Montag, 2. Juli 2012

30.06.2012

Donnerstag haben wir unser derzeitiges Projekt vorerst beendet. Danach war vorübergehend wenig zu tun, bis unsere Kommentartexte von der Korrektur zurückkommen. Daher war auch das Wochenende frei und ich habe die standardmäßige Erkundung meines neuesten Wohnortes vorgezogen. Erst einmal mussten einige Stunden Hausputz investiert werden, was ich schon seit dem Einzug machen wollte, aber erst jetzt aufgrund des bevorstehenden Einzugs meiner ersten Mitbewohnerin durchgeführt habe, der ich die Küche etwas hygienischer vorstellen wollte, als unsere Vorgänger sie hinterlassen haben. Überhaupt setzt sich die Tendenz aus York fort: mit dem Alter werde ich zum Botschafter deutscher Ordnung. Drei Stunden war ich schon am werken, als mein Vermieter aufstand.
Tagesziel meines heißgeliebten Fahrrads und der nach einer Woche jeweils einstündiger Fahrten zu und von der Arbeit doch etwas erholungsbedürftigen Beine war die Burg in Portchester. Die ist mir stets vom Bus zur Arbeit aus aufgrund ihrer bemerkenswerten Erhaltungsstands und der Lage direkt am nördlichen Zipfel das Gewässers, das den natürlichen Hafen von Portsmouth bildet, aufgefallen. Aus dem Grund haben dort schon die Römer die Festung Portus Adurni angelegt, die im 4. Jh. die sich häufende Piraterie an der englischen Südküste bekämpfen sollte. Sachsen (wie immer weil sie sowas nicht selber bauen konnten), Normannen (wie immer um ihre neue Beute zu sichern) und englische Krone (wie immer gegen Frankreich) habe das Gelände nacheinander weiter genutzt, wodurch die gesamte quadratische Außenmauer erhalten geblieben ist. Meine Schwäche für römische Finesse und Mittelalter, besonders ausgeprägt in Zeiten von Einsamkeit und Zielmangel, hat mich also dorthin getrieben. Auf dem Weg war auch endlich mal Zeit für die Touristeninformation und eine Anmeldung in der Unibibliothek. Letztere deutet im Übrigen weiter darauf hin, dass die Universität Portsmouth zur zweiten Wahl gehört.

Ist jemandem schon aufgefallen, dass Portsmouth eine Insel ist? Die einzige Inselstadt übrigens im Land; höchste Bevölkerungsdichte nach London. Zu Burg Portchester fuhr ich statt der bequemen Hafenfähre die Route über Hauptausfallstraße im Norden. Das war anstrengend und verwirrend, aber zur allgemeinen Beruhigung sicher, dank des neu angeschafften Helms und Signalweste (s. Foto). Das ist in diesem Landstrich emsiger und professioneller Fahrradfahrer allgemeines Bild, denn alleine bin ich auf den Radwegen praktisch nie.

Vor Ort fiel mir als erstes ins Auge, dass die Nachfolger der Römer nur eine winzige Ecke der quadratischen Festung weitergenutzt hatten. Die gesamte quadratische Außenmauer ist römisch, steht nach zweitausend Jahren noch fast original – das ist italienische Qualität. Die spätere Burg ist in eine Ecke eingefügt und niemals ansatzweise an den tausend Jahr ältere Ursprungsbau herangekommen. Das Festungsgelände ist auch öffentlich zugänglich, nur die Burg wird von English Heritage (Englisches Kulturerbe) verwaltet, dem staatlichen Gegenstück zum National Trust. Da waren der Burgfried zu sehen, in dem später französische Kriegsgefangene Schnürsenkel und Theater machten, die Banketthalle des wegen seiner vergnügungssüchtigen Hofführung entfernten Heinrich IV, die Gemächer seines frauenmordenden achten Nachfolgers und zu hören ist ein schöner Audioführer, besprochen von einem englischen Wachsoldaten und seinem napoleonischen Gefangenen. Seinerzeit war Portchester der bestimmende Ort des natürlichen Hafens und die Burg Verteidigungspunkt gegen französische Invasionen bzw. Sammelpunkt für gleichartige Aktionen in Frankreich. Erst später wurde Portsmouth mit seiner direkten Kontrolle des schmalen Zugangs zum Binnenwasser wichtig, weshalb Portchester dann auch eine Kleinstadt blieb.
Besonders interessiert mich die römische Zeit, und die Illustrationen des Lagers mit Schiffen im Binnenhafen schaffen ein plastisches Bild, als ich vom Dach des Burgfrieds in die weite Bucht blicke – besonders die Enge Hafendurchfahrt in den Bodden ist gut zusehen, dort also, wo Portsmouth entstanden ist – „Hafenmünde“. Das Wetter ist etwas rauer, die See peitscht bis fast an die römischen Mauern. Ich wünsche mir indes wieder jemanden, der solche Aktionen mitmacht. Aber der Tag ist eine Erinnerung daran, weshalb ich überhaupt so oft allein verreise: eine Anzeige bei der lokalen Couchsurfing Gruppe (ein weltweites Netzwerk von reisefreudigen Leuten, die bei sich Übernachtungen für andere Reisende anbieten) brachte keine Antwort und die Arbeitskollegin, die am gleichen Tag wie ich angefangen und Interesse gezeigt hatte, hat wohl vergessen, auf ihrem irischen Handy die englische Vorwahl vor meine Nummer zu setzen. Menschen sind einfach zu langsam, fällt mir wieder ein. Trotzdem gehe ich etwas melancholisch durch die Hallen und muss mich selbst daran erinnern, dass ich doch gerade Optimismus geworden war. Schräg gegenüber steht noch eine sächsische Kirche, eine der wenigen, die nicht von den Normannen abgerissen und besser neu gebaut worden war (wie z.B. der Münster in York). Dort hält gerade die verschwindende lokale katholische Gemeinde Messe mit ihrem polnischen Priester.
Das römische Eingangstor von außen.
Blick vom Burgfried auf die römische Umfassungsmauer und Haupttor. Ganz am Horizont die Hafeneinfahrt von Portsmouth und dahinter die Isle of Wight.
Blick vom Burgfried auf die sächsische Kirche.
Der Hafen von Portsmouth näher herangeholt, dahinter die Isle of Wight. Im Hafen ein Hubschrauberträger.
Der Burgfried vom Innenhof aus.
Sonnabendscricket in römischen Mauern!
Die angelsächsische Kirche, wie die Burg in die Mauern der römischen Festung gebaut.
Vorn der Kirchfriedhof, hinten der Burgfried, links das römische Tor.
Die Außenmauern und davor viel Ebbe und wenig Wasser.
Sicher im Straßenverkehr.
Zurück zu Hause zieht gerade meine erst Mitbewohnerin ein. Und sie kommt aus Sofia – Bulgarien! Ein zweite Bulgarin soll noch kommen. Monika ist 21 und studiert hier Informatik. Bevorzugt hätte sie Theater. Günstigerweise ist davon trotz anderer Karrierewahl noch Interesse für Gesang, Tanz, Kochen und auch Trinken übrig geblieben. Für den Folgetag hat sie sich gleich für mein nächstes Ziel angemeldet, die Kathedralenstadt Chichester östlich von Portsmouth. Hier also ist jemand, der mitkommt.
Die anderen Mitbewohner kommen vermutlich erst mit dem neuen Semester Ende September. Entsprechend sind auch viele Uniangebote suspendiert. Denn obwohl sich mein Leben langsam stabilisiert und ich abends ins Bett komme und auch zunehmend freie Zeit für private Interessen zur Verfügung habe, ist sowohl die Suche nach Salsa und dem Unichor erfolglos geblieben. Dafür kann ich wieder privat lesen, momentan vor allem Lexikonartikel über diverse Objekte in der Region. Einiges wird auch auf der Arbeit organisiert. Zum Beispiel war ich Donnerstag mit Kollegen beim wöchentlichen Fußballspiel in Fareham, der nächsten Kleinstadt bei Titchfield. Allgemein habe ich vermutlich noch nie so sportlich gelebt wie jetzt. Ein Stunde zur Arbeit und eine Stunde zurück machen sich doch bemerkbar. Zum Glück gibt es auf der Arbeit Duschen für die Radfahrer. Nach dem zusätzlichen Fußball war ich Donnerstag auch entsprechend geschlaucht, habe aber doch noch ein Herrenhaus mit viel englischem Rasen in Fareham angefahren, dass aber auch nur ein Golfhotel ist.

Im Dienste ihrer Majestät
Ein interessantes Detail aus dem englischen Arbeitsrecht. Letztens habe ich meinen Arbeitsvertrag in die Hand bekommen. Darin wird ausgeführt, dass meine Arbeitgeberin ja die englische Krone ist. Und Elisabeth II Rex akzeptiert als Monarchi keine Kündigungsfrist, sondern kann mich nach Belieben anstellen und feuern. In der Praxis wird natürlich gerade im öffentlichen Dienst auf Arbeitsrecht geachtet.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen