Mittwoch, 6. Mai 2015

Nebenbei

Gesundheit
Anfang Mai bekam ich die Ergebnisse meiner 2. Blutprobe zurück. Die Werte sind praktisch identisch mit der ersten, weshalb die Ärztin mit mir sprechen wollte. Das hat mir entsprechend Angst gemacht. Beim Termin wurde mir dann aber nur gesagt, dass die Werte "so niedrig" nun auch wieder nicht seien und ich mein normales Leben wieder anfangen soll. Das wiederum beruhigte mich. Aus Deutschland aber bestätigte man meine Denkrichtung, dass nach über einem Monat Erholung zwischen den Proben zumindest eine kleine Verbesserung zu sehen sein sollte. Also werde ich mir jetzt eine 3. Probe machen lassen, bevor Papa herkommt.
Trotzdem habe ich wieder angefangen, wie früher zu tanzen und die normale Strecke zur Arbeit zu fahren. Nach einer Woche halte ich mich gut, vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil Ellie und ich uns auf bessere Schlafenszeiten geeinigt haben. Die Züge sind gerade furchtbar überfordert mit der immer weiter steigenden Zahl von Fahrrädern. Einmal musste ich wegen Überfüllung sogar aussteigen, woraufhin ich endlich eine Beschwerde schrieb. Schließlich kommen Züge in anderen Ländern ja auch mit Rädern klar.


Kalina
Mathieu ist eine Woche nach dem Wochenende in Exmoor übrigens mit seiner Freundin eine Woche nach Lodz geflogen. Ich erhielt dafür Besuch von Kalina, die Ellie und ich eingeladen hatten, weil sie so nette Gesellschaft ist. Eigentlich wollte ich eine Austauschstunde Bauchtanz gegen Indischen Tanz organisieren, aber wir bekamen kein Tanzstudio. Stattdessen haben wir Samstag abend Pizza gemacht und sind Sonntag Golf spielen gegangen. Im Anschluss konnten wir uns das erste Mal dieses Jahr ohne Jacke an den Strand legen. Die Sonne gab dem Wasser bereits das ganz bestimmte Sommerblau, das in mir den Badeinstinkt auslöst. Ich wäre bei weitem nicht der erste. Und der Rosengarten beginnt zu blühen.

Arbeit
Neuigkeiten kommen natürlich von meiner Arbeit, wo ich Anfang Mai in einer neuen Arbeitsgruppe angefangen habe. Ich bin weiterhin in der Abteilung für Bevölkerungsschätzungen, aber nach dem Emigrationsprojekt in einer Gruppe, die sich um Geburten, Sterblichkeit und andere klassische Demographie kümmert. Ganz genau gesagt schätze ich jetzt die älteste Bevölkerung, die über 89 Jahren. Im Gegensatz zum letzten Projekt arbeite ich nicht nur an der Methodik, sondern produziere die Schätzungen einmal pro Jahr selbst zur Veröffentlichung. Das findet jedes Jahr von Juli bis September statt. Die restliche Zeit verbringe ich wohl mit der Analyse dieser Zahlen und anderen Projekten. Unter anderem wird wohl auch wieder geprüft, ob die Methodik verbessert werden kann. Dazu vergleichen wir sie mit den Zahlen anderer Länder, u.a. von Deutschland, die ein Bevölkerungsregister haben und daher, theoretisch, nicht schätzen müssen. Die Kommunikation mit anderen Ländern kommt mir hoffentlich entgegen, aber wirklich aufregend ist, dass wir mit dem Max Planck Institut für Demographie in Rostock zusammenarbeiten. Die arbeiten auch an Sterblichkeit und nutzen die gleiche Methodik wie wir. Eine Mitarbeiterin hat sie wohl schonmal besucht, auf einem Tisch liegt eine Broschüre über Rostock und natürlich träume ich so ein bisschen, dass sie eines Tages mich schicken. Aber vorerst muss ich mich in mein eigenes Themenfeld einarbeiten.

Mordsspaß
Dann hat die neue Abteilungsleiterin eine Art Klassenfahrt für alle organisiert, mit verschiedenem Spaß und Spielchen, darunter mein erstes "Murder Mystery". Dieser traditionelle britische Zeitvertreib ist ein Kriminalrätsel, in dem man in einer Gruppe anhand von Beweisstücken und Zeugen einen Mord aufklären muss. Ich hatte das noch nie gemacht und viel Spaß, und auch wenn meine Gruppe angeblich die einzige war, die falsch lag, weiß ich, dass wir in Wirklichkeit als einzige den Mörder gefunden hatten, man aber die anderen nicht demotivieren wollte.

Mehr Geld
Denn die Gewerkschaft erhielt letztens schon genug Zulauf - u.a. auch mich, auch wenn das mehr wegen des Gruppensogs geschah und ich noch nicht genau weiß, was es mir bringt. Ich habe sogar gerade eine kleine Gehaltserhöhung bekommen - ein Jahr, nachdem sie mir zugestanden hätte. Ich kriege aber eine Nachzahlung - was passt, denn ich sehe einige Ausgaben auf mich zukommen, vielleicht ein Klappfahrrad, sollten die Züge wirklich ernst machen mit der offiziellen Obergrenze von 2 Rädern.

Nichsoschlimm
Nächste Tradition: VE Day. Also Kriegsende am 8. Mai. VE=Victory in Europe= Sieg in Europa; VJ im August ist Sieg über Japan, aber viel weniger wichtig. Aufgrund des runden Jubiläums war es besonders prächtig, aber mir stößt es weiter auf, mit welcher Nostalgie die Zeit in meinen Augen verklärt wird zu einer Mischung aus bisschen weniger Essen, Gemeinschaftsgefühl, Kostümen und Swingmusik. Bei Parties wird da z.B. weiterhin gern Luftangriff gespielt, dann rennen alle in den "Bunker" Raum und singen The blue Cliffs of Dover.

Wahlen
Nächste Tradition: Wahlen, darum gings ja schließlich auch am VE Day. Ich habe meine Pflicht getan, wenn auch nur für den Stadtrat, aber vielleicht ist das britische Wahlsystem von Interesse. Denn wie man vielleicht gehört hat, waren die 2 großen Parteien prozentual nicht weit auseinander, die Zahl der Sitze aber schon. Hier gibt es nämlich kein Verhältniswahlrecht, sondern nur Direktmandate. Jeder Wahlkreis entsendet einen Vertreter, es gibt keine Listen (soweit ich es verstehe). Hat Partei A 4 Stimmen, B 3, C 2 und D 1, gewinnt A den gesamten Kreis und das Abgeordnetenmandat, auch wenn die Mehrheit für andere Parteien gestimmt hat. Hat also jemand in einem Wahlkreis die Mehrheit, und sei es mit einer Stimme, sind die Stimmen der anderen Kandidaten egal - gehen also nicht in die Gesamtunterstützung einer Partei im ganzen Land ein. Das kann eine gute Lokalbindung der Abgeordneten bedingen - aber oft stellen die Parteien auch ortsfremde für einen Wahlkreis auf. Das System führt aber zu klaren Mehrheiten im Parlament, darum war die Koalition der letzten Legislaturperiode (in meiner Yorker Zeit entstanden) die erste der britischen Nachkriegsgeschichte. Außerdem unterstützt das System so die großen Parteien, denn kleine Parteien bekommen selten die Mehrheit in einem Wahlkreis und alle anderen Stimmen werden ignoriert. Dementsprechend wird jedes Mal der Bankrott des Systems proklamiert und die kleinen Parteien jammern - andererseits schützt es uns vor UKIP, obwohl sie 12,5 Prozent bekommen haben. Nicht zuletzt ist es ein Anreiz, Wahlkampf lokal zu konzentrieren. Man kann überall Zweiter werden und gar nicht im Parlament sein, oder nur in wenigen Bezirken überhaupt antreten, da aber gewinnen und über das ganze Land mitbestimmen. Das erklärt den Erfolg der Schottischen Nationalpartei, die nur in Schottland wirbt, dort aber 52 von 53 Sitzen bekommen hat. Auf einmal schreckt man daher auf, das Schotten über Gesetze abstimmen, die nur England betreffen. Denn England ist ironischerweise das einzige Land im Vereinigten Königreich ohne eigenes Regionalparlament. Also ein weiterer Angriffspunkt für Nationalisten allerorten, denen die Insel schon jetzt zu klein zum Teilen ist.

Einer der großen Vorteile meiner Arbeit ist, wie gesagt, dass man viele klare Zahlen über das Land bekommt, oft in Seminaren von Kollegen. Eins davon beschäftigte sich mit der Auswirkung einer Reform des Wahlrechts. Seit kurzem muss man sich individuell zur Wahl anmelden, früher warf die Wahlkommission Zettel in den Briefkasten, auf denen man sich registrieren konnte. Das führte natürlich zu vierlelei Spekulation, dass die Zahl der Wahlberechtigten fallen würde - auch ich dachte das. In der Tat fiel die Zahl und die Journalisten schrieben sofort ihr Meinung dazu. Unsere Zahlen zeigen aber etwas weniger spektakuläre Gründe, was in den Medien nicht ankam.

Weitere Ausgaben sind Reisen. Ende des Monats eine Nacht auf der Isle of Wight mit dem Chor, Anfang August begleite ich Ellie auf eine Hochzeit von Freunden in Shakespeares Geburtsort Stratford. Und für das lange, vorletzte Maiwochenende haben wir uns spontan dazu entschlossen, ein Nacht in einer Jurte in einem Naturschutzprojekt zwischen Portsmouth und Petersfield zu verbringen. Das hatte ich schon lange im Auge, nicht nur um einmal in die Natur zu kommen, sondern auch der morgendlichen Aussicht ins weite Land hinein wegen.

Bücher: Ich habe noch kein neues Buch angefangen, habe aber das Kapitel über Mechanik in der Kleinen Physik abgeschlossen. In der Tat habe ich viel gelernt, nicht zuletzt die Dreiecksgleichungen wiederholt.
Schließlich ist mir aufgefallen, dass es viel besser wäre, statt im August/September schon im Mai/Juni nach Deutschland zu kommen.

Dann muss ich mich korrigieren - die blauen Blumen in England sind nicht Kuhschellen, sondern die weitaus gewöhnlicheren Atlantischen Hasenglöckchen (Hyacinthoides non-scripta)

Ganz zuletzt: es gibt ein kurzes Werbevideo der Uni mit Fokus auf den Chor. Ich bin kurz zu sehen (0:44).
https://www.youtube.com/watch?v=go4tJCqV87I&feature=youtu.be&app=desktop
Plakat für das letzte Konzert des akademischen Jahres, auf der Isle of Wight.

Kuhschellen im historischen Dorf.

Der Töpfer füttert "Weide", eine der inzwischen zwei anwohnenden Füschsinnen. Der Töpfer stellt auch Tassen her.



Mittwoch, 22. April 2015

Ganz ruhig

Seit etwas zwei Wochen versuche ich noch einmal, gezielt meine Gesundheit unter Kontrolle zu bringen. Das heißt, ich verzichte auf alle Anstrengung, versuche mich wirklich auszuruhen und vielleicht so wieder gesund zu werden. Kein Tanzen, viel weniger Radfahren, absolut kein Sport. Es fällt mir sehr schwer, gerade jetzt, wo sich seit Mitte April die Sonne zeigt. Was ich dadurch aber habe ist viel Zeit. So komme ich zur Abwechslung mal zum Lesen. In Bristol hatte ich mir zum Beispiel aus dem guten Bücherregal das Buch "Metamaus" genommen, das Hintergrund und Entstehung des sehr bekannten Comics "Maus" beschreibt. Das wiederum erzählt die wahre Geschichte eines polnischen Juden, vor dem Krieg zum Teil in Lodz zu Hause und dort später auch im Ghetto, dann nach Ausschwitz gekommen, was er überlebte. Dementsprechen habe ich sehr interessiert dasTranskript der Interviews mit ihm gelesen. Nach drei Tagen war ich aber emotional ausgelaugt, als die Erzählung in die schlimmeren Zeiten vorrückte und ich mir die Geschehnisse in den alten Häusern in Lodz plastisch vorstellen konnte.
Ellie habe ich in der Zeit etwas über Goethes Ostespaziergang erzählt und weshalb weder Faust noch Goethe so unschuldig waren. Auf dem Rückweg aus Bristol warf ich einen Blick in einen von Ellies Historienromanen. Ich lese normalerweise Sachbücher, Das Evangelium des Lügners aber riss mich sofort so in seinen Bann, dass ich es in weniger als einer Woche verschlang. Besonders positiv ist es aber auch nicht. Dementsprechend bin ich jetzt zurück bei richtiger Geschichte. Ein Freund Ellies hat mir ein altes Buch über den Moskauer Putsch von 1991 geliehen. Interessant nicht zuletzt selbst als Objekt der Zeit, denn es wurde von einem BBC Korrespondenten in der kurzen Zeit zwischen Putsch und Ende der Sowjetunion geschrieben und enthält dadurch keine der Gewissheiten späterer Autoren, die wussten, wie es ausging. Mit bemerkenswertem Interesse lese ich aber auch die kleine Physik weiter. Insbesonders die Übungsaufgaben machen mir Spaß. Wer wusste noch, dass Gewicht genau genommen eine Kraft ist?
Mit Ellie, Mathieu und Freunden habe ich eine Vorstellung des alten Kubrick-Films Dr Strangelove gesehen. In der Woche darauf ging ich zu einer speziellen Vorführung von Chaplins Großem Diktator, für die ein wohl sehr bekannter Filmhistoriker eingeladen war. Das wiederum war organisiert von einer deutschen Dozentin, die ich bis dahin nur vom Salsa kannte.

Bei aller Ruhe konnte ich nun aber nicht ignorieren, dass die Sonne endlich ernsthaft angekommen ist. Morgens ist es zwar noch kühl, aber nachmittags konnte ich Mitte April auf dem Fahrrad nicht mehr als ein Tshirt tragen. Am ersten solchen Wochenende haben Ellie und ich etwas sehr englisches gemacht und sind mit Schlafsack, Pullover und heißem Tee an den Strand gegangen. Denn es war zwar windig, aber man muss die Sonne nutzen, wenn sie da ist. Zusätzlich gibt es nun endlich ein Cafe am Strand, das bis 20 Uhr öffnet; sich also noch nach Arbeitsschluss besuchen lässt.
Ein Wochenende später war dann einmal der Wind weg und wir sind zum ersten Mal raus aufs Land gefahren. Zwar kann man ohne Auto nicht an viele Orte, aber wie sich herausgestellt hat, gibt es um Haus Stansted, wo wir schon einige Male waren, noch eine ganze Reihe lohnende Wege. Soweit sie denn nicht privat sind. Aber alles andere wäre schließlich Kommunismus.


Schlafsack, Mantel, warmer Tee und Spaß dabei. Ich bin englischer als ich wahrhaben will.


Darauf hat man den ganzen Winter gewartet. Der Raps ist früh dieses Jahr.

Zwischen Wald und Feld darf man frei spazieren...aber keinen Schritt nach rechts oder links setzen. Denn Wald und Feld sind privat. 

Richtig privat.

Kuhschellen, die englischen Anemonen.


Mittagspause auf dem einzigen zugänglichen Feld in England.



Am Ende des "Monarchenwegs" blinkt Haus Stansted.
Der Weg ist lang und zum Glück mit Bänken versehen.
Kuhschellen auf halbem Weg. Ganz hinten sieht man Haus Stansted.
Ebenfalls Englisch: Sonntagscricket vor Haus Stansted. Laut Ellie verriet die Redeweise die Spieler als Oberschicht.

Samstag, 18. April 2015

06.03.2015 - Ostern unterwegs

Das Osterwochenende hat vier schöne Tage, also sollte man etwas machen, nur was? Ellie wollte schon lange mal Glastonbury besuchen. Der Ort ist vor allem bekannt für das jährliche Musikfestival dort. Weniger bekannt ist, dass es seit den Sechzigern ein Mekka für Hippies ist, und Ellie sieht sich aufgrund ihres Familienhintergrunds als solcher.
Ich war wegen der Entfernung nie wirklich  von der Idee begeistert gewesen. Aber dann erfuhrt ich, dass Freunde über Ostern auch unterwegs sind und ihre Wohnung in Bristol frei ist. Bristol ist mir in mehrmaliger guter Erinnerung und außerdem nur eine Busstunde von Glastonbury weg. Und auf der Strecke nach Bristol liegen Salisbury (Kathedrale) und Bath (römische Bäder). In Bristol und Bath war ich vor 2 Jahren mit Papa, in Salusbury einige Male mit Mathieu und Freunden, darunter auch die Wohnungsspender. Vier Stationen für vier Tage - perfekt für einen Ausflug.

Salisbury

In Salisbury nieselte es am Freitag noch. Der Ort ist nicht sehr groß, die Kathedrale hat aber einen schönen, großen Vorplatz, um den sich alte Gebäude im Besitz der üblichen wohlbetuchten Organisation wie dem National Trust stehen. Sie ist von außen sehr interessant, eins von wenigen Beispielen, die vollständig in englischer Frühgothik fertiggestellt wurden, wie wir kurz vorher noch in einer Dokumentation gesehen hatten. Auch historisch ist es ein interessanter Neubau, nachdem der Vorbau auf einem seit der Steinzeit genutzten Gelände aufgegeben worden war, weil sich kurz nach der normannischen Eroberung Englands die neue Oberschicht in Kirche und Militär überworfen hatten. Das Innere hatte ich als weniger spannend in Erinnerung als es sich diesmal erwies. Wir kamen gerade zur Öffnungszeit nach dem Karfreitagsgottesdienst und es war besonders schön, als sich die erste Besucherwelle verlaufen hatte. Wirklich außergewöhnlich ist die Kathedrale aber als Aufbewahrungsort einer Originalkopie der auch außerhalb Englands relativ bekannten Magna Charta. Das war laut englischer Historiographie die erste schriftliche Vereinbarung in Europa, dass ein König an gewisse Grundregeln gebunden ist. Zumindest gegenüber der Adelselite. Das wird dann als Nukleus des britischen Rechtsstaats angesehen. In jedem Fall war es wichtig und es gibt nur 4 Originalkopien des Vertrags. Die beste davon liegt in Salisbury.

Bristol

Abends kamen wir in Bristol an. Die wohnung stellte sich als sehr sauber und gemütlich raus. Insbesondere das Wohnzimmer hat uns beiden gefallen, weil es keinen Fernseher gab, man aber abends lange auf dem Sofa lesen konnte.

Glastonbury

Gleich am nächsten Morgen folgte die Tagestour nach Glastonbury. Schon die Anfahrt führt eine Stunde lang durch grüne Felder und viele schöne kleine Orte. Soviel Grün kriege ich sehr selten zu sehen. In Glastonbury gab es zuerst die Überreste einer Abtei zu sehen, die laut auffällig unkritisch vorgetragener Tradition von einem Großenkel Jesu gegründet worden war, zusammen mit diversen anderen lokalen Dingen. Auf dem großen, grünen Gelände fand auch gerade ein Mittelaltermarkt statt, mit gehörigem Hippieanteil. Wir fuhren auch auf einen prominent in die Landschaft ragenden Hügel mit einem Kirchturm auf der windigen Spitze. Dort war der letzte Abt des Kloster von Heinrich VIII. gehängt worden, weil er sein Haus nicht auflösen wollte. Daneben sind wir natürlich auch durch die Läden gezogen, die fast aussschließlich Esoterik verkaufen. Neben dem eigentlichen Besuch habe ich auch die Rückfahrt über Land genossen, nachdem nachmittags bereits zum erste Mal die Sonne aus den Wolken gekommen war. Abends habe ich Ellie noch in ein Restaurant genommen, das uns unsere Gastgeber bei meinem letzten Besuch gezeigt hatten. Obwohl ich nur einmal da gewesen war, erinnerte an sich sogar noch an mich. Ich verbinde Bristol seit meinem ersten Besuch mit ausgezeichneter Küche.

Bristol

Bristol selbst habe ich Ellie am Ostersonntag gezeigt. Aber erstmal haben wir beim Frühstück Muttis Osterpaket ausgepackt - Ellie kann bei solchen Gelegenheiten kaum das Kind in sich bändigen und hatte seit Tage sehnsüchtig darauf gewartet. Unter den Geschenken war ein Buch mit Goethes Osterspaziergang, passend zu den geöffneten Fenster, denn an diesem Tag war es schon morgens schön.
Außer Haus fuhren wir zuerst zu Hängebrücke im Viertel Clifton, die ob ihrer dramatischen Lage über einer tiefen Schlucht eins der Wahrzeichen der Stadt ist. Nach einigem Schlendern in dieser besserverdienenden Gegend sind wir zurück ins Zentrum gefahren und haben an der Nachmittagsmesse der Kathedrale teilgenommen. Als wir wieder ins Tagelicht traten, war es ein wunderschöner Abend, den wir am Stadthafen verbrachten. Der war bisher auf jedem Besuch die schönste Gegend, mit vielen Kneipen in den renovierten Lagerhäusern am Fluss. Ein Stück weit war es ähnlich zu Rostock, als wir das erste Mal dieses Jahr draußen ein Bier trinken konnten, auf dem Oberdeck eines Kneipenbootes. Für kurze Zeit konnte sich noch die Portugiesin Carla anschließen. Die gehört auch zu den Freuden um Mathieu, war gerade auf der Durchreise von ihrem eigenen Osterausflug und hat im Übrigen gerade eine Ferienwohnung in Lissabon gekauft, die Friedemann und ich uns im Herbst für unsere diesjährige Reise mieten wollen.

Bath

Lange haben wir sie nicht gesehen, denn wir wollten früh nach Hause. Zum Packen und Ausruhen, denn am nächsten Tag ging es zurück nach Portsmouth. Auf dem Weg haben wir noch einmal Halt gemacht, nämlich in der Stadt Bath. Anders als bei meinem ersten Besuch vor 2 Jahren war es sonnig und grün - insgesamt angenehmer als in meiner Erinnerung. Der Höhepunkt waren aber auch diesmal die römischen Bäder, in denen Ellie und ich uns als Geschichtsfans sehr lange aufhalten konnten, da ich in der Zwischenzeit auch sehr viel über die Zeit gelesen habe. Vor allem wird uns im Gedächtnis bleiben, am Rand des weiterhin von der gleichen heißen Quelle gespeisten Schwimmbeckens in der Sonne zu sitzen.
Die Bahnstrecke Bristol-Portsmouth hat mir schon immer gefallen und auch diesmal habe ich auf dem Rückweg viele Wiesen, Wälder und Flüsse in der Sonne gesehen, wo ich gerne spazieren gegangen wäre, aber hier gehört das alles zu privaten Ländereien.
Kathedrale in Salisbury auf einem früheren Besuch.
und bei Tageslicht. Der Turm ist der höchste in England, wurde erst nachträglich gebaut und bringt seitdem jede Menge Statikprobleme.

Abteiruine Glastonbury. Gegründet von Jesus' Großonkel.


Mittelaltermarkt.



Hinterhof mit Hippieläden. Aufgenommen vor dem Eingang zum "Tempel der Göttin", den wir aus Respekt vor den meditierenden Leuten nicht betreten haben.
Ehemaliger Kirchturm auf dem Glastonbury Hügel




Hängebrücke bei Bristol. Quelle: Flint Neill


Bristol. Schlucht über dem Fluss Avon. Aufgenommen von der Hängebrücke.

Kathedrale Bristol.

Stadthafen Bristol.

Donnerstag, 2. April 2015

Alles anders

Den ganzen März hindurch gewannen die Wochenenden weiter an Fahrt, bevor mich meine Gesundheit abrupt wieder ausbremste.

Einige Tage sind fast schon wie letztes Jahr, zum Beispiel das dritte Märzwochenende.
Am Samstag hatte der Chor nachmittags Generalprobe und abends Konzert, eins der besten seit meiner Ankunft wurde. Das lag u.a. am diesmal profesionellen Orchester, was nolens volens besser klang als das gewöhnliche Uniorchester. Teurer war es natürlich auch und unser Dirigent macht ominöse Andeutungen, dass er nochmal vielleicht nicht soviel Geld bekommt. Schließlich spielten wir nur knapp die Hälfte unserer Kosten ein und das, obwohl die Kirche voll war. Auch der Chor machte auch eine gute Figur und ich hatte ganz persönlich große Freude, da ich gut vorbereitet war und mich voll auf die eigentliche Wiedergabe konzentrieren konnte. Nur die Solisten mussten wir einmal suchen gehen. Umso mehr bereue ich einmal mehr, dass das Puccini-Programm vorbei ist, man wieder etwas von vorn anfängt und nicht mehr so gut im Text steht, dass man sich auf das eigentliche Singen konzentrieren kann. Zumal das Frühlingskonzert inzwischen de facto das Ende der Chorsaison markiert. Und jetzt ist ohnehin erstmal drei Wochen Osterpause, was ich ganz vergessen hatte.
Wie ich später erfuhrt, war nach dem Konzert noch bis 4 Uhr morgens gefeiert worden. und das von Leuten, die einige Jahre älter sind als ich. Ich schaffe sowas physisch nicht mehr - Ellie waren direkt nach Hause gegangen. Vorbei die Zeiten, wo man die Kneipen (ab und zu) bei Sonnenaufgang verließ. Aber ich höre, ab 50 geht es wieder aufwärts.

Im Sommertrimester machen wir wie immer "leichtes Programm", dieses Mal Volkslieder, in das man sich nicht so versenken kann. Andererseits markiert das Frühlingskonzert auch den anstehenden Sommer. Ende Mai wollten wir mit dem leichten Programm ein Minitour auf der Isle of Wight mit einer lokalen Folkloregruppe machen, jetzt ist davon ein einziges Konzert ohne Gruppe geworden. Immerhin werde ich mit Ellie die Insel etwas bereisen können.

Sonntag fand die erste Tangoprobe dieses Jahr statt. Noch weiß ich nicht, ob ich mir wieder die Zeit für einen neuen Tangoauftritt nehmen will. Aber Spaß machen sie auf jeden Fall. Tango hat mir nach zwei Jahren eine bemerkenswerte Freude an koordinierter Bewegung gegeben.

Aufregeung
Dazwischen habe ich mir eine Blutprobe machen lassen, weil ich endgültig die Nase voll habe, seit Jahresbeginn mehr oder weniger krank zu sein. Wider Erwarten kam die mit 'uneindeutig' zurück und muss am 20. April wiederholt werden. Das hat mich doch beunruhigt, weshalb es gut war, die Werte zu Hause überprüfen lassen zu können. Bald nach der Blutprobe fühlte ich mich auch wieder ziemlich schwach und musste mir einen Tag freinehmen. Mit den Untersuchungsergebnissen gehe ich jetzt davon aus, dass irgendwas mit mir los ist und bin daher eher bereit, mir Ruhe zu gönnen. In den Tagen davor hatte es zwar einige ungeplante längere Radtouren gegeben, aber selbst wenn das der Auslöser war, würde mein Körper normalerweise nicht so einfach umkippen.

Dabei war gerade eine andere Aufregung vergangen. Dazu vielleicht etwas Hintergrundinformation. Ellie arbeitet seit 7 Jahren in der Verwaltung der Uni Portsmouth und begutachtet, ob ausländische Studenten Anspruch auf ein Visa haben, bevor man ihnen ein Studienangebot macht. Nun ist sie regelmäßig unzufrieden, denkt aber auch, dass sie nicht gut genug ist, woanders hinzugehen. Auch um sie eines besseren zu belehren, hatte ich sie daher unterstützt, sich auf eine Stelle an der Uni Southampton zu bewerben. Wie erwartet wurde sie gleich zu einem Gespräch eingeladen (persönlich kann ich sie mir sehr gut als Leitungspersonal vorstellen), woraus sie nur als Zweitbeste hervorging, aber bevor wir das erfuhren, mussten wir uns erstmal klarwerden, ob wir das auch wollten. Denn Arbeit in Southampton hieße realistisch gesehen auch dort zu wohnen. Was eigentlich auch weniger dramatisch wäre als vorige Umzüge, schließlich komme ich von dort genauso gut in mein Büro, Kultur gibt es mehr und nicht zuletzt Kalina. Aber beide sind wir auch keine Freunde von plötzlicher Veränderung und ich wollte Ellie zureden, die Stelle nicht aus den falschen Gründen abzulehnen. Am Ende stellte sie im Gespräch fest, dass die Stelle soviel nicht wert war, was das Problem von der Tagesordnung holte. Aber vorher hatten wir beide einige unruhige Tage.

Während Ellie nun also doch ihre alte Arbeit behält, verändert sich jetzt dagegen meine ganz unerwartet. Man findet wohl keinen Leiter für meine Arbeitsgruppe, weshalb diese urplötzlich aufgelöst wird und wir auf andere Projekte verteilt werden, wo scheinbar auch Kräfte fehlen. Ich werde mich wohl um die Prognostizierung der Altersstruktur der Bevölkerung kümmern, meine beiden direkten Kollegen kommen woanders hin. Begeistert sind wir alle nicht, da gerade unser Projekte kurz vor dem Abschluss stand. Ich bin auch nicht sehr glücklich, da ich generell sehr lange Zeit zum Einarbeiten brauche und gerade erst produktiv geworden war.

Vermischtes
Mein dickes Geschichtsbuch habe ich endgültig ausgelesen und an Mathieu weitergereicht, der sich das Kapitel über seine Heimat Savoy durchlesen will. Noch fehlt mir ein klares Nachfolgeprojekt.

Dann hat Ellie ein weiteres Kleid von mir geschenkt bekommen, bemalt von Kasia. Die experimentiert mir Textilfarben und hatte mir diese "Studie" angeboten. Wie sie mich zu betonen gebeten hat, ist es mit Kornblumen verziert, da Ellies Freund ja Preuße ist, und Kornblumen im Zuge der Luisenverehrung zum Landessymbol geworden wären. War mir neu, sieht aber auch toll aus. Was Ellie nicht weiß, Ende des Jahres kommt ein weiteres Kleid, nicht nur handbemalt (diesmal weiß mit rotem Mohn), sondern maßgeschneidert von einer polnischen Schneiderin, mit der Kasia zusammenarbeitet.

Apropos Polen, wie sich kürzlich herausstellte, ist ein älterer Kollege von mir sehr gut mit einigen Orten meiner Vergangenheit bekannt. Als Kind hatte er einen Austausch nach Polen gewonnen, wo ihn seine Gastfamilie von Warschau aus in Städte wie Danzig aber auch Torun nahmen. Das Gespräch über den Blick über die Weichsel verstärkte wiederum eine in letzter Zeit ohnehin vorhandene nostalgische Stimmung in mir. Wie gerne würde ich auf eine große Tour nach Breslau, Lodz und vor allem Torun gehen. Und wenn ich dazu wieder 24 sein könnte, wäre das auch gut.

Für eine Woche besuchte uns die USS Theodore Roosevelt, ein gewaltiger amerikanischer Flugzeugträger. Es passt nicht mal in den Hafen und liegt daher in einer Bucht. Von Portsmouth aus versperrt ein Landvorsprung die Sicht. Sehen kann ich ihn dafür vom Büro aus - gute 15 Kilometer weit weg. 5.000 Mann Besatzung hat das Schiff; die lokalen Kneipen und Clubs haben eine Woche lang rund um die Uhr geöffnet.
Einige Bilder.


Ellies neues Kleid.
Portsmouth, dahinter die USS Roosevelt, dahinter die Isle of Wight.

Mittwoch, 11. März 2015

Im Märzen die Sonne

Kalina in Southampton
Im März ging es nahtlos weiter mit den Aktivitäten allerorten. Noch am letzten Februartag besuchte ich endlich wieder Kalina in Southampton, die ich das letzte Mal im November persönlich gesehen hatte. Man würde nicht denken, dass uns nichtmal eine Stunde Bahnfahrt trennt. Den Anfang dieses Jahres aber war sie sehr mit dem Umzug ihrer Schwester nach von Birmingham nach London beschäftigt gewesen. Am Samstag kamen dazu auch Ellie und ihre auf Besuch weilende Schwester mit, denen ich vor allem ein karibisches Restaurant zeigen wollte. Als sie abends nach Hause fuhren, ging ich mit Kalina tanzen, leider ohne viel Spaß, da es für meinen Geschmack zu voll war. Am Sonntag besuchten wir das Stadtmuseum für eine Sonderausstellung über Kriegsspielzeug. Interessanter fand ich die Dauerausstellung Stadtgeschichte, die mehrere Klasse über der in Portsmouth steht. Auch die unvermeidliche Ausstellung zur Titanic war besser als gedacht, insbesondere eine Stadtkarte, auf der alle Adressen der Todesopfer, zumeist aus der Besatzung, markiert waren. Abends haben wir noch gekocht und haben eine Musikkneipe ausprobiert, für die Kalina auf Begleitung gewartet hatte.

Ellie auf der Isle of Wight
Am darauffolgenden Freitag war ich schlagartig wieder krank, fühlte mich fiebrig ohne Fieber zu haben. Dabei war gerade der Sonnabend der bis dahin schönste Tag des Jahres, der uns daran erinnerte, das der Sommer Portsmouth als Stadt vom unterem Mittelmaß in die Spitzenklasse katapultiert. Ellie und ich gingen mit der halben Stadt ans Meer und bewunderten die Farben der Krokusse. Mehr konnten wir wegen meines Zustandens  aber nicht machen, dabei hatten wir schon beide schon lange Lust auf einen Frühlingsausflug. Nach viel Ruhe für mich sind wir darum am schon wieder bedeckten Sonntag auf die Isle of Wight übergesetzt und zur Abtei Quarr gelaufen. Die kannte Ellie noch nicht; ich war die Strecke schon ein paarmal gelaufen und gefahren. Auf dem Weg machten wir einige auch mir neue Schlenker und kamen zum Beispiel an einer bewaldeten Stelle direkt am Meer raus, die Ellie nachweislich ganz besonders gefiel.
Damit füllte der Spaziergang wider Erwarten den ganzen Nachmittag. An der Abtei lud ich Ellie zum Frauentag zum Cream Tea ein und führte sie noch an Hühnern und Schweinen vorbei. Seit meinem letzten Besuch war auch viel gebaut worden, die Schweine wurden verlegt, eine neue Baumpflanzung steht, die Wege sind befestigt, eine neue Gallerie und auch eine kleine Ausstellung zum Kloster gibt es jetzt, das ja erst vor 100 Jahren von französischen Exilanten errichtet wurde und nichts direkt mit der zerstörten Zisterzienserabtei aus dem Mittelalter zu tun hat. Auf dem Rückweg kam hinter uns doch noch die Sonner raus. Der Sommer kommt. Und Ende Mai haben wir ein langes Wochenende, an dem wir mit dem Chor die Insel wieder abfahren.

Vermischtes
Allgemein gab es letztens viel Schlaf und einige freie Zeit für mich, was zusammen mit dem Wetter Zufriedenheit und Vorfreude auf den Sommer hervorruft. Einige Dinge nähern sich der Vollendung, wie das Geschichtsbuch und das nächste Konzert. Auch Mathieu habe ich mal wieder gesehen und eins der letzten unversuchten Restaurants probiert. Die nächsten Monate sind voll mit Plänen, wie Ausflüge nach Bristol, Exmoor, Canterbury und die Isle of Wight. Nicht zueletzt gewöhne mich immer mehr an den Gedanken, tatsächlich in einer Beziehung zu sein.

Neben Schuberts Müllerin hat mir meine Gesangslehrerin kürzlich zu meiner Freude Mozarts Vogelfänger vorgelegt.

Mein mit Schweiß und Mühe fast ausgelesenes Geschichtsbuch ist mir im Zug gestohlen worden. Am meisten ärgerte mich dabei, dass Bücherdiebe mit Sicherheit keinen Anspruch haben und das gute Stück wohl nach fünf Minuten im Mülleimer lag. Ersatz ist bereits angekommen.

Eine Woche nach meiner ersten Spielzeuganschaffung schenkte mir Ellie einen weiteren Legosatz. Den Polarforscher. Wichtiger jedoch: nachdem es erstmal wieder nach Moskau zurückgeschickt worden war, kam jetzt mein Weihnachtsgeschenk an - das Russische Hemd, das Ellie Mitte November bestellt hatte. Das lief jetzt ganz schnell und passt mir perfekt. Russische Kollegen und Bekannte findens gut, ich dagegen finde es toll. Ellies Saari wird momentan etwas umgenäht, dann machen wir eine Kostümparty.

Nachtrag: Wir Europäer beim Golf im Februar.


Krokusse in Portsmouth. Nicht mehr lang und das Paradies kommt zurück ans Meer.


Die schönen ruhigen Orte der Isle of Wight.

und was Ellie daraus macht.
Woher sie das hat?



Der Turm der Abtei Quarr.


Die Tiere des Klosters.



Überreste der ursprünglichen Zisterzienserklosters.
Das Martinizza diesen Jahres hängst schon wieder am ersten blühenden Baum.
U minja Kosovorotka.