege so verschlammt, dass diese Fahrt viel länger und anstrengender war, als gedacht. Irgendwie ging es immer bergauf. Als wir nach zwei Stunden endlich in unser Hotel fuhren, konnte ich kein Fahrrad mehr sehen.
Den Rest des Abends verbrachten wir endlich in den empfohlenen Kneipen Canterburys. Davon wird mir wahrscheinlich am meisten das Schokoladencafe im Gedächtnis bleiben, von dessem ersten Stock man einen wunderschönen Blick auf die beleuchtete Kathedrale hat.
Am nächsten Morgen ging es wieder früh raus, denn wir radelten den Fluss entlang in die Stadt, um um 8 Uhr in ebenjener Kathedrale die Morgenandacht zu besuchen. Nicht zuletzt, um so gratis reinzukommen. Anschließend sind wir noch ganz allein durch die Gärten und Kreuzgänge gelaufen, die sonst voller Menschen sind. Früh aufstehen lohnt sich.
Sonntag, 13. März 2016
Samstag, 27. Februar 2016
Alles wird gut
Kochen und Essen
In letzter Zeit komme ich erstaunlich wenig an den Computer, was an sich immer ein gutes Zeichen ist, aber eben dem Tagebuchschreiben nicht hilft. Seit dem letzten Bericht hat sich Ellies Situation auf der Arbeit entspannt und das Leben ist uns allen etwas leichter. Die Prüfung wurde "bis auf weiteres" verschoben, vermutlich weil das Innenministerium selbst nur 5 Leute dafür hat und die dringend eine andere Uni dicht machen mussten. Ellie wurde inzwischen der Umbau der Abteilung übertragen, und einige andere Veränderungen (die ich nicht öffentlich nennen sollte) haben letztendlich dazu geführt, dass sie eher gestärkt als geschwächt aus dieser Krise herauskommt. Wie ich ihr von Anfang gesagt hatte könnte ich anfügen. Irgendwann wird die Prüfung zwar kommen, aber mit jedem Tag kann sich die Uni darauf besser vorbereiten. Und vielleicht merkt sogar Ellie, dass am Ende immer alles gut wird. Vielleicht.
Trotzdem will sie sich auf eine andere Stelle an der Uni bewerben, aber auch einfach weil wie schon gute sieben Jahre im gleichen Job sitzt. Und auch, weil ich mich mein Glück mal bei einer Bewerbung auf Beförderung probieren werde. Erfolg ist gar nicht so wahrscheinlich, aber zum ersten Mal traue ich mir den nächsten Dienstgrad zu. Halbwegs.
Arbeiten und Spielen
Mein derzeitiges Projekt wird momentan etwas hektisch - wir bewegen uns auf die Veröffentlichung eines Berichtes vor, wie man die sehr alte Bevölkerung besser schätzen könnte. Somit muss ich Untersuchungsergebnisse in verständlicher Sprache aufschreiben und habe dementsprechend weniger Zeit für Spielereien. Daher macht mir die Arbeit momentan nicht mehr ganz soviel Spaß, wie in den letzten Monaten. Aber nach Veröffentlichung kommt der interessante Teil hoffentlich wieder. Und immerhin freue ich mich auf eine Veranstaltung, die wir für Ende März organisieren, auf der wir mit Nutzern unserer Daten unsere Ergebnisse besprechen. Und am wichtigsten: ich habe mein Computerprogramm noch fertig bekommen. Das schafft unsere Berechnungen in einer Sekunde. Da fühlt man sich fast wie in der Privatwirtschaft.
Natürlich nur, bis man die Gehälter vergleicht. Aber immerhin: die nie endenden Gehaltsverhandlungen sind wohl endlich am Ziel. Und ich bekomme eine ganz gute Erhöhung, plus Nachzahlung, so verspätet ist der Abschluss.
Alles neu
Nun habe ich zum Glück auch noch etwas Privatleben. Zum Beispiel blickt manchmal der Frühling durch die Wolken. So sind Ellie und ich an einem sonnigen Samstag kurz in den Ort Chalton gefahren. Mit dem Auto sind solche schnellen Ausflüge nun möglich. Ellie fährt weiter sehr gut, ist aber über alle Maßen nervös. Ich darf daher erst gar nicht ans Steuer. Chalton liegt übers Feld vom Steinzeithof, den wir vor zwei Jahren einmal besucht haben und von dem aus ich es das erste Mal durchs Fernglas gesehen hatte, ohne hinzukommen. Im letzten Sommer war ich einmal kurz mit Mathieu und Papa dagewesen und wollte seitdem etwas mehr Zeit mitbringen. Der Ort ist die heile Welt der britischen besitzenden Klasse - der französische Name der bis heute in der Kirche begrabenen Familie geht ohne Zweifel noch auf die normannische Eroberung 1066 zurück. Grüne Felder, teure Häuser. Hier wohnt mit Sicherheitheit niemand, dessen Familie nicht schon vor drei Generationen Geld hatte. Und so jemand wird dort auch nicht hinkommen. Sollte die Sonne nochmal zurückkommen, will ich einmal allein oder mit Mathieu dorthin und etwas Radfahren. Denn Mathieu hat eine neue Arbeit in Nottingham und zieht noch vor dem Sommer weg. Er ist mein einziger echter Freund vor Ort und reißt eine ziemliche Lücke. Und Rieke zieht nach Leipzig. Und Friedemann zieht nach München. Alles verändert sich. Wäre ich Single, mich würde der Frühling auch wegtreiben.
Was fürs Herze
Kultur: Da war einmal ein Bauchtanzauftritt Ellies. Der beste, den ich bisher gesehen habe. Der Höhepunkt war aber zwei Wochen darauf Die Zauberflöte in London. Meine Erwartungen waren hoch (ich hatte sie noch nie gesehen und schon lange große Lust darauf) und wurden noch übertroffen. Was für eine Offenbarung: Musiker, die ihre Instrumente beherrschen, Sänger die auch schauspielern können, intelligentes Bühnenbild, durchdachte Inszenierung. Insbesondere die Königing der Nacht hat mich begeistert; traf übermenschliche Noten, interpretierte ihre Rolle ganz ausgefallen als bitter und verwundbar.
Vor der Oper schafften wir es noch zwei Stunden ins Naturhistorische Museum. Eins von denen mit einem Dinosaurier im Foyer. Vielleicht mein ganzes Leben lang war ich nicht mehr so begeistert in einem Museum. Wie einen kleinen Jungen hat es mich interessiert, wie die Erde aufgebaut ist und ausgestorbene Tiere aussahen. Weil uns das alles so gut gefallen hatte, bin ich am Montag darauf in eins der seltenen Kammerkonzerte in Portsmouth gegangen. Und am folgenden Sonntag sind Ellie und ich nochmal nach London gefahren, diesmal in die Tate Gallerie. Andererseits muss ich immer wieder sagen, dass mich London jedes Mal wahnsinnig macht wegen der einfach nicht endenden Menschenmassen. Ellie wird immer spürbar entspannt, weil sie London mit Jugendausflügen aus Kent verbindet. Ich dagegen muss immer erstmal beruhigt werden, wenn wir aus dem vollen Zug in die berstenden Ubahnstationen hinabsteigen.
Ende Februar habe ich dann noch mit Ellie und vielen ihrer Freunde die Rocky Horror Show in Southampton gesehen. Wem es nicht bekannt ist dem ist es schwer zu beschreiben. Ein Musical über Sex und Aliens aus den 1970ern, inspiriert von Frankenstein und Science Fiction Filmen der 1950er. Vor allem aber ist es ob seiner konsequenten und unbeschämten Abtrusität zu einem Klassiker britischer Kultur geworden. Stichwort Verkleidung. Mehr als nur ein paar Männer alein in Unterhosen. Wenige haben es weniger als dreimal gesehen. Alle kennen die Geschichte und Dialoge bis auf einzelne Sätze. Was beabsichtigt ist, denn Publikumsinteraktion ist fester Bestandteil. De facto ist es also die, mehr oder weniger, erwachsene Version der "Pantos", also des vorweihnachtlichen Kindertheaters. Inzwischen gibt es ganze Skripte, was wann geschrien werden kann. Ellie hatte sich darauf mehrere Tage lang vorbereitet und sah sehr schick aus. Ich kam direkt von der Arbeit und konnte leider kein Kostüm mitbringen. Dafür habe ich Kalina mitgenommen, die wohnt ja vor Ort. Und vor dem Theater hatten wir noch zwei Stunden, zum ersten Mal seit Oktober. Wenn Mathieu weg ist habe ich vielleicht mehr Zeit für sie.
Zu guter Letzt ist Berlin endgültig festgezurrt. Wir kommen am 25. März und fliegen am 29. März wieder zurück. Wohnen werden wir in einem Apartment drei U-Bahn Stationen südlich vom Brandenburger Tor.
Zum Schluss etwas kulturelles Wissen, dass ich letztens für ein Quiz auf der Arbeit zusammengesucht habe, und das größtenteils aus Bemerkungen zwischen Ellie und mir hervorgeht.
In letzter Zeit komme ich erstaunlich wenig an den Computer, was an sich immer ein gutes Zeichen ist, aber eben dem Tagebuchschreiben nicht hilft. Seit dem letzten Bericht hat sich Ellies Situation auf der Arbeit entspannt und das Leben ist uns allen etwas leichter. Die Prüfung wurde "bis auf weiteres" verschoben, vermutlich weil das Innenministerium selbst nur 5 Leute dafür hat und die dringend eine andere Uni dicht machen mussten. Ellie wurde inzwischen der Umbau der Abteilung übertragen, und einige andere Veränderungen (die ich nicht öffentlich nennen sollte) haben letztendlich dazu geführt, dass sie eher gestärkt als geschwächt aus dieser Krise herauskommt. Wie ich ihr von Anfang gesagt hatte könnte ich anfügen. Irgendwann wird die Prüfung zwar kommen, aber mit jedem Tag kann sich die Uni darauf besser vorbereiten. Und vielleicht merkt sogar Ellie, dass am Ende immer alles gut wird. Vielleicht.
Trotzdem will sie sich auf eine andere Stelle an der Uni bewerben, aber auch einfach weil wie schon gute sieben Jahre im gleichen Job sitzt. Und auch, weil ich mich mein Glück mal bei einer Bewerbung auf Beförderung probieren werde. Erfolg ist gar nicht so wahrscheinlich, aber zum ersten Mal traue ich mir den nächsten Dienstgrad zu. Halbwegs.
Arbeiten und Spielen
Mein derzeitiges Projekt wird momentan etwas hektisch - wir bewegen uns auf die Veröffentlichung eines Berichtes vor, wie man die sehr alte Bevölkerung besser schätzen könnte. Somit muss ich Untersuchungsergebnisse in verständlicher Sprache aufschreiben und habe dementsprechend weniger Zeit für Spielereien. Daher macht mir die Arbeit momentan nicht mehr ganz soviel Spaß, wie in den letzten Monaten. Aber nach Veröffentlichung kommt der interessante Teil hoffentlich wieder. Und immerhin freue ich mich auf eine Veranstaltung, die wir für Ende März organisieren, auf der wir mit Nutzern unserer Daten unsere Ergebnisse besprechen. Und am wichtigsten: ich habe mein Computerprogramm noch fertig bekommen. Das schafft unsere Berechnungen in einer Sekunde. Da fühlt man sich fast wie in der Privatwirtschaft.
Natürlich nur, bis man die Gehälter vergleicht. Aber immerhin: die nie endenden Gehaltsverhandlungen sind wohl endlich am Ziel. Und ich bekomme eine ganz gute Erhöhung, plus Nachzahlung, so verspätet ist der Abschluss.
Alles neu
Nun habe ich zum Glück auch noch etwas Privatleben. Zum Beispiel blickt manchmal der Frühling durch die Wolken. So sind Ellie und ich an einem sonnigen Samstag kurz in den Ort Chalton gefahren. Mit dem Auto sind solche schnellen Ausflüge nun möglich. Ellie fährt weiter sehr gut, ist aber über alle Maßen nervös. Ich darf daher erst gar nicht ans Steuer. Chalton liegt übers Feld vom Steinzeithof, den wir vor zwei Jahren einmal besucht haben und von dem aus ich es das erste Mal durchs Fernglas gesehen hatte, ohne hinzukommen. Im letzten Sommer war ich einmal kurz mit Mathieu und Papa dagewesen und wollte seitdem etwas mehr Zeit mitbringen. Der Ort ist die heile Welt der britischen besitzenden Klasse - der französische Name der bis heute in der Kirche begrabenen Familie geht ohne Zweifel noch auf die normannische Eroberung 1066 zurück. Grüne Felder, teure Häuser. Hier wohnt mit Sicherheitheit niemand, dessen Familie nicht schon vor drei Generationen Geld hatte. Und so jemand wird dort auch nicht hinkommen. Sollte die Sonne nochmal zurückkommen, will ich einmal allein oder mit Mathieu dorthin und etwas Radfahren. Denn Mathieu hat eine neue Arbeit in Nottingham und zieht noch vor dem Sommer weg. Er ist mein einziger echter Freund vor Ort und reißt eine ziemliche Lücke. Und Rieke zieht nach Leipzig. Und Friedemann zieht nach München. Alles verändert sich. Wäre ich Single, mich würde der Frühling auch wegtreiben.
Was fürs Herze
Kultur: Da war einmal ein Bauchtanzauftritt Ellies. Der beste, den ich bisher gesehen habe. Der Höhepunkt war aber zwei Wochen darauf Die Zauberflöte in London. Meine Erwartungen waren hoch (ich hatte sie noch nie gesehen und schon lange große Lust darauf) und wurden noch übertroffen. Was für eine Offenbarung: Musiker, die ihre Instrumente beherrschen, Sänger die auch schauspielern können, intelligentes Bühnenbild, durchdachte Inszenierung. Insbesondere die Königing der Nacht hat mich begeistert; traf übermenschliche Noten, interpretierte ihre Rolle ganz ausgefallen als bitter und verwundbar.
Vor der Oper schafften wir es noch zwei Stunden ins Naturhistorische Museum. Eins von denen mit einem Dinosaurier im Foyer. Vielleicht mein ganzes Leben lang war ich nicht mehr so begeistert in einem Museum. Wie einen kleinen Jungen hat es mich interessiert, wie die Erde aufgebaut ist und ausgestorbene Tiere aussahen. Weil uns das alles so gut gefallen hatte, bin ich am Montag darauf in eins der seltenen Kammerkonzerte in Portsmouth gegangen. Und am folgenden Sonntag sind Ellie und ich nochmal nach London gefahren, diesmal in die Tate Gallerie. Andererseits muss ich immer wieder sagen, dass mich London jedes Mal wahnsinnig macht wegen der einfach nicht endenden Menschenmassen. Ellie wird immer spürbar entspannt, weil sie London mit Jugendausflügen aus Kent verbindet. Ich dagegen muss immer erstmal beruhigt werden, wenn wir aus dem vollen Zug in die berstenden Ubahnstationen hinabsteigen.
Ende Februar habe ich dann noch mit Ellie und vielen ihrer Freunde die Rocky Horror Show in Southampton gesehen. Wem es nicht bekannt ist dem ist es schwer zu beschreiben. Ein Musical über Sex und Aliens aus den 1970ern, inspiriert von Frankenstein und Science Fiction Filmen der 1950er. Vor allem aber ist es ob seiner konsequenten und unbeschämten Abtrusität zu einem Klassiker britischer Kultur geworden. Stichwort Verkleidung. Mehr als nur ein paar Männer alein in Unterhosen. Wenige haben es weniger als dreimal gesehen. Alle kennen die Geschichte und Dialoge bis auf einzelne Sätze. Was beabsichtigt ist, denn Publikumsinteraktion ist fester Bestandteil. De facto ist es also die, mehr oder weniger, erwachsene Version der "Pantos", also des vorweihnachtlichen Kindertheaters. Inzwischen gibt es ganze Skripte, was wann geschrien werden kann. Ellie hatte sich darauf mehrere Tage lang vorbereitet und sah sehr schick aus. Ich kam direkt von der Arbeit und konnte leider kein Kostüm mitbringen. Dafür habe ich Kalina mitgenommen, die wohnt ja vor Ort. Und vor dem Theater hatten wir noch zwei Stunden, zum ersten Mal seit Oktober. Wenn Mathieu weg ist habe ich vielleicht mehr Zeit für sie.
Was für die Seele
Wie mir erst jetzt auffiel haben wir in diesem Frühling nur ein Chorkonzert, am 8. Mai. Daher lese ich in letzter Zeit im Zug wieder Bücher und keine Noten. Zum einen will ich den Geheimen Garten fertig kriegen, ein klassisches Kinderbuch darüber, wie gut Natur für Kinder ist. Ellie hatte einmal angefangen, mir das abends vorzulesen (nachdem ich ihr Momo vorgelesen hatte), es aber (nicht ungewöhnlich) mit der Zeit vergessen. Zum anderen habe ich mir aus der Bibliothek "Die Elemente" geholt, aus dem britischen Gegenstück der Beck Wissen Reihe. Eigentlich suche ich ein Schulbuch Chemie, aber das ist ein guter Anfang. Wer hätte gedacht, dass Sauerstoff ein Gift ist?
Zu guter Letzt ist Berlin endgültig festgezurrt. Wir kommen am 25. März und fliegen am 29. März wieder zurück. Wohnen werden wir in einem Apartment drei U-Bahn Stationen südlich vom Brandenburger Tor.
Zum Schluss etwas kulturelles Wissen, dass ich letztens für ein Quiz auf der Arbeit zusammengesucht habe, und das größtenteils aus Bemerkungen zwischen Ellie und mir hervorgeht.
- Die Waschmaschine ist in England fast immer in der Küche. War mir nie aufgefallen, bis Ellie auf einem Bild von Riekes neuer Wohnung fragte, warum sie da im Bad ist. In Polen ist sie auch im Bad, zu anderen Ländern fehlt mir das Wissen.
- Prozentualverteilung Wohnung mieten/kaufen: GB 34/64 Deutschland 55/45. Ostdeutschland 66/34, Westdeutschland 52/48. Quelle: Eurostat. Bezogen auf Haushalte, nicht Personen. Man beachte GB hat die genau entgegensetzte Verteilung Ostdeutschlands. Zwei Prozent in GB entfallen auf andere Formen wie mietfreies Wohnen.
- Das englische Wort "gymnasium" heißt Fitnessstudio.
.
Ich habe inzwischen einige Kollegen, mit denen ich deutsch spreche. Einem sage ich immer tschüss wenn ich gehe. Letztens habe ich nach ihm aus Versehen auch der nächsten Person tschüss gesagt. Da war ich froh, dass mir sowas noch passiert.
Und ich habe einen neuen Fotoapparat!
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| Die erste Sonne des Jahres Mitte Februar. Und der ca. tausendste Sturm des Jahres. |
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| Die ersten Krokusse Mitte Februar. |
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| Bei der Rocky Horror Show. Ich kam direkt von der Arbeit und konnte mich dementsprechend nur als Radfahrer verkleiden. Nicht ganz konventionell. Das neben mir ist Ellie. Isse nich schick? |
Donnerstag, 28. Januar 2016
Wight im Winter
Gleich das zweite Wochenende habe ich Ellie schon wieder allein gelassen und bin mit Mathieu eine Nacht auf die Isle of Wight gefahren. Den Plan hatte ich schon lange, weil wir schon ewig nicht mehr richtig zusammen unterwegs gewesen waren. Außerdem wollte ich die Insel auch mal an einem sonnigen Wintertag sehen. Samstag vormittag sind wir mit Auto und Rädern rüber, dann runter in die Südwestecke. Die hatte mir bei meinem ersten Wochenende vor inzwischen ja doch drei Jahren am besten gefallen. Mein Hauptziel war eigentlich der Naturpark der "Nadeln", einer Formation von sieben Klippen, die in einer Reihe ins Meer ragt. Aber das hat nicht geklappt, weil dorthin ein Weg führt, der für Mathieu zu steil ist. Stattdessen haben wir Samstag und Sonntag je eine längere Radtour gemacht. Die führte uns auch entlang der Strecke, die ich 2012 gefahren war, durch die Dörfer Mottistone, Brightstone und Shorwell, die mir damals ganz besonders gefallen hatten. Übernachtet haben wir im kleinen Ort Yarmouth (Yarmünde, an der Mündung des kleinen Flusses Yar) an der Südseite des westlichsten Zipfels der Insel. Der Ort war viel hübscher, als es bei meiner Vorbeifahrt 2012 den Anschein gehabt hatte. Unser Gästezimmer hatte eine Badewanne und abends wurde im Pub ein 70. Geburtstag gefeiert, bei der wir am Ende noch auf die Tanzfläche sprangen. Vorher hatten wir nämlich noch die anderen Pubs vor Ort erkundet. Speziell wollte Mathieu ein besonderes Restaurant probieren, in dem man sein Essen selbst auf heißen Vulkansteintellern gart. Nachts und morgen noch einmal bin ich auf die kleine Seebrücke des Ortes gelaufen. Von dort blickt man direkt auf den New Forest gegeüber, was mich wiedere daran erinnerte, dass die Insel eben viel größer und länger ist, als es von Portsmouth aus sichtbar ist. Zum Beispiel konnte ich da eine alte Befestitung am westlichen Ausgang des Solent sehen, die mir bisher immer nur auf Karten aufgefallen war.
Entlang der ganzen Südküste hatten wir viele wunderschöne Aussichtspunkte, ganz zu schweigen von der Stille. Zu den besonders schönen Orten gehörte eine stillgelegte Bahnstrecke, heute Radwandererweg entlang von Vogelreservaten. Wie an einigen Orten der Region leben dort Vögel, die eine Mischung aus Süß- und Salzwasser brauchen, weshalb solche Wiesen und Bodden oft unter Schutz stehen. Dementsprechend schön, ein See mit Wald und Feld dahinter. Ganz am Anfang steht der ehemalige Bahnhofe Yarmouth, heute ein Fahrradgeschäft und Café mit Blick auf diesen See, was alle Besucher begeister und ich mit Sicherheit auch Ellie zeigen werde. Denn nicht zuletzt war dieses Wochenende ein Probelauf, um mit ihr hier zurückzukommen. Ursprünglich hatte ich das gleich am Folgewochenende machen wollen, aber für sie war es dann doch zu kalt. Der Weg endet an der Bucht Freshwater und wir kamen gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang dieses sonnigen Samstag dort an. Schon 2012 hatte ich davon geschrieben, wie abends die Sonne rot im Meer versinkt, morgens wieder daraus aufsteigt und dabei die Kreidefelsen an dieser Ecke der Insel zum Leuchten bringt. Diesmal wie damals waren Wind und Meer absolut still (schwimmen konnte ich diesmal nicht). Solche Eindrücke suche ich.
Entlang der ganzen Südküste hatten wir viele wunderschöne Aussichtspunkte, ganz zu schweigen von der Stille. Zu den besonders schönen Orten gehörte eine stillgelegte Bahnstrecke, heute Radwandererweg entlang von Vogelreservaten. Wie an einigen Orten der Region leben dort Vögel, die eine Mischung aus Süß- und Salzwasser brauchen, weshalb solche Wiesen und Bodden oft unter Schutz stehen. Dementsprechend schön, ein See mit Wald und Feld dahinter. Ganz am Anfang steht der ehemalige Bahnhofe Yarmouth, heute ein Fahrradgeschäft und Café mit Blick auf diesen See, was alle Besucher begeister und ich mit Sicherheit auch Ellie zeigen werde. Denn nicht zuletzt war dieses Wochenende ein Probelauf, um mit ihr hier zurückzukommen. Ursprünglich hatte ich das gleich am Folgewochenende machen wollen, aber für sie war es dann doch zu kalt. Der Weg endet an der Bucht Freshwater und wir kamen gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang dieses sonnigen Samstag dort an. Schon 2012 hatte ich davon geschrieben, wie abends die Sonne rot im Meer versinkt, morgens wieder daraus aufsteigt und dabei die Kreidefelsen an dieser Ecke der Insel zum Leuchten bringt. Diesmal wie damals waren Wind und Meer absolut still (schwimmen konnte ich diesmal nicht). Solche Eindrücke suche ich.
The same procedure as last year
England hat mich mit 10 Grad plus und Regen begrüßt. Es wurde dann zwar noch einige Tage kalt, aber nach drei Wochen ist die Temperatur schon wieder nah am Jahresdurchschnitt. Leider. Krokusse blühen, auf meinem Schreibtisch stehen einheimische Osterglocken. Das bisher interessanteste in diesem Jahr war ein Wochenende auf der Isle of Wight, wie anderweitig beschrieben. Der Alltag wird von zwei Dingen bestimmt.
Gute Arbeit
Zum einen macht mir meine Arbeit ausgesprochen viel Spaß. Ich habe gute Ideen sowohl in meinem Hauptprojekt als auch einigen Nebenarbeiten. Am besten ist, dass ich die Benutzung eines statistischen Computerprogramms lerne. Als Praxistest versuche ich, das Rechenmodell meiner Abteilung in dieses Programm zu konvertieren. Lange habe ich nicht mehr soviel Spaß mit Mathematik gehabt, oft sitze ich wirklich mit Zettel und Bleistift da und schreibe Formeln auf. Die freie Zeit zur Selbst- und Weiterbildung ist eine der besten Dinge an meinem Amt. Allein in der letzten Woche stellten zwei Doktoranten der Uni Southampton ihre Arbeiten vor und einen ganzen Tag lang hatten wir eine Konferenz von jungen Analysten meines Dienstgrads. Im März haelt mein Team selbst ein Veranstaltung in London ab. Ich bereite dazu Umfrage und Vortrag vor. Im September werde ich wahrscheinlich wieder auf einer Konferenz sprechen. Selbst habe ich ein kleines Projekt fertig gestellt, in dem ich Aussprachehilfen für ausländische Namen für unsere Telefonisten im hauseigenen Umfragezentrum organisiert habe.
Schlechte Arbeit
Die zweite Sache ist Ellies Arbeit und die ist alles andere als schön. Zwar bin ich überzeugt, dass sie aus der Sache eher besser als schlechter rauskommen wird, aber sie selbst lässt die Dinge (soweit ich weiß weder ihre Schuld noch ihr Problem) sehr nah an sich ran. Manchmal mache ich mir richtige Sorgen um sie und auch mich kostet es Kraft, sie zu unterstützen, denn allzugerne lässt sie sich in ein dunkles Loch fallen.
Dabei faengt das Jahr eigentlich vielversprechend an. Aus Deutschland hatte ich das Spiel "Das verrückte Labyrinth" mitgebracht. Damit haben wir eine kleine Spielesammlung, die sogar Ellie mitmacht. Und für Mathieu und mich hat Friedemann mir Erweiterungen für die Fürsten von Catan geschenkt. Außerdem hatte ich ja von Ellie zu Weihnachten ein Keyboard bekommen. Das hilft mir vor allem beim Einstudieren von Liedern und Chorstücken. Aber seitdem ich dazu aus der Bibliothek ein Buch mit vereinfachten Editionen klassischer Stück habe, sitze ich auch regelmäßig abends einfach zum Spaß dran und dafür klappt es tatsächlich ganz gut. Dafür lese ich im Moment praktisch nichts. Anfang Januar beendete ich nur Das Waisenhaus (ein Geschenk von Kasia). Die meiste Lesezeit habe ich ja im Zug und dort lerne ich erstmal Noten. Für den Gesangsunterricht ist das Schumanns Eichendorf-Liederkreis. Der Chor probt Dvoraks Messe in D für ein Konzert im März.Gute Arbeit
Zum einen macht mir meine Arbeit ausgesprochen viel Spaß. Ich habe gute Ideen sowohl in meinem Hauptprojekt als auch einigen Nebenarbeiten. Am besten ist, dass ich die Benutzung eines statistischen Computerprogramms lerne. Als Praxistest versuche ich, das Rechenmodell meiner Abteilung in dieses Programm zu konvertieren. Lange habe ich nicht mehr soviel Spaß mit Mathematik gehabt, oft sitze ich wirklich mit Zettel und Bleistift da und schreibe Formeln auf. Die freie Zeit zur Selbst- und Weiterbildung ist eine der besten Dinge an meinem Amt. Allein in der letzten Woche stellten zwei Doktoranten der Uni Southampton ihre Arbeiten vor und einen ganzen Tag lang hatten wir eine Konferenz von jungen Analysten meines Dienstgrads. Im März haelt mein Team selbst ein Veranstaltung in London ab. Ich bereite dazu Umfrage und Vortrag vor. Im September werde ich wahrscheinlich wieder auf einer Konferenz sprechen. Selbst habe ich ein kleines Projekt fertig gestellt, in dem ich Aussprachehilfen für ausländische Namen für unsere Telefonisten im hauseigenen Umfragezentrum organisiert habe.
Schlechte Arbeit
Die zweite Sache ist Ellies Arbeit und die ist alles andere als schön. Zwar bin ich überzeugt, dass sie aus der Sache eher besser als schlechter rauskommen wird, aber sie selbst lässt die Dinge (soweit ich weiß weder ihre Schuld noch ihr Problem) sehr nah an sich ran. Manchmal mache ich mir richtige Sorgen um sie und auch mich kostet es Kraft, sie zu unterstützen, denn allzugerne lässt sie sich in ein dunkles Loch fallen.
Einen kleinen Auftritt hatte der Chor bei der offizieller Eröffnung des neuen Gebäudes "Weißer Schwan" der Musikfakultät gesungen. Einige alberne Lieder über Enten, die mir sehr viel Spaß geacht haben. Dabei traf ich auch mal wieder meine Mitbewohnerin Gus, die ich ob meiner seltenen Anwesenheit nie zu Hause sehe. Sie hat das Gebäude dekoriert und wir haben zusammen einige ertraegliche Studentenaufführungen mit angesehen.
Gleich nach meiner Rückkehr habe ich Ellie "Dinner for One" gezeigt. Durch die folgende Unterhaltung habe ich ein bisschen recherchiert und erfahren, dass die einzige jüngere Aufführung in England 2006 in Portsmouth von Amateurschauspielern gemacht wurde. Während der Sketch von einem Briten geschrieben worden war, wurde er hier nur in der Nachkriegszeit gespielt, wenn auch mit großem Erfolg. Die Fernsehaufnahme wurde tatsächlich in Deutschland gemacht und ist in England völlig unbekannt. Und ich habe erst jetzt das Ende verstanden. Ich war schockiert.
U-Boote sind auch nicht schön. Einen Samstag bin ich wieder ins Marinemuseum gegangen, diesmal ins U-Bootmuseum auf der anderen Hafenseite. Dort liegt ein Boot aus den Fünfzigern, und das allererste der britischen Marine von 1902. Beide kann man begehen, geführt von ehemaligen U-Bootfahrern. Die haben mal die Luke zugemacht und den Notausstieg erklaert. Ich war schockiert.
Ganz zum Schluss bin ich noch durch die HMS Warrior gelaufen, den Panzersegelkreuzer, der im Hafen liegt und Besuchern bekannt sein dürfte. Sehr viel mehr Platz und Luxus, aber auch da will ich nicht im Maschinenraum stehen.
U-Boote sind auch nicht schön. Einen Samstag bin ich wieder ins Marinemuseum gegangen, diesmal ins U-Bootmuseum auf der anderen Hafenseite. Dort liegt ein Boot aus den Fünfzigern, und das allererste der britischen Marine von 1902. Beide kann man begehen, geführt von ehemaligen U-Bootfahrern. Die haben mal die Luke zugemacht und den Notausstieg erklaert. Ich war schockiert.
Ganz zum Schluss bin ich noch durch die HMS Warrior gelaufen, den Panzersegelkreuzer, der im Hafen liegt und Besuchern bekannt sein dürfte. Sehr viel mehr Platz und Luxus, aber auch da will ich nicht im Maschinenraum stehen.
Zuletzte einige Anfügungen zu Kategorie "andere Vorstellungen".
Französische Revolution - wird zu allererst mit Anarchie, Mord und Totschlag konnotiert, erst sehr viel später mit Freiheit, Gleichheit oder sonstigem kontinentalen Sentimentalitäten
Schulden - Nötig und unbedenklich.
Bauern - reiche Großgrundbesitzer in Landrovern und teuren Allwetterjacken die mit Hund und Gewehr sein Privatland patroulliert. Darauf kam ich, als Ellie mich fragte, warum im Buch über die DDR ständig von "peasants" die Rede ist. Das heißt zwar auch Bauer, wird aber eigentlich nur auf arme Tagelöhnen im Mittelalter angewendet. Die moderne Übersetzung "farmer" aber ruft völlige andere Bilder hervor.
Wohnung - was für Leute, die sich kein Haus leisten können. Tendenziell mit Armut konnotiert.
Französische Revolution - wird zu allererst mit Anarchie, Mord und Totschlag konnotiert, erst sehr viel später mit Freiheit, Gleichheit oder sonstigem kontinentalen Sentimentalitäten
Schulden - Nötig und unbedenklich.
Bauern - reiche Großgrundbesitzer in Landrovern und teuren Allwetterjacken die mit Hund und Gewehr sein Privatland patroulliert. Darauf kam ich, als Ellie mich fragte, warum im Buch über die DDR ständig von "peasants" die Rede ist. Das heißt zwar auch Bauer, wird aber eigentlich nur auf arme Tagelöhnen im Mittelalter angewendet. Die moderne Übersetzung "farmer" aber ruft völlige andere Bilder hervor.
Wohnung - was für Leute, die sich kein Haus leisten können. Tendenziell mit Armut konnotiert.
Sonntag, 13. Dezember 2015
Advent Advent, die Zeit sie rennt!
Man denkt es ist nichts besonderes passiert und dann findet man eins nach dem anderen im Gedächtnis. Also:
Allein, zu zweit, zu vielen
Einmal war Ellie unterwegs und allein meine Freunde weg. Also hatte ich einige willkommene Stunden für mich. Für Kaffee am Meer (die stürmische See macht immer noch Eindruck auf mich. Ein bisschen als wäre das ein seltenes Privileg. In dem Klima hier kann man mit einer Decke immer noch draussen sitzen.) und einige Stunden im Museumshafen. Wozu hat man schließlich Jahreskarten. Diesmal habe ich die Victory besucht (Nelsons Flaggschiff in der Schlacht von Trafalgar) und die M33 aus dem Ersten Weltkrieg (war von Kasia empfohlen worden, nachdem sie sich mit unseren Jahreskarten reingeschlichen hatten).
Dann wieder mit Ellie habe ich den Komiker Bill Bailey gesehen. Sehr bekannt aus dem Fernseher, immer mit den guten Leuten und Ideen. Sehr gut. Musikvirtuose, spielt bei Auftritten zehn Instrumente. Großer Spaß.
Dann hatte meine Tangotruppe einen kurzfristigen Auftritt. Beim Weihnachtstreffen der Spanischen Gesellschaft in einem Kulturhaus. Ein freundlicher Auftritt vor harmlosem Publikum, bei dem wir schonmal einige Choreographien für nächstes Jahr ausprobieren konnten. Für mich war es das schönste am ganzen Tag, schon auf der Arbeit tagsüber hatte ich mich gefreut; mir machen Auftritt immer Spaß.
Singen jetzt
Auch unser Chorkonzert war ein Erfolg. Publikumsandrang war leider etwas enttäuschend, dafür befand es unser Dirigent als den vielleicht besten Auftritt unseres Chors. Mir hat vor allem das Orchester gefallen, die wirklich gut spielten (im Gegensatz zum normalen Uniorchester). Sie spielten Mozarts Jupitersymphonie, wonach wir Hummels Messe in B moll sangen. Erfreulicherweise sind einige Fragmente aufgenommen und ins Internet gestellt worden. Wie ich leider erst kurz vor Konzertbeginn erfuhr, überträgt in der katholischen Kathedrale eine Webcam permanent Video ins Internet. Nur Papa hat noch rechtzeitig einschalten können. Zwei Wochen darauf waren wir allerdings wieder da, zum alljährlichen Adventsgottesdienst der Uni. Diesmal versuchte Friedemann, es aufzunehmen. Aber er hat nur die Generalprobe erwischt - vielleicht lässt sich noch was draus machen. Während dieser Auftritt nämlich zweitrangig war, hat er allen großen Spaß gemacht. Diese Tradition des Adventssingens hier gefällt mir wieder sehr. Leider gibt es dieses Jahr partout keine passenden Termine für mich. Auch das Singen auf der Arbeit habe ich verpasst. Sehr schade.
Singen Zukunft
Nächstes Semester singen wir (neben geheimnisvollen Andeutungen von Shakespeare) Dvoraks einzige Messe. Die kam mir beim ersten Anhören so bekannt vor - und in der Tat hatte ich sie am 16. August 2014 in der Kirche Jagow gehört. Auf den Uckermärkischen Musikwochen, am ersten Tag meines Sommerbesuchs in dem Jahr. Übrigens singt auch Friedemann seit einigen Monaten in Lübeck in einem Chor und es macht ihm Spaß. Auch sie hatten kürzlich Adventskonzerte.
Advent Advent
Auch privat wird natürlich Advent begangen. Zwei Dosen waren mit Keksen gefüllt, bis eine davon komplett vom Tangokurs aufgegessen wurde. Auf der Arbeit habe ich zwei Kalender (auch meine Kollegen haben übrigens welche, eine sogar einen Bildkalender, der hier weniger beliebt ist). An Adventssonntagen versuche ich zumindest, dass man sich abends mal hinsetzt und Musik und Kerzen anmacht. Der Nikolaus hat Ellie wieder einen Stiefel gefüllt und auch ich habe ein großes Paket bekommen. Große Aufregung sowohl für Ellie als auch Buddha. Mitgeschickte Dekoration wird übrigens auch genutzt.
Auch auf der Arbeit ist Weihnachten. Pünktlich seit dem 1. Dezember sieht das Büro aus wie Elton Johns Geburtstagsfeier.
Ellies Geburtstag
Auch Ellies Geburtstag gab Anlass zu besonderen Veranstaltungen. Zuvorderst habe ich sie zum Musical Der König der Löwen nach London eingeladen. Das hatte ich schon vor 3 Jahren mit Kalina gesehen, aber daher wusste ich auch, dass es sich auch ein zweites Mal lohnt. Eine ganz tolle Mischung aus guten Sängern, einfallsreichem Bühnenbild und afrikanischer Kultur. In der Woche vor meiner Abreise plane ich noch, mit Ellie ins alljährliche Kindertheater zu gehen. Das hatten wir schon im letzten Jahr gemacht; ob der schamlosen Albernheit dieser traditionellen Bearbeitungen von Märchen sind die "Pantos" auch (vielleicht besonders) bei Erwachsenen beliebt. Zumindest bei albernen Erwachsenen.
Lesen
Bis vor Kurzem hatte ich vor allem Noten zum Lesen. Jetzt komme ich wieder zu Büchern, habe aber nur halbfertiges vorzuweisen. Kasias Buch "Das Waisenhaus" habe ich zu zwei Dritteln durch. Ich lese im Bibliotheksbuch über die DDR, ohne die Absicht, es ganz zu beenden. Daneben wiederhole ich einige Kapitel in der kleinen Physik, auch wieder einige aus dem großartigen Das Erbe Roms, und habe auch ein Buch von Margaret Atwood angefangen und unbeendet. Ich mag keine unbeendeten Aufgaben. Hoffentlich bringt Weihnachten Abhilfe.Siedler von Catan: Mathieu und ich spielen mit großem Einsatz. Zur Weihnachtspause steht es circa 4:5 für mich. Aber viele Partien werden um Haaresbreite entschieden; meine Nerven sind dafür gar nicht gemacht. Aber Friedemann kann ich zu Weihnachten alle mal besiegen.
Restpläne 2015
Soviel zu Vollbrachtem. Vor dem Abflug nach Hause werde ich Montag noch in die Stadt Swindon fahren, um dort einen Vortrag zu halten. Die Stadtverwaltung veranstaltet eine kurze Konferenz zum Thema Bevölkerungsalterung und Lokalverwaltung. Ich halte den gleichen Vortrag wie im September in Brighton. Auf dem Rückweg werde ich dann eine Nacht in Southampton bleiben und Kalina besuchen. Die war seit langer Zeit schwer mit Arbeit beschäftig und hat erst jetzt Zeit für ein letztes Treffen bevor das Jahr vorüber ist.
Sagen und Meinen
Zum Schluss eine Kategorie, die ich seit Längerem in mein Tagebuch intergrieren wollte. Insbesondere seit ich mit Ellie zusammen bin, finde ich einen bestimmten Aspekt interkultureller Kommunikation besonders relevant: die verschiedenen Konnotationen, die Kulturen mit bestimmten Worten und Ideen verbinden. Denn natürlich lernt man die Worte, Ideen in einer Fremdsprache auszudrücken. Man lernt Worte und Ideen, die es in der Fremdsprache nicht gibt. Und die es in der eigenen Sprache nicht gibt. Aber dann gibt es diese fiesen kleinen Dinge, die es in beiden Sprachen gibt, auch etwas Ähnliches beschreiben, aber dadurch im weiteren Bedeutungskreis Unterschiede verstecken. Praktische Beispiele:
Allein, zu zweit, zu vielen
Einmal war Ellie unterwegs und allein meine Freunde weg. Also hatte ich einige willkommene Stunden für mich. Für Kaffee am Meer (die stürmische See macht immer noch Eindruck auf mich. Ein bisschen als wäre das ein seltenes Privileg. In dem Klima hier kann man mit einer Decke immer noch draussen sitzen.) und einige Stunden im Museumshafen. Wozu hat man schließlich Jahreskarten. Diesmal habe ich die Victory besucht (Nelsons Flaggschiff in der Schlacht von Trafalgar) und die M33 aus dem Ersten Weltkrieg (war von Kasia empfohlen worden, nachdem sie sich mit unseren Jahreskarten reingeschlichen hatten).
Dann wieder mit Ellie habe ich den Komiker Bill Bailey gesehen. Sehr bekannt aus dem Fernseher, immer mit den guten Leuten und Ideen. Sehr gut. Musikvirtuose, spielt bei Auftritten zehn Instrumente. Großer Spaß.
Dann hatte meine Tangotruppe einen kurzfristigen Auftritt. Beim Weihnachtstreffen der Spanischen Gesellschaft in einem Kulturhaus. Ein freundlicher Auftritt vor harmlosem Publikum, bei dem wir schonmal einige Choreographien für nächstes Jahr ausprobieren konnten. Für mich war es das schönste am ganzen Tag, schon auf der Arbeit tagsüber hatte ich mich gefreut; mir machen Auftritt immer Spaß.
Singen jetzt
Auch unser Chorkonzert war ein Erfolg. Publikumsandrang war leider etwas enttäuschend, dafür befand es unser Dirigent als den vielleicht besten Auftritt unseres Chors. Mir hat vor allem das Orchester gefallen, die wirklich gut spielten (im Gegensatz zum normalen Uniorchester). Sie spielten Mozarts Jupitersymphonie, wonach wir Hummels Messe in B moll sangen. Erfreulicherweise sind einige Fragmente aufgenommen und ins Internet gestellt worden. Wie ich leider erst kurz vor Konzertbeginn erfuhr, überträgt in der katholischen Kathedrale eine Webcam permanent Video ins Internet. Nur Papa hat noch rechtzeitig einschalten können. Zwei Wochen darauf waren wir allerdings wieder da, zum alljährlichen Adventsgottesdienst der Uni. Diesmal versuchte Friedemann, es aufzunehmen. Aber er hat nur die Generalprobe erwischt - vielleicht lässt sich noch was draus machen. Während dieser Auftritt nämlich zweitrangig war, hat er allen großen Spaß gemacht. Diese Tradition des Adventssingens hier gefällt mir wieder sehr. Leider gibt es dieses Jahr partout keine passenden Termine für mich. Auch das Singen auf der Arbeit habe ich verpasst. Sehr schade.
Singen Zukunft
Nächstes Semester singen wir (neben geheimnisvollen Andeutungen von Shakespeare) Dvoraks einzige Messe. Die kam mir beim ersten Anhören so bekannt vor - und in der Tat hatte ich sie am 16. August 2014 in der Kirche Jagow gehört. Auf den Uckermärkischen Musikwochen, am ersten Tag meines Sommerbesuchs in dem Jahr. Übrigens singt auch Friedemann seit einigen Monaten in Lübeck in einem Chor und es macht ihm Spaß. Auch sie hatten kürzlich Adventskonzerte.
Advent Advent
Auch privat wird natürlich Advent begangen. Zwei Dosen waren mit Keksen gefüllt, bis eine davon komplett vom Tangokurs aufgegessen wurde. Auf der Arbeit habe ich zwei Kalender (auch meine Kollegen haben übrigens welche, eine sogar einen Bildkalender, der hier weniger beliebt ist). An Adventssonntagen versuche ich zumindest, dass man sich abends mal hinsetzt und Musik und Kerzen anmacht. Der Nikolaus hat Ellie wieder einen Stiefel gefüllt und auch ich habe ein großes Paket bekommen. Große Aufregung sowohl für Ellie als auch Buddha. Mitgeschickte Dekoration wird übrigens auch genutzt.
Auch auf der Arbeit ist Weihnachten. Pünktlich seit dem 1. Dezember sieht das Büro aus wie Elton Johns Geburtstagsfeier.
Ellies Geburtstag
Auch Ellies Geburtstag gab Anlass zu besonderen Veranstaltungen. Zuvorderst habe ich sie zum Musical Der König der Löwen nach London eingeladen. Das hatte ich schon vor 3 Jahren mit Kalina gesehen, aber daher wusste ich auch, dass es sich auch ein zweites Mal lohnt. Eine ganz tolle Mischung aus guten Sängern, einfallsreichem Bühnenbild und afrikanischer Kultur. In der Woche vor meiner Abreise plane ich noch, mit Ellie ins alljährliche Kindertheater zu gehen. Das hatten wir schon im letzten Jahr gemacht; ob der schamlosen Albernheit dieser traditionellen Bearbeitungen von Märchen sind die "Pantos" auch (vielleicht besonders) bei Erwachsenen beliebt. Zumindest bei albernen Erwachsenen.
Lesen
Bis vor Kurzem hatte ich vor allem Noten zum Lesen. Jetzt komme ich wieder zu Büchern, habe aber nur halbfertiges vorzuweisen. Kasias Buch "Das Waisenhaus" habe ich zu zwei Dritteln durch. Ich lese im Bibliotheksbuch über die DDR, ohne die Absicht, es ganz zu beenden. Daneben wiederhole ich einige Kapitel in der kleinen Physik, auch wieder einige aus dem großartigen Das Erbe Roms, und habe auch ein Buch von Margaret Atwood angefangen und unbeendet. Ich mag keine unbeendeten Aufgaben. Hoffentlich bringt Weihnachten Abhilfe.Siedler von Catan: Mathieu und ich spielen mit großem Einsatz. Zur Weihnachtspause steht es circa 4:5 für mich. Aber viele Partien werden um Haaresbreite entschieden; meine Nerven sind dafür gar nicht gemacht. Aber Friedemann kann ich zu Weihnachten alle mal besiegen.
Restpläne 2015
Soviel zu Vollbrachtem. Vor dem Abflug nach Hause werde ich Montag noch in die Stadt Swindon fahren, um dort einen Vortrag zu halten. Die Stadtverwaltung veranstaltet eine kurze Konferenz zum Thema Bevölkerungsalterung und Lokalverwaltung. Ich halte den gleichen Vortrag wie im September in Brighton. Auf dem Rückweg werde ich dann eine Nacht in Southampton bleiben und Kalina besuchen. Die war seit langer Zeit schwer mit Arbeit beschäftig und hat erst jetzt Zeit für ein letztes Treffen bevor das Jahr vorüber ist.
Sagen und Meinen
Zum Schluss eine Kategorie, die ich seit Längerem in mein Tagebuch intergrieren wollte. Insbesondere seit ich mit Ellie zusammen bin, finde ich einen bestimmten Aspekt interkultureller Kommunikation besonders relevant: die verschiedenen Konnotationen, die Kulturen mit bestimmten Worten und Ideen verbinden. Denn natürlich lernt man die Worte, Ideen in einer Fremdsprache auszudrücken. Man lernt Worte und Ideen, die es in der Fremdsprache nicht gibt. Und die es in der eigenen Sprache nicht gibt. Aber dann gibt es diese fiesen kleinen Dinge, die es in beiden Sprachen gibt, auch etwas Ähnliches beschreiben, aber dadurch im weiteren Bedeutungskreis Unterschiede verstecken. Praktische Beispiele:
- "Bohnen": der Engländer denkt dabei implizit an weiße Bohnen in Tomatensoße - baked beans. Auch wenn sie (normalerweise) nicht gebacken sind.
- "Tee": grundsätzlich schwarzer Tee. Bestellt man "Tee", fragt einen niemand, welche Sorte. Ich freue mich schon darauf, wenn Ellie das erste Mal Tee in Deutschland bestellt.
- "historische Stadt": für Ellie die Backsteinarchitektur des Georgianischen Zeitalter (18. Jh.). Z.b. der museale Teil des Marinemuseums. Ich hatte das immer für Fabrikarchitektur gehalten; mich hatte das nie angepsrochen, weil "historisch" in meinem Kopf mit Fachwerk und auf keinen Fall mit rechtwickligem Backstein verknüpft ist. So war ich in der Vergangenheit wiederholt enttäuscht gewesen, wenn ich ein als historisch beworbene Stadt besuchte. Halb York zum Beispiel sah für mich nach drögem Funktionsbau aus - vielleicht war das gar nicht so. Ich denke an Fachwerk - und da speziell an Wernigerode. Hier ist Fachwerk nur mit der Tudorzeit verbunden - Heinrich VIII, 16. Jh.
- "Feuerwerk": wird nicht mit Silvester verbunden, sondern mit Guy Fawkes Nacht. Am 5. November. Zu Silvester nur ein paar öffentliche Feuerwerke, aber kaum privates. Meines Wissens ein Unikum in Europa.
- "Asiatisch": man denkt zuerst an Indien und Pakistan. Der Teil Asiens, der einem mal gehörte und von dem man die meisten Leute vor der Nase hat.
- "Weihnachten": New York der 1950er. Weil amerikanische Kultur und ihre Vorstellungen ohne Umwege importiert werden kann. Und dort wurde eine einheitliche Weihnachtskultur mit Strahlkraft um diese Zeit durch Hollywood festgeschrieben. Und dann versucht mal, eine hybride Tradition zu entwickeln, wenn man selbst an Wald, Oratorium, Ruhe und Kirche denkt. Zum Glück kommt Ellie noch aus einer volksmusikalischen Tradition.
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| Vor dem Tangoauftritt. |
Montag, 23. November 2015
Winterwochenenden
Eines schönen Samstags hatte Ellie einen Tanzauftritt und ich endlich mal wieder einen ganzen Tag für Mathieu. Der ist wieder Single und hat dementsprechend mehr Zeit. Der Tag war sonnig und stürmisch. Nach einem schönen Kaffee am Meer haben wir die Fahrräder in den New Forest genommen. Dort haben wir geparkt, die Räder startklar gemacht und uns sofort verirrt. Am Ende haben wir sie die meiste Zeit durch Bäche, über die Heidefelder und nasse Hänge geschoben. Aber wir waren beide froh, einmal wieder die richtige Natur zu spüren - und da bin ich immer wieder froh, Männerfreunde zu haben. Als wir den richtigen Weg fanden, waren wir von der kalten Luft schon so müde, dass wir den Rest des Tags in einem Pub mit Spielen verbracht haben. Das Kartenspiel Die Siedler von Catan war eine gute Investition. Wir haben einen Weg gefunden, es trotz der deutschsprachigen Karten zu spielen. Es macht den Winter sehr viel erträglicher; sogar Ellie hat es einmal gespielt und gemocht.
Unser gemeinsamer Auftritt mit dem Chor rückt auch näher; eine Woche vorher hatten wir die Vorprobe mit dem diesmal sehr kleinen Orchester.
Einen anderen Winterwochenendsnachmittag habe ich mit Ellie bei einem Töpfer Keramik bemalt. Wie ich kurz darauf erfuhr, ist diese Geschäftsidee ziemlich verbreitet. Man kauft halbfertige Keramik vom Regal, bemalt es mit bereitgestellten Farben und lässt es dann brennen. Das macht überraschend viel Spaß; während ich anfangs dachte, dass ist bestimmt interessant aber ohne Massenreiz, weiß ich jetzt, dass man oft gar keinen Platz mehr bekommt. Hätte ich früher davon erfahren, hätte ich das für das Betriebsweihnachtsessen vorgeschlagen, schließlich kann man sich auch Essen mitbringen oder hinbestellen, wie ich an einem Kindergeburtstag sah. Besser als die überteuerten Restaurantbesuche, die man in der Arbeitswelt hier für Pflicht hält. Bestellungen dafür werden alle Jahre wieder ab August angenommen.
Von Arbeit wegen habe ich auf dem Karrieretag der Mathematikfakultät der Uni Portsmouth gesprochen. Das heißt regionale Arbeitgeber werben einen Tag lang um die Studenten im letzten Jahr. Was in England, dass muss gesagt sein, immer das letzte Jahr des Grundstudiums bedeutet, also Jahr 3, im Alter von ca. 22. Einen Master macht man hier eher selten. Mein Amt hat sich da wohl erst kurzfristig angemeldet und mir wurde dementsprechend kurzfristig klar, dass ich der einzige Vertreter sein würde und ein einstündiger Vortrag erwartet wird. Zum Glück kann ich Vorträge und erinnere mich auch noch gut daran, wie furchtbar langweilig diese Werbeveranstaltungen sind. Leute in Anzügen rattern Managerfloskeln herunter. Als ich dort ankam, hatten die Studenten schon 3 Stunden hinter sich und waren gelangweilt und müde. Aber ich habe sie aufgeweckt, mit konkreten Beispielen aus meinem Alltag.
In weiser Voraussicht hatte ich früh mit Adventsvorbereitungen begonnen. Unter anderem ließ ich mir einige Rezepte aus Rostock zuschicken. Mit Ellie habe ich sofort das Backen begonnen, damit Anfang Dezember auch genug für Freunde da ist. Zum Glück mag Ellie deutsche Weihnachtstraditionen. Wie mir die geleerte Dose unseres ersten Backabends verriet.
Unser gemeinsamer Auftritt mit dem Chor rückt auch näher; eine Woche vorher hatten wir die Vorprobe mit dem diesmal sehr kleinen Orchester.
Einen anderen Winterwochenendsnachmittag habe ich mit Ellie bei einem Töpfer Keramik bemalt. Wie ich kurz darauf erfuhr, ist diese Geschäftsidee ziemlich verbreitet. Man kauft halbfertige Keramik vom Regal, bemalt es mit bereitgestellten Farben und lässt es dann brennen. Das macht überraschend viel Spaß; während ich anfangs dachte, dass ist bestimmt interessant aber ohne Massenreiz, weiß ich jetzt, dass man oft gar keinen Platz mehr bekommt. Hätte ich früher davon erfahren, hätte ich das für das Betriebsweihnachtsessen vorgeschlagen, schließlich kann man sich auch Essen mitbringen oder hinbestellen, wie ich an einem Kindergeburtstag sah. Besser als die überteuerten Restaurantbesuche, die man in der Arbeitswelt hier für Pflicht hält. Bestellungen dafür werden alle Jahre wieder ab August angenommen.
Von Arbeit wegen habe ich auf dem Karrieretag der Mathematikfakultät der Uni Portsmouth gesprochen. Das heißt regionale Arbeitgeber werben einen Tag lang um die Studenten im letzten Jahr. Was in England, dass muss gesagt sein, immer das letzte Jahr des Grundstudiums bedeutet, also Jahr 3, im Alter von ca. 22. Einen Master macht man hier eher selten. Mein Amt hat sich da wohl erst kurzfristig angemeldet und mir wurde dementsprechend kurzfristig klar, dass ich der einzige Vertreter sein würde und ein einstündiger Vortrag erwartet wird. Zum Glück kann ich Vorträge und erinnere mich auch noch gut daran, wie furchtbar langweilig diese Werbeveranstaltungen sind. Leute in Anzügen rattern Managerfloskeln herunter. Als ich dort ankam, hatten die Studenten schon 3 Stunden hinter sich und waren gelangweilt und müde. Aber ich habe sie aufgeweckt, mit konkreten Beispielen aus meinem Alltag.
Montag, 16. November 2015
Brumm Brumm Katsching
Große Nachricht: wir haben seit Mitte November ein Auto. Ford Ka, 14 Jahre alt. Praktisch gratis durch Ellies Familie bekommen, sogar für uns hergefahren. Während das natürlich praktisch für Ausflüge in bisher unerschlossene Gegenden ist, kann ich mich nicht wirklich begeistern. Ich bin Fahrradfahrer. Die weiteren monatlichen Fixkosten für Versicherung würde ich lieber sparen, schließlich hat mir ein Auto nie gefehlt. Aber für Ellie ist es ein Kennzeichen des Erwachsenseins. Das hat mich wirklich umgetrieben. Zum einen, weil monatliche Fixkosten für mich immer selbstverständlich klein gehalten werden, zugunsten von Unternehmungen und Ersparnissen. Zum Glück ist alles viel einfacher als befürchtet und lässt sich leicht wieder abstoßen. Aber natürlich erinnert mich auch jede kleine Verpflichtung hier an die lieber ignorierte Entscheidung, wielange ich hier bleiben will.
Ellie ist übrigens eine überraschend gute Fahrerin. Dabei hat sie erst vor einem Jahr den Führerschein gemacht und hat seitdem nicht mehr hinterm Lenkrad gesessen. Meine Testfahrt am Folgetag in den engen Straßen von Portsmouth war dagegen keine Freude für mich. Ich bin Radfahrer.
Ausgeben tue ich genug. Vor allem winkt zur Abwechslung die Kultur. Zum ersten Mal seit wohl gut zwei Jahren bin ich mit Ellie zu richtigem Theater gewesen, eine Amateurgruppe zwar, aber immerhin mal ein ernsthaftes Thema, nach dem Film "Begegnung" (1945). Zu einer weiteren Amateuraufführung waren wir in London. Bauchtänzer spielten Schneewittchen. Hervorragende Technik als auch teilweise exzellentes Schauspiel.
Zwei Wochen darauf habe ich mit Mathieu und Ellie in der alljährlichen Vorweihnachtsballetsaison Schwanensee gesehen. Das Russische Staatsballet ist dabei eindeutig eine Klasse über dem Moskauer Staatsballet, dessen Nussknacker die letzten zwei Jahre dran war. Außerdem war ich mit Ellie auf einer regionalen Bauchtanzshow in Fareham mit einer interessanten Mischung aus den schlechtesten lokalen Gruppen und zwei richtigen Profis. Eine davon hatte ich die Woche vorher in London gesehen. Im Gedächtnis werden mir aber einige betrunkene Frauen (im fast ausschließlich weiblichen Publikum) bleiben, die die Aufführung durch nur gequatscht haben. In der Pause hat sich dann jemand mit ihnen unterhalten und sie kamen nicht wieder rein. Aber mein Eindruck bestätigt sich, dass man sich hier bei Aufführungen aller Ort schlechter verhält als ich das gewohnt bin. Stichwort Plastiktüten, Handys, Kinderschreien.
Die Bücherfront: Ich habe die Einführung in die Physik ausgelesen. Kasia hat mir gleich zwei neue Bücher auf den Stapel gelegt; davon lese ich einen Roman im Finnland in den ersten Jahren des 20. Jh. Dazu habe ich ein angefangenes Buch von Margarete Atwood und ein Ellie ein sehr spannendes über die DDR aus der Bibliothek. Ellie sagt, sie weiß geschichtlich nichts je weiter es nach Osten geht und will zu Weihnachten ein Buch darüber, was um Gottes Willen im 20. Jahrhundert über die Europäer gekommen ist. Vorschläge an mich oder den Weihnachtsmann.
Der Chor steht zwei Wochen vor dem Konzert am 28. November, mir macht alles großen Spaß, weil ich die Musik gut kenne. Dann kann man das eigentliche Singen genießen. Tangoproben füllen die Wochenenden. Außerdem versuche ich Zeit für Mathieu zu finden. Dann spielen wir in den Kneipen Die Siedler von Catan, oder treffen uns Samstag früh zum Frühstück im Strandcafe. Letzteres wollte ich nach meinem Geburtstag unbedingt wieder machen; der lange Verzug zeigt, wie schwierig es ist füreinander Zeit zu finden.
Davon abgesehen genieße ich zunehmend wieder Zeit allein. Als einmal alle weg oder beschäftigt waren, habe ich allein neue Wege zwischen Haus Stansted und der Hubertuskapelle erforscht. Das war ein feuchter, nebliger Tag, aber mir hat es richtig Freude gemacht, einmal wieder als richtiger Deutscher mit meinen festen Schuhen über schlammige Wege und feuchtes Herbstlaub zu laufen, ohne Karte. Mit Ellie ginge das nicht.
Insgesamt ist wie auch in Deutschland der Herbst bisher schön. Nach dem Sommer zumindest ein Trostpflaster. Vom dritten Stock meins Büros sehe ich oft die Sonne über Portsmouth aufgehen. Ob bei Sonne oder Wolken und Sturm sitze ich abends gerne noch in den Cafes am Strand.
Nachstehend Fotos von Kasias Besuch im Oktober.
Ellie ist übrigens eine überraschend gute Fahrerin. Dabei hat sie erst vor einem Jahr den Führerschein gemacht und hat seitdem nicht mehr hinterm Lenkrad gesessen. Meine Testfahrt am Folgetag in den engen Straßen von Portsmouth war dagegen keine Freude für mich. Ich bin Radfahrer.
Ausgeben tue ich genug. Vor allem winkt zur Abwechslung die Kultur. Zum ersten Mal seit wohl gut zwei Jahren bin ich mit Ellie zu richtigem Theater gewesen, eine Amateurgruppe zwar, aber immerhin mal ein ernsthaftes Thema, nach dem Film "Begegnung" (1945). Zu einer weiteren Amateuraufführung waren wir in London. Bauchtänzer spielten Schneewittchen. Hervorragende Technik als auch teilweise exzellentes Schauspiel.
Zwei Wochen darauf habe ich mit Mathieu und Ellie in der alljährlichen Vorweihnachtsballetsaison Schwanensee gesehen. Das Russische Staatsballet ist dabei eindeutig eine Klasse über dem Moskauer Staatsballet, dessen Nussknacker die letzten zwei Jahre dran war. Außerdem war ich mit Ellie auf einer regionalen Bauchtanzshow in Fareham mit einer interessanten Mischung aus den schlechtesten lokalen Gruppen und zwei richtigen Profis. Eine davon hatte ich die Woche vorher in London gesehen. Im Gedächtnis werden mir aber einige betrunkene Frauen (im fast ausschließlich weiblichen Publikum) bleiben, die die Aufführung durch nur gequatscht haben. In der Pause hat sich dann jemand mit ihnen unterhalten und sie kamen nicht wieder rein. Aber mein Eindruck bestätigt sich, dass man sich hier bei Aufführungen aller Ort schlechter verhält als ich das gewohnt bin. Stichwort Plastiktüten, Handys, Kinderschreien.
Die Bücherfront: Ich habe die Einführung in die Physik ausgelesen. Kasia hat mir gleich zwei neue Bücher auf den Stapel gelegt; davon lese ich einen Roman im Finnland in den ersten Jahren des 20. Jh. Dazu habe ich ein angefangenes Buch von Margarete Atwood und ein Ellie ein sehr spannendes über die DDR aus der Bibliothek. Ellie sagt, sie weiß geschichtlich nichts je weiter es nach Osten geht und will zu Weihnachten ein Buch darüber, was um Gottes Willen im 20. Jahrhundert über die Europäer gekommen ist. Vorschläge an mich oder den Weihnachtsmann.
Der Chor steht zwei Wochen vor dem Konzert am 28. November, mir macht alles großen Spaß, weil ich die Musik gut kenne. Dann kann man das eigentliche Singen genießen. Tangoproben füllen die Wochenenden. Außerdem versuche ich Zeit für Mathieu zu finden. Dann spielen wir in den Kneipen Die Siedler von Catan, oder treffen uns Samstag früh zum Frühstück im Strandcafe. Letzteres wollte ich nach meinem Geburtstag unbedingt wieder machen; der lange Verzug zeigt, wie schwierig es ist füreinander Zeit zu finden.
Davon abgesehen genieße ich zunehmend wieder Zeit allein. Als einmal alle weg oder beschäftigt waren, habe ich allein neue Wege zwischen Haus Stansted und der Hubertuskapelle erforscht. Das war ein feuchter, nebliger Tag, aber mir hat es richtig Freude gemacht, einmal wieder als richtiger Deutscher mit meinen festen Schuhen über schlammige Wege und feuchtes Herbstlaub zu laufen, ohne Karte. Mit Ellie ginge das nicht.
Insgesamt ist wie auch in Deutschland der Herbst bisher schön. Nach dem Sommer zumindest ein Trostpflaster. Vom dritten Stock meins Büros sehe ich oft die Sonne über Portsmouth aufgehen. Ob bei Sonne oder Wolken und Sturm sitze ich abends gerne noch in den Cafes am Strand.
| Kasia und ich nach zweijähriger Trennung. |
| Kasias Mann Andreas und ich vor dem Tor zum Kathedralenhof von Salisbury. |
| Mondaufgang. Kreuzgang der Kathedrale in Salisbury. |
| Wer erkennts? Kasia im Haus Stansted. |
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