Dienstag, 7. Mai 2013

07.05.2013 Grün ja grün

Ostern
Nach einem Samstag in der Bibliothek bin ich abends nach langer Zeit wieder zur orthodoxen Gemeinde gefahren. Die dort kennen gelernte Bulgarin Jordanka hatte mich erinnert, dass nach dem julianischen Kalender ja Ostern war. Die Gemeinde war etwas größer als beim normalen Gottesdienst und wir sind sind mit Kerzen in den Händen einmal um die Kirche gezogen. Der Chor würde mich gerne als Verstärkung haben werden und ich gerne russisch singen, aber sie proben leider in einem anderen Ort.

Wiltshire
Am folgenden Sonntag ging es endlich nach Stonehenge und die Kathedralenstadt Salisbury. Beide sind nordwestlich von Southampton in der Grafschaft Wiltshire. Kalina konnte wegen Abwesenheit nicht mitgenommen werden, aber wir waren trotzdem eine größere Gruppe um Mathieu, seine Freunde aus Southampton und einige andere trafen uns vor Ort. Das war auch gut so, schließlich habe ich Ewigkeiten organisiert und gewartet, damit zur Abwechslung auch andere mal mitkommen können. Ich hatte allzu großen Erwartungen an Stonehenge vermieden, in der Tat ist es ja im Endeffekt ein Kreis von Steinen von denen man bis heute nicht wirklich weiß, was sie sind. Aber in Echt ist die Größe dann doch beeindruckend, vor allem, wenn man die Mittel der Zeit berücksichtigt. Wirklich begeistert hat mich aber die Region als solche, die reich an anderen Steinzeitdenkmalen als auch einer wunderschönen Landschaft ist.
Schon auf dem Weg sind wir am Neuwald westlich von Southampton vorbeigekommen, dessen Ruf mich seit langem lockt und in diesem Jahr sicherlich angegangen wird, im Idealfall mit Mathieu und seinem neuen Fahrrad. Richtiger Wald und weite Heidelandschaften ohne Menschen, Straßen oder Zäune erinnerten mich nicht zum letzten Mal an diesem Tag an Brandenburg. Und noch unerwarteter, Rapsfelder mit Allen an Mecklenburg.
Als erstes hielten wir in Salisbury, wo auch die anderen eintrafen. Die Kathedrale ist laut Reiseführer das beste Beispiel englischer Frühgothik und ist auf ihrem weiten grünen Platz sehr schön, aber da mir als architektonischem Laien das besondere der englischen Frühgothik nicht ganz klar ist, reicht sie mir nicht ganz an York heran. Ohne Zweifel aber ist sie das Kronjuwel einer auch sonst zauberhafte kleinen alten Stadt mit fünf Flüssen und vielen Blüten am Wasser. Wir machten es uns zum ersten Mal an diesem Tag in diesem Grün vor einer Kneipe beim Mittag gemütlich.
Anschließend kam Stonehenge und direkt danach besuchten wir ein anderes, weit größeres aber international weniger bekanntes Steinzeitheiligtum, Avebury. Das Dorf lässt seine Schafen in einem hohen Erdwall zwischen Kreisen hoher Findlinge grasen. Warum, weiß man nicht, aber Begleiter meinten, Stonehenge und Avebury gehörten zusammen zu einem großen regionalen Heiligtum. Wie man die Arbeitskraft von der Nahrungsproduktion damals absparen konnte, ist mir ein Rätsel. Aber die Steine ragen übermannshoch in den Himmel.
Vom Wall hat man einen wunderschönen Blick in die sonnige Landschaft, in der die Farben vor lauter Frühling geradezu überquellen. Rollende grüne Hügel in alle Richtungen, einer ist der höchste künstliche im Land und auf einem anderen eins der bekannten weißen Pferdezeichnungen. An den Straßen wenig Städte und viele kleine Dörfer, denen die feudale Struktur des 19. Jahrhunderts noch anhaftet; die Region hat sich seitdem eindeutig wenig verändert bis der Tourismus neues Leben gebracht haben muss. In den Dorfkneipen haben wir einige Pausen gemacht und während der Fahrt habe ich beim Blick von den Hügeln wiederum an den Raum und das Licht und die Ruhe meiner Heimat gedacht, die mir hier zusammen mit der Gesellschaft anderer Leute sehr gut taten.

London
In England wird vernünftigerweise statt dem 1. Mai der nächste Montag zu einem langen Wochenende freigemacht. An diesem Tag schloss ich mich einer großteils indischen Gruppe um Jordanka an. Die fuhren zu einer Lebensmittelmarkt in London mit Ständen aus der ganzen Welt. Allein hätte ich das nicht gemacht, mir ging es vor allem um die Gesellschaft und Kontaktpflege. Wie sich herausstellte, war es eine große Auflage desselben Marktes an gleicher Stelle, den ich im November mit Kalina zufällig gefunden hatte. Natürlich war es teuer, wie das ganze Wochenende, aber das Wetter war ausgesprochen sommerlich und trotz der Menschenmassen in den engen Gassen zwischen den Ständen machte das von mir sonst vehement abgelehnte London mehr Spaß als auf den bisherigen, hektischen Durchreisen zum Flughafen. Insbesondere bekam ich sogar hier Heimatgefühle, als ich mir bei der öffentlichen Schafschur ein Stück Wolle einsteckte, dessen Geruch mich an die Ökohöfe für Großstädter in der Uckermark erinnerte. Auch auf der Rückfahrt musste ich gestehen: einiges an grünem Wald zwischen hier und London.

Vor kurzem habe ich mich aus lauter Idealismus für die Versuchsreihe einer Bachelor-Arbeit gemeldet. Eine Sportwissenschaftlerin untersucht, wie der Körper bei Schiffsunglücken beim Schwimmen überlebt. Dazu werde ich bekleidet in 12 Grad kaltes Wasser gekippt und schwimme gegen einen Strom, mit Sensoren am Körper und wen es interessiert darf raten, wo meine Innentemperatur gemessen wird. Dienstag habe ich mich auf der ersten von fünf Sitzungen nach Strich und Faden erniedrigt; 15 Minuten habe ich durchgehalten und dabei geprustet und gestrampelt wie ein Baby. Und das gelang mit nur unter kontrollierten Bedingungen, bei einem echten Untergang würde ich nach zwei Minuten absaufen. Wahnsinn, was Kleidung ausmacht, zieht einen abwärts wie ein Stein um den Hals. Zum Glück stecken sie mich im Anschluss aus lauter Mitleid in ein Warmbad.

Freitag nach der Arbeit in Portsmouth. Die Möwen begleiten den Fischer nach Hause.


Geh aus mein Herz und suche Freud.


Ein Teil von Avebury.

Vom Wall in die andere Richtung fotografiert.

Der höchste künstliche Hügel. Funktion unbekannt.

Dienstag, 30. April 2013

April sollte der ruhige Monat vor dem möglichen Besuch Kasias sein. Kasia ist am Ende nicht gekommen, und der April war nicht ruhig. Mit jedem Tag Sonne ergibt sich mir mehr mehr das Dilemma, zuviele Pläne in zuwenig Zeit zu stecken. Der Sommer hat noch nicht richtig begonnen und ist schon ausgeplant.
Das letzte Mal hatte ich von der Reise nach Birmingham geschrieben, der letzten dorthin wie sich im Laufe des Monats erwies. Eine Woche lang habe ich danach erstmal liegengliebenes machen müssen. Aber am ersten Wochenende habe ich mit Mathieu und seiner zugereisten Schwester an einem der ersten schönen Tage zum ersten Mal in meinem Leben Golf gespielt. Das geschah am ersten wirklich schönen Wochenende. Seitdem geht es zwar bergauf bergab mit dem Wetter und der Wärme, aber das Frühlingsgefühl ist hier. Wie spielten auf einem kleinen Golfplatz ganz nah bei mir und damit direkt am Meer, und bei dem Wetter eine Erfahrung, die ich gerne wiederholen wollte, aber bisher nicht geschafft habe, denn es gibt viel zu viel zu tun. Gleich am Folgetag traf ich mich an gleichem Ort zum zweiten Frühstück mit den Mitglieder einer meiner Tanzgruppen. Die zeigten mir auf einem Spaziergang, das ebenso nah bei mir, gleich neben dem Ententeich, ein mir völlig unbekannter Rosengarten ist, der gerade mit dem Blühen beginnen sollte. Ebenso ist dort seit kurzem ein Gemeinschaftsgarten, und dort kann ich ohne Anmeldung jederzeit mal hinfahren und eine Stunde umgraben; ein guter Start in ein sonniges Wochenende. Auch ins Zimmer habe ich den Frühling geholt und mir zum ersten Mal im Leben Blumen gekauft; zwei Wochen dufteten Hyazinthen, bevor sie leider schon wieder verblühten. Blühen tut auch der lokale Rhabarber, den ich gerne zu Kuchen verarbeite.
Auch mein Büro ist von Blüten und Grün umgeben und ich gehe mittags gerne joggen und spazieren. Und wenn ich abends am Tragflächenboot abgesetzt werde, ich die ganze Stadt ist an der Promenade, grillt und spielt Fußball auf der großen Gemeindewiese, das Meer ist plötzlich wieder voll mit Segelbooten und den weißen Streifen hinter Motorbooten und das Wasser sagt zur Sonne glitzer glitzer. Man wacht morgens ohne Probleme früh auf und ist voller Tatendrang und Plänen für einen Sommer zwei Minuten Fußweg vom Strand. Dementsprechend bin ich an einem sonnigen blühenden Abend im Rahmen der Daueraktion „Echter Kerl“ anbaden gegangen...circa zehn Sekunden lang. Ganz so warm ist es dann doch noch nicht.
Kurz gesagt, mir ging es hier noch nie so gut. In der ganzen Euphorie erinnere ich mich häufig an ähnlichen Tatendrang im April vor einem Jahr in Rostock, die Anemonen bei Papendorf, den blühenden botanischen Garten, den Flieder auf dem Feldweg durch Sildemow, das Fish Filmfestival im Stadthafen. Auch sozial bekomme ich etwas Boden unter die Füße, und dazu kam Mitte April eine große Neuigkeit: Kalina hat Arbeit ganz in der Nähe von Southampton gefunden und ist Ende des Monats dorthin gezogen, eine halbe Stunde von meiner Arbeit entfernt.

Auch kulturell gibt es ganz furchtbar viel zu tun. Nach langem Warten habe ich endlich den Hanekes Film Liebe sehen können, der mich sehr hat nachdenken lassen. Auch habe ich endlich eine der Opernübertragungen im Kino gesehen, Nabucco aus dem Königlichen Opernhaus London. In einem meiner Tanzkurs haben wir eine Choreographie auf Video aufgezeichnet und ist mit einem Klick auf diese Adresse zu sehen:

Voran geht es aber vor allem im Tango. Ich bin jetzt zu gratis Extrastunden eingeladen, und die zusätzliche Übung zwischen den Lektionen hat einen echten Unterschied gemacht. Ich habe ein Grundrepertoir verschiedener Figuren, und wenn die funktionieren und die Partnerin macht was ich führe, schaffen wir genau den Zauber, den ich mir erhofft habe.
Trotz des Wetters bin ich weiter gerne in der Bibliothek und habe dort nach fast einem halben Jahr das Buch über Europa nach dem römischen Reich bis zum Jahr 1000 ausgelesen, fast sechshundert Seiten lang und so gut geschrieben, dass ich gleich noch einmal mit den ersten Kapiteln begonnen habe. Die Bibliothek wird im Sommer leider wieder ihre Öffnungszeiten kürzen. Ab Juni gehen die langen Semesterferien wieder los und ich freue mich bereits jetzt, wie im letzten Jahr das Haus für mich und damit sauber zu haben.

Je länger die Aufbruchsstimmung dauert, desto mehr verzweifle ich aber, dass wohl der ganze Sommer nicht für alle Ideen reichen wird, die mir konstant erscheinen. Als nächstes fahre ich nach Salisbury und Stonehenge, sogar mit Freunden, aber wann sollen diverse Gärten, der Neuwald bei Southampton, der Pilgerweg von Winchester (geplant seit Juli), die Woche in Frankreich, der Ausflug mit Friedemann nach Finnland, die Einladung Beatas nach Rodos und dann möglichst noch zwei Wochen in Deutschland geschehen? Was ist mit dem Walzerkurs, dem Gesangsunterricht, Russisch- und Mathelernen, mit allen Lehr- und Prosabüchern, wo ich ohnehin schon mehr für Tango und den Chor tun sollte? Sowohl im Kinoverein als auch im Geschichtsdorf sowie dem Garten sollte ich mich blicken lassen. Ab Juni gehen wieder die sonntäglichen gratis Konzerte am Meer los, und dreimal werden gratis Opern auf Großleinwänden übertragen. Was ist mit den Theatern in Titchfield und Chichester? Einen Grill will ich mir kaufen und ganze Tage am Meer verbringen, schwimmen, essen, trinken, tanzen.

Die Euphorie und ihre Dilemmata sind gut am letzten Aprilwochenende festgemacht. Freitagabend habe ich mich beim Tango verausgabt, als beim freien Tanz zum ersten Mal alles so klappte wie es sollte. Samstag habe ich volle acht Stunden in der Bibliothek gesessen und trotzdem nur die Hälfte davon gelesen, was ich eigentlich wollte. Sonntag war dann richtig erfüllt, als ich Kalina in Southampton besucht habe. Auf dem Weg habe ich erst eine Freundin vom Tango besucht, die im hübschen Dorf Hamble lebt, das ich im Herbst auf dem Weg zur Abtei Netley durchquert habe – man erinnere sich an das Foto der kleinen rosa Fähre. Hamble liegt auch an der Mündung des Flusses, an dem Southamptons Hafen liegt und auf einem schönen Spaziergang zog an uns ein großer Containerfrachter mit der Aufschrift Hamburg Süd vorbei. Ich hatte zum Mittag frische Forelle mitgebracht und getanzt wurde natürlich auch. Abends habe ich dann in Southampton Kalina und ihre Mutter getroffen, die sie die ersten drei Wochen begleitet. Sie richten gerade Kalinas nagelneue Einzimmerwohnung bei Ikea ein. So unangenehm es ihr ist kann ich natürlich kaum verbergen, wie sehr ich mich freue, eine richtige, echte, persönliche Freundin ganz in der Nähe zu haben. So nah haben wir seit 2008 in Magdeburg nicht mehr gewohnt.

Als die Hyazinthen noch lebten.


Mein Martinica am Kirchbaum vor dem Büro.

Ich warten morgens auf die Ankunft meines Fahrers mit dem Luftkissenboot.

Abends an gleicher Stelle.

Kalina und ihre Mutter bei unserem ersten Treffen in Southampton.

Mittwoch, 3. April 2013

Ein Monat Menschen

Eine Woche nach meiner Rückkehr aus Polen stand als erstes das zweite Konzert mit dem Universitätschor an. Das fand in einer der größten Kirchen Portsmouths statt und bereits die Generalprobe am Nachmittag zeigte, dass allein die Akustik unseren Gesang auf eine höhere Ebene hob. Hatte ich Zweifel an unserer Bereitschaft gehabt, so klang die durchaus anspruchsvolle modernere Musik allgemein besser im Übungssaal. Zum ersten Mal habe ich Lust auf kleineren Chor bekommen, in dem ich die Stimmgewalt der Masse gegen eigenen Einsatz tauschen könnte. Da passt es, dass der Chor noch mehr Leute verloren hat, jetzt sind wir bei vielleicht einem Drittel der Zahl vom Anfang.
Wie hoffentlich auf dem Foto zu sehen sang ich mit einem breiten Lächeln. Ich habe das moderne Gloria von Francis Poulenc wie von unserer Leitung versprochen richtig lieb gewonnen; die klassischen Stücke wirkten neben den Experimenten am Ende fast simplistisch. Aus dem gleichen Grund jedoch war ich überrascht, dass wir fast alle Plätze füllten. Eine Freundin vom Tango war auch dabei, sie lud ich im Anschluss ins Café und schloss mich danach dem Chor im Pub an. Mit einer kleinen Gruppe um die Leitung war ich zum ersten Mal mit Engländern vernünftig trinken, also lang und gut, aber nicht das Gesaufe, dass mich so anwidert, sondern am Ende Portwein beim Manager zu Hause. Tags darauf saß ich selbst im Publikum bei der ersten interessanten Theatervorstellung seit Juni, der Oper Carmen mit dem Nationalchor von Chisinau (Moldawien). Dabei lernte ich, warum Karten an der Seite billiger sind als in der Mitte: man hört nur die eine Hälfte des Orchesters. Dazwischen eine Hustenepidemie im Publikum, eventuell verursacht durch die scheinbar traditionelle Pauseneiscreme.

Noch einen Tag später kam Papa zu Besuch. An Arbeitstagen musste er tags allein reisen. Aber abends haben wir zusammen gekocht und auch ein tolles Tapas-Restaurant gleich bei mir um die Ecke gefunden, mit echten Spaniern und Riesenpaellas, und das auf der Hauptkneipenstraße, wo sonst nur Fastfood für die Betrunkenen am Wochenende geboten wird.
Mir ist es ja ein Bedürfnis geworden, Freunden und Familie meine Passionen zu zeigen, weshalb Papa mich zweimal zu Chorproben begleitet hat. Wir singen jetzt ein neues Programm voller Ave Marias u.a. von Liszt und das berühmte von Mozart, für ein Konzert am 22. Mai ein. Besonders freut mich eins von Rachmaninoff auf Russisch, aber wir singen auch Schumann auf deutsch, was mir zuerst auch simplistisch schien, aber bald ergab ich mich der Harmonie. Simpel wäre auch ganz gut, weil ich schockiert festgestellt habe, das wir jetzt einen ganzen Monat Osterpause haben, dann nur drei Wochen bis zum Konzert und dann den ganzen langen Sommer bis Oktober gar keinen Chor.

In einer glücklichen Fügung überschnitt sich Papas Anwesenheit auch mit einem der regelmäßigen Musikabende der Musikgesellschaft der Uni. Dort ist freie Bühne für alle Interessierten, vor allem natürlich die Musik- und Schauspielstudenten. Aber diesmal stand auch ich auf dem Programm: unser Pianist hatte mich gebeten, Schuberts einziges Melodram „Abschied von der Erde“ (nach Gedicht von A. von Pratobevera) zu seinem Spiel zu deklamieren. Auch dieser Auftritt weckte in mir eine unkomplizierte, direkte Freude, darüber, etwas selbst zu machen, und vor einem interessierten Publikum zu stehen, und dabei noch andere sehen zu können, die ebenfalls Begeisterung zeigen und dazu noch etwas können; dass sich junge Leute hier doch für mehr als „Fun“ mit Alkohol interessieren.
Am Wochenende wollten wir nach Cornwall fahren, sind dann aber ins erreichbarere historische Bath und das eher postindustrielle Bristol an der Westküste gefahren. Natur gab es auf dem Weg trotzdem genug zu sehen, die schönste Seite Englands, mit weiten grünen Feldern und wenig Menschen. Bath hat seinen Namen von den großen römischen Bädern, deren Becken immer noch von einer heißen Quelle gefüllt werden. Bristol dagegen verdankt seine ungeahnte Popularität dem Nachtleben seines revitalisierten Zentrums. Wir haben praktisch das letzte Hotelzimmer der Stadt bekommen, alle anderen sind wohl jede Woche von Leuten gebucht, die von nah und fern kommen um sich in den Kneipen richtig abzuschießen. Wir dagegen sahen uns in der Ruhe des Sonntagmorgens die Hängebrücke von Clifton an, die hoch über dem tief in den Fels gegrabenen Fluss gespannt ist. Riesenspaß hat mir auch die moderne Kunstgalerie gemacht, wo mir zum Glück nur noch Kasia fehlte. Wobei mir auch schmerzhaft klar wurde, dass Portsmouth dafür einfach zu klein ist und so etwas nie haben wird.

In dem mit Papas Besuch fast ununterbrochene Monat in der Gesellschaft von Menschen bin ich richtig aufgeblüht. Abgesehen vom Chor habe ich alles andere wie Tanzen nicht gemacht und auch nicht vermisst. Den Monat machte ich mit einem langen Osterwochenende mit den drei Bulgarinnen in York voll. Zum lange geplanten Ausflug mit Kalina schlossen sich noch ihre Schwester an, und ich traf außerdem eine Bekannte aus jenen Zeiten wieder, Natalia aus Rumänien, bei der ich auch übernachtete. Die Schwestern mussten leider eine Pension buchen. Dafür hatten wir ausgesprochenes Glück, denn entgegen der Vorhersage kam die in York so wichtige Sonne genau zu unserer Ankunft heraus und blieb das ganze Wochenende.
Es schien kaum Zeit vergangen zu sein, seitdem ich mit Kasia ein wundervolles, sonniges Ostern in York verbracht hatte. Zum Frühstück im Garten reichte es diesmal nicht, aber ich wandelte auf jenen Spuren wo nur möglich. Den Münster zeigte ich natürlich, selbst wohl wieder am meisten berührt von seinem Raum und Licht, und zum Ostergottesdienst vom traditionellen Psalm 150 des Chors. Und apropos Chor: in der Touristeninformation griff ich zum Konzertprogramm der Uni und was sehe ich? Mich! Auf dem Titelbild ist unser Konzert im Münster 2011, und in der obersten Reihe der Bühne stehe ich!
Ich lernte selbst noch dazu, nämlich, dass der in York gekrönte Konstantin der Große derselbe war, der Konstantinopel gründete. Auch Ausflüge nach Knaresborough und Harrogate haben wir wieder geschafft. Nur der geplante Salsaabend gelang nicht. Zwar machten wir auf einem meiner alten Kurse mit, aber als ich danach in einem richtigen Club tanzen wollten, hörte ich vom einen Türsteher erst, ich sei betrunken, und dem nächsten waren meine Schuhe nicht schick genug. Ich war tief beleidigt, wo mich ohnehin soviel in England stört. Mir sowas von diesem Alkoholikervolk anzuhören, wo ich am Samstag vermutlich der einzige in der ganzen Stadt war, der nicht mal ein Glas angefasst hatte. Stockbesoffene Pöbeleien sind kein Problem, aber falsche Schuhe. Mit Natalia und Kalina hatte ich über die Einbürgerungsprüfung hier gesprochen – von uns war ich der einzige, der sie sofort schaffen würde, aber auch der einzige, der nicht hier bleiben will.

Nach einem Monat mit der Gesellschaft, die mir hier immer gefehlt hat, bin ich jetzt erstmal wieder allein. Im Mai kommt, wie ich sehr hoffe, Kasia zu mir, und wie ich noch mehr hoffe, für eine längere Zeit. Parallel dazu hat Kalina wohl Arbeit bei Winchester gefunden und zieht eventuell in die Region. In jedem Fall soll der April erst einmal ruhig bleiben, denn so schön die letzten Wochen waren, so will ich auch erstmal ein wenig sparen.
Auf der Arbeit beginnen wir ein neues Projekt. Diesmal bereiten wir aus den Daten der Volkszählung sog. Herkunft-Ziel Statistiken. Das sind grob gesagt Migrationsstatistiken, wieviele Leute zwischen 2010 und 2011 aus Kreis A nach Kreis B gezogen sind, oder aus dem Ausland gekommen sind, oder als Studenten zwischen Semester- und Heimadresse pendeln, oder täglich zur Arbeit. Ein sehr spannendes Thema, wieder für kleine Spezialistengruppen. Außerdem bereitet meine Gruppe auch Daten für das europäische Statistikamt Eurostat vor, aber damit habe ich noch nichts zu tun. Auf einer praktischeren Ebene wurde ich am Gründonnerstag auf einen Feuerschutzkurs geschickt, wo mir als Bürobrandschützer der Umgang mit Feuerlöschern gezeigt wurde. Der Nachmittag war dem öffentlichen Dienst frei gegebenen, weshalb ich direkt im Anschluss nach Birmingham fahren konnte, und nicht zuletzt deshalb sang ich auf der Straße Poulencs Gloria.

Vor dem Konzert.


Auftritt mit unserem Pianisten beim Musikabend, leider verwaschen.


Meine Gastgeberin Natalia und ihre Blumen.

York: am Fluss.
Ostersonntagmorgen: auf dem Weg zum Gottesdienst.

Nach dem Gottesdienst.
Im Kapitelhaus des Münsters. 
Chorkonzert des Unichors York, 2011 im Münster. Wer findet mich? © 2013 University of York 


Die einzigen Überreste der normannischen Burg sind ein guter Aussichtspunkt.

England im Frühling - Osterglocken überall.

Ein ruhiger Fleck im am Wochenende immer vollen Zentrum.
In Harrogate.

Lokale Architektur in Knaresborough.

Zu vergleichen mit einem Bild mit Kasia von 2011.
Wenigstens einmal sind Kalina und ich doch zum Tanzen gekommen.



Mittwoch, 13. März 2013

Tauen und Frieren

In den letzten Wochen vor meiner Reise nach Polen hatte ich gemerkt, wie die Einsamkeit zu einem kleineren Problem geworden war. Ich hatte mein Leben und meinen Zeitplan auf die Vorteile dieser Unabhängigkeit eingerichtet, die Stunden zum Lesen und Lernen. Gefallen hat mir das trotzdem nicht, da ich sehr den Preis dafür kenne. Erwartungsgemäß musste ich auch erst wieder Kompromissfähigkeit üben, als ich wieder in der Gegenwart meiner zauberhaften, wundervollen, herzensbrechenden Prinzessin von Rostock und jetzt Königin von Warschau Ania wandelte. Aber wie stets in solchen Situation war die bleibende Emotion vor allem Bedauern, nur so wenig Zeit zu haben. Die Woche war zwischen Ania in Warschau und Kasia in Lodz aufgeteilt und egal wem man wieviele Tage gab, es war zu wenig, denn als Standard diente die Zeit, als man noch dauerhaft in der gleichen Stadt lebte. Meiner armen Ania hatte ich nur dieses Wochenende gegeben. Da zeigte mir meine kleine katholische Inquisitorin ihre Studentengemeinde und wir gingen ins klasse gemachte Musical Singing in the Rain. Das waren Höhepunkte, aber nur Zwischenstationen zwischen Gesprächen in diversen Cafés und Kneipen, in die ich sie dank meiner polnischen Übersetzungsgehälter einlud. Auch einige meiner alten Erinnerungsorte zeigte ich ihr, im Zentrum und der Altstadt, und in Praga zeigte sich, dass wir einige sogar gemeinsam hatten.
Viel Bedauern begleitete meine Abreise, auch wenn am anderen Ende niemand geringeres als Kasia wartete. Die war schließlich mein eigentlicher Reisegrund nach über einem Jahr, in dem wir uns nicht gesehen hatten und für uns beide so viel passiert war. Darum ging es vor allem, ob im Kunstmuseum, Kino oder beim Tanzen. Und genau in der Mitte erwischte mich neben dem Wintereinbruch ein schrecklicher Magendarm-Virus, der mich praktisch den Rest der Zeit ans Bett fesselte. Weinen hätte ich können, soviele Sachen ließen sich ausgerechnet jetzt nicht machen, die ich so lange geplant hatte. Kasia ins Restaurant einladen, Tangostunde, ihr in einer leeren Kirche meine Chorstücke vorsingen – denn sie schließlich versteht meine Begeisterung für Gesang und Tanz am besten.
Dafür gelang es mir, ungewöhnlich viele andere Bekannte zu treffen, Paulina (kennen gelernt auch in Rostock), die interessante Ania (ein alte Bekannte aus Magdeburg) und Ola (aus meiner Austauschzeit an der Lodzer Uni). Ania und Kasia, beide musische Germanistinnen, habe ich zum Frauentag mit vielen Rosen ins Theater zum Quartett von Heiner Müller eingeladen.

Obwohl dieser Ausflug im Wartesaal der Nachtaufnahme endete (um Kasia's Nerven und meine Verdauung zu beruhigen) riss mich die Rückreise in ein Land ohne echte Freunde in ein typisches Tief. Die anfangs erwähnte Hornhaut war nur kurz genug aufgerissen worden, um wieder verletzlich zu werden. Dann hatte ich wieder mit den gleichen Gefühlen von Grauheit und Einerlei zu kämpfen, denen ich im Laufe der Zeit gegenüber gefühllos geworden war. Zum Glück kam ich in kein leeres Zimmer, sondern waren Rieke und ihr Kolja noch zwei Nächte da. Auch wenn inzwischen die Schneewolken von Polen hierher gezogen waren, nahm ich sie Dienstag noch auf zu einem kalten Spaziergang auf die Isle of Wight.
Jetzt ist es zwar nett, wieder ein eigenes Zimmer zu haben, aber das komische Gefühl nach ihrer Abfahrt wog definitiv schwerer. Darum habe ich mir gleich Mathieu rübergerufen, um mich einmal ganz allgemein und undifferenziert über alles in England aufzuregen. Am Mittwoch Abend gab es die erste Generalprobe des Chorkonzerts in der Kirche, wo wir auftreten werden. Hier erklärt sich vielleicht einiges. Nur in der Schönheit und Klarheit der Musik, und in der Unmittelbarkeit des Tanzes, spüre ich so etwas wie die Nähe und Wärme, wie ich sie mit den persönlichen Freunden habe, die mir hier fehlen.


Ania in Warschau

Anmut und Zauber persönlich, und nur bei persönlicher Gegenwart zu glauben.

Lodzer Ania, eine der besten Trinkgefährtinnen aller Jahre.

Mit der Lodzer Ania beim Mexikaner.


Und mit Kasia war es immer so toll, dass ich gar kein Foto von der schönsten Polin gemacht habe.



Rieke und ich auf der Isle of Wight.


Montag, 25. Februar 2013

Da ich ab Freitag in Polen bin, möchte ich noch etwas aus den letzten Tagen hinterlassen. Nach einem Frühlingsanfang mit wunderschönen Blicken über das abends länger helle Meer herrscht jetzt die bisher größte Kälte des Winters. Als ich am Samstag neue, unplattbare Fahrradreifen aufgezogen habe, war ich nach zwei Stunden im Freien für den restlichen Tag erledigt.

Nach einer Woche in meiner neuen Arbeitsgruppe weiß ich jetzt etwas mehr über meine Aufgabe. Wir arbeiten an „Spezialprodukten“ aus der Volkszählung. Bisher hatte ich mit normalen Tabellen zu tun, die ein oder zwei Bevölkerungsmerkmale wie Gesundheitszustand oder Wohnungsgröße zusammenfassen. Das war für die normale Bevölkerung, die Presse und öffentliche Ämter gedacht. Richtige Wissenschafter brauchen aber mehr Details. Für die stellen wir jetzt ambitioniertere Datenbanken zusammen, die viele Kategorien gleichzeitig umfassen. So kann der Soziologe jetzt untersuchen, ob Leute aus bestimmten Industriebereichen ähnliche Gesundheitsprobleme haben, oder ob Besserverdiener die Innenstädte verlassen. Denn nicht nur geben wir mehr Daten preis, wir geben sie jetzt für Individuen an, nicht mehr für ganze Gruppen (z.B. alle Menschen in London). Damit wird natürlich potenziell der Datenschutz gefährdet – zwar werden Namen und Adressen gelöscht, aber sollte es in einem Dorf z.B. nur einen Muslimen geben, ließe sich der natürlich identifizieren und schon wüssten seine Nachbarn, was er verdient und ob er gesund ist. Darum stellen wir diese Daten in verschiedenen Detailstufen bereit, und je mehr Daten wir preisgeben, desto mehr Auflagen gibt es, Zugang zu erhalten. Die ganz privaten Daten z.B. bekommen nur echte Wissenschaftler, die richtig gefilzt werden und auch nur in unserem Sitz Zugang bekommen.
Ganz konkret arbeite ich an der Kodierung von Variablen. Das heißt, ich stelle Instruktionen zusammen, wie Antworten aus den Fragebögen zu Kategorien zusammengestellt werden. Welche Kategorien gebraucht werden, hat jemand anderes bereits entschieden, wir grübeln jetzt, wie die Daten möglichst einfach in diese Kategorien gesammelt werden können. Wollen wir wissen, wie weit jemand von seinem letzten zu seinem aktuellen Wohnsitz gezogen ist, schauen wir auf die Postleitzahl, leiten damit aus der PLZ Landkarte die Ortskoordinaten ab und ermitteln die Luftlinie über den Pythagoras. Zumindest machen das Kollegen so, ich wäre darauf nicht gekommen. Die Instruktionen gehen dann an die Computerfuzzies, die damit dann wohl die Datenbanken füttern und am Ende sollen die dann die erforderlichen Tabellen ausspucken.
Mit Kommentaren habe ich jetzt nichts mehr zu tun und auch unser altes Team geht langsam auseinander an neue Arbeitsorte. Meine Gruppe zieht im März eine Etage runter, wo viele junge Leute arbeiten. Aber die neue Aufgabe gefällt mir, weil wir eng mit Universitäten zusammen arbeiten und unsere Daten in einige Datenbanken gespeist werden, mit denen ich selbst als Student gearbeitet habe. Mit der neuen Aufgabe kommt auch eine neue Vorgesetztenstruktur, meine alte Chefin ist jetzt sowieso für ein Jahr auf einem Forschungsprojekt außer Haus.

Auf vielmalige Nachfrage führe ich die besten Zeiten (in deutscher Zeit) auf, um mich telefonisch zu erreichen. Das ist Wochentags nach der Arbeit, soweit der Abend nicht durch Aktivitäten belegt ist. Durch das Stechuhrsystem kann grundsätzlich auch auf der Arbeit sprechen, außer ich bin in Besprechungen. An Wochenende kann ich immer sprechen, nur kann ich gegebenenfalls nichts gleich abnehmen, sollte ich auf Reisen sein.

Montag/Dienstag ab 19 Uhr.
Mittwoch ist der schlechteste Tag, wenn dann bin ich 20.45-22.00 Uhr verfügbar, wenn ich mit der Chorleitung in den Pub gehe. Danach gehe ich tanzen.
Donnerstag 19-20.30 Uhr, danach habe ich Tanzstunde.
Freitag 19-20.30, danach habe ich Tangostunde.

In Polen bin ich evtl. nicht erreichbar, da meine alte polnische Nummer ausgelaufen ist und ich mir wohl eine neue holen werde.

Montag, 18. Februar 2013

Birmingham


Zweieinhalb lange Monate hat es leider gedauert, bis ich meine zauberhaft Kalina wiedersehen konnte. Und nur ein kurzes Wochenende hatten wir! Auch mit einigen extra einstudierten neuen Salsaschritten im Kopf, dem Dreispitz darüber (die Haare waren leider nicht so weit nachgewachsen wie geplant, Kalina warn von Anfang an gegen die Kürzung) und dem ebenso neuen Gehstock (eigentlich ein umgedrehter Golfschläger) in der Hand kaum genug Zeit, um sich auf den neuesten Stand im gegenseitigen Leben zu bringen. Versucht haben wir es mit aller Macht. In Anbetracht der neuesten kulinarischen Experimente haben wir Samstag morgen die Markthallen erforscht und daraus später eine Makrele zum Abendbrot geholt. Zum Mittag hat mich Kalina in ein sehr gutes portugiesisches Café geführt. Im Museum des alten Juwelierviertels waren wir, was mit seinen leeren Backsteinbauten und Ahnungen aus größeren Zeiten eine Erinnerung an Lodz heraufbeschwor, wären die Straßen nicht immer noch so still und resigniert.

Der Höhepunkt war ein großer Masken-Salsaball in der großen Halle der größten der städtischen Universitäten. Vier Stunden haben wir getanzt, und nach ausgiebigen Vergleichsstudien konnte ich wieder bestätigen, dass niemand so leicht durch die Luft gleitet wie Kalina.

Wie meine sonst so gerne langschlafende Tanzfee morgens um zehn ausgangsbereit war, ist mir ein Rätsel. Ich selbst habe es nur geschafft, weil ich eine Woche vorher akzeptieren musste, dass ich einfach mehr Schlaf brauche und ausgeruhter war. Aber vielleicht lag es auch daran, dass wir den weltbesten Plan für gutes Wetter hatte, nämlich den Zoo. Das war umso besser, da auch Kalina noch nicht da gewesen war, ebenso wie ihre von mir ebenfalls hochverehrte Schwester Gergana, die sich netterweise anschloss. Und was für ein schöner Spaziergang mit Sonnenschein, vielen Kindern und zwei Meerschweinchen, die schwer mit frischem Frühlingsgras beschäftigt waren. Und ganz zum Schluss liefen wir noch an den stillen Kanälen der Innenstadt, zur alljährlichen Osterglockenzeit. Ein viel zu kurzes Wochenende – ich kann nur hoffen, dass der geplante Ausflug nach York zustande kommt.


Die zwei modischsten Mädchen auf den Straßen Birminghams.


Im Juweliersviertel.

So einen Knauf für meinen Gehstock!

Sowas gef'ällt mir.

Reich und schön



Ausgehbereit
Heimgehbereit.



Ich war interessant, weil meine Hand kurz vorher noch einen Apfel gehalten hatte.

Freitag, 8. Februar 2013

03.02.2013 – Drei Spitzen und sieben Schwestern

Ein Wochenende nach dem gemeinsamen Ausflug nach Winchester hatten wir uns in noch größerer Besetzung zum Besuch der Sieben Schwestern verabredet. Das ist ein Naturpark um eine Formation von sieben weißen Kreideklippen am Meer östlich von Brighton. In Brighton selbst war ich das letzte Mal im Herbst mit Monika und einigen Gästen gewesen.
Mathieu und ich wurden von Carla abgeholt, einer Portugiesin aus dem Ort Swindon nordwestlich von Southampton. Das Pärchen aus Southampton, mit dem wir letzte Woche unterwegs gewesen waren, trafen wir in Brighton. Der Samstagmorgen war sonnig und ich nahm meinen Dreispitz auf seinen ersten großen Einsatz. Nach einem Mittagessen aus Fish and Chips an der windig kalten Küstenstraße erreichten wir die Sieben Schwestern relativ spät und kamen über schlammige Wege erst kurz vor Sonnenuntergang an den Strand. Das war aber schöne Abendstille zwischen zwei Hügeln und Vogelbrutgewässern und erinnerte mich an die Ostsee, als der Weg einen immer näher an das Rauschen der Brandung führte. Wie bereits früher bemerkt wirkt das Meer bei Brighton viel größer, weil der Blick zum Horizont nicht von der Isle of Wight begrenzt wird.

Bei Dunkelheit gingen wir zurück in Brighton mit einer portugiesischen Freundin Carlas in ein kleines Konzert und anschließend durch ein, zwei Pubs und nach Mitternacht ganz kurz tanzen mit einigen gruseligen Gestalten zu den Hits der 80ern.

Einige der Schwestern im Hintergrund.
Kurz vorher hatte die Sonne die Klippen noch strahlend weiß gemacht.

Brighton ist in Sachen Nachtleben Portsmouth ganze Dimensionen voraus, sein Ruf zieht Unmengen Nachtschwärmer aus dem nahen London zu Spaß am Meer. Auch lässt sich der Ruf als hippes Pflaster nicht bestreiten. In den dekorativ und musikalisch tollen Kneipen hielt nur Platzmangel mein Tanzbein still und ich habe zum ersten Mal gut angezogene Engländerinnen gesehen, was ich ihnen auch gerne gesagt habe. Andererseits habe ich auf dem Weg nach Hause auch die bisher schlimmsten Exzesse an systematischer Selbstzerstörung gesehen, und leider bewohnten einige davon die Nebenzimmer unseres Hostels.
Am diesigen Sonntag suchten wir uns ein spätes Frühstück in den bunten Straßen des Hippieviertels und den „Gassen“, dem zentralen Gelände für Besucher mit Läden und Gastronomie. Auf der Rückfahrt nach Portsmouth hielten wir auf mein Betreiben noch in Arundel an, einer kleinen Stadt, deren massive Burg und katholische (!) Kathedrale Monika und mir seinerzeit von der Autobahn ins Auge gefallen war. Nach diesem Wochenende mit lauter Leuten in meinem Alter konnte mich zum ersten Mal seit meiner Ankunft hier betrachten und für fast ausgeglichen empfinden. Mitte Februar besuche ich wieder Kalina zu einem Maskenball, weshalb ich mir das vorhergehende Wochenende kategorisch zur Erholung freigehalten habe.

In den wenigen freien Momenten allein habe ich Riekes Weihnachtsgeschenk ausgelesen. Interessanterweise wurde das gleich von einer Art verspätetem Geschenk in einem geheimnisvollen Paket ersetzt. Über die Feiertage hatte ich mich in Templin mit Friedemanns gläubiger Schwester über Existenz und Natur der Hölle unterhalten. Das hat sie scheinbar zum Anlass genommen, mit Informationsmaterial aus ihrer Gemeinde zukommen zu lassen.