Freitag, 8. Mai 2020

...Eltern sein dagegen...

Seit Ottos Geburt habe ich nur einmal etwas hier schreiben können, was natürlich zeigt was hier los war. Heutzutage verstehe ich auf einmal, warum sich nach einer Geburt oft erstmal die Eltern wochenlang einquartieren. Otto hat sich natürlich bereits stark verändert, aber ich habe keine Zeit auf Einzelheiten einzugehen. Sagen wir mal

  • er ist verdammt schwer geworden. 6 Kilo nach 6 Wochen.
  • er schläft seit etwa Woche 5 nachts recht verlässlich
  • ...seit Woche 7 ab und zu auch tagsüber im Körbchen, wodurch wir unmöglich geglaubte Bewegungsfreiheiten zurückgewonnen
  • er erkennt uns und lässt sich sogar zum Lachen bringen, was eins der schönsten Gefühle ist
  • Elterndasein ist atemberaubend mundän. Man macht sich keine Vorstellung, wie sehr wir uns freuen können, wenn Otto endlich sein großes Geschäft macht. Es gibt dazu sowohl das Ermutigungslied davor und den Freudentanz danach.
  • ... aber die ideelleren Gefühle sind auch da. Ich freue mich wirklich wenn er bei meinem Anblick lächelt und warte nur darauf ihm Sachen beibringen zu können, vor allem in der Natur.
  • mit jedem Tag können wir ihn ein bisschen besser verstehen und fühlen etwas mehr Kontrolle, was eine echte Erleichterung ist. Besonders Ellie, die mehr Zeit mit ihm verbringt, kennt seine Geräusche gut.

Fertig sind wir trotzdem. Wahnsinnig. Gottseidank arbeiten Ellie und ich als wirklich gutes Team. Wenn einer mal richtig durchhängt ist der andere generell da. Die Momente sind selten, wenn auch vorhanden, wo wir beide die Schnauze voll haben. Der schwerste Tag war ohne zweifel in Woche 5, als wir Ottos Zungenband schneiden ließen. Vor allem um ihm das Bruststillen vielleicht doch noch zu ermöglichen. Wir haben es über eine private Krankenschwester bei uns machen lassen. Ich habe Ellie noch nie so schreien gehört. Otto hat es überraschend schnell überwunden und macht auch Fortschritte beim Stillen, aber die Flasche wird wohl weiterhin die Mehrheit der Milch liefern. Ellie opfert sich weiter für ihr Kind auf und wird von zehntausend Sorgen zerrissen. Ich dagegen habe überraschend robustes Vertrauen, dass mit Otto schon alles in Ordnung ist und wir uns durchaus etwas Komfort für uns selbst leisten können. Meistens habe ich recht.

Einige Dinge, die ich dem letzten Eintrag anfügen wollte:

Ich habe Ellie den letzten Eintrag sicherheitshalber gegenlesen lassen und während sie ihm grundsätzlich zustimmt, lässt sie ausrichten, dass sie einen anderen Eindruck der Wehen hatte. Sie hat sie "Schmerzen als solche" erlebt, sondern mehr als Druck. Freut mich im Nachhinein, aber in dem konkreten Moment klang es doch sehr nach Schmerzen, besonders als sie im Krankenhaus nach Schmerzmittel schrie.

Praktisch seit den Wehen erlebe ich eine Welle der Nostalgie. Berechtigt oder nicht denke ich zum ersten Mal ernsthaft über Lebensphasen nach und was wohl nicht mehr wiederkommt. Unwillkürlich sind meine Gedanken an die vielen Orte gewandert, in denen ich gelebt habe, über deren Erfahrung ich mich eigentlich definiere, die aber inzwischen viele Jahre her sind. Als ich nach Portsmouth gezogen bin, hatte ich unter dem Eindruck der Arbeitssuche eine Zeit lang gedacht ich hätte zielstrebiger sein sollen. Aber gerade heute bin ich heilfroh, dass ich diese Sachen gemacht habe, als ich konnte.

Nachdem Otto in den ersten anderhalbwochen problemlos im Körbchen und auch im Garten schlafen konnte, veränderte sich sein Verhalten anschließend so, dass wir viele Wochen lang praktisch ans Sofa gefesselt waren. Insbesondere Ellie hat dort jede wache Minute verbracht. Abends, nach der Arbeit habe ich eine zeitlang Videos von Spaziergängen mir bekannter Orte laufen lassen. Besonders gefallen haben mir Aufnahmen des Dampfzugs von Ellies Heimatort zur Burg Bodiam, wo wir im Januar gewesen waren. Durch die englische Sommerlandschaft, im Moment unerreichbar.
Ellie und ich unterhalten uns ausführlich wie unser Leben vor seiner eigenen Jugend und alle unsere prägenden Erfahrungen für ihn nie wirklich real sein werden. Und wie das für uns und unseren Eltern genauso ist.
Ich höre plötzlich auch viel mehr deutsches Radio, besonders RBB Kultur. Einmal für Otto, aber auch für mich und meine Vorstellung von Kindheit und Normalität. Ich singe Otto sehr viel vor, und Ellie hat noch nie soviele deutsche Worte gelernt wie jetzt. Zum Beispiel, aber nicht nur, Pausbäckchen, Knubbelnase, Wurstärmchen. Otto wurden bereits wichtige deutsche Kulturgüter vorgestellt: Goethe, Bach, Paul Gerhard, Jandl (selbstverständlich), Heino.

Abseits der Säuglingsfürsorge gibt es auch noch ein bisschen Welt. Wir haben uns inzwischen darauf eingestellt, nachts jeweils zwei Stunden mit Otto zu schlafen, dann gegen halb acht aufzustehen, damit ich halb neun etwa anfangen kannen zu arbeiten. Durch die vielen Unterbrechungen bin ich trotzdem meist erst abends 18 Uhr fertig. Die ganze Zeit hat Ellie ihn betreut, fast ausschließlich auf dem Sofa. Mit Glück kann ich mittags etwas für uns kochen. Nach der Arbeit gehe ich joggen und gucken am Strand nach Steinen für mein Mikroskop. Dann übernehme ich Otto, damit auch Ellie etwas Zeit für sich selbst bekommt. Meistens gucken wir dann nebenbei Fernsehen, stumm und mit Untertiteln, je nachdem wie schwierig Otto sich aufführt. Um neun gehen wir dann ins Bett, sind aber selten vor halb elf da.
Einmal die Woche gehe ich einkaufen und am Wochenende versuchen wir das Haus notdürftig wiederherzurichten.

Auf der Arbeit bin ich in ein anderes Team verschoben worden. Meine Arbeit ändert sich dadurch nicht, im Gegenteil wird sie technischer, und allgemein sagt es mir dort sehr zu.


Mutti hat uns Masken geschickt, diese von einer Patientin genäht.

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