Samstag, 18. April 2015

06.03.2015 - Ostern unterwegs

Das Osterwochenende hat vier schöne Tage, also sollte man etwas machen, nur was? Ellie wollte schon lange mal Glastonbury besuchen. Der Ort ist vor allem bekannt für das jährliche Musikfestival dort. Weniger bekannt ist, dass es seit den Sechzigern ein Mekka für Hippies ist, und Ellie sieht sich aufgrund ihres Familienhintergrunds als solcher.
Ich war wegen der Entfernung nie wirklich  von der Idee begeistert gewesen. Aber dann erfuhrt ich, dass Freunde über Ostern auch unterwegs sind und ihre Wohnung in Bristol frei ist. Bristol ist mir in mehrmaliger guter Erinnerung und außerdem nur eine Busstunde von Glastonbury weg. Und auf der Strecke nach Bristol liegen Salisbury (Kathedrale) und Bath (römische Bäder). In Bristol und Bath war ich vor 2 Jahren mit Papa, in Salusbury einige Male mit Mathieu und Freunden, darunter auch die Wohnungsspender. Vier Stationen für vier Tage - perfekt für einen Ausflug.

Salisbury

In Salisbury nieselte es am Freitag noch. Der Ort ist nicht sehr groß, die Kathedrale hat aber einen schönen, großen Vorplatz, um den sich alte Gebäude im Besitz der üblichen wohlbetuchten Organisation wie dem National Trust stehen. Sie ist von außen sehr interessant, eins von wenigen Beispielen, die vollständig in englischer Frühgothik fertiggestellt wurden, wie wir kurz vorher noch in einer Dokumentation gesehen hatten. Auch historisch ist es ein interessanter Neubau, nachdem der Vorbau auf einem seit der Steinzeit genutzten Gelände aufgegeben worden war, weil sich kurz nach der normannischen Eroberung Englands die neue Oberschicht in Kirche und Militär überworfen hatten. Das Innere hatte ich als weniger spannend in Erinnerung als es sich diesmal erwies. Wir kamen gerade zur Öffnungszeit nach dem Karfreitagsgottesdienst und es war besonders schön, als sich die erste Besucherwelle verlaufen hatte. Wirklich außergewöhnlich ist die Kathedrale aber als Aufbewahrungsort einer Originalkopie der auch außerhalb Englands relativ bekannten Magna Charta. Das war laut englischer Historiographie die erste schriftliche Vereinbarung in Europa, dass ein König an gewisse Grundregeln gebunden ist. Zumindest gegenüber der Adelselite. Das wird dann als Nukleus des britischen Rechtsstaats angesehen. In jedem Fall war es wichtig und es gibt nur 4 Originalkopien des Vertrags. Die beste davon liegt in Salisbury.

Bristol

Abends kamen wir in Bristol an. Die wohnung stellte sich als sehr sauber und gemütlich raus. Insbesondere das Wohnzimmer hat uns beiden gefallen, weil es keinen Fernseher gab, man aber abends lange auf dem Sofa lesen konnte.

Glastonbury

Gleich am nächsten Morgen folgte die Tagestour nach Glastonbury. Schon die Anfahrt führt eine Stunde lang durch grüne Felder und viele schöne kleine Orte. Soviel Grün kriege ich sehr selten zu sehen. In Glastonbury gab es zuerst die Überreste einer Abtei zu sehen, die laut auffällig unkritisch vorgetragener Tradition von einem Großenkel Jesu gegründet worden war, zusammen mit diversen anderen lokalen Dingen. Auf dem großen, grünen Gelände fand auch gerade ein Mittelaltermarkt statt, mit gehörigem Hippieanteil. Wir fuhren auch auf einen prominent in die Landschaft ragenden Hügel mit einem Kirchturm auf der windigen Spitze. Dort war der letzte Abt des Kloster von Heinrich VIII. gehängt worden, weil er sein Haus nicht auflösen wollte. Daneben sind wir natürlich auch durch die Läden gezogen, die fast aussschließlich Esoterik verkaufen. Neben dem eigentlichen Besuch habe ich auch die Rückfahrt über Land genossen, nachdem nachmittags bereits zum erste Mal die Sonne aus den Wolken gekommen war. Abends habe ich Ellie noch in ein Restaurant genommen, das uns unsere Gastgeber bei meinem letzten Besuch gezeigt hatten. Obwohl ich nur einmal da gewesen war, erinnerte an sich sogar noch an mich. Ich verbinde Bristol seit meinem ersten Besuch mit ausgezeichneter Küche.

Bristol

Bristol selbst habe ich Ellie am Ostersonntag gezeigt. Aber erstmal haben wir beim Frühstück Muttis Osterpaket ausgepackt - Ellie kann bei solchen Gelegenheiten kaum das Kind in sich bändigen und hatte seit Tage sehnsüchtig darauf gewartet. Unter den Geschenken war ein Buch mit Goethes Osterspaziergang, passend zu den geöffneten Fenster, denn an diesem Tag war es schon morgens schön.
Außer Haus fuhren wir zuerst zu Hängebrücke im Viertel Clifton, die ob ihrer dramatischen Lage über einer tiefen Schlucht eins der Wahrzeichen der Stadt ist. Nach einigem Schlendern in dieser besserverdienenden Gegend sind wir zurück ins Zentrum gefahren und haben an der Nachmittagsmesse der Kathedrale teilgenommen. Als wir wieder ins Tagelicht traten, war es ein wunderschöner Abend, den wir am Stadthafen verbrachten. Der war bisher auf jedem Besuch die schönste Gegend, mit vielen Kneipen in den renovierten Lagerhäusern am Fluss. Ein Stück weit war es ähnlich zu Rostock, als wir das erste Mal dieses Jahr draußen ein Bier trinken konnten, auf dem Oberdeck eines Kneipenbootes. Für kurze Zeit konnte sich noch die Portugiesin Carla anschließen. Die gehört auch zu den Freuden um Mathieu, war gerade auf der Durchreise von ihrem eigenen Osterausflug und hat im Übrigen gerade eine Ferienwohnung in Lissabon gekauft, die Friedemann und ich uns im Herbst für unsere diesjährige Reise mieten wollen.

Bath

Lange haben wir sie nicht gesehen, denn wir wollten früh nach Hause. Zum Packen und Ausruhen, denn am nächsten Tag ging es zurück nach Portsmouth. Auf dem Weg haben wir noch einmal Halt gemacht, nämlich in der Stadt Bath. Anders als bei meinem ersten Besuch vor 2 Jahren war es sonnig und grün - insgesamt angenehmer als in meiner Erinnerung. Der Höhepunkt waren aber auch diesmal die römischen Bäder, in denen Ellie und ich uns als Geschichtsfans sehr lange aufhalten konnten, da ich in der Zwischenzeit auch sehr viel über die Zeit gelesen habe. Vor allem wird uns im Gedächtnis bleiben, am Rand des weiterhin von der gleichen heißen Quelle gespeisten Schwimmbeckens in der Sonne zu sitzen.
Die Bahnstrecke Bristol-Portsmouth hat mir schon immer gefallen und auch diesmal habe ich auf dem Rückweg viele Wiesen, Wälder und Flüsse in der Sonne gesehen, wo ich gerne spazieren gegangen wäre, aber hier gehört das alles zu privaten Ländereien.
Kathedrale in Salisbury auf einem früheren Besuch.
und bei Tageslicht. Der Turm ist der höchste in England, wurde erst nachträglich gebaut und bringt seitdem jede Menge Statikprobleme.

Abteiruine Glastonbury. Gegründet von Jesus' Großonkel.


Mittelaltermarkt.



Hinterhof mit Hippieläden. Aufgenommen vor dem Eingang zum "Tempel der Göttin", den wir aus Respekt vor den meditierenden Leuten nicht betreten haben.
Ehemaliger Kirchturm auf dem Glastonbury Hügel




Hängebrücke bei Bristol. Quelle: Flint Neill


Bristol. Schlucht über dem Fluss Avon. Aufgenommen von der Hängebrücke.

Kathedrale Bristol.

Stadthafen Bristol.

Donnerstag, 2. April 2015

Alles anders

Den ganzen März hindurch gewannen die Wochenenden weiter an Fahrt, bevor mich meine Gesundheit abrupt wieder ausbremste.

Einige Tage sind fast schon wie letztes Jahr, zum Beispiel das dritte Märzwochenende.
Am Samstag hatte der Chor nachmittags Generalprobe und abends Konzert, eins der besten seit meiner Ankunft wurde. Das lag u.a. am diesmal profesionellen Orchester, was nolens volens besser klang als das gewöhnliche Uniorchester. Teurer war es natürlich auch und unser Dirigent macht ominöse Andeutungen, dass er nochmal vielleicht nicht soviel Geld bekommt. Schließlich spielten wir nur knapp die Hälfte unserer Kosten ein und das, obwohl die Kirche voll war. Auch der Chor machte auch eine gute Figur und ich hatte ganz persönlich große Freude, da ich gut vorbereitet war und mich voll auf die eigentliche Wiedergabe konzentrieren konnte. Nur die Solisten mussten wir einmal suchen gehen. Umso mehr bereue ich einmal mehr, dass das Puccini-Programm vorbei ist, man wieder etwas von vorn anfängt und nicht mehr so gut im Text steht, dass man sich auf das eigentliche Singen konzentrieren kann. Zumal das Frühlingskonzert inzwischen de facto das Ende der Chorsaison markiert. Und jetzt ist ohnehin erstmal drei Wochen Osterpause, was ich ganz vergessen hatte.
Wie ich später erfuhrt, war nach dem Konzert noch bis 4 Uhr morgens gefeiert worden. und das von Leuten, die einige Jahre älter sind als ich. Ich schaffe sowas physisch nicht mehr - Ellie waren direkt nach Hause gegangen. Vorbei die Zeiten, wo man die Kneipen (ab und zu) bei Sonnenaufgang verließ. Aber ich höre, ab 50 geht es wieder aufwärts.

Im Sommertrimester machen wir wie immer "leichtes Programm", dieses Mal Volkslieder, in das man sich nicht so versenken kann. Andererseits markiert das Frühlingskonzert auch den anstehenden Sommer. Ende Mai wollten wir mit dem leichten Programm ein Minitour auf der Isle of Wight mit einer lokalen Folkloregruppe machen, jetzt ist davon ein einziges Konzert ohne Gruppe geworden. Immerhin werde ich mit Ellie die Insel etwas bereisen können.

Sonntag fand die erste Tangoprobe dieses Jahr statt. Noch weiß ich nicht, ob ich mir wieder die Zeit für einen neuen Tangoauftritt nehmen will. Aber Spaß machen sie auf jeden Fall. Tango hat mir nach zwei Jahren eine bemerkenswerte Freude an koordinierter Bewegung gegeben.

Aufregeung
Dazwischen habe ich mir eine Blutprobe machen lassen, weil ich endgültig die Nase voll habe, seit Jahresbeginn mehr oder weniger krank zu sein. Wider Erwarten kam die mit 'uneindeutig' zurück und muss am 20. April wiederholt werden. Das hat mich doch beunruhigt, weshalb es gut war, die Werte zu Hause überprüfen lassen zu können. Bald nach der Blutprobe fühlte ich mich auch wieder ziemlich schwach und musste mir einen Tag freinehmen. Mit den Untersuchungsergebnissen gehe ich jetzt davon aus, dass irgendwas mit mir los ist und bin daher eher bereit, mir Ruhe zu gönnen. In den Tagen davor hatte es zwar einige ungeplante längere Radtouren gegeben, aber selbst wenn das der Auslöser war, würde mein Körper normalerweise nicht so einfach umkippen.

Dabei war gerade eine andere Aufregung vergangen. Dazu vielleicht etwas Hintergrundinformation. Ellie arbeitet seit 7 Jahren in der Verwaltung der Uni Portsmouth und begutachtet, ob ausländische Studenten Anspruch auf ein Visa haben, bevor man ihnen ein Studienangebot macht. Nun ist sie regelmäßig unzufrieden, denkt aber auch, dass sie nicht gut genug ist, woanders hinzugehen. Auch um sie eines besseren zu belehren, hatte ich sie daher unterstützt, sich auf eine Stelle an der Uni Southampton zu bewerben. Wie erwartet wurde sie gleich zu einem Gespräch eingeladen (persönlich kann ich sie mir sehr gut als Leitungspersonal vorstellen), woraus sie nur als Zweitbeste hervorging, aber bevor wir das erfuhren, mussten wir uns erstmal klarwerden, ob wir das auch wollten. Denn Arbeit in Southampton hieße realistisch gesehen auch dort zu wohnen. Was eigentlich auch weniger dramatisch wäre als vorige Umzüge, schließlich komme ich von dort genauso gut in mein Büro, Kultur gibt es mehr und nicht zuletzt Kalina. Aber beide sind wir auch keine Freunde von plötzlicher Veränderung und ich wollte Ellie zureden, die Stelle nicht aus den falschen Gründen abzulehnen. Am Ende stellte sie im Gespräch fest, dass die Stelle soviel nicht wert war, was das Problem von der Tagesordnung holte. Aber vorher hatten wir beide einige unruhige Tage.

Während Ellie nun also doch ihre alte Arbeit behält, verändert sich jetzt dagegen meine ganz unerwartet. Man findet wohl keinen Leiter für meine Arbeitsgruppe, weshalb diese urplötzlich aufgelöst wird und wir auf andere Projekte verteilt werden, wo scheinbar auch Kräfte fehlen. Ich werde mich wohl um die Prognostizierung der Altersstruktur der Bevölkerung kümmern, meine beiden direkten Kollegen kommen woanders hin. Begeistert sind wir alle nicht, da gerade unser Projekte kurz vor dem Abschluss stand. Ich bin auch nicht sehr glücklich, da ich generell sehr lange Zeit zum Einarbeiten brauche und gerade erst produktiv geworden war.

Vermischtes
Mein dickes Geschichtsbuch habe ich endgültig ausgelesen und an Mathieu weitergereicht, der sich das Kapitel über seine Heimat Savoy durchlesen will. Noch fehlt mir ein klares Nachfolgeprojekt.

Dann hat Ellie ein weiteres Kleid von mir geschenkt bekommen, bemalt von Kasia. Die experimentiert mir Textilfarben und hatte mir diese "Studie" angeboten. Wie sie mich zu betonen gebeten hat, ist es mit Kornblumen verziert, da Ellies Freund ja Preuße ist, und Kornblumen im Zuge der Luisenverehrung zum Landessymbol geworden wären. War mir neu, sieht aber auch toll aus. Was Ellie nicht weiß, Ende des Jahres kommt ein weiteres Kleid, nicht nur handbemalt (diesmal weiß mit rotem Mohn), sondern maßgeschneidert von einer polnischen Schneiderin, mit der Kasia zusammenarbeitet.

Apropos Polen, wie sich kürzlich herausstellte, ist ein älterer Kollege von mir sehr gut mit einigen Orten meiner Vergangenheit bekannt. Als Kind hatte er einen Austausch nach Polen gewonnen, wo ihn seine Gastfamilie von Warschau aus in Städte wie Danzig aber auch Torun nahmen. Das Gespräch über den Blick über die Weichsel verstärkte wiederum eine in letzter Zeit ohnehin vorhandene nostalgische Stimmung in mir. Wie gerne würde ich auf eine große Tour nach Breslau, Lodz und vor allem Torun gehen. Und wenn ich dazu wieder 24 sein könnte, wäre das auch gut.

Für eine Woche besuchte uns die USS Theodore Roosevelt, ein gewaltiger amerikanischer Flugzeugträger. Es passt nicht mal in den Hafen und liegt daher in einer Bucht. Von Portsmouth aus versperrt ein Landvorsprung die Sicht. Sehen kann ich ihn dafür vom Büro aus - gute 15 Kilometer weit weg. 5.000 Mann Besatzung hat das Schiff; die lokalen Kneipen und Clubs haben eine Woche lang rund um die Uhr geöffnet.
Einige Bilder.


Ellies neues Kleid.
Portsmouth, dahinter die USS Roosevelt, dahinter die Isle of Wight.

Mittwoch, 11. März 2015

Im Märzen die Sonne

Kalina in Southampton
Im März ging es nahtlos weiter mit den Aktivitäten allerorten. Noch am letzten Februartag besuchte ich endlich wieder Kalina in Southampton, die ich das letzte Mal im November persönlich gesehen hatte. Man würde nicht denken, dass uns nichtmal eine Stunde Bahnfahrt trennt. Den Anfang dieses Jahres aber war sie sehr mit dem Umzug ihrer Schwester nach von Birmingham nach London beschäftigt gewesen. Am Samstag kamen dazu auch Ellie und ihre auf Besuch weilende Schwester mit, denen ich vor allem ein karibisches Restaurant zeigen wollte. Als sie abends nach Hause fuhren, ging ich mit Kalina tanzen, leider ohne viel Spaß, da es für meinen Geschmack zu voll war. Am Sonntag besuchten wir das Stadtmuseum für eine Sonderausstellung über Kriegsspielzeug. Interessanter fand ich die Dauerausstellung Stadtgeschichte, die mehrere Klasse über der in Portsmouth steht. Auch die unvermeidliche Ausstellung zur Titanic war besser als gedacht, insbesondere eine Stadtkarte, auf der alle Adressen der Todesopfer, zumeist aus der Besatzung, markiert waren. Abends haben wir noch gekocht und haben eine Musikkneipe ausprobiert, für die Kalina auf Begleitung gewartet hatte.

Ellie auf der Isle of Wight
Am darauffolgenden Freitag war ich schlagartig wieder krank, fühlte mich fiebrig ohne Fieber zu haben. Dabei war gerade der Sonnabend der bis dahin schönste Tag des Jahres, der uns daran erinnerte, das der Sommer Portsmouth als Stadt vom unterem Mittelmaß in die Spitzenklasse katapultiert. Ellie und ich gingen mit der halben Stadt ans Meer und bewunderten die Farben der Krokusse. Mehr konnten wir wegen meines Zustandens  aber nicht machen, dabei hatten wir schon beide schon lange Lust auf einen Frühlingsausflug. Nach viel Ruhe für mich sind wir darum am schon wieder bedeckten Sonntag auf die Isle of Wight übergesetzt und zur Abtei Quarr gelaufen. Die kannte Ellie noch nicht; ich war die Strecke schon ein paarmal gelaufen und gefahren. Auf dem Weg machten wir einige auch mir neue Schlenker und kamen zum Beispiel an einer bewaldeten Stelle direkt am Meer raus, die Ellie nachweislich ganz besonders gefiel.
Damit füllte der Spaziergang wider Erwarten den ganzen Nachmittag. An der Abtei lud ich Ellie zum Frauentag zum Cream Tea ein und führte sie noch an Hühnern und Schweinen vorbei. Seit meinem letzten Besuch war auch viel gebaut worden, die Schweine wurden verlegt, eine neue Baumpflanzung steht, die Wege sind befestigt, eine neue Gallerie und auch eine kleine Ausstellung zum Kloster gibt es jetzt, das ja erst vor 100 Jahren von französischen Exilanten errichtet wurde und nichts direkt mit der zerstörten Zisterzienserabtei aus dem Mittelalter zu tun hat. Auf dem Rückweg kam hinter uns doch noch die Sonner raus. Der Sommer kommt. Und Ende Mai haben wir ein langes Wochenende, an dem wir mit dem Chor die Insel wieder abfahren.

Vermischtes
Allgemein gab es letztens viel Schlaf und einige freie Zeit für mich, was zusammen mit dem Wetter Zufriedenheit und Vorfreude auf den Sommer hervorruft. Einige Dinge nähern sich der Vollendung, wie das Geschichtsbuch und das nächste Konzert. Auch Mathieu habe ich mal wieder gesehen und eins der letzten unversuchten Restaurants probiert. Die nächsten Monate sind voll mit Plänen, wie Ausflüge nach Bristol, Exmoor, Canterbury und die Isle of Wight. Nicht zueletzt gewöhne mich immer mehr an den Gedanken, tatsächlich in einer Beziehung zu sein.

Neben Schuberts Müllerin hat mir meine Gesangslehrerin kürzlich zu meiner Freude Mozarts Vogelfänger vorgelegt.

Mein mit Schweiß und Mühe fast ausgelesenes Geschichtsbuch ist mir im Zug gestohlen worden. Am meisten ärgerte mich dabei, dass Bücherdiebe mit Sicherheit keinen Anspruch haben und das gute Stück wohl nach fünf Minuten im Mülleimer lag. Ersatz ist bereits angekommen.

Eine Woche nach meiner ersten Spielzeuganschaffung schenkte mir Ellie einen weiteren Legosatz. Den Polarforscher. Wichtiger jedoch: nachdem es erstmal wieder nach Moskau zurückgeschickt worden war, kam jetzt mein Weihnachtsgeschenk an - das Russische Hemd, das Ellie Mitte November bestellt hatte. Das lief jetzt ganz schnell und passt mir perfekt. Russische Kollegen und Bekannte findens gut, ich dagegen finde es toll. Ellies Saari wird momentan etwas umgenäht, dann machen wir eine Kostümparty.

Nachtrag: Wir Europäer beim Golf im Februar.


Krokusse in Portsmouth. Nicht mehr lang und das Paradies kommt zurück ans Meer.


Die schönen ruhigen Orte der Isle of Wight.

und was Ellie daraus macht.
Woher sie das hat?



Der Turm der Abtei Quarr.


Die Tiere des Klosters.



Überreste der ursprünglichen Zisterzienserklosters.
Das Martinizza diesen Jahres hängst schon wieder am ersten blühenden Baum.
U minja Kosovorotka.




Montag, 23. Februar 2015

vorwärts & rückwärts

Zusammen mit meiner Gesundheit ging es auch mit den Wochenenden Anfang Februar langsam wieder aufwärts. Bald werde ich mich vermutlich nach den "unspektakulären" Zeiten vom Jahresanfang sehnen. Und trotz manchmal kalten Temperaturen sehe ich den Sommer bereits mit mächtigen Schritten auf uns zukommen. Auf einmal wird er da stehen und das Jahr ist wieder halb rum.

Valentinstag
Ist hier drüben natürlich eine große Sache, wie alle amerikanischen Kulturexporte. Meine Einstellung dazu ist bekanntlich ein standhaftes "Nein, aber", schließlich wollte auch Ellie zumindest etwas machen. Restaurant war mir zu teuer und zum Glück kann ich ihr das auch so sagen und so beschloss ich stattdessen, selbst für sie zu kochen. Im Alltag sind wir nämlich inzwischen dazu gekommen, dass praktisch immer sie kocht, wenn ich abends zu ihr komme. Das macht ihr zwar Spaß (und sie kocht gut), aber gefallen tut es mir trotzdem nicht. Dazu kommt, dass ich für sie lieber etwas selbst und persönlich mache, als mich durch die Festtagsabfertigung zu begeben. Bei der Gelegenheit erinnerte ich mich daran, wie ich vor zwei Jahren mit Papa hier Seeteufel gemacht hatte und bestellte zwei Fillets beim Fischmarkt. Gute zwei Stunden stand ich in der Küche, zugegebenermaßen beraten von Ellie. Es hat sich gelohnt.
Im Anschluss nahm ich sie außerdem in ein Konzert eines regionalen Orchesters, was ich, wie ich doch betonen will, vermutlich auch ohne Valentinstag gemacht hätte. Das ist zwar immer kostspielig hier, aber selbst für meine totmüden Ohren war es doch eine Wohltat, in Portsmouth einmal richtig gut gemachte Musik zu hören. Man spielte Brahms und Mendelson. Ich weiß weiterhin nicht, ob dass Orchester Profis oder Amateure waren, vermutlich eine Mischung. Jedenfalls beherrschten sie ihre Instrumente, insbesondere der 17-jährige Violinsoloist. Im Übrigen war das wieder eine der Gelegenheiten, wo ich Namen und Komponisten von Musik erfuhr, die ich als Melodie schon lange kannte. Ich dachte, ich weiß nichts über Brahms.
So schön war ein bisschen richtige Musik, dass ich am Montag darauf gleich noch etwas Geld ausgab und mit Freunden das tschechische Trio Martinu hörte.


Meinesgleichen
Während der Samstag für Ellie reserviert war, war der Sonntag an meine Freunde um Mathieu vergeben. Die ware schon am Vortag angereist und teilweise in meinem leeren Zimmer Unterkunft untergebracht worden. Schon der Morgen wies den Sonntag als einen großartigen Tag voller Echos aus jungen Jahren aus, als ich bei strahlender Sonne und zweistelliger Temperatur zum europäischen Frühstück bei Mathieu ging. Ellie hatte an diesem Tag Besuch von ihrer Mutter und konnte leider nicht mitkommen. Wir Immigranten gingen Minigolf am Meer spielen und später essen. Ich sog die Wärme so ein wie das Gemeinschaftsgefühl, dass ich nolens volens mit anderen Ausländern verspüre, die viele Jahre und in mehreren Ländern unterwegs gewesen waren.


Kreativ
Mitte Februar nahmen Ellie und ich beide einen Freitag frei. Wir hatten schon lange mal ein langes Wochenende nur für uns gewollt. Speziell wollten wir Zeit für unsere gemeinsamen Hobbys. Wir buchten zwei Stunden im Tanzraum einer Art Kulturhauses, wo Ellie jede Woche Bauchtanzstunden hat. Wie ich dabei erfuhr, übte sie an einer eigenen Choreographie, während ich Tango probte. Anschließend nahm ich Ellie ins Cafe und dann hatte ich Gesangsstunde, auf der ich auch einen kleinen Durchbruch hatte. Abends in meiner Tangostunde spürte ich dann die Übung überraschend deutlich. Ein gutes Gefühl Fortschritte zu machen.

Am Samstag darauf gingen Ellie und ich wieder zu einer Musicalaufführung der Universität. Vor einem Jahr war es Der Mikado, diesmal Allegro von Rodgers und Hammersmith, die mir ebenfalls nur vom Namen bekannt waren. Hingegangen bin ich vor allem auf Empfehlung meiner Gesangslehrerin, da ich selbst ja keine Musicaltradition habe. Angenehmerweise hatte dieses Stück einen ernsten Inhalt, den es auch ernsthaft behandelte. Vielleicht deshalb war es seinerzeit kein großer Erfolg gewesen für unseren Dirigenten dagegen war es Rodgers und Hammersmiths bestes Stück.

Reaktiv
Weitere alte Sachen: wie man sich erinnert, habe ich letztes Jahr mit großer Anteilnahme den offiziellen Legofilm gesehen. Ohne Zweifel mit Absicht weckte er alte Erinnerungen, wie das damals war, unter dem Weihnachtsbaum eine Schachtel aufzumachen und die Bausteine aus der Tüte zu holen und später zu sehen, welches Modell Friedemann bekommen hatte. Nachdem ich schon ihm zu Weihnachten etwas geschenkt hatte, habe ich jetzt der Versuchung nachgegeben und mir selbst etwas gekauft, zum ersten Mal seitdem ich 14 war. Schließlich bin ich mir mit Friedemann einig, dass wir jetzt in dem Alter sind, wo man sein Erwachsenengehalt benutzt, sich seine alten Spielzeuge zu kaufen.

Ebenfalls alte Sachen: meine alte Grundschule in Kyritz ist 2009 abgerissen worden! Das erfuhr ich von den gelegentlichen Recherchen auf Satellitenbildern, die ich in Momenten von Langeweile mit Orten meiner Vergangenheit mache.

In meinem dicken Geschichtsbuch bin ich im vorletzten Kapitel angekommen. Im vorigen habe ich erfahren, wie Montenegro nach dem ersten Weltkrieg mit schmutzigen Tricks ins neugegründete Jugoslavien kam. Parallel lese eine Kleine Physik von 1953, die sich als überraschend praktische Lektüre für Zugfahrten erweist. Wer kennt noch den Unterschied von Masse und Gewicht?

Die Modelleisenbahn meiner Generation.

Das nächste Konzert kommt bald und dann ist der Frühling schon halb vorbei.



Sonntag, 8. Februar 2015

Langsam mit dem Strom gen Frühling

Die Wochenenden dieses Jahres waren bisher, wenn vielleicht nicht langweilig so doch unspektakulär. Kaum Veranstaltungen und das Wetter natürlicherweise kalt, windig und manchmal regnerisch. An einem Tag fiel für einige Stunden sogar echter Schnee. Wunderschön anzusehen auf den Feldern entlang der morgendlichen Bahnfahrt, mir wurde nochmal regelrecht weihnachtlich zumute. Von solchen Momenten abgesehen zeigt Portsmouth zu solchen Zeiten aber seine Schwächen, wenn man weder Veranstaltungen besuchen noch lange am Meer sein kann. Dementsprechend war es fast günstig, dass sowohl Ellie als auch ich Ende Januar krank wurden - mehr als zu Hause bleiben und ausruhen konnte man ohnehin nicht.

Es war nur ein leichter Infekt, der mich einige Tage lang schwach fühlen ließ, sich dann aber auch zwei Wochen lang nicht völlig zurückzog. Einen Tag habe ich mich sogar krank gemeldet und bin zu Hause geblieben. Und obwohl ich nach ein paar Stunden merkte, dass das auch gut war, mache ich sowas nicht gerne, wie schon in der Schule. Dementsprechend war es in über zwei Jahren auch erst der zweite Krankheitstag. Allerdings war der erste seinerzeit sehr angenehm gewesen und ich hatte schon lange mal Lust gehabt, wieder an einem Werktag durch die Stadt zu spazieren. Die Zeit habe ich dann auch genutzt, ans Meer zu gehen, wo die Sonne schien und am Strand Tee zu trinken. Auf dem Weg hatte ich auch endlich mal wieder Zeit, mich in einem Laden mit einem Lokalpatrioten über ein bekanntes aber nicht mehr existierendes Wahrzeichen der Stadt zu verquatschen.

Das war ein Freitag und zum Tango bin ich abends trotzdem gegangen. Schließlich kam diesmal eine ganze Gruppe Freunde mit. Seit Mitte Januar ist nämlich eine Freundin von Mathieu und mir für einen Monat in der Region, Carla aus Portugal. Es war nicht vergessen, dass wir schon zwei Jahren gesagt hatten, wir müssten mal Tango tanzen gehen. Sie brachte eine weitere Portugiesin mit und dazu stießen der inzwischen aus Asien zurückgekehrte Mathieu, interessanterweise mit seiner Ex-Freundin. Wie ich den wie immer nervösen Anfängern wiederholt versichterte ist unsere Tangogruppe auch freundlich und als Mathieu einmal aufgeben wollte, wurde er von jemand anderem ermutigt und zurückgeholt. Die beiden Portugiesinnen blieben auch bis ganz zum Schluss und wir hatten großen Spaß.

An einem anderen Wochenende gingen Ellie und ich zu einer besonderen Vorführung von Puccinis Turandot. Unser immer noch wegen Renovierung geschlossenes Haupttheater führt mit einer Londoner Uni für Asienstudien ein Projekt, die Oper auf Mandarin und mit chinesischen Instrumenten aufzuführen. Über den Chor hatte ich erfahren, dass sie eine gratis Werkschau anboten. In Portsmouth hat man nicht viele Ansprüche und gerade weil es kostenlos war, wusste ich nicht, was ich erwarten sollte. Zum Glück wollte auch Ellie hin, die eine große Schwäche für Asien hat. Die fünf Sänger und ein Dutzend Musiker stellten sich alle als gut raus und es folgte eine interessante Fragestunde. Dort erfuhren wir, warum Mandarin so überraschend gut als Gesang funktioniert und wie man mit chinesischen Instrumenten Lautstärkeunterschiede erzielt, obwohl sie dafür nicht konstruiert sind. Sollte das Projekt Aufführungsreife erlangen, will man den Chor jeweils mit lokalen Sängern besetzen. Ellie und ich sind bereit.
Während diese Veranstaltung gratis war, haben wir den Besuch der Stadthalle gleich genutzt, ordentlich Geld für zwei Komiker auszugeben. Ross Noble haben wir inzwischen gesehen, ihn kannte ich vorher nicht. Er kann zwei Stunden mit reiner Improvisation füllen und hat dazu einen Akzent aus der Region nördlich von Newcastle. Bei der Gelegenheit hat er uns auf eine neue Attraktion in Portsmouth aufmerksam gemacht, ein Museum für Kreationismus. Ellie und Freunde wollen unbedingt mal hin. Im Dezember dann kommt Bill Bailey, ein alter Hippie und ausgezeichneter Musiker, den mir Ellie schon oft gezeigt hat.

Am Wochenende darauf war das einzig Interessante der Brasilianische Tag eines Cafes in der Nähe. Das war eine Empfehlung meines brasilianischen Tangolehrers. An sich gab es nur sonst nicht gebotene brasilianische Spezialitäten und Musik aus der Dose. Aber sowohl für Ellie als auch mich erstes Mal dort, das Cafe unterscheidet sich nämlich von außen nicht von den üblichen sterilen englischen Lokalitäten. Innen ist es aber wirklich gemütlich und besonders der Garten wird im Sommer sehr interessant sein. Ganz ähnlich haben wir an einem anderen ereignislosen Sonntag eine Creperie ausprobiert und eine von außen nicht sichtbare Dachterasse gefunden.

Eine etwas interessantere Sache ist Ellies Suche nach einem Auto. Ganz sicher ist sie sich noch nicht, aber nachdem sie im Dezember ihren Führerschein bekommen hat, überlegt sie aktiv, sich ein Auto zu kaufen. Nicht zuletzt, um sich erwachsener zu fühlen - wo sie schon kein eigenes Haus hat. Ich kann ihr dabei nicht helfen, aber zum Glück hat sie erfahrenere Freunde und einen Fahrlehrer als Vater.
In diesem Zusammenhang ein kleiner Exkurs in die englische Immobilienkultur. Wie Ihr wisst kaufen die Briten statt zu mieten. Dazu hat mein Statistikamt kürzlich den Hauspreisindex und etwas Analyse veröffentlicht. Demnach sind Hauspreise in einem Jahr durchschnittlich um 11% gestiegen. Was für mich heißt, dass wieder fröhlich in eine Blase spekuliert wird. Ob der Unterschiede zwischen unseren Ländern unterhalte ich mich viel mit Ellie darüber, deren Selbstbewusstsein sehr damit kämpft, mit 30 noch nicht auf der "Hausleiter" zu sein (NB diese Alltagsmetapher suggeriert, es geht auf der Leiter aufwärts). Das gleiche mache ich mit anderen Ausländern; wir halten das Ganze für Wahnsinn. Nichtsgestotrotz, Kalina hat sich gerade ihre Wohnung gekauft, mit einer Hypothek auf 30 Jahre. Und drüben in Polen, wo nach meiner Recherche noch mehr gekauft wird als hier, hat sich auch Daria eine Wohnung gekauft. Zumindest im schönen Breslau.

Zuletzt das neueste aus Chor und Geschichtsbuch: Die Toskana wurde von Napoleon in das kurzlebige Königreich Etruria verwandelt. Nördlich schuf er die Republik Lucca. In Lucca ging Puccini zur Musikschule und schrieb als Abschlussarbeit unsere Messa di Gloria, bevor er zum Studium ging und nie wieder Sakralmusik schrieb.

Die erste Rose ist schon da - der Frühling kommt bestimmt!

Kein besserer Tag um krank zu sein.

Montag, 19. Januar 2015

Noch kann ich mich nicht entschließen, beim nächsten Besuch einen wertvollen Urlaubstag früher zurückzufliegen. Auf jeden Fall war die Umstellung auf Arbeit sehr abrupt; der erste Tag dort schien nicht wirklich real. Am ersten Wochenende haben Ellie und ich auch absichtlich nichts gemacht...bis auf einen Ausflug nach Chichester. In dieser kleinen historischen Stadt nordwestlich von Portsmouth war ich seit Mai 2013 nicht mehr gewesen, als mich ein Frühlingsausflug mit Mathieu dorthin führte. Auch Ellie fährt dort traditionell nur einmal im Advent hin, um mit ihrer Freundin/Tanzlehrerin einzukaufen. Dort gibt es einen ganz supitollen Schokoladen und Ellie brauchte unbedingt Nachschub.
In der Folgewoche haben wir auch neuen Tanzkurs begonnen. Wir wollten beide schon seit einiger Zeit etwas 20er Jahre Stile lernen, ich insbesondere Charleston. Ellie fand uns eine Gruppe, die jeden Donnerstag verschiedene Stile unterrichtet, in unserer ersten Stunde war das Boogie Woogie. Es ist sehr schön, endlich regelmäßig auch mit Ellie tanzen zu gehen. Nur muss ich für diese neue Verpflichtung etwas anderes aus der Woche stoßen, und das wird wohl der Salsa am Mittwoch sein. Seit meiner ersten Stunde vor über fünf Jahren kein Salsa mehr in meinem Leben.
Zusammen singen tun wir sowieso, der Chor ist seit Anfang Januar an Puccinis Messa di Gloria dran. Alle freuen sich, weil das leichter ist als Beethoven. Und was für wunderschöne Melodien - schon die ersten Proben sind eine Freude. Der Chor ist plötzlich auch viel größer als vorher; offenbar gab es während der Weihnachtspause einen Anwerbeaktion. Ich selbst war schon ganz stolz gewesen, zwei neuen Rekruten mitzubringen, einen Italiener in meinem Alter und eine Französin, die extra aus Petersfield anreist.

Es wird Euch freuen, dass sämtliche Kalendar hängen auf der Arbeit, bis auf den mit Fotos von mir natürlich, der steht bei Ellie. In der zweiten Januarwoche konnte ich dann auch meine nicht mitgenommenen Geschenke von der Post abholen. Die meisten wird es freuen, dass ich dafür ein altes Handtuch und meinen verhassten braunen Pullover entsorgt habe. Interessanterweise waren das noch nicht die letzten Weihnachtsgaben. Ellies Geschenk hängt seit 18. Dezember am Zoll fest, denn es kommt direkt aus Russland. Quasi im Gegenzug zu ihrem Saari hat sie mir ein russisches Hemd bestellt, wie ich es im Musical Anatevka lautstark gewünscht hatte.

In Deutschland habe ich viel zu lesen geschafft. Darunter waren Michael Endes Wunschpunsch und Momo (deren englische Version ich für Ellie in der Bibliothek gefunden habe), ein Sachbuch über die Geschichte Brandenburgs und eins über die Kreuzzüge. Jetzt bin ich zurück bei den Verschwundenen Reichen, im Kapitel wie aus Savoi Italien wurde.

Freitag, 19. Dezember 2014

Advent
In diesem Jahr hatte ich tatsächlich die Zeit, den Advent mit Muße zu genießen. Weihnachten war gebucht und organisiert und ich verbringe mehr Abende in Ellies komfortabler Wohnung. In weiser Voraussicht hatten wir schon Ende November zu backen begonnen und hatten bald mehrere Dosen mit Keksen gefüllt. Die Dosen sind übrigens aus Euren Paketen der letzten Jahre - bei mir kommt nichts weg, wie inzwischen auch Ellie weiß.
Auch von Euch bin ich gut mit Heimatgefühl versorgt worden. Genau am Morgen des ersten Dezembers fand ich zu Hause einen Brief von Kasia mit einem Kalender sowie einem Mini-Adventskranz. Zusammen mit Omas Kalender habe ich damit zwei auf der Arbeit stehen, wo ich sie jeden Tag sehe. Nur eine Kollegin hat auch einen Bilderkalender, alle anderen gewöhnliche Schokoladenhalter. Hierzulande sind Kalender zwar überall erhaeltlich und inzwischen auch populär, aber mehr billige Werbeflaeche für die großen Schokoladenfirmen. Natürlich Ellie hat einen Kalender bekommen, und ebenso Kalina. Fünf Jahre war sie in Deutschland, ohne sich unserer ueberlegenen Tradition zu ergeben. Auch in Mathieus Wohnung fand ich übrigens einen schönen Kalender. Wie sich herausstellte, kam der von der deutschen Bekannten des Vermieters.

Als nächstes kam zum Nikolaus ein Paket von Mutti. Das habe ich mit Ellie am Nachmittag zwischen Generalprobe und Konzert des Chors (s.u.) ausgepackt und ihr das Wort Gemuetlichkeit erklaert. Schon am Morgen hatte der Nikolaus Ellie übrigens einen Schuh gebracht. Das Schuh ist inzwischen leer, aber das Paket noch nicht, denn zum Glück steht es bei Ellie außer meiner Reichweite.

Beim Blick auf die hiesigen Häuser fiel mir ein, wie ich vor zehn Jahren die englischen Ganzfassadendekorationen und Plastikgeglitzer beschrieben habe. Nicht nur Lichter, sondern blinkende Lichter, in verschiedenen Farben, gerne wird jede Linie mit einer Lichterkette nachgezogen. Je nach Farbe sieht es aus wie ein amerikanisches Autobahnmotel oder ein Bordell.
Auch auf der Arbeit wurden die Lamettatüten hervorgeholt. Dieses Jahr habe ich gelernt, dass die Bäume nicht allein wegen Unwissenheit und Geschmacklosigkeit schon im November aufgestellt(und mit blinkenden Diskolichtern verziert) werden, sondern, dass das offizielle Tradition ist.

Nun ist aber, wie ich ungern zugebe, nicht alle englische Tradition schlecht. So ist zu meiner Überraschung Adventssingen in den Kirchen sehr populär. Für ihren Heimatbesuch hatte sich Ellie extra auf Karten für die Kathedrale von Canterbury beworben, erfolglos. Auch auf der Arbeit wird von einer Gruppe Christen jedes Jahr ein gut besuchte Veranstaltung organisiert, die ich zum ersten Mal wahrnahm. Dabei erfuhr ich auch, dass es einen Chor im Haus gibt. Dem kann ich mich zwar aus Zeitgründen nicht anschließen, einmal habe ich ihn aber besucht und einige Weihnachtslieder mitgesungen. Mir gefallen die Angebote der Kirchen und ich will das noch einige Male nutzen.

Musik
Die erste Gelegenheit war der alljaehrliche Adventsgottesdienst der Uni. Dieses Jahr hatte ich mich darauf wegen der recht depperten Lieder nicht so darauf gefreut (bezeichnenderweise sagte Ellies neulich, sie denke bei Weihnachten an New York, dementsprechend ist viel der als traditionell betrachteten Musik Pop), wurde dann aber daran erinnert, wie gerne ich aber doch in Kirchen singe.
Der große Auftritt war das Beethovenkonzert am 6. Dezember. Die erste Probe mit dem Orchester war zu allgemeiner Überraschung richtig gut gelaufen, die Generalprobe eine Woche später ziemlich schlimm und das Konzert selbst war irgendwie wieder gelungen. Das Ambiente war ein ganz anderes als im Yorker Münster, wo ich die 9. Symphonie vor vier Jahren zum ersten Mal gesungen hatte. Eine Sporthalle statt des Münsters, das Orchester mehrere Klassen schlechter, weil wir hier keine richtige Musikfakultät haben. Trotzdem erinnerte es mich an das erste Mal, weil die 9. Symphonie trotz des depperten Textes doch toll zu singen ist, wenn erstmal die Musik mitmacht. Mir wird das Proben an Aufnahmen fehlen, dem ich mich dank meines Vorwissens frueh widmen konnte, Jetzt geht das Einüben wieder von vorne los, im Januar mit Puccinis Messi di Gloria, einer willkommenen Rückkehr in singbarere Stimmlagen.

Im Anschluss an das Konzert fuhr ich direkt weiter zur Tangoweihnachtsfeier. Auch auf der Arbeit gab es neben den diversen normalen Festtagsessen ausser Haus, die ich vermeide, einen kompletten Nachmittag im Büro, der mir zugegebenermaßen halbwegs gefallen hat. Da hatte man sich richtig Mühe gegeben und nicht nur Essen sondern auch kreative Spiele gemacht. Einer der Wettbewerbe bezog sich auf eine weitere englische Tradition, den Weihnachtspullover. Die sind absichtlich verziert wie von Mutti gestrickt. Zu sehen z.B. am Anfang von Bridget Jones.
Und schließlich habe ich mit Ellie noch eine Tradition kennen gelernt, das "Panto". Das kommt von Pantomime, ist aber ein normales Theaterstück mit Sprache, für Kinder, recht frei nach traditionellen Stücken und angereichert mit Humor solcherart, das alle Kinder schreien, wenn der Geist hinter dem Protagonisten steht. Unser Lokaltheater zeigte eine lose an Aladins Wunderlampe orientierte Geschichte, aufgepeppt mit C-Prominenz von gestern, laut, mit viel Musik. Den Kindern hats gefallen, uns auch. Am besten fand ich, dass die Schauspieler alle grossen Spass hatten, auf der Buehne einfach mal rumalbern zu duerfen.

Wunderbar
Auch mein zweiter, privater Auftritt des Stücks "Wunderbar" wurde nach vielen Sorgen ein großer Erfolg. Nach der schlechten ersten Probe stellte sich raus, dass ich anhang der falschen Aufnahme geübt hatte - kein Wunder also, dass meine Noten alle nicht passten.. Die folgenden Proben waren ein großer Spaß und der Auftritt selbst mindestens der zweitbeste Beitrag, schließlich hatte ich Unterstützung  von Musikabsolventen, einer lokale Sängerin und am Klavier einer Austauschstudentin aus China. Papa kennt das Format von meinem ersten Auftritt vor zwei Jahren, eine offene Bühne für Musikstudenten und -interessierte. Ich war sehr froh, dass Ellie kommen konnte, schließlich wünsche ich mir immer, dass mich Familie und Freunde auf der Bühne sehen können. Neben uns trat auch meine Gesangslehrerin mit dem Fagott aus und der beste Beitrag kam vermutlich von meiner Mitbewohnerin; wir wussten gegenseitig nichts von unseren Auftritten. Meine Mitstreiterinnen bekamen von mir Blumen und als ich eine weitere meiner Gesangslehrerin gab, hat sie mich spontan umarmte, was hier drüben selten vorkommt (auch wenn sie Amerikanerin ist). Solche Momente persönlicher Wärme sind mir hier immer noch selten und wertvoll. Den ganzen nächsten Tag wünschte ich mir, abends wieder auf die Bühne zu können.

Deutschland in London
Am zweiten Advent sind Ellie und ich nach London in die Museen gefahren. So ein Wochenende hatte ich schon immer vorgehabt, inzwischen aber die Hoffnung aufgegeben, nachdem Wochenenden eigentlich nie mehr frei waren. Die jetzige Entscheidung war relativ spontan und halb mit Ellies Geburtstag verbunden. Fast wäre es noch ins Wasser gefallen, da Ellie krank war. Zum Glück erholte sie sich im Laufe des Wochenendes zunehmend.
Der Samstag war dem Britischen Museum gewidmet, wo wir uns zuerst die schon erwähnte Ausstellung "Deutschland - Erinnerungen einer Nation" ansahen. Die war kleiner als erwartet, schließlich waren es insgesamt nur 100 Objekte. Dafür war es voll, inklusive vieler Deutscher. Ich muss sagen, dass die Ausstellung trotz ihrer hochkarätigen Exponate nur halb so gut gewesen wäre, hätte ich nicht vorher die Radiosendungen gehört. Erklärung vor Ort ist (unvermeidlich) knapp, es sei denn, man liest das Begleitbuch von 600 Seiten. Was schön wäre, aber eben leider für so viele andere Bücher auch gilt. Besonders im Gedächtnis sind uns eine der allerersten Gutenbergbibeln geblieben, Schilder von den Montagsdemos, das Tor von Buchenwald und Bauhaus-Stuecke. Für mich persönlich waren die Sektion über Bauhaus und Brandenburg-Preußen interessant, zu denen ich Ellie natürlich einiges erzählen konnte.
Im Anschluss hatten wir immer noch mehrere Stunden, den Rest des riesigen Museums mit praktisch der gesamten Menschheitsgeschichte anzusehen. Ich war wider vermeintlicher Erinnerung zum ersten Mal im Britischen Museum und es zu beschreiben wäre zu viel. Ganz toll an England ist aber, dass Museen und Gallerien gratis sind und trotzdem auf Weltniveau sowie ausgesprochen angenehm zu besuchen. Schon praktisch, einmal ein Weltbereich besessen zu haben, man konnte sich alle möglichen schönen Sachen mit nach Hause nehmen.
Am Sonntag gingen wir ins Viktoria-und-Albert Museum, das mir völlig neu war. Es hat keinen bestimmten Fokus, neben europäischer Archäologie war für Ellie China, Japan und Korea dabei und für mich der Nahe Osten. Daneben britische Mode, Eisenwerk und Protestkultur. Ganz besonders hat mich dabei ein (mindestens) lebensgroße Kopie der Trajansäule beeindruckt, die einfach mal im Raum stand, neben kompletten Kathedralenfassaden.
Die Nacht dazwischen sind wir bei Ellie Freundin geblieben, die ich zur 40er Jahre Party zu deren Geburtstag kennen gelernt hatte. Die ist immer ein Erlebnis und hat uns außerdem in ein großartiges indischen Restaurant genommen, dass so billig und deftig war, dass ich mich an polnische Milchbars erinnert fühlte.

Direkt nach unserer Rückkehr sind wir dann direkt noch zum Adventssingen in einer Kirche gefahren. Das bringt mir dann doch richtige Adventsstimmung, Licht nur von Kerzen und richtige Orgelmusik.

Vermischtes
Eine weitere schöne Sache war eine Schnuppersprachstunde in unserer isländischen Bar. Das hatte Ellie entdeckt und zu meiner Freude kamen auch noch Mathieu und zwei Bekannte vom Tango.
Apropos Tango, für Leute mit gutem Internet: ein Video meines Tangolehrers bei einem Interview.
http://www.portsmouth.co.uk/life/it-s-strictly-tango-for-flavio-1-6447026

Ganz in der Nähe der isländischen Bar hat ausserdem eine neue Kneipe aufgemacht. Ihr dunkles Dekor, gutes Essen und hausgemachtes Bier erinnern mich nämlich stark an die Kneipen meiner Jugend in Torun und Lodz. Abgesehen davon schließt sie eine Lücke zwischen zwei bereits vorher immer schöner gewordenen Ecken der Stadt, wo in den letzten zwei Jahren eine ganze Reihe sympathischer Orte entstanden waren. Damit haben wir in dieser Gegend fast sowas wie eine Flaniermeile.

Meine psychologische Beratung ist nach eineinhalb Jahren vorbei. Die Beraterin hat eine neue Arbeit gefunden, aber mir waren auch langsam die Themen ausgegangen. Das gesparte Geld kann ich gut gebrauchen, aber noch wichtiger ist mir die gewonnene Zeit. Die zusätzliche Stunde will ich in Singübungen investieren und hoffentlich andere Abende entlasten.

Mitte Dezember hatte Ellie ungern 30. Geburtstag. Von mir bekam sie dafuer einen indischen Saari. Er kam aus lokalem Laden, der mir schon frueh aufgefallen war; jetzt habe ich endlich jemanden zum Anziehen.

Im Kino habe ich den Film Gravity gesehen. Astronaut sein wäre nichts für mich. Ich brauche festen Boden. Literarisch habe ich in meinem Buch das Kapitel über Preußen gelesen, d.h. das eigentliche Preußen der Pruzzen und Nachfolger.

Anfang Dezember hatte ich mir der Zahnarzt zwei Löcher repariert, die sich doch als größer rausgestellt haben. Jetzt ist aber alles gut verfüllt und in Ordnung.

Dank Lidl konnte der Nikolaus Ellies Schuh ordentlich füllen.

Auch Buddha hatte noch nie ein Nikolauspaket gesehen.