Donnerstag
haben wir unser derzeitiges Projekt vorerst beendet. Danach war
vorübergehend wenig zu tun, bis unsere Kommentartexte von der
Korrektur zurückkommen. Daher war auch das Wochenende frei und ich
habe die standardmäßige Erkundung meines neuesten Wohnortes
vorgezogen. Erst einmal mussten einige Stunden Hausputz investiert
werden, was ich schon seit dem Einzug machen wollte, aber erst jetzt
aufgrund des bevorstehenden Einzugs meiner ersten Mitbewohnerin
durchgeführt habe, der ich die Küche etwas hygienischer vorstellen
wollte, als unsere Vorgänger sie hinterlassen haben. Überhaupt
setzt sich die Tendenz aus York fort: mit dem Alter werde ich zum
Botschafter deutscher Ordnung. Drei Stunden war ich schon am werken,
als mein Vermieter aufstand.
Tagesziel
meines heißgeliebten Fahrrads und der nach einer Woche jeweils
einstündiger Fahrten zu und von der Arbeit doch etwas
erholungsbedürftigen Beine war die Burg in Portchester. Die ist mir
stets vom Bus zur Arbeit aus aufgrund ihrer bemerkenswerten
Erhaltungsstands und der Lage direkt am nördlichen Zipfel das
Gewässers, das den natürlichen Hafen von Portsmouth bildet,
aufgefallen. Aus dem Grund haben dort schon die Römer die Festung
Portus Adurni angelegt, die im 4. Jh. die sich häufende Piraterie an
der englischen Südküste bekämpfen sollte. Sachsen (wie immer weil
sie sowas nicht selber bauen konnten), Normannen (wie immer um ihre
neue Beute zu sichern) und englische Krone (wie immer gegen
Frankreich) habe das Gelände nacheinander weiter genutzt, wodurch
die gesamte quadratische Außenmauer erhalten geblieben ist. Meine
Schwäche für römische Finesse und Mittelalter, besonders
ausgeprägt in Zeiten von Einsamkeit und Zielmangel, hat mich also
dorthin getrieben. Auf dem Weg war auch endlich mal Zeit für die
Touristeninformation und eine Anmeldung in der Unibibliothek.
Letztere deutet im Übrigen weiter darauf hin, dass die Universität
Portsmouth zur zweiten Wahl gehört.
Ist
jemandem schon aufgefallen, dass Portsmouth eine Insel ist? Die
einzige Inselstadt übrigens im Land; höchste Bevölkerungsdichte
nach London. Zu Burg Portchester fuhr ich statt der bequemen
Hafenfähre die Route über Hauptausfallstraße im Norden. Das war
anstrengend und verwirrend, aber zur allgemeinen Beruhigung sicher,
dank des neu angeschafften Helms und Signalweste (s. Foto). Das ist
in diesem Landstrich emsiger und professioneller Fahrradfahrer
allgemeines Bild, denn alleine bin ich auf den Radwegen praktisch
nie.
Vor
Ort fiel mir als erstes ins Auge, dass die Nachfolger der Römer nur
eine winzige Ecke der quadratischen Festung weitergenutzt hatten. Die
gesamte quadratische Außenmauer ist römisch, steht nach zweitausend
Jahren noch fast original – das ist italienische Qualität. Die
spätere Burg ist in eine Ecke eingefügt und niemals ansatzweise an
den tausend Jahr ältere Ursprungsbau herangekommen. Das
Festungsgelände ist auch öffentlich zugänglich, nur die Burg wird
von English Heritage (Englisches Kulturerbe) verwaltet, dem
staatlichen Gegenstück zum National Trust. Da waren der Burgfried zu
sehen, in dem später französische Kriegsgefangene Schnürsenkel und
Theater machten, die Banketthalle des wegen seiner
vergnügungssüchtigen Hofführung entfernten Heinrich IV, die
Gemächer seines frauenmordenden achten Nachfolgers und zu hören ist
ein schöner Audioführer, besprochen von einem englischen
Wachsoldaten und seinem napoleonischen Gefangenen. Seinerzeit war
Portchester der bestimmende Ort des natürlichen Hafens und die Burg
Verteidigungspunkt gegen französische Invasionen bzw. Sammelpunkt
für gleichartige Aktionen in Frankreich. Erst später wurde
Portsmouth mit seiner direkten Kontrolle des schmalen Zugangs zum
Binnenwasser wichtig, weshalb Portchester dann auch eine Kleinstadt
blieb.
Besonders
interessiert mich die römische Zeit, und die Illustrationen des
Lagers mit Schiffen im Binnenhafen schaffen ein plastisches Bild, als
ich vom Dach des Burgfrieds in die weite Bucht blicke – besonders
die Enge Hafendurchfahrt in den Bodden ist gut zusehen, dort also, wo
Portsmouth entstanden ist – „Hafenmünde“. Das Wetter ist etwas
rauer, die See peitscht bis fast an die römischen Mauern. Ich
wünsche mir indes wieder jemanden, der solche Aktionen mitmacht.
Aber der Tag ist eine Erinnerung daran, weshalb ich überhaupt so oft
allein verreise: eine Anzeige bei der lokalen Couchsurfing Gruppe
(ein weltweites Netzwerk von reisefreudigen Leuten, die bei sich
Übernachtungen für andere Reisende anbieten) brachte keine Antwort
und die Arbeitskollegin, die am gleichen Tag wie ich angefangen und
Interesse gezeigt hatte, hat wohl vergessen, auf ihrem irischen Handy
die englische Vorwahl vor meine Nummer zu setzen. Menschen sind
einfach zu langsam, fällt mir wieder ein. Trotzdem gehe ich etwas
melancholisch durch die Hallen und muss mich selbst daran erinnern,
dass ich doch gerade Optimismus geworden war. Schräg gegenüber
steht noch eine sächsische Kirche, eine der wenigen, die nicht von
den Normannen abgerissen und besser neu gebaut worden war (wie z.B.
der Münster in York). Dort hält gerade die verschwindende lokale
katholische Gemeinde Messe mit ihrem polnischen Priester.
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| Das römische Eingangstor von außen. |
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| Blick vom Burgfried auf die römische Umfassungsmauer und Haupttor. Ganz am Horizont die Hafeneinfahrt von Portsmouth und dahinter die Isle of Wight. |
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| Blick vom Burgfried auf die sächsische Kirche. |
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Der Hafen von Portsmouth näher herangeholt, dahinter die Isle of Wight. Im Hafen ein Hubschrauberträger.
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| Der Burgfried vom Innenhof aus. |
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| Sonnabendscricket in römischen Mauern! |
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| Die angelsächsische Kirche, wie die Burg in die Mauern der römischen Festung gebaut. |
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| Vorn der Kirchfriedhof, hinten der Burgfried, links das römische Tor. |
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| Die Außenmauern und davor viel Ebbe und wenig Wasser. |
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Sicher im Straßenverkehr.
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Zurück
zu Hause zieht gerade meine erst Mitbewohnerin ein. Und sie kommt aus
Sofia – Bulgarien! Ein zweite Bulgarin soll noch kommen. Monika ist
21 und studiert hier Informatik. Bevorzugt hätte sie Theater.
Günstigerweise ist davon trotz anderer Karrierewahl noch Interesse
für Gesang, Tanz, Kochen und auch Trinken übrig geblieben. Für den
Folgetag hat sie sich gleich für mein nächstes Ziel angemeldet, die
Kathedralenstadt Chichester östlich von Portsmouth. Hier also ist
jemand, der mitkommt.
Die
anderen Mitbewohner kommen vermutlich erst mit dem neuen Semester
Ende September. Entsprechend sind auch viele Uniangebote suspendiert.
Denn obwohl sich mein Leben langsam stabilisiert und ich abends ins
Bett komme und auch zunehmend freie Zeit für private Interessen zur
Verfügung habe, ist sowohl die Suche nach Salsa und dem Unichor
erfolglos geblieben. Dafür kann ich wieder privat lesen, momentan
vor allem Lexikonartikel über diverse Objekte in der Region. Einiges
wird auch auf der Arbeit organisiert. Zum Beispiel war ich Donnerstag
mit Kollegen beim wöchentlichen Fußballspiel in Fareham, der
nächsten Kleinstadt bei Titchfield. Allgemein habe ich vermutlich
noch nie so sportlich gelebt wie jetzt. Ein Stunde zur Arbeit und
eine Stunde zurück machen sich doch bemerkbar. Zum Glück gibt es
auf der Arbeit Duschen für die Radfahrer. Nach dem zusätzlichen
Fußball war ich Donnerstag auch entsprechend geschlaucht, habe aber
doch noch ein Herrenhaus mit viel englischem Rasen in Fareham
angefahren, dass aber auch nur ein Golfhotel ist.
Im
Dienste ihrer Majestät
Ein
interessantes Detail aus dem englischen Arbeitsrecht. Letztens habe
ich meinen Arbeitsvertrag in die Hand bekommen. Darin wird
ausgeführt, dass meine Arbeitgeberin ja die englische Krone ist. Und
Elisabeth II Rex akzeptiert als Monarchi keine Kündigungsfrist,
sondern kann mich nach Belieben anstellen und feuern. In der Praxis
wird natürlich gerade im öffentlichen Dienst auf Arbeitsrecht
geachtet.
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