Rostfrei & haltbar - Qualität aus Magdeburg
Seitdem England auch nur als entfernte Möglichkeit auftauchte, war klar, dass ich dort bei erster Gelegenheit meine wunderbare kleine Kalina besuchen würde. Wir kennen uns seit den ersten Tagen in Magdeburg und sie dürfte aus zahlreichen Erzählungen bekannt sein, u.a. von ihrem Besuch in Lodz und meinem Gegenbesuch in Sofia, beide 2009. Sie war ein wichtiger Grund, weshalb ich 2008 bei der Abfahrt nach Breslau das Tagebuch mit der Beobachtung wiedereröffnete, dass mir der Abschied von Magdeburg doch schwer fällt. Auf jedem Besuch in Deutschland habe ich seitdem darauf geachtet, auch bei ihr einmal vorbeizuschauen. Als ich im letzten September aus England zurückkehrte, trug ich noch ihre Koffer zum Zug, denn sie zog gerade genau dorthin. Seitdem studieren sie und ihre beiden Schwester in Birmingham an ihre zweiten Master. Ich hatte mir fest genommen, mein erstes Gehalt für sie auszugeben. Wie es der Zufall wollte, wurde Kalina direkt vor meinem Geburtstagswochenende frei.
Damit sich das auch lohnt, habe ich mir den Freitag (6.7.) frei genommen und den Bus über London nach Birmingham in den strömenden Regen genommen. Das ganze Wochenende sollte die Sonne nur selten erscheinen, aber was war es für eine Freude, als ich Kalina am Busbahnhof erblickte! Das ganze Wochenende lässt sich gar nicht erzählen; das wichtigste waren die durchtanzten Nächte. Gleich Freitag Abend gingen wir mit einer Schwester zum Salsa und am Folgeabend zu zweit in ein erstklassiges Livekonzert. Nachdem ich dem samstags in hiesigen Clubs herrschenden Dresscode nicht genügt hatte, liefen wir schon nach Hause, als wir aus Neugierde in einen Jazzklub schlüpften. Dort spielte eine Kapelle aus Manchester den tanzbarsten Soul, sodass ich innerhalb von Sekunden anfing die Beine zu bewegen (Kalina brauchte etwas länger, da sie mit der Musik nicht so vertraut war) und am Ende fegten wir zwei das Parkett leer, als ich meine kleine Tanzspezialistin (schließlich hatte Kalina mich seinerzeit mit Salsa bekannt gemacht) in eine Runde unerwarteten Salsa führte, mit all der wunderbaren Leichtigkeit, die ihr Talent möglich macht.
Geschlafen habe ich im Raum der ältesten Schwester: wie immer rückten die drei enger zusammen als mir lieb war, damit der Gast ein Zimmer für sich hat. Samstag Morgen packten wir dort gemeinsam die Geburtstagsgeschenke aus, die ich mitgebracht hatte. Birmingham selbst erinnert mich als Stadt an Manchester. Das Zentrum hat sich zwar von der Deindustrialisierung erholt, aber bestehen tut es eigentlich nur aus verschiedenen großen Einkaufszentren. Also wie damals in Magdeburg. Schön sind die Kanäle, die Eisenbahnen der Industrialisierung, bevor die Dampf- und Verbrennungsmotoren Einzug hielten. Entlang der Promenaden am Wasser hat sich ein Teil der Gastronomie angesiedelt. Meinen Vorsatz bezüglich meines Gehalts hatte ich schon am ersten Abend wahrgemacht und Kalina in ein lateinamerikanisches Restaurant eingeladen. Am letzten Tag sind wir dann endlich mal wieder durch Klamottenläden gezogen. Das hat mir ihr schon immer Spaß gemacht (wie schon bei ihren Besuch in Lodz geschrieben) und diesmal wollte ich ihr unbedingt einen Hut verpassen. Leider haben wir den erst nach langem Suchen gefunden, und obwohl er spitze aussieht, war er leider viel zu billig.
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| Unverzichtbares Utensil, der Lonely Planet Reiseführer, eine der ersten Ausgaben meines Gehalts. Fotografiert von Kalina in einem Birminghamer Buchladen. |
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| Ein Herz für Kalinka - Beispiel einer lokale Skulpturenreihe. |
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| Vorm Telefonhäuschen von Doctor Who - einer seit der 1960ern bis heute legendären Fernsehserie. Im Regionalstudio der BBC. |
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| Mit den Mädchen vor dem Maskottchen eines weiteren Einkaufszentrums, der "Stierkampfarena". |
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| Abends auf den Treppen zu Bars über einem Kanal. |
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| Biene Maja und Minny Mouse kaufen Kleider. |
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| Kalina mit neuem Hut. |
Holperstraße
Auf der Rückfahrt blieb der Reisebus auf der Mittelspur der Autobahn liegen, und es vergingen anderthalb Stunden, ehe die kostengünstigste Rettungsart für uns ausgeknobelt war. Auf der Fahrt dachte ich mir noch, wie gut und schnell ich mich in meiner neuen Heimstatt eingerichtet habe, dass ich mich auf mein Zimmer freue, dass ich schnell Menschen kennen lerne, dass mir bereits die unbelegten Wochenabende ausgehen. Zum Beispiel hatte ich am Tag vor der Abfahrt meinen ersten Gast empfangen, einen jungen Polen, der über den Sommer hier arbeitet. Der hatte mich über eine Gruppe von Reiseenthusiasten im Internet angesprochen.
Die Wahrheit aber ist, dass ich mich weiterhin oft sehr einsam fühle. Der Umstieg von der menschenintensiven Umgebung in Rostock ist doch spürbar. Am Montag wird der erste Teil der Volkszählung veröffentlicht, d.h. unser großes Projekt ist vorerst zu Ende und ich habe bereits jetzt wenig Arbeit. Dann taucht trotzdem immer etwas kurz vor Feierabend auf, ich bleibe lang, komme spät nach Hause, schlafe zu wenig. Im Moment bin ich sehr übermüdet und dementsprechend empfindlich, mit starken Stimmungsausschlägen in beide Richtungen. Dazu kommt ein kalter und nasser Somme und welche Ideen ich auch immer von langsamen Radtouren mit Lesepausen auf sonnigen Feldern nach der Arbeit hatte, in der Praxis hetzt man doch so schnell wie möglich nach Hause, bevor der nächste Regen anfängt, und ankommen tut man trotzdem immer zu spät. Chor? Alle am gleichen Tag wie die Tanzkurse, und der Unichor fängt frühestens im Oktober wieder an. Tanzen? Nur zwei Kurse und keine Übungsabende. Bibliothek? Nach der Arbeit immer zu müde. Abnehmen? Ich esse mehr Schokolade als je zuvor, und jeden Tag scheine ich Lebensmittel nachkaufen zu müssen. Sparen? Täglich gebe ich 30 Pfund aus. Billiger Haushalt? Vielleicht, aber sogar mit dem Rad kommen dazu hohe Transportkosten. Am Wasser grillen? Vielleicht im Regen, und allein.
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| Ein Eindruck vom Weg nach Hause nach der Arbeit. Das ist die etwas längere Route B am Meer entlang, die ich nehme, wenn abends die Sonne scheint. Der Tag war der einzige geeignete in gefühlten drei Jahren - am nächsten Tag gab es zwölf Stunden Dauerschauer, und durch den musste ich auch nach Hause. |
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| Auch hier sollte bei Vergrößerung die Isle of Wight zu sehen sein. |
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