Mathieu bleibt noch bis Ende Mai im Land und ist schwer dabei, möglichst viel vom Süden Englands zu sehen, bevor er nach Norden nach Nottingham zieht. Ich habe mich einem Wochenendsausflug nach Canterbury angeschlossen. Richtig verreisen kann man schließlich nur mit Männern. Denn wir sind Samstag morgen 8 Uhr los, mit Fahrrädern auf dem Auto.
Natürlich lag es nahe, Ellie mitzunehmen und bei ihrer Schwester abzusetzen. Sie war ja eine Woche vorher noch traurig gewesen, als ihr Familienbesuch wieder abfuhr. Aber nun hatte sie sich schon mit einer Freundin verabredet.
Wie sich rausstellte, war Mathieu mehr an der Landschaft Kents als an Canterbury selbst interessiert.
Samstag haben wir zwei Radtouren gemacht. Zuerst sind wir dem 'Crab and Winkle Walk' gefolgt, also dem Krabben und Strandschnecken Weg von Canterbury zur Küste. Der folgt der ältesten regulären Eisenbahnlinie Englands, die Austern von der Küste brachte. Ellie hatte schon oft davon gesprochen. So wie sie allgemein viel von Canterbury spricht. Wir wollten das immer mal ablaufen. Nun, ich bin froh, den Weg gefahren zu sein, denn mich hat er nicht beeindruckt. Die Strecke über die Felder wäre ohne Eisregen vielleicht schöner gewesen, aber lange Abschnitte führen auch einfach durch die Langeweile englischer Wohngebiete. Alle hocken in den Häusern, wegen derer sie sich keine Hobbys leisten können. Oder erbrechen sich auf der Straße.
Am Ende des Wegs liegt der Ort Whistable, am Südufer der weiten Themsemündung. Ehemals Bootsbauzentrum; hier wurde der Tauchanzug erfunden; und vor allem lebt man vom Andenken an den Austernfang. Eine Wir hielten kurz am Hafen, wo im ehemaligen Bahnhof ein Fischmarkt ist, der natürlich auch die immer noch im kleinen Umfang gefangenen Austern anbietet. Nette Leute, aber eine Sensation ist der Ort nicht. Und ja ich habe meine erste Auster probiert. Nicht so schlimm wie befürchtet (der Mann meiner Gesangslehrerin hatte nach einem Besuch hier wohl eine schlechte Nacht). Aber immer noch ziemlich schlimm.
Nach dem Rückweg ins Zentrum Canterburys haben wir Ellies erste Pflichtempfehlung erfüllt und in einem hervorragenden mexikanischen Restaurant gegessen, und uns aufgewärmt, getrocknet und die schlammigsten Klamotten abgenommen. In diesem tatsächlich sehr netten Ort verstand ich zum ersten Mal Ellies Verbindung zu Canterbury. Dort ist sie nämlich zwar zur Schule gegangen, aber nicht direkt aufgewachsen. Es hat aber den Charme einer historischen Stadt mit vielen versteckten Orten, die bei Sonne und Nacht sicherlich Jugenderinnerungen formen, wie ich sie z.B. mit Torun verbinde.
Danach sind wir noch auf eine zweite Radtour gefahren. Kürzer, wie wir dachten, auf dem Land, beim Dorf Selling. Das Land, was mich im übrigen oft an Mecklenburg erinnert, war dann so hügelig und die Wege so verschlammt, dass diese Fahrt viel länger und anstrengender war, als gedacht. Irgendwie ging es immer bergauf. Als wir nach zwei Stunden endlich in unser Hotel fuhren, konnte ich kein Fahrrad mehr sehen.
Den Rest des Abends verbrachten wir endlich in den empfohlenen Kneipen Canterburys. Davon wird mir wahrscheinlich am meisten das Schokoladencafe im Gedächtnis bleiben, von dessem ersten Stock man einen wunderschönen Blick auf die beleuchtete Kathedrale hat.
Am nächsten Morgen ging es wieder früh raus, denn wir radelten den Fluss entlang in die Stadt, um um 8 Uhr in ebenjener Kathedrale die Morgenandacht zu besuchen. Nicht zuletzt, um so gratis reinzukommen. Anschließend sind wir noch ganz allein durch die Gärten und Kreuzgänge gelaufen, die sonst voller Menschen sind. Früh aufstehen lohnt sich.
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