Samstag, 14. Juli 2012

08.07.2012 - Alte Freundschaft rostet nicht (auch im Dauerregen)

Rostfrei & haltbar - Qualität aus Magdeburg
Seitdem England auch nur als entfernte Möglichkeit auftauchte, war klar, dass ich dort bei erster Gelegenheit meine wunderbare kleine Kalina besuchen würde. Wir kennen uns seit den ersten Tagen in Magdeburg und sie dürfte aus zahlreichen Erzählungen bekannt sein, u.a. von ihrem Besuch in Lodz und meinem Gegenbesuch in Sofia, beide 2009. Sie war ein wichtiger Grund, weshalb ich 2008 bei der Abfahrt nach Breslau das Tagebuch mit der Beobachtung wiedereröffnete, dass mir der Abschied von Magdeburg doch schwer fällt. Auf jedem Besuch in Deutschland habe ich seitdem darauf geachtet, auch bei ihr einmal vorbeizuschauen. Als ich im letzten September aus England zurückkehrte, trug ich noch ihre Koffer zum Zug, denn sie zog gerade genau dorthin. Seitdem studieren sie und ihre beiden Schwester in Birmingham an ihre zweiten Master. Ich hatte mir fest genommen, mein erstes Gehalt für sie auszugeben. Wie es der Zufall wollte, wurde Kalina direkt vor meinem Geburtstagswochenende frei.

Damit sich das auch lohnt, habe ich mir den Freitag (6.7.) frei genommen und den Bus über London nach Birmingham in den strömenden Regen genommen. Das ganze Wochenende sollte die Sonne nur selten erscheinen, aber was war es für eine Freude, als ich Kalina am Busbahnhof erblickte! Das ganze Wochenende lässt sich gar nicht erzählen; das wichtigste waren die durchtanzten Nächte. Gleich Freitag Abend gingen wir mit einer Schwester zum Salsa und am Folgeabend zu zweit in ein erstklassiges Livekonzert. Nachdem ich dem samstags in hiesigen Clubs herrschenden Dresscode nicht genügt hatte, liefen wir schon nach Hause, als wir aus Neugierde in einen Jazzklub schlüpften. Dort spielte eine Kapelle aus Manchester den tanzbarsten Soul, sodass ich innerhalb von Sekunden anfing die Beine zu bewegen (Kalina brauchte etwas länger, da sie mit der Musik nicht so vertraut war) und am Ende fegten wir zwei das Parkett leer, als ich meine kleine Tanzspezialistin (schließlich hatte Kalina mich seinerzeit mit Salsa bekannt gemacht) in eine Runde unerwarteten Salsa führte, mit all der wunderbaren Leichtigkeit, die ihr Talent möglich macht.
Geschlafen habe ich im Raum der ältesten Schwester: wie immer rückten die drei enger zusammen als mir lieb war, damit der Gast ein Zimmer für sich hat. Samstag Morgen packten wir dort gemeinsam die Geburtstagsgeschenke aus, die ich mitgebracht hatte. Birmingham selbst erinnert mich als Stadt an Manchester. Das Zentrum hat sich zwar von der Deindustrialisierung erholt, aber bestehen tut es eigentlich nur aus verschiedenen großen Einkaufszentren. Also wie damals in Magdeburg. Schön sind die Kanäle, die Eisenbahnen der Industrialisierung, bevor die Dampf- und Verbrennungsmotoren Einzug hielten. Entlang der Promenaden am Wasser hat sich ein Teil der Gastronomie angesiedelt. Meinen Vorsatz bezüglich meines Gehalts hatte ich schon am ersten Abend wahrgemacht und Kalina in ein lateinamerikanisches Restaurant eingeladen. Am letzten Tag sind wir dann endlich mal wieder durch Klamottenläden gezogen. Das hat mir ihr schon immer Spaß gemacht (wie schon bei ihren Besuch in Lodz geschrieben) und diesmal wollte ich ihr unbedingt einen Hut verpassen. Leider haben wir den erst nach langem Suchen gefunden, und obwohl er spitze aussieht, war er leider viel zu billig.

Unverzichtbares Utensil, der Lonely Planet Reiseführer, eine der ersten Ausgaben meines Gehalts. Fotografiert von Kalina in einem Birminghamer Buchladen.

Ein Herz für Kalinka - Beispiel einer lokale Skulpturenreihe.


Vorm Telefonhäuschen von Doctor Who - einer seit der 1960ern bis heute legendären Fernsehserie. Im Regionalstudio der BBC.

Mit den Mädchen vor dem Maskottchen eines weiteren Einkaufszentrums, der "Stierkampfarena".

Abends auf den Treppen zu Bars über einem Kanal.

Biene Maja und Minny Mouse kaufen Kleider.

Kalina mit neuem Hut.
Holperstraße
Auf der Rückfahrt blieb der Reisebus auf der Mittelspur der Autobahn liegen, und es vergingen anderthalb Stunden, ehe die kostengünstigste Rettungsart für uns ausgeknobelt war. Auf der Fahrt dachte ich mir noch, wie gut und schnell ich mich in meiner neuen Heimstatt eingerichtet habe, dass ich mich auf mein Zimmer freue, dass ich schnell Menschen kennen lerne, dass mir bereits die unbelegten Wochenabende ausgehen. Zum Beispiel hatte ich am Tag vor der Abfahrt meinen ersten Gast empfangen, einen jungen Polen, der über den Sommer hier arbeitet. Der hatte mich über eine Gruppe von Reiseenthusiasten im Internet angesprochen.
Die Wahrheit aber ist, dass ich mich weiterhin oft sehr einsam fühle. Der Umstieg von der menschenintensiven Umgebung in Rostock ist doch spürbar. Am Montag wird der erste Teil der Volkszählung veröffentlicht, d.h. unser großes Projekt ist vorerst zu Ende und ich habe bereits jetzt wenig Arbeit. Dann taucht trotzdem immer etwas kurz vor Feierabend auf, ich bleibe lang, komme spät nach Hause, schlafe zu wenig. Im Moment bin ich sehr übermüdet und dementsprechend empfindlich, mit starken Stimmungsausschlägen in beide Richtungen. Dazu kommt ein kalter und nasser Somme und welche Ideen ich auch immer von langsamen Radtouren mit Lesepausen auf sonnigen Feldern nach der Arbeit hatte, in der Praxis hetzt man doch so schnell wie möglich nach Hause, bevor der nächste Regen anfängt, und ankommen tut man trotzdem immer zu spät. Chor? Alle am gleichen Tag wie die Tanzkurse, und der Unichor fängt frühestens im Oktober wieder an. Tanzen? Nur zwei Kurse und keine Übungsabende. Bibliothek? Nach der Arbeit immer zu müde. Abnehmen? Ich esse mehr Schokolade als je zuvor, und jeden Tag scheine ich Lebensmittel nachkaufen zu müssen. Sparen? Täglich gebe ich 30 Pfund aus. Billiger Haushalt? Vielleicht, aber sogar mit dem Rad kommen dazu hohe Transportkosten. Am Wasser grillen? Vielleicht im Regen, und allein.
Ein Eindruck vom Weg nach Hause nach der Arbeit. Das ist die etwas längere Route B am Meer entlang, die ich nehme, wenn abends die Sonne scheint. Der Tag war der einzige geeignete in gefühlten drei Jahren - am nächsten Tag gab es zwölf Stunden Dauerschauer, und durch den musste ich auch nach Hause.

Auch hier sollte bei Vergrößerung die Isle of Wight zu sehen sein.

Montag, 2. Juli 2012

30.06.2012 – Zwei einsam in drei Orten

Am Vorabend hatte ich noch längere Zeit mit meinem Vermieter Roland gesprochen; wie sich rausstellte, interessieren wir uns alle für die römischen Überreste in der Region. Er ist Mitglied von National Trust und ähnlichen Organisationen und nachdem er mir zum Fahrrad verholfen hat, gibt er mir viele Tipps, wohin man damit fahren kann. Und im Gegensatz zu Nordengland ist der Süden als zuerst eroberter Teil reicher an rein zivilen Objekten, die Städte der ganzen Küste gehen auf römische Gründungen zurück. Daher kommt laut Internet auch das Suffix -chester (Portchester, Chichester, Winchester), was im sächsischen wohl römische Festung bedeutete. Erfreulicherweise hat sich Monika dem Sonntagsausflugsplan angeschlossen, um sich nach kürzlicher Trennung auf andere Gedanken zu bringen. Das war umso praktischer, da sie auch ein Auto hat.

Chichester
Damit fuhren wir nach Chichester, einer Kathedralenstadt, deren Kirche wie so oft (z.B. auch in York) auf dem Gelände des alten römischen Stadtzentrums entstanden war. Von Monika als die hübscheste Stadt der Region angekündigt fand ich eigentlich nur die Kathedrale wirklich spannend. Wirklich bemerkenswert waren auch dort nur einige architektonische Details wie Doppelschiffe, der Spitzturm (klassische englische Türme sind quadratisch mit Flachdach) und ein römisches Mosaik unter Glasplatte. Wirklich nett war, das Monika mit in den anglikanischen Gottesdienst kam, der stockkonservativ hochkirchlich war, ohne liberale Experimente, so wie es sein muss.
Ein bisschen Kunst lenkt auch ab.




























Fishbourne
Der kurze Stadtrundgang danach offenbarte neben der vollständigen Stadtmauer wenig Spannendes, sodass wir weiter ins kleine Dorf Fishbourne fuhren. Das ist auf dem halben Rückweg nach Portsmouth und war mir von Roland am Vortag wegen des römischen Palastes empfohlen worden. Der war 1968 entdeckt worden und behauste vermutlich den römischen Statthalter. Ursprünglich nur als Zwischenhalt eingeplant haben wir dort gute zwei Stunden verbracht, vom enthusiastischen Archäologen über die wirklich außergewöhnlichen Mosaike der Gästesuites des Hauses geführt. Nach einem Brand wurde das Gebäude aufgegeben und das Material wiederverwendet – u.a. in der Stadtmauer von Chichester.

Bosham
Zuletzt machten wir im Dorf Bosham halt, was als eine Art Ahrenhoop beschrieben worden war. Von Künstlern war aber so wenig zu sehen wie von der Sonne oder dem verebbten Meer, weshalb wir Feierabend machten. Mit jedem Tag hier frage ich mich: wer braucht Ebbe?

30.06.2012

Donnerstag haben wir unser derzeitiges Projekt vorerst beendet. Danach war vorübergehend wenig zu tun, bis unsere Kommentartexte von der Korrektur zurückkommen. Daher war auch das Wochenende frei und ich habe die standardmäßige Erkundung meines neuesten Wohnortes vorgezogen. Erst einmal mussten einige Stunden Hausputz investiert werden, was ich schon seit dem Einzug machen wollte, aber erst jetzt aufgrund des bevorstehenden Einzugs meiner ersten Mitbewohnerin durchgeführt habe, der ich die Küche etwas hygienischer vorstellen wollte, als unsere Vorgänger sie hinterlassen haben. Überhaupt setzt sich die Tendenz aus York fort: mit dem Alter werde ich zum Botschafter deutscher Ordnung. Drei Stunden war ich schon am werken, als mein Vermieter aufstand.
Tagesziel meines heißgeliebten Fahrrads und der nach einer Woche jeweils einstündiger Fahrten zu und von der Arbeit doch etwas erholungsbedürftigen Beine war die Burg in Portchester. Die ist mir stets vom Bus zur Arbeit aus aufgrund ihrer bemerkenswerten Erhaltungsstands und der Lage direkt am nördlichen Zipfel das Gewässers, das den natürlichen Hafen von Portsmouth bildet, aufgefallen. Aus dem Grund haben dort schon die Römer die Festung Portus Adurni angelegt, die im 4. Jh. die sich häufende Piraterie an der englischen Südküste bekämpfen sollte. Sachsen (wie immer weil sie sowas nicht selber bauen konnten), Normannen (wie immer um ihre neue Beute zu sichern) und englische Krone (wie immer gegen Frankreich) habe das Gelände nacheinander weiter genutzt, wodurch die gesamte quadratische Außenmauer erhalten geblieben ist. Meine Schwäche für römische Finesse und Mittelalter, besonders ausgeprägt in Zeiten von Einsamkeit und Zielmangel, hat mich also dorthin getrieben. Auf dem Weg war auch endlich mal Zeit für die Touristeninformation und eine Anmeldung in der Unibibliothek. Letztere deutet im Übrigen weiter darauf hin, dass die Universität Portsmouth zur zweiten Wahl gehört.

Ist jemandem schon aufgefallen, dass Portsmouth eine Insel ist? Die einzige Inselstadt übrigens im Land; höchste Bevölkerungsdichte nach London. Zu Burg Portchester fuhr ich statt der bequemen Hafenfähre die Route über Hauptausfallstraße im Norden. Das war anstrengend und verwirrend, aber zur allgemeinen Beruhigung sicher, dank des neu angeschafften Helms und Signalweste (s. Foto). Das ist in diesem Landstrich emsiger und professioneller Fahrradfahrer allgemeines Bild, denn alleine bin ich auf den Radwegen praktisch nie.

Vor Ort fiel mir als erstes ins Auge, dass die Nachfolger der Römer nur eine winzige Ecke der quadratischen Festung weitergenutzt hatten. Die gesamte quadratische Außenmauer ist römisch, steht nach zweitausend Jahren noch fast original – das ist italienische Qualität. Die spätere Burg ist in eine Ecke eingefügt und niemals ansatzweise an den tausend Jahr ältere Ursprungsbau herangekommen. Das Festungsgelände ist auch öffentlich zugänglich, nur die Burg wird von English Heritage (Englisches Kulturerbe) verwaltet, dem staatlichen Gegenstück zum National Trust. Da waren der Burgfried zu sehen, in dem später französische Kriegsgefangene Schnürsenkel und Theater machten, die Banketthalle des wegen seiner vergnügungssüchtigen Hofführung entfernten Heinrich IV, die Gemächer seines frauenmordenden achten Nachfolgers und zu hören ist ein schöner Audioführer, besprochen von einem englischen Wachsoldaten und seinem napoleonischen Gefangenen. Seinerzeit war Portchester der bestimmende Ort des natürlichen Hafens und die Burg Verteidigungspunkt gegen französische Invasionen bzw. Sammelpunkt für gleichartige Aktionen in Frankreich. Erst später wurde Portsmouth mit seiner direkten Kontrolle des schmalen Zugangs zum Binnenwasser wichtig, weshalb Portchester dann auch eine Kleinstadt blieb.
Besonders interessiert mich die römische Zeit, und die Illustrationen des Lagers mit Schiffen im Binnenhafen schaffen ein plastisches Bild, als ich vom Dach des Burgfrieds in die weite Bucht blicke – besonders die Enge Hafendurchfahrt in den Bodden ist gut zusehen, dort also, wo Portsmouth entstanden ist – „Hafenmünde“. Das Wetter ist etwas rauer, die See peitscht bis fast an die römischen Mauern. Ich wünsche mir indes wieder jemanden, der solche Aktionen mitmacht. Aber der Tag ist eine Erinnerung daran, weshalb ich überhaupt so oft allein verreise: eine Anzeige bei der lokalen Couchsurfing Gruppe (ein weltweites Netzwerk von reisefreudigen Leuten, die bei sich Übernachtungen für andere Reisende anbieten) brachte keine Antwort und die Arbeitskollegin, die am gleichen Tag wie ich angefangen und Interesse gezeigt hatte, hat wohl vergessen, auf ihrem irischen Handy die englische Vorwahl vor meine Nummer zu setzen. Menschen sind einfach zu langsam, fällt mir wieder ein. Trotzdem gehe ich etwas melancholisch durch die Hallen und muss mich selbst daran erinnern, dass ich doch gerade Optimismus geworden war. Schräg gegenüber steht noch eine sächsische Kirche, eine der wenigen, die nicht von den Normannen abgerissen und besser neu gebaut worden war (wie z.B. der Münster in York). Dort hält gerade die verschwindende lokale katholische Gemeinde Messe mit ihrem polnischen Priester.
Das römische Eingangstor von außen.
Blick vom Burgfried auf die römische Umfassungsmauer und Haupttor. Ganz am Horizont die Hafeneinfahrt von Portsmouth und dahinter die Isle of Wight.
Blick vom Burgfried auf die sächsische Kirche.
Der Hafen von Portsmouth näher herangeholt, dahinter die Isle of Wight. Im Hafen ein Hubschrauberträger.
Der Burgfried vom Innenhof aus.
Sonnabendscricket in römischen Mauern!
Die angelsächsische Kirche, wie die Burg in die Mauern der römischen Festung gebaut.
Vorn der Kirchfriedhof, hinten der Burgfried, links das römische Tor.
Die Außenmauern und davor viel Ebbe und wenig Wasser.
Sicher im Straßenverkehr.
Zurück zu Hause zieht gerade meine erst Mitbewohnerin ein. Und sie kommt aus Sofia – Bulgarien! Ein zweite Bulgarin soll noch kommen. Monika ist 21 und studiert hier Informatik. Bevorzugt hätte sie Theater. Günstigerweise ist davon trotz anderer Karrierewahl noch Interesse für Gesang, Tanz, Kochen und auch Trinken übrig geblieben. Für den Folgetag hat sie sich gleich für mein nächstes Ziel angemeldet, die Kathedralenstadt Chichester östlich von Portsmouth. Hier also ist jemand, der mitkommt.
Die anderen Mitbewohner kommen vermutlich erst mit dem neuen Semester Ende September. Entsprechend sind auch viele Uniangebote suspendiert. Denn obwohl sich mein Leben langsam stabilisiert und ich abends ins Bett komme und auch zunehmend freie Zeit für private Interessen zur Verfügung habe, ist sowohl die Suche nach Salsa und dem Unichor erfolglos geblieben. Dafür kann ich wieder privat lesen, momentan vor allem Lexikonartikel über diverse Objekte in der Region. Einiges wird auch auf der Arbeit organisiert. Zum Beispiel war ich Donnerstag mit Kollegen beim wöchentlichen Fußballspiel in Fareham, der nächsten Kleinstadt bei Titchfield. Allgemein habe ich vermutlich noch nie so sportlich gelebt wie jetzt. Ein Stunde zur Arbeit und eine Stunde zurück machen sich doch bemerkbar. Zum Glück gibt es auf der Arbeit Duschen für die Radfahrer. Nach dem zusätzlichen Fußball war ich Donnerstag auch entsprechend geschlaucht, habe aber doch noch ein Herrenhaus mit viel englischem Rasen in Fareham angefahren, dass aber auch nur ein Golfhotel ist.

Im Dienste ihrer Majestät
Ein interessantes Detail aus dem englischen Arbeitsrecht. Letztens habe ich meinen Arbeitsvertrag in die Hand bekommen. Darin wird ausgeführt, dass meine Arbeitgeberin ja die englische Krone ist. Und Elisabeth II Rex akzeptiert als Monarchi keine Kündigungsfrist, sondern kann mich nach Belieben anstellen und feuern. In der Praxis wird natürlich gerade im öffentlichen Dienst auf Arbeitsrecht geachtet.

Montag, 25. Juni 2012

24.06.2012 – Große Freiheit Nr. 1

Wie nun die meisten schon wissen, habe ich meine erste Pause gleich voll genutzt und bin auf die Insel vor der Tür gefahren. Am Vortrag haben wir Wochenendarbeit geleistet und der Sonntag wurde uns wider Erwarten freigegeben. Ich hatte mich etwas erholt und außerdem abends wirklich mein Fahrrad zu Hause vorgefunden. Nach dem vielen Gelaufe konnte ich es kaum erwarten, es endlich einzuweihen. Als ein Plan für den ersten freien Tag hersollte, spürte ich trotz mittelmäßiger Wettervorhersage sofort, dass ich auf die Isle of White will. Ziel war nicht Tourismus, sondern einfach Rad fahren, Bewegung, Wasser, das war mir in der letzten Zeit leichter Einsamkeit und Bürositzens Bedürfnis.
Drum bin ich einer Sonntagsmesse voll kreischender Kinder zum Katamaran gefahren - der Passagierfähre zur Insel. Die Überfahrt dauert knapp 20 Minuten und man wird an der langen Seebrücke des Ortes Ryde an der Nordküste abgesetzt, den man ohne Probleme von Portsmouth aus sehen kann. Gleich fällt mir auf, das der Wald wie an der Ostsee bis ans Ufer wächst. Ein Schwall Salzluft kommt mir entgegen, als ich auf der Brücke über den tangbedeckten Strand fahre. Eine kurze Zeit gehe ich durch den Ort, in dessen aufsteigenden Gassen eindeutig Geld steckt. Eine Art Gehlsdorf mit gut situierten Heimen und Alterssitzen.

Ausfahrt aus dem Hafen von Portsmouth.



Blick von der Landungsbrücke auf Ryde.
Dann begebe ich mich auf den Radweg Richtung Osten. Der stellt sich als waschechte Promenade raus, Grün rechts, Sandstrand links, und jetzt wird es auch sonnig und warm. Ich hatte mir die Jacke eingesteckt für Regen, jetzt bräuchte ich eher Sandalen. Hier fange ich auch an, Euch alle anzurufen, darum komme ich erst zwei Stunden später weiter. Bis dahin ist die Promenade immer schöner geworden und die Sonne immer sonniger und das Wasser immer türkiser und das Meer immer belebter. Frachter liegen auf Reede, Kreuzfahrtschiffe, Fähren, Segler und Yachten ziehen durch die Meerenge Solent zwischen Isle of Wight und Festland, über der keine Wolke mehr steht. Ich bin bis in den nächsten Ort gekommen, Seaview, der seinen Namen zurecht trägt. In der transparenten blauen Gischt ist kein Sand, sondern bizarr ausgewaschene Steinformationen. Die Straßen und Häuser gehen bis ans Wasser heran, in den Gärten wachsen Palmen und Lavendel, und an sich hat der ganze Tag ein unverkennbar mediterranes Gefühl bekommen. An einer der Kneipen genehmige mir das erste Eis in England und gucke Schiffe mit den Füßen auf der Seemauer.

Strandweg.

Portsmouth vom anderen Ufer aus gesehen.


Anfahrt auf Seaview.


Die Promenade in Seaview.







Blick von Seaview auf Portsmouth.
Dann fahre ich ins Landesinnere, denn bisher habe ich mehr telefoniert als wirklich in die Pedale getreten, und die Beine kribbeln vor Unterforderung. Auf Straßen zwischen heranwachsenden Feldern hindurch. Nicht ganz eine mecklenburgische Allee, aber doch mit Baumreihen vor dem Grün auf beiden Seiten. Der Wind weht durch die Ähren, die Sonne scheint, von einer Kurve ab lädt ein Weg ins Feld zum ungeplanten Entdecken auf Landwegen ein. Ein Tor mit Briefkasten vor dem Weg kann nur eins bedeuten, er führt zu einer Farm, ganz klar. Aber ich fahre die Straße weiter, die sich aufwärts schlängelt. An einer Stelle öffnet sich der Blick aufs Meer, auf die Reede, wo sich der Solent zum Atlantik öffnet. An diesem Panorama mache ich an einem Hofcafé halt, esse mehr Eis an den Holztischen auf dem Gras. Neben mir rupft ein Schaf Gras, Schweine grunzen, in der Luft zwitschert es; Blumen, Büsche, Sonnenwärme, Schiffe ziehen am Horizont...eigentlich nur ein Wort: Idylle. Für einen Tag sind alle Zweifel vom Tisch: genau so hatte ich mir das Leben hier im Idealfall vorgestellt. Fehlt nur eins: jemand, der mitkommt.


Blick über ein Feld auf die Bucht von Sanddown ganz am Horizont.






Eispause.






Es ist ein bisschen wie vor langer Zeit auf Hiddensee: alles ist erreichbar, und man kommt immer irgendwie ans Meer. Mein Weg führte mich weiter in den kleinen Ort Brading, wo ich kurz am wild wachsenden Friedhof und der Kirche halte. Dann begann ich einen langen Aufstieg zu einem Hügelfort, das ich schon den ganzen Weg über gesehen hatte. Und wie andere mit Kirchtürmen, so muss ich auf sowas immer rauf. Was ich fand, war endlich der ganz offenen Atlantik, von hoch oben, ein Teil eingefasst in einer Bucht wie auf der Farm, der Horizont verschwimmt im Dunst zwischen Wasser und Himmel. Und ganz still ist es, nur die Wellen hört man, sogar oben auf Hügel. Einige Leute mit Ferngläsern sagen mir, die Queen Mary 2 wird aus Richtung Southampton erwartet, aber zu sehen ist nichts.
Nach einigen Irrungen und Wirrungen durch den Busch an den Klippen geht es auf die Rückfahrt. In einer Biegung sehe ich sie fast verschwinden: die Queen Mary 2 zieht aus dem Solent. Neben ihrem massiven Körper wirken die Frachter klein, und sie ist überraschend schnell. Etwas weiter komme ich zurück an die Strandpromenade, die inzwischen fast so leer ist wie das seit Mittag verebbte Meer, und so jage ich mit Höchstgeschwindigkeit immer der Sonne entgegen, die direkt über dem Pier einen Strahl übers Wasser wirft. An Deck der Katamarans spüre ich den den Wind im Gesicht, das Wogen des Schiffs, keine Wolke verhüllt die Sonne, die die die ganze Meerenge erhellt, von Ufer zu Ufer wie auch die Schiffe dazwischen und ihr Strahl auf den Wassern zeigt direkt auf mich.
Sanddown von der Auffahrt zum Hügelfort gesehen.
Sanddown mit Strand.
Auf dem Hügelfort. Der aufmerksame Leser erkennt die das Schiff aus dem Eintrag von genau einer Woche vorher. Aus Richtung Southampton Richtung Osten.

Eine Bucht bei Ebbe.




Die Queen Mary 2 flieht vor der Ebbe.


Landungsbrüce und Ryde am Abend bei Ebbe.

Blick zurück auf die Promenadenstrecke bei Ebbe.
Abfahrt aus Ryde.


Blick zurück auf Seview.


Der Schwesterkatamaran auf dem Weg zur Insel.
Am nächsten Tag nehme ich nach diesem Test das Fahrrad im Zug mit zur Arbeit und reagiere mich nach Feierabend am ganzen Weg nach Hause ab. Ergebnis: in einer Stunde machbar. Und nachdem ich mit der Hafenfähre übergesetzt bin, fahre ich noch die gesamte Promenade ab, von den Hafenmauern bis zur Seebrücke bei meinem Haus, immer am Wasser entlang. Das nach der Arbeit machen zu können, ist ein echtes Privileg. Fehlt nur jemand, der das mitmacht. Einmal will ich die ganze Isle of Wight an einem Wochenende umfahren. Wer kommt mit?