Montag, 2. Mai 2016

Nun ist Mathieu weg. Mitte Juni fängt er eine neue Arbeit in Nottingham an. Bis dahin reist er einen guten Monat durch die Welt. Anfang Juni sehe ich ihn vielleicht noch einmal kurz wenn er seine Sachen in Portsmouth abholt, und ich will ein Wochenende mal nach Nottingham fahren. Aber aus meinem Alltag ist er raus. Das geschah etwas früher als erwartet und hat mich im ersten Moment etwas mitgenommen. Er war der erste und bis heute eigentlich einzige wirkliche Freund hier vor Ort, der mich damals aus meiner ursprünglichen Einsamkeit geholt hat und wir haben drei Jahre lang viel unternommen. Und zwar insbesondere Sachen, die ich mit Ellie nicht so machen kann - Radtouren, Wanderungen, Jugendherbergen, Brettspiele, Ausflüge mit Freunden und Fremden, Kneipen, Männergespräche. Im ersten Moment kam ich mir in der Stadt plötzlich wieder mehr allein vor. Es sind eben doch die Menschen, die einen Ort vertraut machen.

Nun soll man ja positiv sein. Schließlich waren die letzten Monate durchaus eine Dreifachbelastung, in denen ich Zeit finden musste für Tango, Mathieu als auch Ellie. Dazu kam noch ein kleiner Gesangsauftritt, für den ich üben musste. Sowohl den Chor als auch die normalen Tangostunden am Freitag habe ich dadurch zeitweise aufgegeben. Jetzt ist Mathieu weg, der Auftritt geschafft, Kalina als auch unsere tschechischen Brettspielfreunde sind vorerst nicht verfügbar - plötzlich habe ich ziemlich viel Zeit. Aber langfristig weiß ich, dass man wenigstens einen Freund vor Ort braucht. Dementsprechend will ich die Spieleabende weiterführen und Kalina wieder regelmäßig sehen, sobald sie zurück ist.

Vorerst hat Ellie meine volle Aufmerksamkeit. Ideen für Ausflüge und Aktionen stapeln sich ja in meinem Kopf. Vorerst sind wir wieder in die Historische Werft gegangen, damit auch sie einmal die HMS Victory besichtigen kann. Das ist das Flaggschiff des Admirals Nelson, der darauf die wichtige Schlacht von Trafalgar gewann, dabei starb und ein Nationalheld ähnlichen Profils wie Churchill wurde. Ich war damit zum vierten Mal in der Werft und zum zweiten Mal auf der Victory.
Eines schönen Tages sind wir außerdem in den Wald von Bere gefahren. Ich vergesse immer wieder, dass wir ja selbst ein Auto haben. Das Waldgebiet ist nicht ganz so groß wie der New Forest, aber nur eine knappe halbe Stunde weg. Im Moment wachsen überall die Glockenblumen ganz wunderbar. Das Wetter ist sehr wechselhaft, morgens meist besser, doch auch abends bin ich moment oft nach der Arbeit am Meer und trinke allein einen Tee.

Ich erwähnte einen kleinen Auftritt - das war die offene Bühne, die ein- oder zweimal jährlich an der Uni stattfindet. Diesmal stand sie im Zeichen von Shakespeares 400. Todestag. Ich sang Schuberts Ständchen (das fröhliche, nicht das melancholische), das im allerweitesten Sinne aus Shakespeare Cymbeline stammt. Ich war schon zweimal auf dieser Veranstaltung aufgetreten, aber diesmal ist mir zum ersten Mal eine Aufnahme gelungen.
Video 1

Video 2

Aus der Aktion "Deutsches für Ellie":
Johannes gegen Kartoffelpuffer 1:0
Johannes gegen Bienenstich  1,5:1,5
Ich lese Ellie abends Pippi Langstrumpf vor, sie mir das klassische Kinderbuch Matilda. Für mich selbst lese ich Grundlehrbücher über Chemie und Statistik. Ersteres im Anschluss an Opa's Lehrbuch Physik (sowohl in Physik als auch Chemie habe ich am Gymnasium viel verpasst), zweiteres aus allgemeinem Interesse und in Vorbereitung auf ein Vorstellungsgespräch auf Beförderung Mitte Mai. Zur Erinnerung, bei uns bewirbt man sich auf höhere Posten, man wird nicht einfach befördert.


Vor der Victory.
In den Glockenblumen...
...Glockenblumen...
...Glockenblumen!
Tango, Tango, endloser Tango!
Plakat für das nächste Chorkonzert. Ich singe nicht mit, weil sich die Generalproben mit Tango überschneiden.

18. April - Einmal noch

Nicht mehr lang dann zieht Mathieu weg. Quasi als Abschiedstour haben wir einen Ausflug auf die Isle of Wight mit den üblichen Verdächtigen Portugiesen und Franzosen organisiert. Das war in dieser Gruppe das erste und vermutlich das letzte Mal, denn bald wohne nur noch ich hier und man trifft sich an einem allgemein günstig gelegeneren Ort. Dafür hatten wir zwei Autos und waren dementsprechend mobil, haben praktisch die gesamte Insel gesehen und auch ich habe noch neue Orte entdeckt, die ich noch dieses Jahr Ellie zeigen will. So waren wir auf Burg Carisbrooke, einem Eselhof, bei einem Leuchtturm aus dem 12. Jahrhundert und sind einen Küstenpfad am Westende entlanggelaufen, an dessen Ende alte Batterien gegen die Franzosen stehen und man die Felsformation der sog. "Nadeln" sehen kann. Überhaupt hatte ich von der Insel noch nie so weit sehen können - der Blick ging gute 100km. Gewohnt haben wir in der kitschigsten Pension Englands, und ganz zum Schluss, als die anderen schon weg waren, habe ich Mathieu durch Haus Osborne geführt. Da war ich zum dritten und er zum ersten Mal. Auch er hatte in der Region noch Rechnungen offen.

Auf einem Eselhof haben ein ausgesprochen aufgeschlossenes englisches Rentnerpaar getroffen. Kein Wunder, sie haben bis vor kurzem in Frankreich gelebt.
Auf Burg Carisbrooke.

Im Hintergrund die sog. Nadeln, eine Felsformation und größter Besuchermagnet der Insel.

Freitag, 15. April 2016

Nach Berlin

Frühling
Nach der Rückkehr aus Berlin hatten wir beide noch einen Tag frei. Das war ganz praktisch zum Akklimatisieren. Wie sich herrausstellte, hatten wir in England einen großen Sturm verpasst, während in Berlin ja schönstes Wetter geherrscht hatte. Einige Tage hatten wir auch in Portsmouth noch Sonne. Am Samstag sind wir daher zur Hubertskapelle spaziert. Seit einem Besuch im nahen Chalton Ende Januar hatte ich ja mit etwas mehr Zeit zurückkommen wollen. Nun, das ist auch gelungen, wir haben einige neue Wege probiert und viel frisches Grün mit lila Glockenblumen gesehen. An einer besonders schönen Stelle haben wir ein kleines Picknick gemacht und unter einer ausgespülten Wurzel das Versteck eines satellitengestützten Orientierungsspiels entdeckt.

Ars longa
Das war ein seltener Moment der Ruhe, denn inzwischen ist meine durchschnittliche Woche stark von der Doppelbelastung von Tangoproben und Mathieu-Treffen belastet. Wir haben schon seit längerem jeden Sonntag den gesamten Nachmittag Probe und inzwischen auch Montag abend.
Um wenigstens noch einen Abend für Ellie zu behalten, bin ich fürs Erste aus den "normalen" Tangostunden am Freitag ausgestiegen. Und auch den Chor habe ich dieses Semester verlassen, nachdem sich rausstellte, dass sich die Generalproben für Konzert und Tango perfekt überschneiden. Das hat mich sehr geärgert, dass es nicht nur derselbe Tag, sondern auch noch genau dieselbe Zeit sein muss.

Vermischtes
Arbeit: Ich hab mich zum ersten Mal auf eine Stelle höheren Dienstgrads beworben, also eine Beförderung. Erfolg ist in unserem System nicht sehr wahrscheinlich...andererseits hatte ich bisher immer ganz gut Glück. Die Jahresendbewertung ist auch sehr positiv ausgefallen und seit der Veranstaltung in London habe ich wieder Zeit, neben der Arbeit etwas zu lernen.

Von einem schwäbischen Kollegen habe ich erfahren, dass 1990 in den westdeutschen Schulen hektisch besondere Seminare über Ostdeutschland anberaumt wurden. Natürlich nachdem sie vorher nichts davon wussten. Aber immerhin, ich hatte immer gedacht, bei denen wäre gar nichts passiert.

Mit Ellie und Freunden war ich zu einem Geburtstag in einer großen Trampolin-Arena! Nach zehn Minuten lagen wir Dreißigjährigen keuchend auf den Matten. Ellie hat eine gute Figur abgegeben - offenbar hat sie als Teenager Trampolinstunden genommen. Was man alles machen kann.

(Deutsche) Klöße gegen Johannes 1:1. Dazu etwas Hintergrund: englische Klöße werden auf Nierenfettbasis und dafür ohne Kartoffeln gemacht.


Unter einer hölzern Wurzel fand ich diese Kiste eines Orientierungsspiels. Wir haben Berliner Fahrkarten und schwedische Krona hinterlassen.

Moderne Handys haben richtig gute Kameras.

Tee und Brötchen bei St. Hubertus.

Statistik

Pro Jahr werden in England und Wales durchschnittlich 10 Kinder Johannes genannt. 2014 entsprach das 16 Kindern in einer Million. Das war Rang 1819. Tendenz stabil. Dazu sollte man wissen, das Briten alle einen zweiten Vornamen haben. Unsere Daten. Babynamen sind unsere populärste Statistik.
Quelle: http://names.darkgreener.com/

Eleanor kommt sehr viel häufiger vor, aber sehr vel weniger als in den 1990ern. 2014 waren es 1049 Babys. Das entsprach 16 in 10.000 Kindern. Für jeden Johannes gibt es also 100 Eleanors. Eleanor war 2014 der 60-beliebteste Mädchenvorname. 1997 war es noch Rang 20 gewesen. Damals wurden pro 10.000 Kinder 42 Eleanor genannt. Leider geht die Datenreihe nicht bis in Ellies Geburtsjahr.
Quelle: http://names.darkgreener.com/


Abends am Meer
Eines nebligen Morgens lief vor dem Rosengarten ein Fischerboot bei Ebbe auf die Besuchern bekannten Betonklötzer im Meer. Der Kapitän setzte das sinkend Boot auf Grund und lief Berichten zufolge weg. Das Boot wurde dann von der Flut überspült. Als ich Abends von der Arbeit kam, lief die Hebung. Seit der Zeitumstellung hat man abends nach der Arbeit noch fast zwei Stunden Sonne am Meer. Dem Kapitän ist nichts passiert und das Boot hoffentlich versichert. Es ist toll am Meer zu leben.
Dank der Berichterstattung habe ich erfahren, dass die Betonblöcke Uboot-Sperren aus dem Krieg sind.
Nur ein Stück Metallrahmen ragten anfangs noch aus dem Wasser.




Ellies müde Männer. Ich war krank, Katzen schlafen 18 Stunden am Tag.

Samstag, 9. April 2016

29.03.2016 - In Berlin

Dieses Ostern also Berlin. Weil:
  1. erstes Mal Deutschland für Ellie. Der halbe Tag Aachen beim Schulausflug nach Frankreich zählt nicht.
  2. ich hatte schon immer das Gefühl, dass Ellie ein anderes Land und andere Sprache genauso Spaß macht wie mir

Wir haben eine kleine Ferienwohnung in Schöneberg gemietet. Ein sehr schönes Altbauviertel, was mich sehr gefreut hat, da es das Berlin zeigte, das ich zeigen wollte. Schön renoviert, sauber, grün, vier Ubahn-Stationen zum Brandenburger Tor. Ausgesprochen ruhig, sogar ich habe gestaunt. Sowas kostet in England ein Vermögen. Und die Gebäude sehen nicht alle gleich aus! Die Menschen freundlicher als ich das in Erinnerung hatte. Und alle sprechen Englisch! Prima Wetter alle Tage. Ellie hatte eine tolle Zeit und natürlich die völlige Überlegenheit deutscher Kultur erkannt.

Samstag
Mauer. Topographie des Terrors. Checkpoint Charlie. Gendarmenmarkt. Brandenburger Tor. Tiergarten. Sowjetisches Ehrenmal. Reichstagsführung auf Englisch. Kuppelbesichtigung mit Ausblick auf die wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Currywurst. Spree (die Strandbars waren leider noch zu). Holocaustmahnmal. Bier am Potsdamer Platz.

Sonntag
Sanssouci. Gendarmenmarkt, Museumsinsel, Hackesche Höfe und Oranienburger Strasse mit Synagoge mit Papa.

Montag
DDR Museum. Mutti. Berliner Dom. Tadjikische Teestube.

Dienstag
Historisches Museum. Russischer Zupfkuchen.


Beste Erinnerungen:

  • deutsche Bäckereien
  • morgens Brötchen holen
  • Ellie lobt: Körner auch an der Unterseite des Brötchens
  • Ellie fragt: ist das deutsche Wort für "stomach" 'Brot-Tank'?
  • Tee auf Gras im Tiergarten
  • Ellie sagt: Ich mag das Ampelmännchen
  • Lipsi tanzen im DDR Museum (siehe Video)
  • Tadjikische Teestube
  • Züge mit genug Platz für Fahrräder
  • Ellie kritisiert: zuviele Fahrräder im Zug!
  • Ellie staunt: Doppelstockzüge
  • Ellie staunt: Zugfahrt durch einen Wald
  • Ellie schockiert: deutsche Ampeln geben Autos und Fußgängern gleichzeitig grün. War mir nie aufgefallen.

Und wie immer gibt es zuviel zu sehen, zuviel zu lesen, zuviel zu lernen.

In England unmöglich.

Unsere Wohnung.







Kunst im Raucherzimmer des Bundestag.



Und der Wetterbericht hatte Regen angekündigt.

Am Abend des ersten Tags war mir schon zu Anfang dieses Glases auf dem Potsdamer Platz sehr gemütlich.


Mit Weinreben wäre es natürlich noch schöner gewesen.

Kartoffel- und Mühlenanekdoten wurden übermittelt.


Chinesisches Haus.

Hackesche Höfe.
Lipsi im DDR Museum!

Ellie sagt das sieht aus wie die Wohnung ihrer Oma.

Einschusslöcher am Pergamon.


Donnerstag, 31. März 2016

24.03.2016 - Vor Berlin

Radio
Seit vielen Jahren denke ich alle paar Monate, dass mir Radio fehlt. Meinem Alltag fehlt die Zeit, in der ich sowohl allein als auch ohne konzentrationsbedürftige Aufgabe bin, um nebenbei einer Sendung zu folgen. Bis auf den Fußweg von Ellies Haus zu meinem, wo ja immer noch mein Fahrrad abgestellt wird. Da hätte ich gerne etwas Ablenkung, denn englische Städte machen Fußwege ziemlich langweilig. Nun hat man weder ein tragbares Radio dabei, noch würde das gerade interessante Sendungen bringen. Doch nun habe ich eine weit bessere Lösung: Sowohl Ellie als auch Friedemann haben kürzlich alte Handys abgelegt. Anders als meins können deren Modelle alle möglichen Kunststücke. Somit also kann ich nun Radiosendungen aus dem Internet speichern und sie auf dem Weg hören. Effizienz, Recycling and Bildung - wieviel deutscher kann man sein!

Arbeit

Mein Privatleben ist moment ziemlich mundän. Mehr ist auf der Arbeit los - genau gesagt bin ich derzeit oft fertig, weil doch viele Fristen anstehen, u.a. selbst verursachte. So hatte ich mich in blindem Enthusiasmus für ein Projekt gemeldet, lokale Schulen im Statistikunterricht zu helfen. Ja, hier wird Statistik (wie auch viele andere Fächer, die ich eher mit Universität verbinde) an Schulen gelehrt. Auf niedrigem Niveau. Wir haben also eine Stunde vorbereitet, in der Schüler um die 16 Jahre das Spannende an Statistik sehen und dann auch selbst damit arbeiten sollten. Meine Einstellung zu 16-jährigen ist bekannt; einige Kollegen waren da etwas optimistischer und dementsprechend ernüchtert. Wirklich eingefangen haben wir sie nie und so war die ganze Sache vor allem gut für die bald darauf gefolgte Jahresleistungsbesprechung. Die ist wieder sehr gut gelaufen - meine jetzige Stelle ist weiterhin die beste, die ich soweit im Amt hatte.
Leider überschnitt sich die Vorbereitung für die Schule mit der Hauptveranstaltung meines Hauptprojektes. Der März war dementsprechend hektisch. Am 23. März haben wir eine Schulung in London durchgeführt, deren Vorbereitung natürlich jede Menge Arbeit verursachte. Wir haben vor einem Fachpublikum aus größtenteils Versicherungsmathematikern die Ergebnisse der letzten Monate vorgestellt, in denen wir die Leistung unseres Models zur Schätzung der ältesten Bevölkerung untersucht haben. Ich habe einen Vortrag gehalten. Ich mag Vorträge. Mit etwas Glück werde ich das auf einer Konferenz im September nochmal vorstellen.

Geburtstag

Mathieu reist kräftig durch den Süden Englands. Ich kann so häufig nicht mitkommen, schließlich hat man sowohl Freundin als auch Tangoproben jeden Sonntag. Zum Geburtstag einer unserer portugiesischen Freundinnen jedoch konnte ich ihn begleiten. Das fand ich Winchester statt und war eine schöne Erinnerung an die Zeiten, als ich mich noch jeden Tag mit Leuten aus ganz Europa umgab. Aber für jegliche Aktivitäten nach 23 Uhr bin ich einfach zu alt. Und da geht der portugiesische Tag ja erst los.

Auf der Bühne

Ellie und ich haben das Stück "Ruddigore" der mir inzwischen ja bekannten Gilbert und Sullivan gesehen. Dabei habe ich zum ersten Mal das inzwischen endlich offene New Theatre Royal von innen gesehen, das ewig restauriert worden war. Kurz darauf haben wir dort zur offiziellen Eröffnung mit dem Chor selbst etwas Shakespeare gesungen. Ein schöner Moment: bei einer Chorprobe spielte unser Pianist kurz Bachs "Wie soll ich Dich empfangen" an, und zu meiner Überraschung sang oder summte der halbe Chor mit.
An der Bücherfront wurden Der Geheime Garten sowie Die Elemente besiegt. Nun stehen entweder ein Buch über Statistik, ein Buch über Chemie oder ein Buch über Landkarten auf dem Plan.

Silberstreif

Die Sonne bleibt endlich wieder bis nach 18 Uhr am Himmel und so haben wir an guten Tagen wieder die schönen Abende zurück, an denen man nach der Arbeit noch ans Meer kann. Das Herz geht auf vor Hoffnung.
Bulgarischer Frühling 2016.
Ein Kollege hatte deutsche Eiermalsets übrig. Ellie und ich hatten einen schönen sonnigen Nachmittag damit.


Sonntag, 13. März 2016

Kurzes Kenterbury

Mathieu bleibt noch bis Ende Mai im Land und ist schwer dabei, möglichst viel vom Süden Englands zu sehen, bevor er nach Norden nach Nottingham zieht. Ich habe mich einem Wochenendsausflug nach Canterbury angeschlossen. Richtig verreisen kann man schließlich nur mit Männern. Denn wir sind Samstag morgen 8 Uhr los, mit Fahrrädern auf dem Auto.
Natürlich lag es nahe, Ellie mitzunehmen und bei ihrer Schwester abzusetzen.  Sie war ja eine Woche vorher noch traurig gewesen, als ihr Familienbesuch wieder abfuhr. Aber nun hatte sie sich schon mit einer Freundin verabredet.

Wie sich rausstellte, war Mathieu mehr an der Landschaft Kents als an Canterbury selbst interessiert.
Samstag haben wir zwei Radtouren gemacht. Zuerst sind wir dem 'Crab and Winkle Walk' gefolgt, also dem Krabben und Strandschnecken Weg von Canterbury zur Küste. Der folgt der ältesten regulären Eisenbahnlinie Englands, die Austern von der Küste brachte. Ellie hatte schon oft davon gesprochen. So wie sie allgemein viel von Canterbury spricht. Wir wollten das immer mal ablaufen. Nun, ich bin froh, den Weg gefahren zu sein, denn mich hat er nicht beeindruckt. Die Strecke über die Felder wäre ohne Eisregen vielleicht schöner gewesen, aber lange Abschnitte führen auch einfach durch die Langeweile englischer Wohngebiete. Alle hocken in den Häusern, wegen derer sie sich keine Hobbys leisten können. Oder erbrechen sich auf der Straße.

Am Ende des Wegs liegt der Ort Whistable, am Südufer der weiten Themsemündung. Ehemals Bootsbauzentrum; hier wurde der Tauchanzug erfunden; und vor allem lebt man vom Andenken an den Austernfang. Eine Wir hielten kurz am Hafen, wo im ehemaligen Bahnhof ein Fischmarkt ist, der natürlich auch die immer noch im kleinen Umfang gefangenen Austern anbietet.  Nette Leute, aber eine Sensation ist der Ort nicht. Und ja ich habe meine erste Auster probiert. Nicht so schlimm wie befürchtet (der Mann meiner Gesangslehrerin hatte nach einem Besuch hier wohl eine schlechte Nacht). Aber immer noch ziemlich schlimm.

Nach dem Rückweg ins Zentrum Canterburys haben wir Ellies erste Pflichtempfehlung erfüllt und in einem hervorragenden mexikanischen Restaurant gegessen, und uns aufgewärmt, getrocknet und die schlammigsten Klamotten abgenommen. In diesem tatsächlich sehr netten Ort verstand ich zum ersten Mal Ellies Verbindung zu Canterbury. Dort ist sie nämlich zwar zur Schule gegangen, aber nicht direkt aufgewachsen. Es hat aber den Charme einer historischen Stadt mit vielen versteckten Orten, die bei Sonne und Nacht sicherlich Jugenderinnerungen formen, wie ich sie z.B. mit Torun verbinde.

Danach sind wir noch auf eine zweite Radtour gefahren. Kürzer, wie wir dachten, auf dem Land, beim Dorf Selling. Das Land, was mich im übrigen oft an Mecklenburg erinnert, war dann so hügelig und die Wege so verschlammt, dass diese Fahrt viel länger und anstrengender war, als gedacht. Irgendwie ging es immer bergauf. Als wir nach zwei Stunden endlich in unser Hotel fuhren, konnte ich kein Fahrrad mehr sehen.

Den Rest des Abends verbrachten wir endlich in den empfohlenen Kneipen Canterburys. Davon wird mir wahrscheinlich am meisten das Schokoladencafe im Gedächtnis bleiben, von dessem ersten Stock man einen wunderschönen Blick auf die beleuchtete Kathedrale hat.

Am nächsten Morgen ging es wieder früh raus, denn wir radelten den Fluss entlang in die Stadt, um um 8 Uhr in ebenjener Kathedrale die Morgenandacht zu besuchen. Nicht zuletzt, um so gratis reinzukommen. Anschließend sind wir noch ganz allein durch die Gärten und Kreuzgänge gelaufen, die sonst voller Menschen sind. Früh aufstehen lohnt sich.

Samstag, 27. Februar 2016

Alles wird gut

Kochen und Essen
In letzter Zeit komme ich erstaunlich wenig an den Computer, was an sich immer ein gutes Zeichen ist, aber eben dem Tagebuchschreiben nicht hilft. Seit dem letzten Bericht hat sich Ellies Situation auf der Arbeit entspannt und das Leben ist uns allen etwas leichter. Die Prüfung wurde "bis auf weiteres" verschoben, vermutlich weil das Innenministerium selbst nur 5 Leute dafür hat und die dringend eine andere Uni dicht machen mussten. Ellie wurde inzwischen der Umbau der Abteilung übertragen, und einige andere Veränderungen (die ich nicht öffentlich nennen sollte) haben letztendlich dazu geführt, dass sie eher gestärkt als geschwächt aus dieser Krise herauskommt. Wie ich ihr von Anfang gesagt hatte könnte ich anfügen. Irgendwann wird die Prüfung zwar kommen, aber mit jedem Tag kann sich die Uni darauf besser vorbereiten. Und vielleicht merkt sogar Ellie, dass am Ende immer alles gut wird. Vielleicht.
Trotzdem will sie sich auf eine andere Stelle an der Uni bewerben, aber auch einfach weil wie schon gute sieben Jahre im gleichen Job sitzt. Und auch, weil ich mich mein Glück mal bei einer Bewerbung auf Beförderung probieren werde. Erfolg ist gar nicht so wahrscheinlich, aber zum ersten Mal traue ich mir den nächsten Dienstgrad zu. Halbwegs.

Arbeiten und Spielen

Mein derzeitiges Projekt wird momentan etwas hektisch - wir bewegen uns auf die Veröffentlichung eines Berichtes vor, wie man die sehr alte Bevölkerung besser schätzen könnte. Somit muss ich Untersuchungsergebnisse in verständlicher Sprache aufschreiben und habe dementsprechend weniger Zeit für Spielereien. Daher macht mir die Arbeit momentan nicht mehr ganz soviel Spaß, wie in den letzten Monaten. Aber nach Veröffentlichung kommt der interessante Teil hoffentlich wieder. Und immerhin freue ich mich auf eine Veranstaltung, die wir für Ende März organisieren, auf der wir mit Nutzern unserer Daten unsere Ergebnisse besprechen. Und am wichtigsten: ich habe mein Computerprogramm noch fertig bekommen. Das schafft unsere Berechnungen in einer Sekunde. Da fühlt man sich fast wie in der Privatwirtschaft.
Natürlich nur, bis man die Gehälter vergleicht. Aber immerhin: die nie endenden Gehaltsverhandlungen sind wohl endlich am Ziel. Und ich bekomme eine ganz gute Erhöhung, plus Nachzahlung, so verspätet ist der Abschluss.

Alles neu

Nun habe ich zum Glück auch noch etwas Privatleben. Zum Beispiel blickt manchmal der Frühling durch die Wolken. So sind Ellie und ich an einem sonnigen Samstag kurz in den Ort Chalton gefahren. Mit dem Auto sind solche schnellen Ausflüge nun möglich. Ellie fährt weiter sehr gut, ist aber über alle Maßen nervös. Ich darf daher erst gar nicht ans Steuer. Chalton liegt übers Feld vom Steinzeithof, den wir vor zwei Jahren einmal besucht haben und von dem aus ich es das erste Mal durchs Fernglas gesehen hatte, ohne hinzukommen. Im letzten Sommer war ich einmal kurz mit Mathieu und Papa dagewesen und wollte seitdem etwas mehr Zeit mitbringen. Der Ort ist die heile Welt der britischen besitzenden Klasse - der französische Name der bis heute in der Kirche begrabenen Familie geht ohne Zweifel noch auf die normannische Eroberung 1066 zurück. Grüne Felder, teure Häuser. Hier wohnt mit Sicherheitheit niemand, dessen Familie nicht schon vor drei Generationen Geld hatte. Und so jemand wird dort auch nicht hinkommen. Sollte die Sonne nochmal zurückkommen, will ich einmal allein oder mit Mathieu dorthin und etwas Radfahren. Denn Mathieu hat eine neue Arbeit in Nottingham und zieht noch vor dem Sommer weg. Er ist mein einziger echter Freund vor Ort und reißt eine ziemliche Lücke. Und Rieke zieht nach Leipzig. Und Friedemann zieht nach München. Alles verändert sich. Wäre ich Single, mich würde der Frühling auch wegtreiben.

Was fürs Herze

Kultur: Da war einmal ein Bauchtanzauftritt Ellies. Der beste, den ich bisher gesehen habe. Der Höhepunkt war aber zwei Wochen darauf Die Zauberflöte in London. Meine Erwartungen waren hoch (ich hatte sie noch nie gesehen und schon lange große Lust darauf) und wurden noch übertroffen. Was für eine Offenbarung: Musiker, die ihre Instrumente beherrschen, Sänger die auch schauspielern können, intelligentes Bühnenbild, durchdachte Inszenierung. Insbesondere die Königing der Nacht hat mich begeistert; traf übermenschliche Noten, interpretierte ihre Rolle ganz ausgefallen als bitter und verwundbar.
Vor der Oper schafften wir es noch zwei Stunden ins Naturhistorische Museum. Eins von denen mit einem Dinosaurier im Foyer. Vielleicht mein ganzes Leben lang war ich nicht mehr so begeistert in einem Museum. Wie einen kleinen Jungen hat es mich interessiert, wie die Erde aufgebaut ist und ausgestorbene Tiere aussahen. Weil uns das alles so gut gefallen hatte, bin ich am Montag darauf in eins der seltenen Kammerkonzerte in Portsmouth gegangen. Und am folgenden Sonntag sind Ellie und ich nochmal nach London gefahren, diesmal in die Tate Gallerie. Andererseits muss ich immer wieder sagen, dass mich London jedes Mal wahnsinnig macht wegen der einfach nicht endenden Menschenmassen. Ellie wird immer spürbar entspannt, weil sie London mit Jugendausflügen aus Kent verbindet. Ich dagegen muss immer erstmal beruhigt werden, wenn wir aus dem vollen Zug in die berstenden Ubahnstationen hinabsteigen.
Ende Februar habe ich dann noch mit Ellie und vielen ihrer Freunde die Rocky Horror Show in Southampton gesehen. Wem es nicht bekannt ist dem ist es schwer zu beschreiben. Ein Musical  über Sex und Aliens aus den 1970ern, inspiriert von Frankenstein und Science Fiction Filmen der 1950er. Vor allem aber ist es ob seiner konsequenten und unbeschämten Abtrusität zu einem Klassiker britischer Kultur geworden. Stichwort Verkleidung. Mehr als nur ein paar Männer alein in Unterhosen. Wenige haben es weniger als dreimal gesehen. Alle kennen die Geschichte und Dialoge bis auf einzelne Sätze. Was beabsichtigt ist, denn Publikumsinteraktion ist fester Bestandteil. De facto ist es also die, mehr oder weniger, erwachsene Version der "Pantos", also des vorweihnachtlichen Kindertheaters. Inzwischen gibt es ganze Skripte, was wann geschrien werden kann. Ellie hatte sich darauf mehrere Tage lang vorbereitet und sah sehr schick aus. Ich kam direkt von der Arbeit und konnte leider kein Kostüm mitbringen. Dafür habe ich Kalina mitgenommen, die wohnt ja vor Ort. Und vor dem Theater hatten wir noch zwei Stunden, zum ersten Mal seit Oktober. Wenn Mathieu weg ist habe ich vielleicht mehr Zeit für sie.


Was für die Seele
Wie mir erst jetzt auffiel haben wir in diesem Frühling nur ein Chorkonzert, am 8. Mai. Daher lese ich in letzter Zeit im Zug wieder Bücher und keine Noten. Zum einen will ich den Geheimen Garten fertig kriegen, ein klassisches Kinderbuch darüber, wie gut Natur für Kinder ist. Ellie hatte einmal angefangen, mir das abends vorzulesen (nachdem ich ihr Momo vorgelesen hatte), es aber (nicht ungewöhnlich) mit der Zeit vergessen. Zum anderen habe ich mir aus der Bibliothek  "Die Elemente" geholt, aus dem britischen Gegenstück der Beck Wissen Reihe. Eigentlich suche ich ein Schulbuch Chemie, aber das ist ein guter Anfang. Wer hätte gedacht, dass Sauerstoff ein Gift ist?

Zu guter Letzt ist Berlin endgültig festgezurrt. Wir kommen am 25. März und fliegen am 29. März wieder zurück. Wohnen werden wir in einem Apartment drei U-Bahn Stationen südlich vom Brandenburger Tor.

Zum Schluss etwas kulturelles Wissen, dass ich letztens für ein Quiz auf der Arbeit zusammengesucht habe, und das größtenteils aus Bemerkungen zwischen Ellie und mir hervorgeht.

  1. Die Waschmaschine ist in England fast immer in der Küche. War mir nie aufgefallen, bis Ellie auf einem Bild von Riekes neuer Wohnung fragte, warum sie da im Bad ist. In Polen ist sie auch im Bad, zu anderen Ländern fehlt mir das Wissen.
  2. Prozentualverteilung Wohnung mieten/kaufen: GB 34/64 Deutschland 55/45. Ostdeutschland 66/34, Westdeutschland 52/48. Quelle: Eurostat. Bezogen auf Haushalte, nicht Personen. Man beachte GB hat die genau entgegensetzte Verteilung Ostdeutschlands. Zwei Prozent in GB entfallen auf andere Formen wie mietfreies Wohnen.
  3. Das englische Wort "gymnasium" heißt Fitnessstudio.
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Ich habe inzwischen einige Kollegen, mit denen ich deutsch spreche. Einem sage ich immer tschüss wenn ich gehe. Letztens habe ich nach ihm aus Versehen auch der nächsten Person tschüss gesagt. Da war ich froh, dass mir sowas noch passiert.

Und ich habe einen neuen Fotoapparat!


Die erste Sonne des Jahres Mitte Februar. Und der ca. tausendste Sturm des Jahres.

Die ersten Krokusse Mitte Februar.

Bei der Rocky Horror Show. Ich kam direkt von der Arbeit und konnte mich dementsprechend nur als Radfahrer verkleiden. Nicht ganz konventionell. Das neben mir ist Ellie. Isse nich schick?