Am Montag waren die Mädchen dann noch auf Schloss Howard nördlich von York. Dienstag dagegen war Packtag, inklusive einem Packen Kekse und Rezepten für deutsche Kekse. Ich nahm mir ein Buch aus der Bibliothek und blieb bei ihnen zu Hause, denn langsam wurde doch allen etwas traurig. Am letzten Abend, Dienstag, luden mich die Mädchen zum Kalmarenessen in einem italienischen Restaurant in einem ehemaligen Bankettsaal ein. Das kann man ja machen, seit ich mich auf dem Abschlussausflug vom Sejm aus im letzten Juli an Fisch und Meeresfrüchte gewöhnt hatte. Sowohl das Personal, bei dem sie bestellt hatten, als auch die Kellnerin an unserem Tisch stellten sich als Polen heraus.
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| Offizielles Foto von Schloss Howard |
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| Offizielles Foto von Schloss Howard |
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| Die Kellnerin aus Masuren macht uns ein Abschiedsfoto im italienischen Restaurant. |
Das Essen war lecker, aber die Tunke lag uns allen schwer im Magen. Noch schwerer aber der Abschied, und dabei half weder Wein in einer Kneipe bei dienstäglichem Münsterglockenläuten noch zu Hause. Wir sind um vier aufgestanden und kurz nach Sonnenaufgang durch den kalten Morgen zum Bahnhof gelaufen, wo die Mädchen um sechs Richtung Liverpool fuhren. Dort verbringen sie noch eine Nacht und fliegen dann Donnerstag morgen nach Hause. Der Abschied war traurig, und zum Glück hielt der Bus nicht lange genug für lange Szenen (im Übrigen fragten uns zwei Bahnhofsangestellte, welchen Bus wir suchen und riefen dann einem Kollegen eine Frage quer durch die Vorhalle zu, alles auf Polnisch). Ich schaute dann noch einmal auf die in der Morgensonne wartenden Züge in die Städtchen der Region und dachte, wie sich die Dinge doch geändert haben, dass ich andere hierher bringe und selbst nicht einstiege. Dann lief ich nach Hause, am gerade geöffneten und leeren Museumspark sowie unter dem Münster entlang. Denn bei allem Abschied: praca czeka, die Arbeit wartet. Oder besser sie wartet nicht: morgen ist die erste Prüfung und ich wünschte ich könnte von optimistischen Erwartungen berichten.
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| Schlafarrangement in meinem Zimmer |
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| Abends zu Hause: Kasia gefällt nicht, dass mir ihre neue Sonnenbrille besser steht. |
Zurück in den Alltag
Jedenfalls bleibt nicht viel Zeit für Sentimentalitäten, und wahrscheinlich ist das besser so. Ab jetzt wird zur Öffnungszeit in die Bibliothek gegangen und bis abends dort geblieben, neue Kekse gebacken aber weniger gegessen weil weniger zu Hause geblieben. Denn ich habe bewiesen, dass die neue Disziplin auch nur außer Haus funktioniert; nach zwei Wochen mit Besuch bin ich überfressen wie eh und je. Die geborgte Matratze muss zurückbalanciert werden, Donnerstag abend ist Hausputz vereinbart, denn die Küche sieht skandalös aus. Rechnungen kommen bestimmt auch wieder, aber zumindest habe ich fast alle Schulden von meinen Mitbewohnern eingetrieben. Dann wollen Geburtstage bedacht werden, genau wie natürlich vor allem die Prüfungen als auch Abschlussarbeiten und, am schlimmsten, eine Arbeit für danach.
Montag war die erste Chorprobe. Erstmal gab es dabei Aussprachunterricht für alle: „österreichisches Latein“ für Mozart („Küriä, nicht Curry“) und Um- sowie Zwielautdeutsch für Beethoven. Insbesondere letzteres war dabei alle Vorfreude auf Seiten von mir und meines Freunds Richards wert – laut, stark, einfach (wenn auch nicht so einfach gedacht). Die c-moll Messe dagegen ist ein fieser Brocken mit Tempo- und Tonhöhenfallen von Anfang bis Ende.
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| Noten für Mozart und Beethoven |
Die zwei Wochen haben mir auf jeden Fall gut getan. Ob es an der langen Aufgabenliste, dem extrafrühen Aufstehen oder dem immer belebenden Sozialleben abseits eines Computerbildschirms waren, jedenfalls habe ich mich trotz des Abschieds mit Konzentration und ohne Gebäckvisionen der Arbeit widmen können. Vielleicht lag es auch an den ausnahmsweise positiven Nachrichten von der Uni. Nachmittags hatte ich das reguläre Betreuertreffen am Semesteranfang, wo ich erfuhr, dass einige Arbeiten zumindest akzetabel benotet wurden. Meiner Meinung nach waren das reine Märchen, mit der heißen Nadel geschrieben, voll offensichtlicher Wissenslücken, mit praktisch erfundenen Fakten oder hanebüchenen Interpretationen gefüllt. Aber ich will nicht leugnen, dass es ein großer Moralschub war, auch wenn hier vermutlich jeder sowas bekommt.
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