Mittwoch, 8. Juli 2020

Mein Geburtstag

Auch mein Geburtstag fand natürlich unter besonderen Bedingungen statt. Mein erstes Geschenk war ein richtiges Frühstück - Ellie hat mir den großen Tisch gedeckt, ordentlich, als wäre es Sonntag. Ein kompletter Käsekuchen stand da, aus dem besten Cafe der Stadt. Dabei konnte ich in Ruhe Karten lesen und Muttis Paket auspacken. Dann nahm Ellie Otto für sein erstes Nickerchen des Tages ins Schlafzimmer und ich hatte mal richtig Zeit und Muße zum essen.
Nachmittag gab mir Otto ein Geschenk und schlief auf einmal drei Stunden lang. Dadurch konnte ich - schlafen! Und zumindest mit ein paar Leuten telefonieren.
Mein einziger konkreter Wunsch war es gewesen, endlich ein lange geplantes Picknick an einem bestimmten Ort der South Downs zu machen (diesem hier um genau zu sein). Das ist nicht weit von der Hubertuskapelle, auf einem Hügel mit Blick ins Flachland, unter richtig alten Erlenbäumen, die gerade jetzt voller Laub standen. Mit Otto konnten wir nicht lange bleiben, aber es hat mir einfach Freude bereitet, den Wind im Laub zu hören und Otto die Landschaft und Schafe und Pferde zu zeigen, die er natürlich alle nicht wahrnehmen kann, aber eines Tages werde ich ihm das alles nahe bringen. Und dazu hatten wir Plätzchen und Rhabarbersaft aus Muttis Paket.
Das heißt, ein weiterer konkreter Wunsch wurde mir noch erfüllt: Oma schickte mir Den kleinen Häwelmann.

Schließlich entwickelt sich Otto Schlaf momentan ganz fabelhaft. Der Schlafrückfall war eigentlich nicht so schlimm, sollte er denn vorbei sein. Aber was auch immer uns noch bevorsteht: tagsüber hat er letztens auffällig häufig zwei, drei Schlafzyklen geruht und am Abend meines Geburtstags habe ich es zum ersten Mal geschafft, ihn direkt ins Bettchen zu legen und dort durch Streicheln und Singen einschlafen zu lassen. Vorbei scheinen die Zeiten wo ich ihn Ewigkeiten schultern muss und er dann vielleicht doch wieder aufwacht, wenn ich ihn ins Bett lege. Er schreit auch nicht und es muss für ihn viel besser sein. Momentan sind eigentlich alle unsere großen Probleme gelöst, Verstopfung und der Schlaf. Otto ist ein fröhliches Kind, das viel lacht und sich freut andere Leute zu sehen. Ich habe abends keine Angst mehr ihn in sein Bettchen zu bringen, auch wenn der neue Methode länger dauert. Und ohne diese Angst erlaube ich mir endlich, in die weitere Zukunft zu blicken, auf alles was wir Otto zeigen und beibringen wollen, wie wir ihm Freude machen werden. Die letzten Monate waren wir notwendigerweise sehr pragmatisch eingestellt und haben maximal bis zum nächsten Tag gedacht. Jetzt kann ich mir langsam leisten, etwas sentimental zu werden. Da fällt eine Menge von mir ab, auch wenn es natürlich Rückschläge geben wird, aber man hat dieses Bedürfnis endlich mal loszulassen.

Unser Alltag wird schließlich noch dadurch erleichtert, dass ich seit Kurzem von einer Sonderregelung meines Arbeitgebers profitiere und pro Tag eine Stunde weniger arbeiten muss um mich um Otto zu kümmern. Das heißt, dass ich Ellie zur Mittagszeit eine Pause geben kann.

Zuletzt ein Notiz an alle die ich seit Ottos Geburt vernachlässigt habe: ich bin nicht für immer aus der Welt. Die Zeit war hart und eine Weile lang hatte ich einfach nicht die Zeit und auch nicht die Nerven mich regelmäßig zu melden. Es wird jetzt besser. Und ich bin mir auch bewusst, dass ich sehr lange hier drüben bin und es tut mir sehr weh, gerade jetzt, dass ich nicht regelmäßig und einfach nebenbei Euch alle besuchen kann. Das sind Entscheidungen die ich durchaus bewusst vor vielen Jahren getroffen habe und sich ja jetzt auch als richtig erweisen; der Preis dafür war mir klar, aber das heißt nicht, dass ich ihn nicht spüre. In meinem isolierten Zustand stelle ich mir ganz konkret vor, Brandenburg im Mai zu sehen, die Oder langzuradeln, einen Ausflug ins Münchener Umland zu machen, über den Ziegenwerden zu laufen, durch Leipzig zu laufen oder im Winkel Sonntags zu frühstücken. Ich habe dafür erstmal keine Lösung, außer viel zu schreiben und bald wieder regelmäßig zu telefonieren. Tut mir leid.

Otto in seinem zukünftigen Wandergebiet



Otto oben auf

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