Donnerstag, 2. Juli 2020

Oh Bot oh Bot

Kaum hatte ich Ottos besseres Schlafen beschrieben, da ging die gefürchtete Schlafregression. Das heisst er vergisst das wenige, was er bisher übers Schlafen gelernt hatte. Nachts tobt er in seinem Bett rum wie es nie gesehen habe. Rollt wild von links nach rechts, tritt mit beiden Beinen um sich, krabbelt mit ihnen die Wand des Bettchens hoch, singt vor sich hin. Wir haben fast Depression bekommen dass jetzt auch noch die Nächte schwierig geworden sind, bis wir gemerkt haben: der schläft durch das alles durch! Am dritten Tag haben wir nämlich angefangen, ihn abends allein zu lassen, nachdem er im Schlafzimmer eingeschlafen ist. Wir beobachten ihn dann über eine Kamera mit Mikrofon. Da haben wir das gesehen, wie sein Gesicht selbst bei den wildesten Sprüngen mit geschlossenen Augen vor der Kamera lag. Und manchmal waren sie sogar offen und man wusste trotzdem, dass er schläft. Wahnsinn. Aber zumindest ich konnte mit dem Wissen viel besser schlafen.

Im Gegenzug sind seine Nickerchen am Tage etwas länger - ganze 45 Minuten. Und in den letzten Tagen hat er plötzlich ab und zu zwei Stunden und mehr geschlafen. Ich kann gar nicht ausdrücken was für eine Erleichterung das ist.

Dann verschlimmerte sich Ottos Verstopfungen - ursprünglich richtig schlimm, dann unerwünscht aber unter Kontrolle, waren sie plötzlich schwieriger als je zuvor. Aber dann bekamen wir einen guten Tip: vorgemischte Milch hat das Problem vollständig gelöst.

Insgesamt wird Otto einfacher. Man kann immer mehr mit ihm machen. Er erkennt Dinge, reagiert auf uns, man kann mit ihm spielen; kurzum, wir haben mehr von den angenehmen Seiten eines kleinen Kindes. Ganz besonders liebt er es mit uns zu tanzen. Einer hält ihn auf den Knien, mit dem Gesicht zum anderen und dann schunkeln wir gemeinsam. Am meisten mag er den Reim von den fahrenden Damen.

Und schließlich erlaubt uns die Kamera, unsere Abende zum ersten Mal seit Ottos Geburt zusammen verbringen zu können. Das war solch eine Erleichterung, nach so langer Zeit, dass ich es zuerst gar nicht ganz fassen konnte. Ich hätte fast geheult ob der ungewohnten Freiheit. Sonst komme ich den ganzen Tag nicht aus dem Haus. Da habe ich mich erstmal in den Garten gestellt, und am nächsten Abend bin ich zum Meer gejoggt, einfach so.
Wie lang dieser Schlafrückfall dauert wissen wir noch nicht. In jedem Fall scheinen bereits die Zähne zu kommen. Da machts dann auch keinen Unterschied mehr.

Am 27. Juni kamen Ellies Mutter und Schwester den Nachmittag über zu Besuch. Und am 28. Juni sind wir mit Otto zur Hubertuskapelle gefahren, wie viele andere Leute auch, die nach der Quarantäne wieder in die Natur wollen. Ich war wiederum ganz überwältigt von der Fülle, die die Natur in unserer Abwesenheit angenommen hat. Immer wieder fühlt es sich für einen Moment irreal an, so als könnte es nicht wahr sein, nachdem man soviel Zeit in seinem Haus und seinem eigenen Kopf verbracht hat. Nach fast vier Monaten zweifacher Ausgangssperre macht man sich seine ganz eigene Welt im Kopf. Man träumt sich auf Ausflüge und Reisen, malt sich aus wie man Otto Orte zeigt und Dinge beibringt. Es ist eine komische Zeit mit ihren ganz eigenen Gefühlen. Besonders intensiv wandert mein Inneres Auge zu den Orten aus Familie und Freunden, wo mir klar ist, dass ich jahrelang nicht mehr hinkommen werde.

Auf großer Fahrt
Bei St Hubertus


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen