Montag, 23. Juli 2012

22.07.2012 - Kleckern und Plantschen


Die letzten zwei Wochenenden habe ich statt konzentriertem Erkunden der Stadt und des Landkreises höhepunktlos vor mich hingekleckert. Das Wochenende nach dem Besuch in Birmingham sollte mangels klarer Vorplanung in die Entdeckung von Portsmouth investiert werden, ging aber größtenteils an diverse kleine Aufgaben verloren, die alle gemacht werden müssen und scheinbar nie aufhören. Große Freiheit durch Geld? Ich fühle mich eher an Paul erinnert, der seine Wochenenden mit Hausputz verbrachte, während ich verreiste. Im Endeffekt blieb nur eine kleine Friedhofsführung und ein minimaler Abstecher ins Stadtmuseum, das kaum der Rede wert ist. Eine einzige Vitrine für alles vor der Neuzeit. Anderseits wird auch klar, dass Portsmouth bis ins 19. Jahrhundert ohnehin nur die heute westlichste Ecke um den eigentlichen Hafen umfasste, der gesamte Süden, Norden und Westen der Insel waren vollkommen leer, einschließlich meines Viertels Southsea, dass erst mit dem aufkommenden Bädertourismus entstand. Zwar war die Gegend spätestens seit den Römern ausgesprochen aktiv, aber das spielte sich alle nördlich der Insel ab, wo auch die wichtigste Straße langlief, und zwar ohne Ausfahrt hier runter.
Tiergehege im Viktoriapark.

Im Hafen liegt entgegen früherer Informationen kein Hubschrauberträger, sondern einer der letzten Flugzeugträger der britischen Flotte, die HMS Ark Royal. Die wartet wohl auch nur noch auf die Verschrottung, wie die Invincible, die Portsmouth dafür offenbar bereits letztes Jahr verlassen hatte. Seit der großen Haushaltsreform, die ich noch miterlebt hatte, und u.a. die Verdreifachung der Studiengebühren mit sich brachte, haben die britischen Flugzeugträger ohnehin keine Maschinen mehr.
Ein Teil der Zeit ging auch in die Erfüllung einiger bescheidener Träume, die ähnlich wie Investitionen in Kalinas Wohlbefinden mit dem ersten Gehalt verbunden waren. So ist ein bestelltes Buch zum Neuen Testament angekommen, und an meiner Wand der erste Kunstdruck meines Lebens: Klimts Kuss. Das geht auf ein Album in der Wieland Buchhandlung Rostock zurück, der für mich den Stil erstmal mit dem Namen verband. Zur Entwicklung des musischen Interesses jetzt auch an Malerei habe ich mir aus der Stadtbibliothek gleich zwei Bildbände geholt, einen für den Nachttisch, den zweiten für die Arbeit, um nach weiteren Kandidaten für meine weißen Wände zu suchen. Am liebsten aber würde ich mir einen Fries um die gesamte Deckenkante legen, und zwar das goldreiche Handelsmotiv vom Palast von Julius Kindermann auf der Piotrskowska Straße Lodz. Auf dem Plan steht auch ein Besuch der örtlichen Galerie mit Monika, möglichst nicht ganz nüchtern.
Sonntag kam das olympische Feuer auch nach Portsmouth. Dazu wurde auf dem Rasenfeld am Meer eine Bühne aufgebaut, für Moderation und eine Band, die ich interessanterweise zwei Tage später auf dem Lokalradio Rostock wieder hörte, dem ich dank Internet die Treue halte. Endpunkt der Aktion sollte die Ankunft der Fackel sein, wozu ich dann auch Monika aus ihrem Zimmer mit in die Halbsonne schleifte. Wider Erwarten konnte man den Läufer sogar recht nah sehen.
Das Feuer ist da.
Am Donnerstag darauf übernachteten bei mir zwei österreichische Mädchen, die am Beginn einer Reise über die ganze Insel standen und als Geschenk einen guten, soliden Laib Brot mitbrachten. Bekommen tue ich diese Anfragen über eine Interessengruppe von Reisefreunden im Internet, und nehme gerne Leute auf, um etwas Lebens hier reinzubringen. Dazu kochen wir am besten und essen im Hof, der ja abends sonnig ist. Monika freut sich darüber auch sichtlich. Sie fuhr uns alle noch an die Gunwharf Quays, also das historische Marinegelände, das wie üblich neues Leben als elegantes Einkaufsgelände am Wasser gefunden hat.

Der Samstag darauf schien wieder gleich an die Mühen des Alltags verloren zu gehen. Umso schlimmer, da die Sonne wie versprochen endlich rauskam um für fast eine Woche zu bleiben, bevor wieder der Regen anfängt. Sämtliche Briten stürzten sofort nach draußen, die Nachbarn blockierten gleich die ganze Straße mit einem Grill. Wetterunabhängig organisiert die Stadt im Sommer jeden Samstag Nachmittag kostenlose Konzerte mit lokalen Bands direkt am Meer. Also bin ich da hin, wo ich auch die lokale Gruppe der erwähnten Reisefreunde traf, an die ich mich zwecks Kontakten zu binden versuche. Dazu spielte zuletzt eine richtig gute Band, die die zahlreich auf dem Rasen sitzenden Menschen zum Tanzen brachte, während draußen die Schiffe des Wetters wegen fleißigst vorbeizogen. Die Truppe blieb wegen eines Geburtstags auch gleich bis in die Dunkelheit um ein Feuer dort sitzen.
Gratis Musik am Meer.
Winchester
Sonntag sollte aber endlich ein klassischer Ausflug her, und zwar nach Winchester. Wie das Suffix verrät, ist es ebenfalls römischen Ursprungs und laut Reiseführer allerbestes englisches Mittelalter und auch ein gutes Stück Angelsachsen, mit Kathedrale, sodass ich ein kleines York erwartete. Eher war es aber wie Durham; vom Bahnhof einen Berg runter, die ersten Gebäude nicht beeindruckend, eine Provinzstadt diese alte Hauptstadt von Wessex und ganz Englands, ja, noch vor London, und König Arthur war auch da. Vielleicht wäre ich lieber auf die Isle of Wight gefahren, wo eine Gruppe Radfahrer unterwegs war.
Aber in die Kathedrale mit dem längsten Schiff Europas und entlang derselben die gleichen Bannern wie in Durham. In den Seitenschiffen wuchtige romanische Bögen wie in Quedlinburg vor ganz langer Zeit. Die berühmte Winchester Bibel leider Sonntags nicht zu besichtigen, aber wieder im Tageslicht des Kathedralenhofs findet sich ein wunderbarer kleiner Garten, wo die Übermüdung der Woche einen Tribut auf der sonnenerwärmten Steinbank fordert, zwischen Lavendel und Mohn und Rotkehlchen. Wieder aufgewacht und unterwegs in den Gassen wird mir klar, dass englische Städte viel hätten gewinnen können, wenn neben komplett erhaltenen Stadtmauern nicht alle Häuser aus rotem Backstein und identisch wären, sondern aus Fachwerk, so wie in York.
Meine Bank im Garten, am Ort des alten Klosterschlafsaals.



In der Ruine des alten Bischofspalastes, Rasen zwischen alten Mauern, ein Ort, wo der Brite stolz ist auf sein Land. Es ist richtiger Sommer, eine Familie isst Eis auf einer schattigen Mauer, während die unweite Kathedrale das einstündige Läuten in der markanten englischen Melodie anstimmt (in York waren es jeden Dienstagabend zwei Stunden). In den Pausen rauschen die Bäume der umgebenden bischöflichen Gärten, alles ist grün, grün lugt es hinter den alten Mauern hervor; Felder und Wälder auf grünen englischen Hügeln. Eine weitere Familie beweist, wieviel Müll eine einzige Gruppe Menschen erzeugen kann. Plastiktüten, Chips, Fertigsandwiches, Einweggläser, ein Haufen leerer Flascehn und alle Frauen tragen geschmacklose Kleider.
Ich lasse mich dann durch das nahe College führen, einer ursprünglich zur Kathedrale gehörenden Privatschule für Begabte und Reiche, wonach ich mich wieder dumm und durchschnittlich fühle. Im Anschluss entlang des Flusses Itchen zurück Richtung Bahnhof. Das Wasser ist glasklar und das Wetter so, dass wirklich alles wie England aus dem Bilderbuch aussieht, grün und meist akurat gepflegt, viel Wasser, viel Rasen, und vom Zug aus viele sonnige Felder. Und ich spüre das leichte Brennen von Sonnenbrand im Nacken.

Sous les pierres, la plage!
Zu Hause habe ich entgegen der Skepsis von Briten und Bulgaren endlich weitergemacht, was ich in Warnemünde angefangen hatte und bin ins Meer gesprungen. Gar nicht so kalt, definitiv richtungsgebend für einen verwirrten Geist, und besser als ein ganzer Tag Wegfahren.Hatte ich gefragt, warum es Ebbe gibt? Weil dann der Sand zum Vorschein kommt! Die Steine bedecken den Strand nur einen Meter ins Wasser, dann sieht es aus wie Warnemünde. Darum braucht die Ostsee mit ihren schönen Sandstränden auch keine Gezeiten.

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