Der September war ein aktiver Monat, mit Aktionen an fast allen Wochenenden. Am zweiten des Monats fuhren Ellie und ich nach London. Dort hatte eine alte Freundin von ihr Geburtstag und wir gingen auf eine Kostümparty im Stil der Kriegsjahre, d.h. der frühen 1940er. Wir hatten das bereits einmal in Portsmouth gemacht und mir war die Idee schon damals gewöhnungsbedüftig, aber ohne Zweifel war die Veranstaltung als solche sehr schön gemacht, mit Swingmusik, einer Band und Leuten, die sich mit ihrer Verkleidung wirklich Mühe gegeben hatten. Dementsprechend war es voll und am besten wurde es kurz vor dem Ende, als langsam Platz zum Tanzen war.
Weiterhin war die Mutter jener Freundin interessant, die auf dem Zug der polnischen sog. Anders-Armee in Palästina geboren worden war. Die Eltern und Großeltern waren 1939 von den Sowjets ins Gulag geschickt worden, nach deren Besetzung Ostpolens; ein Großvater war gegen die Deutschen gefallen. 1941 wollten die Sowjets eine polnische Armee unter General Anders aufbauen und entließen dafür viele Polen aus den Lagern. Wegen Versorgungsproblemen und unbequemen Fragen nach den erschossenen Offizieren entließ man die Polen samt Familien dann an die Briten - den langen Weg über Iran, Nordafrika, dann Italien, dann England. Dort unterstellten sie sich der Exilregierung, bis die 1990 die Insignien der neuen polnischen Regierung übergab. Dementsprechend wurden Mutter und ihre Freundinnen entlang des Wegs über die halbe Welt geboren und General Anders war auf ihrer Hochzeit. In Polen ist die Anders-Armee gut bekannt, aber ich habe zum ersten Mal jemanden daraus kennen gelernt.
Zurück in Portsmouth ist der Sommer vorbei, vorbei, um 20 Uhr ist die Sonne weg und ich war erstmal seit langem im Dunkeln schwimmen. Was auch schön ist. Besonders, wenn draußen die Schiffe beleuchtet vorbeiziehen.
Leider kommen mit dem Herbst auch die Studenten zurück - im Gegenzug sind die Übungsräume der Musikfakultät länger auf. Wir haben einen neuen Mitbewohner im Haus. Dafür ist der Chor zurück, mit einem neuen Dirigenten (angeblich nur dieses Semester), der glücklicherweise gut zu sein scheint. Mit ihm singen wir Beethovens Neunte. Die hatte ich praktischerweise in York gesungen, was mir das Leben erleichtern dürfte. Wenn ich die Augen schließe und den Chor als Ganzes singen höre, klingt das schon wunderbar.
Mit Mathieu war ich zwei Mal im Kino, einmal zu dem wunderschönen "Von Pferden und Menschen", und zu einer Kurzfilmreiher im Rahmen eines lokalen Filmfestivals.
Das dritten Septemberwochenende widmete ich komplett Kalina. Seit langem hatte mich gewurmt, dass ich sie in Southampton weniger oft besuche, als damals, als sie noch im viel entfernteren Birmingham wohnte. Da ich es die letzten Male sehr genossen hatte, einfach mit einer inzwischen lang Bekannten zu reden, hatten wir auch kein besonderes Programm vorgenommen. Einem Spaziergang im Campuspark schloss sich ein echter Theaterbesuch an, mit richtigen Schauspielern, wie wir sie in Portsmouth nicht haben. Anschließend gingen wir noch Salsatanzen, praktischerweise direkt gegenüber ihrer Wohnung. Sonntag gingen wir noch einmal im großen Angerpark spazieren, den ich auf dem letzten Besuch zum ersten Mal gesehen hatte. Auch etwas, das es in der Größe und Qualität bei uns nicht gibt. Während ich Kalinas Gesellschaft schon immer als wohltuend einfach empfunden hatte, ist es hier in England noch spürbarer, wo sie die einzige Person ist, die mich über alle Stationen seit 2006 begleitet hat.
Schließlich wurde zu meiner immensen Enttäuschung die Tangovorstellung am kommenden Samstag wegen mangelndem Interesse abgesagt. Zwar werde ich sicherlich etwas interessantes mit Mathieu unternehmen, aber wie gerne hätte ich noch einmal auf der Bühne gestanden.
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