Mittwoch, 1. August 2018

22. Juli - Mutti allein zu Haus

Ab 14. Juli bin ich wieder frei! Da haben wir die letzte Tangoshow absolviert - in Portsmouths größtem Theater. Jetzt habe ich mehrmal auf beiden Bühnen der Stadt gestanden. Ellie hatte diesen ganzen Samstag in der Stadthalle nebenan bei den Zeugnisübergaben der Uni arbeiten müssen, kam abends aber trotzdem, auch wenn sie danach direkt nach Hause ging. Der Auftritt lief wieder gut, auch wenn wir irgendwie alle nervöser waren als in den Vorwochen - vielleicht weil eben viele Bekannte im Publikum saßen. Mir geschah ausgerechnet in meinem Einzelpaarauftritt ein kleines Unglück - eine Pallette im Kleider meiner Partnerin verhakte sich irgendwie in meiner Weste. Zum Glück hatten wir diese Routine aber so oft geübt, dass wir improvisieren konnten. Ich führte eine Drehung stärker aus, wodurch der Faden riss, zum Glück nichts sonst, alles innerhalb der Sequenz. Der Abend wurde gefilmt, ich warte auf die Aufnahme. Im Anschluss fand noch ein Empfang statt, wo ich nicht nur das Ende der Show feierte, sondern meine Freiheit allgemein. Für einige Wochen liegt alles auf Eis, Chor, Singen, Telefonate, Spieleabende, und jeder Abend gehört mir.

Muttis Geschenke I

So hatte ich Zeit für Mutti, die am Tag darauf ankam (ganz allein in Bahn, Flugzeug und Bus) und eine Woche lang blieb. Ich nahm mir Montag und Freitag frei. Montag wollte ich ihr den Blick vom Hügel Butser zeigen, dem höchsten in der Region. Stattdessen haben wir Muttis Geburtstagspaket gejagt. Das war nämlich ganz schnell hier drüben angekommen, aber ich hatte den Paketzettel nicht mitbekommen. Als wir erfahren hatten, dass es hier irgendwo liegen muss, sind wir von einem Paketdienst zum anderen gefahren. Am Ende fanden wir es in einem Lager praktisch gegenüber meiner Arbeit. Alles war aber noch nutz- und genießbar: Minigugelhupfe, wieder fest gewordene After Eights und diverse Einrichtungsgegenstände.

Alt Bursledon

Im Anschluss sind wir statt auf den Hügel in einer nahe gelegenes Naturschutzgebiet gefahren, wo eine Bekannte bis vor Kurzem gearbeitet hatte und das ich noch nicht besucht hatte. Dabei handelt es sich um einige alte Lehmgruben, die heute Seen sind. Hat mir sehr gefallen, einmal um Wasser und über bewaldete Hügel zu laufen wie in Brandenburg.
Ebenfalls ganz nahe meiner Arbeit haben wir im Anschluss noch eine völlig neue Ecke gefunden. Eigentlich wollte ich nur einen Pub ausprobieren, den Mathieu mir am Ufer des Flusses Hamble empfohlen hatte. Der liegt im Ort Bursledon, wo ich schon oft war, z.B. um eine Windmühle zu besichtigen oder auf dem Fluss Kajak zu fahren. Nun aber sah ich, dass auf einem Hügel und schlecht zu sehen ein ganz neuer Ortsteil liegt, mit alten, teuren Häusern. Eine Art Landzunge ragt in den Fluss hinein, und ursprünglich hat man dort wohl Boote gebaut. Die lange Straße entlang stehen dort jetzt sehr schöne Häuschen, bis man an die alte Anlandestelle kommt. Die ganze Ecke ist gut für Wanderer erschlossen, man hat ganz tolle Blicke auf den Fluss, das Meer und die Isle of Wight. Eines Tages muss ich das alles nochmal abwandern. Insbesondere ist uns ein Haus aufgefallen, dass von außen wie ein spanisches Konvent aussieht. Wie wir später recherchierten, ist dort eine wohlhabende Witwe zum Katholizismus konvertiert und musste sich mit hohen Mauern vor ihren Nachbarn schützen.

Muttis Geschenke II

Freitag sind Mutti und ich in die Herrenhäuser Stansted und Uppark gefahren. An den Tagen dazwischen war ich arbeiten während Mutti tapfer allein Portsmouth erkundete... und viel geputzt. Ich war erst dagegen, eher aus Sorge vor Ellie Reaktion. Aber die das gerne annahm, hab ich das auch gemacht. Gleichermaßen hat Mutti darauf bestanden, uns einen Gartentisch und -stühle zu schenken. Ich persönlich habe lange dagegen gehalten: zuviele Leute stellen sich ihre Häuser mit zuviel Krempel voll, den sie nie benutzen. Dann brauchen sie eine größere Bude, die auch gleich wieder voll ist. Aber Ellie mag Krempel, also haben wir jetzt Gartenmöbel. Ist auch nett bei schönen Abenden.

Richtige Städte sind am Meer

Das ließ Mutti und mir die warmen Abende zusammen. Einmal sind wir in die Altstadt am Hafen gefahren. Ich habe festgestellt, dass ich dort schon lange nicht mehr gewesen war und viele schöne Ecken neu gebaut worden sind. Die Autofähre zum Beispiel hat sich einen erhöhten Parkplatz zugelegt, der wirklich gute Blicke erlaubt. Und seit das olle Cafe in den zweiten Stock mit Blick auf den Hafen verlegt wurde, ist es einen Besuch um seiner selbst willen wert. Die halbe Stadt sitzt in den Kneipen an der Hafeneinfahrt und die Abendluft ist einfach toll. Einen anderen Tag haben wir Fish & Chips auf der Seebrücke gegessen. Ellie hatte nicht soviel Zeit, weil sie weiter in die Zeugnisübergabe an der Uni eingespannt war. Das dauert mindestens eine Woche, jeden Tag drei Zeremonien. Ich habe sie wenn möglich zur Arbeit und zum Tanzen gefahren. Zusammen mit den Ausflügen bin ich dadurch soviel gefahren wie seit langem nicht mehr - und ich merke, dass ich auch innerhalb der Stadt besser klarkomme.
Am letzten Abend sind wir zu dritt ins Theater und haben eine Bühnenversion der klassischen Fernsehserie Allo Allo gesehen. Die ist nochmal einen eigenen Artikel wert. Ich habe gestaunt, wie gut Mutti das verstanden hat.

Vorwärts immer
Nach Muttis Abreise war mir einige Tage lang komisch zumute. Ich habe jeden Abend nach der Arbeit solang ich konnte im Hafen verbracht und über Sonne, Wasser und Schiffe nachgedacht. Im Schatten der Bridge Tavern war man geschützt und sah, wie der Mond über der Kathedrale aufging.  Fischerboote fahren ein, Kinder baden im Hafenbecken... vielleicht nicht das beste Wasser aber es gibt ein Gefühl von Leben. Im Anschluss war ich den Rest des Abends selbst schwimmen, aber am Strand bei unserem Haus. Vielleicht war es, weil mir der Hafen mit Mutti so gefallen hatte. Oder vielleicht das Sommerwetter und die freie Zeit. Oder vielleicht hatte ich durch unsere Gespräche Sorge bekommen, dass ich zuviel zu Hause hocke. Ständige Wachsamkeit allein schützt uns vor einem langweiligen Leben.





Schminken vor der vorletzten Tangoshow


Bei der letzten habe ich selbst geschminkt!


Nach getanem Werk


Die Bridge Tavern Kneipe im Hafen, bei großer Hitze der einzige Ort mit Sitzbereich im Schatten






Über der Kathedrale links der Mitte ging gegen 19 Uhr der Mond auf


Mutti abends am Strand


Mutti mit Ellies Zeremienhut


Bei Haus Uppark


Bei Haus Stansted


Mutti und Ellie auf der Seebrücke




Mutti trinkt Pimms im Hafen - eine klassische britische Sommermischung aus Gin, Limonade und Früchten
In einer allseits beliebten Kneipe hat Mutti das erste Mal Guiness getrunken. Hier hatten Ellie und ich die königliche Hochzeit gesehen, und ganz früher haben Mathieu und ich hier Spiele gespielt. Papa kommt auch gerne her.

Blick von Alt-Bursledon. Ganz am Horizont sieht man die Isle of Wight


Am Fluss Hamble


An den alten Lehmgruben

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